Dreierpack: „Das ist unbeschreiblich“

Jörg Schneider. Mainz.
Ein kleines Fußball-Märchen so kurz vor Weihnachten. Ein spektakuläres Comeback. Eine herausragende Leistung. Mit seinen drei Toren in der als „Spiel der Herzen“ deklarierten Begegnung gegen den Hamburger SV hat Danny Latza die Herzen des Publikums in der Opel Arena höher schlagen lassen und dem FSV Mainz 05 einen eminent wichtigen 3:1-Heimsieg in einer unbequemen Drucksituation beschert. Kein Wunder, dass sich nachher die Lobeshymnen auf den 27-Jährigen, der mehr als ein halbes Jahr lang verletzt gefehlt hatte, überschlugen. „Wenn ich heute eins gemacht hätte, wäre ich auch schon sehr froh gewesen. Drei Tore, das ist für mich unbeschreiblich“, sagte der Matchwinner später überglücklich.

Als der Hauptdarsteller zwei Minuten vor dem offiziellen Ende der Vorstellung die Bühne verließ, erhob sich das Publikum, verneigte sich, beklatschte frenetisch den spektakulärsten Auftritt eines Spielers in dieser Saison. Die Kollegen standen Spalier, der Trainer nahm seinen erschöpften Matchwinner in die Arme und trug ihn fast bis zur Ersatzbank. Großer Bahnhof für Danny Latza bei dessen Abgang in einer Partie, die als „Spiel der Herzen“ deklariert worden war und die am Ende die Herzen in der Opel Arena höher schlagen ließ. Nicht zuletzt wegen Latzas Vorgeschichte. „Das ist wirklich wie ein kleines Fußball-Märchen“, sagte Rouven Schröder gerührt. Mit seinen drei Toren zum 3:1-Sieg gegen den Hamburger SV bereitete Danny Latza sich selbst und dem FSV Mainz 05 einen großen Tag und krönte damit eines der denkwürdigsten Comebacks der jüngeren Vergangenheit.

Nach einem Kurzeinsatz gegen die Bayern, dem Startelf-Debüt in Mönchengladbach meldete sich der 27-Järhige nun in seinem dritten Anlauf nach mehr als einem halben Jahr Verletzungspause mit einer überragenden Leistung und drei Bilderbuchtoren aus der Distanz gegen den HSV zurück, fegte damit die zuletzt recht getrübte Stimmung aus der Arena und weckte die Vorfreude auf das Derby zum Jahres-Abschluss am Dienstag in Frankfurt. Drei Tore vom zentralen Mittelfeldspieler in einer Partie, die nicht „irgendein Spiel war“, wie der 05-Sportdirektor später sagte, sondern nach drei Niederlagen in Folge ein Schlüsselspiel im Hinblick auf den weiteren Saisonverlauf. Latza entschied die Begegnung in dieser für den Klub unbequemen Drucksituation mit seinen drei Treffern, brachte das Team mit nunmehr 20 Punkten bei noch zwei ausstehenden Vorrundenspielen in die erhoffte und gewünschte Ausgangslage.

Den Ball unter dem Trikot versteckt und für einen Ehrenplatz zu Hause gesichert: Danny Latza, der dreifache Torschütze, war der gefeierte Mann beim 3:1-Sieg der 05er über den HSV. Foto: Imago„Das ist der absolute Wahnsinn“, schwärmte Latzas Kumpel Daniel Brosinski nachher. „Danny hat vor einer Woche in Gladbach schon nach 20 Minuten gesagt, er ist platt und sich gefragt, wie er das heute schaffen soll. Wahnsinn, was er da rauspowert. Nach dem zweiten Tor habe ich zu ihm gesagt: du machst heute einen Hattrick. Und dann macht der verrückte Hund tatsächlich das Dritte. Das freut mich ungemein für ihn, er hat so eine lange Leidenszeit hinter sich.“ Seit dem Frühjahr hat den Mittelfeldspieler eine Adduktorenverletzung, die sich später als hartnäckige Schambein-Entzündung herausstellte, außer Gefecht gesetzt. Diverse Rückschläge hatten das Comeback des Leistungsträgers der Vorsaison immer wieder verschoben. Und nun dies. Latza dominierte gegen den HSV im zentralen Mittelfeld, stand dreimal als Sechser dort, wo er bei eigenen Angriffen zu stehen hat, nachgerückt an der gegnerischen Strafraumgrenze, schnappte sich zweimal die von der HSV-Abwehr zu kurz abgewehrten Bälle und einmal Yunus Mallis Querschläger und vollstreckte gnadenlos: einmal flach neben den Pfosten, einmal vom Innenpfosten ins Tor, einmal mit einem Strahl oben links in den Giebel. Rückstand gedreht, den Sieg eingefahren und dabei auch noch die These des Mainzer Torwarttrainers widerlegt.

Stephan Kuhnert, das berichtete Martin Schmidt später, hatte unter der Woche beklagt und angeprangert, die Spieler könnten alle keine Tore mehr aus der Distanz erzielen. Latza belehrte die Torhüter-Legende nun eines Besseren. „Wenn ich heute eins gemacht hätte, wäre ich auch schon sehr froh gewesen. Drei Tore, das ist für mich unbeschreiblich“, sagte der Matchwinner später im Interview-Marathon, immer den Spielball fest umklammert, den er sich geschnappt hatte. „Der Ball kriegt einen Ehrenplatz. Wo, weiß ich noch nicht“, sagte er. „Ich habe mich gut gefühlt den ganzen Tag über, habe aber eigentlich nicht vieles anders gemacht als sonst. Ich stand dreimal gut, habe dreimal abgezogen und mache drei Tore. Ich glaube, da muss ich in den nächsten Tagen noch einiges ausgeben in der Kabine. Es ist einfach schön, aber viel wichtiger ist wirklich, dass wir die drei Punkte geholt haben.“ Dass er mal drei Tore in einem Spiel erzielt habe, daran konnte sich der 05-Profi selbst nicht mehr erinnern. „Das muss sehr lange her sei. Ich habe in meinen zwei letzten Zweitligasaisons, glaube ich, drei Tore gemacht insgesamt.“ In der Bundesliga bisher noch gar keines. Dass er nach dem zweiten Spiel in der Startelf so eingeschlagen habe, mache viel von dem Frust der vergangenen Monate wett. „Ich habe viel nachgedacht in dieser Zeit, habe wieder versucht Spaß am Fußball zu haben, habe die nötige Fitness und hoffe, dass ich schnell auf den Stand der letzten Saison komme und meine Kilometer abspulen kann. Vom Gefühl her habe ich heute schon ein paar Meter gemacht“, sagte Latza glücklich.

„Ich konnte die ganze Zeit der Mannschaft nicht helfen. Ich genieße im Moment jede Minute mit der Mannschaft und bin sehr stolz, dass ich wieder dabei bin.“ Der 27-Jährige gestand, dass die zurückliegenden Monate hart für ihn gewesen seien. „Die ständigen Rückschläge machen einen traurig. Du kommst auf den Platz und denkst, jetzt geht’s wieder, dann kommt der nächste Rückschlag. Du fragst dich, was kannst du besser machen, was hätte man von vorneherein besser machen können. Wir haben vieles ausprobiert, sind zu Ärzten in Belgien oder in München gefahren, haben alle möglichen Therapien versucht. Dieser Mix hat mir dann doch geholfen. Ich habe viel Muskelaufbautraining gemacht, so viele Sachen, die ich gar nicht alle aufzählen kann. Da haben viele Faktoren eine Rolle gespielt.“ Erstaunlich ist dabei die Tatsache, wie schnell Latza wieder in die Nähe seiner alten Form gekommen ist. „Ich bin seit etwa vier Wochen schmerzfrei. Ich bin ein Spieler, der über die Physis kommt. Das geht bei mir eigentlich schnell“, sagte der 05-Profi.

„Er hat jetzt fast zwei Monate trainiert, viel individuell. Er war läuferisch schon länger auf Bundesliganiveau, durfte aber noch keinen Ball kicken. Da mussten wir die Fristen einhalten und ihn lange schonen. Als er dann mit dem Team auf dem Trainingsplatz stand, war er topfit. Er ist ein Spieler, der von den Grundtalenten her dann vieles mitbringt“, sagte Martin Schmidt später. „Trotzdem bin ich überrascht, wie schnell er wieder eine solche Rolle im Zentrum ausfüllt.“

Laufstärke als größte Waffe

Was Latza auszeichne, seien die Kilometer, die der Mittelfeldmotor laufe, erklärte der 05-Trainer. „Deshalb haben wir ihn ja so vermisst. Weil er in jedem Spiel bis zu 14 Kilometer läuft und dazu immer die Sprints hinlegt. Wenn du in des Gegners Hälfte den Ball verlierst, dann ist es der Latza, der nach drei Sekunden wieder hinten ist vor der Abwehr. Er schließt Löcher. Am meisten zeichnet ihn aus, was er alles zuläuft, wo er alles verdichtet, ohne dass man das groß sieht. Das ist seine größte Waffe. Balleroberung, Aggressivität und Laufstärke. Seit heute wissen wir, dass er auch aus der Distanz Tore schießen kann.“ Anfang des Jahres, in einem Testspiel gegen den 1. FC Köln, war Latza dies schon mal gelungen. „Er kann das. Vielleicht haben ihm bisher der Mut und die Überzeugung gefehlt. Nach dem Spiel heute wird er sich öfter zeigen“, sagte Schmidt.

Kein anderer 05-Sechser außer Jean-Pierre Gbamin komme auch nur in die Nähe von Latzas Laufleistung. „Seine drei Tore sind außerordentlich, aber unser Spiel wird ein anderes Spiel, wenn wir im Zentrum dicht sind, wenn diese Kilometer da sind“, betonte der Coach. „Letztes Jahr haben wir im Zentrum im Schnitt immer rund 26 Kilometer geliefert bekommen von Danny und Julian Baumgartlinger. In diesem Jahr waren wir bis jetzt bei maximal 22 Kilometer der Doppelsechs. Das sind Meter, die dir fehlen, um in Räume zu laufen und zu diese zu verdichten, Bindeglied zwischen Abwehr und Angriff zu sein. Bei Ballverlusten durch zu sprinten und den Rückraum zu sichern. Bei Balleroberungen nachzurücken und am Sechzehner zu stehen. Für unsere Spielweise ist das unheimlich wichtig. Wir brauchen die laufstarke Doppelsechs. Mit Danny fällt uns das leichter. Sonst müssten wir irgendwann die Spielweise verändern und mit drei Sechsern spielen. Das wollen wir aber nicht. Wir wollen so spielen mit dieser Laufintensität.“

Schmidt hatte während der Partie zudem registriert, mit welcher Lautstärke und Intensität Latza seine 05er auf dem Platz dirigierte. „Mir ist aufgefallen, wie oft ich ihn habe brüllen höre, wo er das ganze Team organsiert und anschiebt.“ Latza sei seinerzeit in ein Mainzer Team gekommen, in dem Baumgartlinger der große Teamplayer gewesen sei. „Da hat sich Danny angedockt, und wir haben schnell gesehen, wie wichtig er da ist. Als Baumi weg war, hatten wir erwartet, dass er in dessen Rolle hineinwächst und die Leaderrolle übernimmt. Mit einer Leistung wie heute zementiert er das natürlich. Es ist für uns wichtig, dass Danny gesund bleibt“, betonte Schmidt. Bei allen Lobeshymnen über die Laufstärke des Sechsers und dessen Teamplayer-Qualitäten blieb in der Nachbetrachtung ein weiterer Fakt nahezu unerwähnt: Die spielerische Komponente. Latza verlieh dem Mainzer Spiel gegen den HSV mit seiner leichtfüßigen, schnellen, technisch starken und passgenauen Spielweise auch qualitativ eine bessere Note.

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