"Ein Fanhaus für Mainz"

Christian Karn. Mainz.
Noch ist das Alte Rohrlager unterhalb des Stadtparks eine heruntergekommene Industrieruine. Bereits nächsten Sommer aber möchte das Fanprojekt Mainz dort sein neues Fanhaus mit Büros, dem Fancafé, einem Kulturcafé und langfristig weiteren Veranstaltungsräumen beziehen. Seit zwei Jahren laufen die Vorbereitungen, seit wenigen Monaten die Sanierungsarbeiten. Zur Finanzierung des Projekts fehlen noch rund 100.000 Euro, die die 05-Fans mit einem Crowdfunding-Weltrekord auftreiben möchten. Daher steht auch das kommende Heimspiel des FSV Mainz 05 gegen Hannover 96 unter dem Motto "Ein Fanhaus für Mainz".

Noch braucht man viel Phantasie, um den Traum, den Thomas Beckmann hat, zu visualisieren. Mit dem Bauarbeiter-Plastikhelm auf dem Kopf steht der Leiter des Fanprojekts Mainz in einem lädierten, hier und da geflickten, dreckigen Zimmerchen im ersten Obergeschoss der alten Meisterwohnung des ehemaligen Rohrlagers unterhalb des Stadtparks. Es ist konstruktiver Dreck, zielführende Verwüstung. "Über zwanzig Tonnen Putz und Schutt haben wir schon runtergeholt", sagt Beckmann. Kamine wurden abgerissen, Holzwände entfernt, ein erheblicher Dachschaden bei der Gelegenheit entdeckt und bereits behoben. "Der hat's schon wieder verzögert", erklärt Beckmann, "aber wir wollen im nächsten Sommer hier einziehen." Ein Fanhaus soll's werden, ein "Ort der Begegnung", wie der Fanprojektchef es formuliert, für Fußballfans, für Mainz 05 und die Stadt.

Aktuell ist das Fanprojekt mit seinen Einrichtungen quer durch die Stadt verstreut. Ihre Büros haben Beckmann und seine Kollegen im Neustadtzentrum an der Goethestraße, das Fancafé befindet sich seit Jahrzehnten im Haus der Jugend, wo die Altstadt ins Regierungsviertel übergeht. Den Fantreff am Bruchweg, die rote Hütte mit Terrasse und viel Platz für Veranstaltungen, wird das Fanprojekt perspektivisch aufgeben müssen; irgendwann wird der FSV Mainz 05 dort selbst bauen. "Dazu kommt noch die Anlaufstelle am Europakreisel" - die Sponsorennamen der Bundesliga-Arena sprechen viele Fans nicht gern aus - "das ist mit nur dreieinhalb Stellen nicht einfach. Hier haben wir die Möglichkeit, alles zusammenzuführen."

Auf drei Gebäudetrakte werden sich die Räume des Fanhauses verteilen. Links wird das Fanprojekt einziehen, in den mittleren Teil das Fankulturcafé. Der rechte Gebäudeteil soll erst in einem zweiten Bauabschnitt hergerichtet werden. Foto: Fanprojekt MainzSeit den 1980ern stehen die rund 100 Jahre zuvor errichteten Gebäude an der Weisenauer Straße, zwischen der Bahnstrecke nach Worms und dem Stadtpark, nur ein paar Gehminuten vom Südbahnhof entfernt, leer. Das sieht man. "Wir fangen bei Null an", sagt Beckmann. "Wir haben keine Stromleitungen, wir haben keine Wasserleitungen." Selbst die Abwasser-Grundleitungen auf dem alten Industriegelände seien ein Rohrbruch nach dem anderen. "Bis Sommer wollen wir wenigstens teilweise fertig sein", sagt Beckmann.

Sehr, sehr viele Organisationen, Ämter, Gremien, Personen sind bereits seit zwei Jahren am Projekt beteiligt. Eigentümer der Immobilie sind die Stadtwerke Mainz. Deren Vorstandsvorsitzender Detlev Höhne, neuerdings ja gleichzeitig auch Aufsichtsratschef der 05er, sei die treibende Kraft, erklärt Beckmann. Oberbürgermeister Michael Ebling und Bürgermeister Günter Beck unterstützen das Projekt, die Polizei hat sich die Planungen angesehen und ihnen zugestimmt. Viele 05-Fans haben bei den bisherigen Arbeiten mitgeholfen.

"Wir ziehen nicht hierher, um tolle Büros zu haben", sagt Beckmann, "oder um den Ultras ein Zuhause zu geben." Explizit will das Fanprojekt alle 05-Fans ansprechen, alle Mainzer. Im vorderen Gebäudetrakt möchte das Fanprojekt selbst einziehen: Oben ist Platz für Büros und Lagerräume, im Erdgeschoss für das neue Fancafé. Nebenan soll ein Kulturcafé jeden Tag geöffnet sein; hierfür suchen die Organisatoren noch einen Betreiber. "Wir wollen hier keine normale Gastronomie", schränkt Beckmann ein, "keinen, der für ein Bier drei Euro aufruft. Wir wollen einen sozialen Hintergrund. Auch hier binden wir die Fanszene ein." In einem weiteren Bauabschnitt kann Beckmann sich vorstellen, im dritten Trakt ein 05-Museum einzurichten, einen Schulungsraum, den auch Schulklassen für Workshops nutzen können, aber das ist eine Geschichte für die fernere Zukunft. Weiter hinten auf dem Gelände kann das Fanprojekt außerdem eine Halle mit Raum für 200 Personen mitnutzen. "Wir wollen nicht nur ein Fußballzentrum werden", sagt Beckmann, "hier wird es auch Platz für Bandproben oder für Ateliers geben."

Ein vorrangiger Gedanke sei dabei die Entfremdung, die Mainz 05 schon seit einiger Zeit zwischen dem Verein auf der einen Seite und der Stadt und den Fans auf der anderen wahrnimmt und zu beheben versucht - die regelmäßigen Sommerfeste vor dem Dom und die vielen roten "Mainz bleibt 1"-Plakate aus dem Abstiegskampf, die Monate später noch in etlichen Läden hängen, sind ein Anfang, das Fanhaus soll ein weiterer großer Schritt sein. "05 unterstützt uns bei der Sanierung finanziell", freut sich Beckmann, "der Verein sieht hier eine Perspektive und eine Chance."

Diese Unterstützung ist wichtig, denn die Geschichte ist sehr teuer, zumal viele Auflagen eingehalten werden müssen. Die Denkmalpflege pocht darauf, das weit über 100-jährige Industriedenkmal so weit wie möglich zu erhalten. Alte Originalfenster sollen wieder hergerichtet oder, wo zu sehr lädiert, originalgetreu nachgebaut werden. Im Treppenhaus gibt es noch das Problem, dass das Geländer einerseits für die Denkmalpfleger schützenswert, andererseits für heutige Vorschriften zu niedrig ist; hier fehlt noch die elegante Lösung, die beide Seiten zufriedenstellt. Alte Parkettböden sollen bleiben, alte Türrahmen, altes Mauerwerk bleibt teils sogar in den Innenräumen sichtbar. Die Gesamtkosten des Fanhauses werden sehr weit in die Hunderttausende gehen.

"Wir können und wollen das nicht alleine stemmen", sagt Beckmann. Drei Viertel der Kosten sind immerhin schon gedeckt, dank der 05er, dank der öffentlichen Förderung des Innen- und Sportministeriums, der Stadt Mainz und der Deutschen Fußball Liga. Doch es fehlt immer noch ein niedriger sechsstelliger Betrag. Diesen will der Förderverein des Fanprojekts per Crowdfunding zusammentragen. Hierfür läuft bereits seit einigen Tagen mit großem Aufwand die Aktion "CrowdFANding - ein Fanhaus für Mainz". In Kooperation mit dem Fraunhofer Institut Leipzig und dem Pilotprojekt "Südkurve bleibt" aus Jena streben die Mainzer einen Weltrekord an; das größte sportbezogene Crowdfundingprojekt stemmte bisher der Portsmouth FC mit knapp 5.500 Teilnehmern. Zum Fanhaus sollen mehr Spender beitragen. Als Anreiz bieten die Organisatoren je nach Betrag Belohnungen von unterschiedlichem Wert, von Postkarten bis zu historischen Originaltrikots, Bruchweg-Sitzschalen, einem Platz in einer der Mannschaften bei Nikolce Noveskis Abschiedsspiel. Der Bundesliga-Rekordspieler der 05er und Stefan Bell, sein Nachfolger als Abwehrchef, sind die Schirmherren der Aktion, die auch das Rahmenprogramm zum Saison-Eröffnungsspiel der 05er am Samstag stellen soll.

► Alle Artikel zum Vereinsleben

► Zur Startseite