Ein bisschen viel Theater?

Jörg Schneider. Mainz.
Die Feierlichkeiten zum erstmaligen Erreichen der Gruppenphase der Europaliga haben beim FSV Mainz 05 nur zwei Tage lang angehalten, ehe das kalte Bundesliga-Geschäft das Kommando übernommen hat. Nach Informationen des „Kicker“ soll Julian Baumgartlinger bereits unmittelbar vor einem Wechsel zu Bayer Leverkusen stehen und Loris Karius mit dem FC Liverpool einig sein. Heute Mittag stellt der Klub Rouven Schröder als Nachfolger von Christian Heidel vor. Der neue Sportdirektor wird zum Einstieg gleich eine Menge Fragen beantworten, Aufklärungsarbeit leisten und aufzeigen müssen, was angesagt ist beim Tabellensechsten der Liga.

Vor dem Absprung? Julian Baumgartlinger soll Medienberichten zufolge unmittelbar vor einem Wechsel zu Bayer Leverkusen stehen. Foto: ImagoAlles nur Theater? „Bei uns springt so schnell keiner ab“, erklärte der Trainer des FSV Mainz 05 am Sonntag-Nachmittag vollmundig. Wenn jedoch stimmen sollte, was der „Kicker“ behauptet, dann war Martin Schmidts Kapitän zu diesem Zeitpunkt bereits unterwegs den Rhein hinab, um sich bei Bayer Leverkusen medizinisch durchchecken zu lassen und sein Torhüter in Kontakt mit dem FC Liverpool, um seinen Abgang nach England vorzubereiten. Nach Informationen des Fachmagazins soll nämlich Julian Baumgartlinger von einer bei seiner Vertragsverlängerung vor einem Jahr vereinbarten Ausstiegsklausel Gebrauch machen, für eine festgeschriebene Ablösesumme von rund vier Millionen Euro zum Tabellendritten der Bundesliga wechseln und die 05er nach fünf Jahren verlassen. Loris Karius sei sich zudem mit Jürgen Klopp einig und kehre dem frischgebackenen Europaliga-Teilnehmer für eine ebenfalls festgeschriebene Ausstiegsklausel von zehn Millionen Euro den Rücken.

Sollten sich diese Informationen bewahrheiten, dann hätte Martin Schmidt den Journalisten im sonntäglichen Saisonabschluss-Gespräch eine Menge heißer Luft verkauft und der Öffentlichkeit Staub in die Augen geblasen, denn dass der Trainer nicht informiert ist, wenn zwei seiner Top-Leistungsträger auf dem Absprung sind, ist nicht denkbar. Schmidt sagte jedoch, er sei ganz beruhigt. Er gehe davon aus, dass er mit dem aktuellen Kader in die bevorstehende Europapokal-Saison starte. Er sehe keinen Ausgangspunkt, um Ängste zu haben. Baumgartlingers Aktion, die Kapitänsbinde dem scheidenden Elkin Soto bei dessen emotionalem Bundesliga-Comeback in der Coface Arena überzustreifen, könnte nun allerdings mehr als nur eine Geste gewesen sein und mehr Symbolik beinhaltet haben, als dies zu diesem Zeitpunkt zu vermuten war. Und wenn der Österreicher tatsächlich vor einem Wechsel nach Leverkusen stehen sollte, dann war auch dessen wortreiche Erklärung nach dem 0:0 gegen Hertha BSC und dem damit verbundenen Einzug in die Gruppenphase, dass die Spielweise seiner Mannschaft gut passen würde auf internationalem Parkett und erfolgsversprechend sei, reichlich überflüssig. Lustig auch, dass der 05-Kapitän im Rahmen der vereinsinternen Abschlussfeier als Redner die scheidenden Christian Heidel und Axel Schuster verabschiedete.

Noch sind diese Wechsel-Ambitionen der 05-Leistungsträger nicht offiziell bestätigt. Doch die Spekulationen haben dafür gesorgt, dass die Europapokal-Euphorie nach nur zwei Tagen erst einmal heruntergekühlt worden ist, das kalte Business der Branche das Kommando übernommen und den Mainzer Anhängern die Feierlaune schnell verdorben hat. Wenn also die Situation so ist, wie sie sich jetzt darstellt, dann war das alles etwas zu viel Theater der Beteiligten. Und auch ein nicht gerade optimaler Einstieg für den neuen Fußballchef des Klubs. Rouven Schröder wird heute Mittag in einer Pressekonferenz offiziell vorgestellt. Der 45-jährige Nachfolger von Christian Heidel wird nun möglicherweise zuallererst die Abgänge von Karius und Baumgartlinger bestätigen und erklären müssen. Und auch, ob der 05-Kader weiter auseinanderfällt. Yunus Malli werden Angebote nachgesagt und eine Ausstiegklausel, die bei neuneinhalb Millionen Euro liegen soll. Daniel Brosinski hat sich im Netz unzufrieden mit seiner Situation gegen Ende der abgelaufenen Saison geäußert und zwar derart kryptisch, dass auch beim Rechtsverteidiger Veränderungsabsichten vermutet werden. Schröder hat also bei seinem ersten offiziellen Auftritt in Mainz gleich eine Menge Fragen zu beantworten. Der Sportdirektor wird einiges erklären und seine Vorstellungen von der künftigen Kader-Zusammenstellung beschreiben müssen.

Das Geld für eine Einkaufstour dürfte dann immerhin da sein. Die Transfers von Karius und Baumgartlinger oder auch der erwartete Abgang von Malli würden deutlich über 20 Millionen Euro in die Klubkasse spülen. Doch gleichwertigen Ersatz zu finden, ist teuer. Nicht nur was Ablösesummen betrifft, auch die Gehälter steigen auf dem Level, auf dem sich die Mainzer nun bewegen, exorbitant. Und Martin Schmidt will ja auch noch drei Verstärkungen zusätzlich für seinen Europaliga-Kader. Der Alltag hat den Klub also schnell eingeholt. Christian Heidel hat in dieser sonntäglichen Abschlussrunde auffällig laut geschwiegen zu der Kader-Thematik seines Ex-Vereins. Der 52-Jährige sitzt heute schon in Gelsenkirchen. In Mainz beginnt nun eine neue Ära mit Schröder. Der Ex-Bremer tritt mit einem schweren Rucksack auf dem Rücken an und muss schnell zeigen, dass der von den 05ern als „sauberer Übergang“ postulierte Manager-Wechsel auch in der Praxis funktioniert.

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