Ein Fest gegen die Beliebigkeit

Christian Karn. Mainz.
Bereits vor der abschließenden Partie beim VfL Wolfsburg (heute, 15.30 Uhr) weiß der FSV Mainz 05, dass er aus der Serie von sieben Spielen in 22 Tagen eine positive Bilanz mitnehmen wird. Der VfL dagegen kämpft erneut gegen die sich immer wieder einschleichende Beliebigkeit. Mit einer vorgezogenen Jubiläumsfeier will er die Nostalgie anfachen und das Publikum motivieren - die 05er können mit ihren ganz eigenen guten Erinnerungen an Spiele in Wolfsburg kontern.

Sieben Spiele in 22 Tagen, das klang schlimmer, als es war. Ein paar Urlaubstage sind bei den Fans draufgegangen, Geld gekostet hat's, klar, während die Profis zwischendrin nach dem einen und vor dem nächsten Spiel nur die Zeit für Regenerations- und Abschlusstraining hatten und seltener im eigenen Bett geschlafen haben als gewohnt, aber vor der letzten Partie der Serie, heute gegen den VfL Wolfsburg, erreichten die 05er trotz ihrer wiederkehrenden Defensivprobleme mit drei Siegen, zwei Unentschieden und der Niederlage gegen Bayer Leverkusen eine ordentliche Bilanz. Die wird positiv bleiben, egal, wer nachher in Wolfsburg gewinnt.

Der VfL ist da schon unzufriedener, zeigt eine fallende Tendenz. Die ersten beiden Spiele dieser Saison haben die Niedersachsen gewonnen - 2:1 im Pokal beim Drittligisten FSV Frankfurt, 2:0 in der Liga beim FC Augsburg. Wegen der Pokal-Torschützen müssen sich die 05er keine Sorgen machen: Ein Eigentor brachte die Wolfsburger in Führung und Bas Dost, der zum 2:0 traf, ist mittlerweile nach Portugal gewechselt. Auch Daniel Didavi wird heute kein Tor schießen können: Der im Sommer von der halben Liga begehrte Neuzugang aus Stuttgart ist in Bestform sicherlich einer der aufregendsten Mittelfeldspieler der Liga, aber körperlich nicht stabil. In der Summe fast drei Jahre ist Didavi seit seinem Bundesliga-Debüt am 29. August 2010 wegen diverser kleinerer und größerer Verletzungen ausgefallen, aktuell ist's ein Meniskuseinriss, der den 26-Jährigen außer Gefecht setzt. Ricardo Rodríguez, der Torjäger unter den Linksverteidigern der Bundesliga, der in Augsburg das 2:0 geschossen hat, der könnte dagegen dabei sein.

In den ersten Wolfsburger Spielen nach der September-Länderspielpause traf gar keiner: 0:0 gegen den überlegenen und chancenreicheren 1. FC Köln, 0:0 bei der TSG Hoffenheim - dort war für den VfL mehr drin. Ebenso im Heimspiel gegen Borussia Dortmund: 1:5 gingen die Wolfsburger gegen den ungeheuer effektiven BVB unter, es war ein Ergebnis, das der Spielverlauf eigentlich nicht hergab. Nach dem frühen 2:0 der Dortmunder traf Didavi in der 53. Minute zum längst überfälligen Anschluss, das Tor des überragenden BVB-Torwart Roman Bürki hatte in Phasen unter Dauerbeschuss gestanden. Und die Dortmunder schlugen direkt zurück, trafen binnen neun Minuten nach dem 1:2 zwei Mal. Abwehr- und Abschlussschwächen des Gegners gaben ihnen einen viel zu klaren Auswärtssieg.

Und dann kam Werder Bremen nach Wolfsburg und zeigte, eine Woche vorher gut aufgepasst zu haben. Das Spiel insgesamt war keine Kopie der Bremer Partie gegen Mainz 05, weil die Führung der Gastgeber viel später kam. Gegen Mainz hatte Werder schon in der ersten Viertelstunde getroffen, den VfL brachte der Bremer Linksverteidiger erst in der 69. Minute mit einem Eigentor in Führung. Die Schlussphase aber, die hatten die Bremer gerade erst erlebt: Ausgleich in der 86. Minute, damals Yunus Malli, nun Lennart Thy. Siegtor in der Nachspielzeit, damals Pablo de Blasis, nun Theo Gebre Selassie. Gegen die 05er hatten die Bremer im fünften Saisonspiel (inklusive DFB-Pokal) kurz vorm ersten Sieg gestanden und die fünfte Niederlage kassiert. In Wolfsburg gewannen sie auf die gleiche Weise.

In der Bundesliga-Geschichtsschreibung stehen Adam Szalais Haken gegen Simon Kjaer und das 4:3 in Wolfsburg ganz oben neben Michael Thurks Siegtor gegen Schalke, Manuel Friedrichs Rettungsgrätsche gegen Freiburg und "weißte noch, damals in Bochum mit dem Comic?" - in letzter Zeit werden solch ikonische Szenen aber auch in den Köpfen des Mainzer Publikums seltener. Foto: imagoDer VfL will dem Trend mit Nostalgie entgegenwirken. Weil er vor 20 Jahren mit einem Sieg gegen die 05er aufgestiegen ist, steigt nun, gegen den gleichen Gegner, ein knappes Jahr zu früh seine 20-Jahre-Bundesliga-Feier. Aber Nostalgie ist gefährlich, Heimspiele gegen die 05er waren für die Wolfsburger nicht oft so erfreulich wie damals, im Juni 1997. Das wilde 4:3 im ersten Bundesliga-Auftritt der Mainzer beim VfL, das dürfte ihnen noch gefallen haben, mit den vier Toren von Martin Petrow gegen die allerdings in diesen 90 Minuten von unglücklichen Verletzungen und merkwürdigen Elfmeterpfiffen arg gebeutelten 05er. Aber in den zehn Partien beider Klubs in der Wolfsburger Arena gab es auch ein 3:0 und ein 2:0 für Mainz, ein 3:3 und ein 2:2 jeweils nach 0:2-Rückstand, im vergangenen Jahr das 1:1, mit dem die verblüffend genügsamen Wolfsburger die Europapokal-Teilnahme verspielten, und als einen der Höhepunkte Mainzer Bundesligajahre jenes legendäre 4:3 nach 0:3 vor sechs Jahren.

Aber der VfL muss sich der Belanglosigkeit, die sich immer wieder einzuschleichen versucht, entziehen. Trotz des Meistertitels vor sieben Jahren und der Vizemeisterschaft 2015 und trotz der wirtschaftlichen Möglichkeiten sind die Wolfsburger sportlich immer noch keine Großmacht, sie richten sich, wie jenes 1:1 plakativ zeigte, immer wieder zu bereitwillig ein im bedeutungslosen Mittelfeld, mal mehr, mal weniger ignoriert vom Publikum. Der verkniffene, verbissene, vielleicht zu technokratische Fachmann Dieter Hecking könnte schon abgenutzt sein, glücklich waren die Wolfsburger eigentlich ohnehin nur mit Felix Magath, und das will etwas heißen. Glücklich werden sie, wenn sie der eine oder andere Ausnahmespieler aus dem gehobenen Mittelmaß herausreißt. Andres d'Alessandro, einst einer der teuersten Bundesligaspieler, Stefan Effenberg, Nicklas Bendtner haben das nicht geschafft, haben das Glamouröse, das sie nach Wolfsburg bringen sollten, nicht mit der nötigen sportlichen Leistung unterstrichen. Grafite und Edin Dzeko, ergänzt durch Zvjezdan Misimovic, waren so ein Sturmduo, das gepasst hat. André Schürrle und Julian Draxler sollten die Rolle spielen; Schürrle hat's nach gewisser Anlaufzeit geschafft, wurde aber nie so recht akzeptiert, Draxler will nach einem Jahr beim VfL nur noch weg. Didavi könnte passen, wenn er mal längere Zeit am Stück gesund wäre, der Nationalmannschafts-Mittelstürmer Mario Gómez soll jetzt passen, ist noch nicht so recht angekommen in Wolfsburg, vielleicht wird auch er nie ankommen, vielleicht ist es aber auch nur eine Frage der Zeit.

Das Zeug zu einer guten Saison müsste der VfL Wolfsburg eigentlich haben: Das junge Mittelfeldzentrum mit Yannick Gerhardt, dem Neuzugang aus Köln, mit Max Arnold, dem Chef der U21-Nationalmannschaft und mit Julian Draxler sollte in der Bundesliga eigentlich auch ohne die verletzten Didavi, Joshua Guilavogui und Luiz Gustavo zu den besseren gehören. Der schnelle Daniel Caligiuri, der erfahrene Jakub Blaszczykowski, der dynamische Bruno Henrique und der Nationalmannschafts-Mittelstürmer Mario Gómez bilden um Draxler und Didavi herum eine qualifizierte Offensive. In der Abwehr passt es zuletzt nicht ganz, da könnte es heute ein paar Änderungen geben: Philipp Wollscheid, der vor zwei Jahren nicht zu den 05ern gepasst hatte und nun von Stoke City zurück in die Bundesliga gekommen ist, dürfte seinen Stammplatz in der Innenverteidigung erst einmal verloren haben. Daneben ist der für angeblich gewaltige 15 Millionen aus Eindhoven verpflichtete Ex-Hamburger Jeffrey Bruma dagegen schon als Führungsspieler angekommen. Links hat der Nachwuchsspieler Jannes Horn zuletzt Rodríguez aus der Mannschaft gedrängt. Mit Rechtsverteidiger Christian Träsch oder Vieirinha muss sich nun eine Abwehr bilden, die der starken Mainzer Offensive standhalten kann.

► Alle Artikel zum Spiel beim VfL Wolfsburg

► Zur Startseite