Drei Mainzer fahren zur Europameisterschaft...

Christian Karn. Mainz.
...aber höchstens zwei von ihnen kommen zurück: Die Nationaltrainer der 24 Teilnehmer an der Fußball-EM in Frankreich, die am Freitag der kommenden Woche beginnt, mussten bis heute ihre endgültigen Teams bekannt geben und entschieden sich unter anderem für drei 05-Spieler: für den Türken Yunus Malli, den Schweizer Fabian Frei und für den Österreicher Julian Baumgartlinger, der das Turnier als Mainzer beginnt, aber am zweiten Viertelfinal-Tag offiziell zum Leverkusener wird. Außerdem sind fünf ehemalige 05-Profis in Frankreich dabei.

Ein bisschen überraschend ist das durchaus: Der FSV Mainz 05 ist mit drei Mann bei der Europameisterschaft in Frankreich vertreten: Yunus Malli, Fabian Frei - und Julian Baumgartlinger, der erst im Laufe des Turniers zum Leverkusener wird; die Transferperiode, in der der Kapitän die 05er verlässt, beginnt erst am 1. Juli.

Fabian Frei muss seine Reiserücktrittsversicherung aktivieren: Der Schweizer hat es tatsächlich ins EM-Team geschafft.Vladimir Petkovic war am Schnellsten. Bereits am Montag gab der Nationaltrainer der Schweiz seinen endgültigen EM-Kader bekannt, einen Tag vor Fristablauf. Petkovic sorgte für die 05er auch für die größte Überraschung: Auf dem Trikot mit der Nummer 8 wird der Name Frei stehen. Trotz der durchwachsenen Saison des Mainzer Mittelfeldspielers, der wegen einer Verletzung fast die komplette Hinrunde verpasste und in der Rückrunde keinen Stammplatz hatte, trotz der großen Konkurrenz durch den Noch-Gladbacher Granit Xhaka, den Ex-Hamburger Valon Behrami oder durch Gélson Fernandes, der einst im WM-Spiel gegen den späteren Turniersieger Spanien das Siegtor geschossen hatte, fand der Trainer für ihn einen Platz im Kader. Der 05er soll schon von der Nominierung in den erweiterten Kader überrascht gewesen sein. "Ich hatte Ferien gebucht", wird Frei in der Schweizer Boulevardpresse zitiert, immerhin: "mit einer Versicherung, wie es sich für einen Schweizer gehört."

69 Mal spielte Frei bisher für die Schweiz, 62 Mal allerdings für Juniorenteams. Im Juni 2011 wurde er U21-Vize-Europameister, ein Vierteljahr später debütierte er in der A-Nationalmannschaft, für die er beim Freundschaftsspiel gegen Polen Ende 2014 sein bisher einziges Tor zum 2:2-Endstand schoss. In der Qualifikation, die die Schweizer als Zweiter der Gruppe E hinter England abschlossen, spielte der Mainzer keine Rolle, beim Testspiel am Samstag gegen Belgien (1:2, Blerim Dzemaili vom CFC Genua brachte die Schweizer in Führung, der Frankfurter Haris Seferovic sah Rot, wird aber in Frankreich spielen dürfen) saß er auf der Bank.

Am Freitag spielen die Schweizer in der Generalprobe gegen Moldawien. Die Europameisterschaft beginnt für sie mit dem reizvollen Duell gegen Albanien - mit Dzemaili, Xhaka und Behrami, Shani Tarashaj, Admir Mehmedi und Xherdan Shaqiri stehen gleich sechs Spieler mit albanischen Vorfahren im Schweizer Kader. Die weiteren Gruppengegner sind Rumänien und Frankreich.

Acht Mann musste Fatih Terim aus dem vorläufigen EM-Kader der Türkei streichen. Yunus Malli hat's nicht erwischt.Als Zweiter hatte Malli Klarheit. Der Türke musste bis zum frühen Nachmittag zittern; der türkische Trainer Fatih Terim musste noch acht Mann aus seinem vorläufigen Team streichen. Auf der Liste der 23 EM-Spieler steht der Mainzer Zehner ganz am Ende. Auch er hat in seinem Nationalteam noch nicht den allergrößten Stellenwert. Immerhin wurde er seit seinem Debüt im vergangenen November in vier weiteren Partien eingesetzt, zuletzt als Einwechselspieler für Mittelstürmer Cenk Tosun beim 1:0-Testspielsieg gegen Montenegro. Wie Frei dürfte Malli kein Stammspieler sein; Tosun (Besiktas), der Leverkusener Hakan Calhanoglu und Arda Turan vom FC Barcelona besetzen normalerweise seine Positionen.

Die Türken qualifizierten sich mit einer spektakulären Punktlandung für die Europameisterschaft: Die ersten beiden Plätze ihrer Gruppe A waren längst an Tschechien und Island vergeben, als es am letzten Spieltag kompliziert wurde: Galatasarays Selcuk Inan schoss in der 89. Minute das Siegtor gegen Island und sicherte damit den dritten Platz - aber nur der beste Gruppendritte qualifizierte sich direkt und die Ungarn glaubten diesen Platz sicher zu haben. Weil aber gleichzeitig Kasachstan in Lettland gewann, in der Tabelle an den Letten vorbei auf den fünften Platz kletterte, bei der Ermittlung des besten Dritten die Spiele gegen den Sechsten nicht mitgezählt werden, hatten die Türken auf einmal vier Punkte mehr: Zwei 1:1-Remis gegen die Letten fielen aus der Wertung, wurden ersetzt durch zwei Siege gegen die Kasachen, und die Ungarn mussten in die Relegation. In der EM-Gruppe spielt die Türkei gegen Kroatien, Titelverteidiger Spanien - und gegen die Tschechen, gegen die es in der Qualifikation eine 1:2-Heimniederlage und einen 2:0-Auswärtssieg gab.

Und Julian Baumgartlinger? Wird dabei sein, wenn nichts ganz Seltsames mehr passiert. Fotos: imagoUnd jetzt kommt der Punkt, an dem wir in der Überschrift ein bisschen geflunkert haben, denn Julian Baumgartlingers Nominierung ist immer noch nicht bestätigt. Ohnehin haben die österreichischen Fußballer gerade andere Dinge zu tun: Heute erst wurde eine Liga-Reform beschlossen, die in aller Ausführlichkeit verkündet werden muss. Der Nationaltrainer Marcel Koller hat noch bis Mitternacht Zeit, seinen 23er-Kader bekanntzugeben - sprich: zu verraten, welchen der 24 Mann im vorläufigen Team er nicht mitnimmt. Die nullfünfMixedZone hat aber heute noch andere Dinge vor und will nicht bis zur letzten Sekunde warten. Klar ist: Baumgartlinger ist Leistungsträger bei den Österreichern. Und so sicher, wie er nach Leverkusen wechselt, so sicher wird er auch nach Frankreich eingeladen. Lediglich eine schwere Verletzung im letzten Moment kann seiner EM-Teilnahme noch im Wege stehen.

Die Österreicher spielten eine überragende Qualifikation, übertroffen nur von England. Die personell sich selten verändernde Elf (im Tor Robert Almer hinter Sebastian Prödl und Aleksandar Dragovic, außen Florian Klein und der englische Meister Christian Fuchs, im Zentrum der Bayern-Leistungsträger David Alaba und Julian Baumgartlinger, vorne Marc Janko (Baumgartlinger: "der war gefühlt schon auf fünf Kontinenten Meister") vor Zlatko Junuzovic, auf den Flügeln Martin Harnik und Marko Arnautovic) gewann neun von zehn Spielen, dazu kam ein Unentschieden gegen Schweden. "Die Euphorie ist riesengroß", berichtete Julian Baumgartlinger gegen Saisonende, "sogar das Länderspiel gegen Liechtenstein im kalten Wien war ausverkauft, für die EM hätten wir die doppelte und dreifache Anzahl Tickets verkaufen können. Es gab 400.000 Kartenanfragen aus Österreich. Die Fans freuen sich über eine erfolgreiche, attraktiv spielende Generation. Mal schauen, ob wir den Erwartungen gerecht werden." Freilich war die Konkurrenz in der Gruppe mit Russland, Schweden, Montenegro, Liechtenstein und Moldawien nicht riesengroß. "Wie gut wir wirklich sind", sagte Baumgartlinger, "wird man in der Gruppe sehen." Da geht es zuerst gegen den Nachbarn Ungarn, dann gegen Portugal und Island. "Das kann unangenehm werden", stapelte der scheidende Mainzer Kapitän tief, "ein schlechter Tag... dann ist man schnell draußen. Aber alle Länder denken an Griechenland." Das 2004 völlig überraschend Europameister wurde, übrigens auch gegen Portugal. "Vielleicht können wir Griechenland sein", sagte Baumgartlinger. "Das ist das Schöne: Alles kann passieren."

Baumgartlinger tatsächlich dabei

Nachtrag: Um kurz nach 23 Uhr kam die Meldung aus Österreich. Wie erwartet ist Baumgartlinger nominiert.

Neben Frei, Malli, Baumgartlinger und Fuchs sind vier weitere Ex-Mainzer in Frankreich dabei: Als einziger Auslandsprofi der russischen Nationalmannschaft der frisch eingebürgerte Schalker Roman Neustädter, der im damals noch sowjetischen Dnipropetrowsk geboren wurde und schon für Deutschland A-Länderspiele bestritten hat. Der Weltmeister André Schürrle, aktuell beim VfL Wolfsburg, im deutschen Team. Außerdem die Ungarn Zoltán Stieber (noch vom HSV nach Nürnberg verliehen) und Ádám Szalai (Hannover 96).

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