Drei Gänge hochgeschaltet und gewonnen

Jörg Schneider. Mainz.
Hektische Momente, Pannen, häufige Diskussionen mit dem Schiedsrichter, ein Gegentor-Geschenk. Aber auch drei eigene Treffer zur richtigen Zeit, eine deutliche Leistungssteigerung nach der Pause. Und am Ende ein 3:2-Erfolg. Das Heimspiel des FSV Mainz 05 gegen den Hamburger SV hatte von allem etwas und deshalb einen hohen Unterhaltungswert. „Es war alles in allem schon ein wildes Bundesligaspiel, in dem wir uns den Sieg mit einer sehr guten zweiten Halbzeit verdient haben“, sagte René Adler, der im Duell mit seinem Ex-Klub selbst nicht frei war von Nervosität und eine ungewohnte Slapstickeinlage darbot.

Die Partie gegen seinen Ex-Klub war für René Adler eine komplizierte Geschichte, geprägt von ungewohnter Nervosität. Foto: ImagoSelbst ein Routinier mit einem solchen Erfahrungsschatz von mehr als 260 Bundesligaspielen auf dem Buckel kann sich offenbar nicht immer davon frei machen, in besonderen Spielen eine besondere Nervosität an den Tag zu legen. Für René Adler war diese Partie gegen den Hamburger SV, für den der 32-Jährige bis diesen Sommer fünf Jahre lang aktiv war, ein solches Spiel. Der Torhüter des FSV Mainz 05, der in den sieben Spielen zuvor mit großer Souveränität, Präsenz beeindruckte und untermauerte, dass er nach wie vor zu den Top-Torstehern in Deutschland gehört, hatte selbst nicht damit gerechnet, dass er beim 3:2-Sieg seiner Mannschaft im Heimspiel derart ungewohnt flatterhaft wirkte. Doch die Woche zuvor, in der der 05-Schlussmann kaum einen Tag erlebt hatte, an dem er kein Interview geben, permanent über dieses Wiedersehen mit den Ex-Kollegen berichten, seine Beziehung zum HSV und seine Erwartungen beschreiben musste, hatte Adler wohl doch mehr zugesetzt und sein Innenleben mehr beeinflusst, als er sich selbst vorher zugestehen wollte. „Ich war nervöser als sonst, ohne Frage“, sagte Adler nach dem Abpfiff. „Man meint ja, man kann das immer einfach so wegwischen, aber das ist mir nicht so gut gelungen heute. Ich habe mich gefreut aufs Spiel, aber es gab einfach zu viele kuriose Szenen. Ich musste zudem gegen die tiefstehende Sonne eine Kappe aufziehen. Das mag ich sowieso nicht.“ Dann passte die Kopfbedeckung nicht. Der Versuch der Kollegen, das Ding zu reparieren, ging dann ebenfalls schief. Ein Ersatz musste schnell besorgt werden. Das alles störte und führte zusätzlich dazu, dass Adler diese Partie für sich selbst nicht in bester Erinnerung behalten wird. „Sei‘s drum“, sagte er später, „wir haben gewonnen. Letztlich zählt nur das.“

Die erste dieser kuriosen Szenen erlebte der Keeper nach knapp einer halben Stunde. Eine ungewollte Slapstickeinlage,  die schlimme Folgen hätte haben können. Der Torhüter war weit vor seinen Strafraum geeilt, um einen Ball wegzuschlagen und den HSV-Konter zu verhindern. Adler traf  nicht, setzte aber nach und klärte zum Einwurf. In der Folge erhielt André Hahn die Großchance zur Führung, der HSV-Stürmer traf aber nur die Latte. „Ich habe einfach ein   Luftloch geschlagen“, erklärte Adler. „Es ist immer das Problem, wenn man denkt, man muss den Ball mit möglichst viel Kraft wegschlagen. Da gibt es bessere Lösungen. Mein Glück war, dass Aaron Hunt auch nicht damit gerechnet hat. Er kennt mich ja aus dem Training und weiß, dass mir so etwas eigentlich nicht passiert. Ich nehme es so mit und kann jetzt nach dem Sieg auch drüber schmunzeln.“

Hektische Defensive

Adler hatte noch zweimal im Laufe des Spiels Probleme im Strafraum, wehrte allerdings dabei vor dem späten Handelfmeter auch viel drohende Gefahr ab, als er sich ins Getümmel stürzte. Und der Torhüter war zumindest in der ersten Hälfte in guter Gesellschaft. Stefan Bell hatte diese merkwürdigen Wackler und Pannen im Zweikampf, Abdou Diallo ebenso. Die ganze Defensive der Mainzer wirkte phasenweise hektisch und nervös. Bell ermöglichte den Gästen mit einer verunglückten Kopfballabwehr im Strafraum zudem den schnellen Ausgleichstreffer. Allerdings steigerten sich die Innenverteidiger nach dem Wechsel in ihre gewohnte Zweikampfstärke und Sicherheit. Der 05-Kapitän erzielte außerdem den vorentscheidenden Treffer zum 2:1 per Kopfball nach einer Ecke.

„Positiv war, dass wir sehr gut aus der Pause gekommen sind und schnell die zwei Tore gemacht haben. Dann haben wir es eigentlich kontrolliert. Teilweise haben wir dabei überdreht, weil wir das vierte machen wollten. Aber es war trotzdem besser so, als sich hinten zu verkriechen aus Angst etwas zu verlieren“, erklärte Bell. „Wir haben uns in der ersten Halbzeit aus nicht so gefährlichen Aktionen mit Fehlern selbst in Schwierigkeiten gebracht. Das hatte weniger mit mannschaftstaktischem Verteidigen zu tun. Das waren eher individuelle Fehler, wo einer über den Ball getreten hat und so“, sagte der 26-Jährige, der das Gegentor so schilderte: „Es war ein Freistoß, der langsam getreten war und wie in Zeitlupe kam. Ich wollte den Ball so weit wie möglich nach außen köpfen. Es war unglücklich, dass ich ihn genau auf Wallace gebracht habe.“ Der HSV-Profi fackelte nicht lange, zielte aufs lange Eck, Adler war ohne Chance, Bell versuchte mit einem Ausfallschritt noch hinzukommen, doch der Ball zappelte zum 1:1 im Netz. Die Option vorher, statt zu köpfen seinem Torhüter den Ball zu lassen, zog Bell nicht. „Ich habe kein Kommando bekommen in dem Moment und dann kann ich es eigentlich nicht machen, weil ich ihn normal köpfen kann.“

Beim 2:1 in der 52. Minute stand der Innenverteidiger goldrichtig. Levin Öztunali brachte den Ball von links kurz vors Tor, Abdou Diallo verlängerte am ersten Pfosten, Bell drückte hinten am zweiten Pfosten die Kugel rein. „Einer muss da stehen, dann ist es schwer zu verteidigen“, erklärte der Kapitän. „Uns passiert das ja auch, dass wir am zweiten Pfosten die Tore bekommen. Der Verteidiger muss gucken, wo der Ball ist, der Offensivspieler kann sich lösen im Rücken und hat den Vorteil. Wenn ein Eckball so verlängert wird auf den zweiten Pfosten, sind wahrscheinlich zwei von drei drin.“ Dennoch war der Abschluss nicht ganz ohne, denn der Pfosten stand Bell beim Anlauf im Weg. „Der Ball hatte auch sehr viel Drall. Ich habe versucht, ihn reinzudrücken und mich nicht zu verletzten. Es war etwas schwerer, als es aussah.“

Bell gestand ein, dass die Partie Phasen hatte, in denen es zu wild gewesen sei im eigenen Spiel. „Wir haben uns auch vielleicht zu viel mit dem Schiri beschäftigt bei verschiedenen Aktionen, aber die zweite Halbzeit war sehr stabil. Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg. Wir sind nicht die Mannschaft, die ein 1:0 verwaltet. Unsere Art ist es eher, mit Power nach vorne zu spielen. Da kann es auch mal sein, dass man ein Gegentor bekommt.“

Dass HSV-Verteidiger Mergim Mavraj nicht auch noch die Gelb-Rote Karte erhielt, führte zu Diskussionen der 05-Profis mit dem Schiedsrichter. Foto: Ekkie VeyhelmannDanny Latza, im letzten Aufeinandertreffen mit dem HSV an gleicher Stelle noch dreifacher Torschütze, musste sich diesmal mit dem Tor zum 3:1 zufrieden geben. Zuvor war der 05-Sechser mit einem Distanzschuss an der Latte gescheitert. Beim Treffer nach Anspiel von Daniel Brosinski profitierte Latza vom Fehler des Ex-05ers Christian Mathenia im HSV-Kasten, dem der Ball durch die Hände flutschte. „Meine Quote geht stark nach unten“, sagte Latza später lachend. „Ich weiß nicht, ob der Mathenia den Schuss zu spät gesehen hat. Es war eigentlich ein Torwartfehler, den muss er halten, aber das ist mir ziemlich egal. Hauptsache drin und wir haben gewonnen. Ich glaube, man hat gesehen, wie schwer das heute war. Wir hatten uns in der Länderspielpause vorgenommen, weniger Tore aus Standards zu bekommen. Leider ist das wieder nicht gelungen“, so der Mittelfeldspieler. „Nach dem Tor haben wir den Faden verloren, haben sehr ungenau gespielt, viel mit langen Bällen. Bello macht zum Glück das 2:1 und nach meinem Tor hatten wir dann einen guten Puffer. Danach fanden wir wieder gute Ballpassagen, haben besser den Ball laufen lassen, waren sicherer. Zum Glück ist nichts mehr angebrannt trotz des Elfmeters, der wohl korrekt war.“

Brosinski: Benachteiligt gefühlt

Brosinski fand nachher eine Erklärung für die merkwürdige Hektik, die das 05-Spiel nach dem frühen Führungstreffer von Alexandru Maxim, der sein erstes Tor für die 05er erzielte, befallen hatte. „Wir haben uns benachteiligt gefühlt in der einen oder anderen Situation, haben gerätselt, warum der Mavraj keine Gelbe Karte kriegt. Normalerweise muss er mit Gelb-Rot vom Platz. Wahrscheinlich waren wir aber auch unzufrieden mit uns selbst und haben das dann an dem Schiri ausgelassen. Das sollte uns nicht passieren. Wir sollten uns auf die eigene Leistung fokussieren und konzentrieren.“ Die Folge: „Wir waren phasenweise komplett raus aus dem Spiel, hatten Glück nicht in Rückstand zu geraten und konnten froh sein mit 1:1 in die Kabine zu gehen“, sagte der Linksverteidiger.

In der Pause konfrontierten sich die Spieler selbst mit der unguten Situation. „Wir haben uns gesagt, wir müssen drei Gänge hochschalten, haben massig Luft nach oben. In der zweiten Hälfte waren wir dann am Anschlag. Da haben wir ein komplett verändertes Gesicht gezeigt. Wir sind ganz anders aufgetreten, waren ganz anders in den Zweikämpfen drin, ganz anders im Pressing. Dann war es hochverdient. Mit ein  bisschen Glück machen wir das 4:1, so gibt es halt nochmal diesen Elfmeter. Wir haben es über die Bühne gebracht“, so Brosinski. „Wir haben gewonnen und sind zufrieden.“

Der Sieg mit dem Sprung auf zehn Punkte sei wichtig gewesen, um etwas Luft nach unten zu haben, betonte René Adler. „Wir haben einen positiven Lauf in den letzten Wochen, da nehme ich auch das Hoffenheim-Spiel mit rein. Wir wollten da unbedingt weiter machen. Wir geben immer extrem viel Gas im Training, wollten uns belohnen für diesen Aufwand. Der Dreier steht unterm Strich über allem. Aber es war alles in allem schon ein wildes Bundesligaspiel, in dem wir uns den Sieg mit einer sehr guten zweiten Halbzeit verdient haben.“  Er sei nun kein Zeitpunkt, um Zwischenfazite zu ziehen. „Das können wir im Winter machen. Ich bin kein Freund davon, sich nach jedem Spiel hinzustellen und zu sagen, es geht aufwärts und so weiter. Dann verlierst du wieder zwei Spiele und dann stehen wir wieder da und müssen das erklären. Wir fahren jetzt mit nullkommanull Druck nach Schalke, die auch einen Lauf haben und wollen trotzdem was mitnehmen von dort. Wir haben ja in Wolfsburg auch gezeigt, dass wir ein gutes Auswärtsspiel machen können“, erklärte der 05-Torhüter.

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