Eher Vierter als Vierzehnter

Christian Karn. Mainz.
Bis zu drei Punkte gibt es pro Spiel in der Bundesliga. Über lange Strecken sollte man nicht davon ausgehen, drei Punkte pro Spiel aufzuholen. Die Faustregel sagt: Einen Punkt pro Spieltag kann man aufholen. Mehr ist möglich, aber unwahrscheinlich. Dem entgegen steht zwar das Gesetz des Letztes Spieltags, dennoch wollen wir für's Erste annehmen, dass der FSV Mainz 05 durch das 1:1 in Wolfsburg den VfL losgeworden ist. Wie geht's weiter? Wir haben auch nach diesem Spieltag mit dem Tabellensimulator gespielt, diesmal unter der Prämisse: Die Favoriten setzen sich durch.

Einen Punkt pro Spieltag kann man aufholen, sagt die Faustregel. Damit wäre Wolfsburg raus, Hertha noch in Reichweite.Man sollte nicht so tun, als habe der FSV Mainz 05 2003/04 eine gute Saison gespielt. Das hat er nicht. Die guten ersten Jahre unter Jürgen Klopp waren schon wieder vorbei, die 64 bzw. 62 Punkte der vorherigen Saisons in weiter Ferne. Frustration war die normale Gemütshaltung der 05er, als ein Unentschieden aufs nächste folgte. Wir zählen nur mal die Ergebnisse auf vom 15. bis zum 28. Spieltag: In dieser Reihenfolge 1:1 in Haching, 1:1 gegen Regensburg, 0:1 in Trier, 1:1 bei Union Berlin, 3:2 gegen Aachen, 2:2 in Nürnberg, 0:0 gegen Ahlen, 0:0 gegen Osnabrück, 0:0 in Oberhausen, 1:1 in Karlsruhe. Anschließend mal ein Sieg gegen Burghausen, eine Heimniederlage gegen Arminia Bielefeld, ein 0:0 in Cottbus, ein 1:1 gegen Aue. Vierzehn aufeinanderfolgende Spiele, zwei Siege, zwei Niederlage, der Rest: Unentschieden. Das war ganz fürchterlich!

Und doch stiegen die 05er auf, mit läppischen 54 Punkten. Wie war das gelungen? Entscheidend waren am Ende nicht die wenigen Siege, sondern dass die 05er einfach nicht verloren. Nur jeweils zweimal Fürth (klar) und Bielefeld, außerdem einmal Trier und Burghausen schafften es, die Mainzer zu bezwingen. Und gegen Energie Cottbus (Vierter in der Abschlusstabelle), Rot-Weiß Oberhausen (Fünfter), Alemannia Aachen (Sechster) und den Zweitliga-Meister 1. FC Nürnberg gab es jeweils einen Heimsieg und ein Auswärts-Remis, vier Punkte für Mainz, nur jeweils einen für alle direkten Konkurrenten bis auf die Arminia. Das gab den Ausschlag.

Der Torjubel war kurz in Wolfsburg, schnell war's wieder konstruktiv: Wie geht's weiter? Diese Konzentration werden die 05er noch fünfmal brauchen. Dann wird man sehen, wohin sie geführt hat. Foto: imago

Und damit sind wir in der aktuellen Saison. Wir haben ein Gedankenspiel gemacht und angenommen, dass es an den verbleibenden fünf Spieltagen nur noch Favoritensiege gibt - oder ein Unentschieden, wenn es keinen klaren Favoriten gibt. Wir haben es ganz nüchtern definiert: Hat vor einem Spiel eine Mannschaft mehr als fünf Punkte Vorsprung auf ihren Gegner, gewinnt sie 1:0. Gibt es keinen solchen Vorsprung, sind die Mannschaften zu eng beieinander, gibt es ein 0:0. Das Resultat: Mainz 05 wird Vierter, hinter Leverkusen, vor Hertha, dank eines 0:0 am letzten Spieltag, mit dem die 05er ihren Vorsprung von einem Punkt verteidigen. Um die 05er mit Gewalt auf den dritten Platz zu heben, würde es reichen, wenn Leverkusen am 31. Spieltag gegen Schalke nicht 1:0 gewinnt, sondern Schalke den Ausgleich schießt. Beispielsweise. Das hängt damit zusammen, dass praktischerweise noch Hertha noch nach Leverkusen muss, Leverkusen noch nach Schalke und Gladbach, wodurch zwangsläufig ständig einer der 05-Konkurrenten Punkte verlieren wird, dass außerdem Hertha, Gladbach und Schalke noch die Bayern im Programm haben.

Und die Parallele ist offensichtlich. Auch in diesem Jahr haben die 05er in den direkten Duellen viele entscheidende Punkte a) geholt und b) dem Konkurrenten weggenommen. 6:0 Zähler gegen Gladbach, 4:1 gegen Wolfsburg, 3:3 gegen Schalke, das ist etwas wert. Die 0:6 gegen Ingolstadt spielen andererseits vorerst keine Rolle, sollten aber sicherheitshalber mal im Auge behalten werden. Und alles könnte davon abhängen, am letzten Spieltag aus den 0:3 Punkten gegen Hertha nicht nur ein 1:4 zu machen, wie in obigem Gedankenspiel, sondern ein 3:3.

Gegen diesen schönen Plan spricht natürlich das Gesetz des Letzten Spieltags, das da besagt: Am Ende kommt es sowieso anders. Die Dynamik des Fußballs lässt Favoritensiege nur manchmal zu, nichts spricht dagegen, dass beispielsweise - ebenfalls alles am 31. Spieltag, der wird richtig interessant! - im Rennen um die Champions League Hertha die Bayern schlägt oder im Abstiegskampf Frankfurt die Mainzer. Die damit auf Platz fünf beziehungsweise sechs zurückfielen.

Und wenn auch die Faustregel sagt, dass man auf lange Sicht (!) nur einen Punkt pro Spiel aufholen kann, ist auch hier Vorsicht vonnöten. Denn die 05er selbst haben 2004 das Gegenbeispiel geliefert. Nach dem 1:3 in Fürth und der Kapitulation hatten sie fünf Spiele vor Schluss sechs Punkte Rückstand, vier Spiele vor Schluss immer noch - und dann kollabierte Cottbus, holte einen Punkt aus drei Partien, und die 05er rauschten vorbei.

Gegenrechnung, spaßeshalber. Worst Case. Allerworst Case, ohne Rücksicht auf Wahrscheinlichkeiten: Ausnahmslos alles, alles, alles läuft gegen die 05er und alle Spiele enden 4:0 für die tabellarisch Falschen. Dann hat die Kölner Niederlage gegen Leverkusen am Sonntagabend auch Platz 15 aus dem Spiel genommen. Vierzehnter können die 05er schlimmstenfalls noch werden, weiter nach unten kann es nicht mehr gehen, und wenn wir die Tordifferenz noch so sehr ruinieren. Und dafür braucht man eine Menge Fantasie.

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