Ein Fiasko ohne Ansage

Christian Karn. Brüssel.
Abzusehen war's überhaupt nicht, auch zur Halbzeit noch nicht, dass der FSV Mainz 05 beim RSC Anderlecht derart untergehen würde. Trotzdem gab es für die 05er in Brüssel eine 1:6-Klatsche, die höchste Niederlage seit zehn Jahren. Drei Mainzer Abwehrfehler gaben dem defensiv durchaus verwundbaren belgischen Rekordmeister in der ersten Stunde die Vorlagen zur 3:1-Führung, in die sich die Mainzer lange nicht fügen wollten. Eine Mischung aus Müdigkeit, Auflösung der Verteidigung zwecks bedingungsloser Offensive, Desillusion und dem gewohnt absurden Elfmeter führte erst in der Nachspielzeit ins deutlich zu hohe Fiasko.

RSC Anderlecht - FSV Mainz 05 6:1 (2:1)

Donnerstag, 3. November 2016, 13.375 Zuschauer.

RSC Anderlecht: Roef - Sowah Adjei, Mbodji, Deschacht, Acheampong - Chipciu (56. Capel), Dendoncker, Tielemans (89. Bruno), Hanni - Stanciu (67. Badji), Teodorczyk.
Reserve: Boeckx, Nuytinck, Obradovic, Kabasele. Trainer: Weiler.

FSV Mainz 05: Lössl - Donati (79. Öztunali), Bell, Balogun, Brosinski - Serdar (67. Jairo), Gbamin - Onisiwo, Malli, de Blasis - Córdoba.
Reserve: Huth, Ramalho, Bussmann, Bungert, Hack. Trainer: Schmidt.

Schiedsrichter: Ekberg (Schweden).

Tore: 1:0 Stanciu (9., Chipciu), 1:1 de Blasis (15., nach Querschläger), 2:1 Stanciu (40., Chipciu), 3:1 Tielemans (62., nach schlechter Abwehr), 4:1 Teodorczyk (89., Capel), 5:1 Bruno (90+2., Hanni), 6:1 Teodorczyk (90+4., Elfmeter).

Gelbe Karten: Acheampong - Bell, Donati.

3.660 Tage ist es her, dass Mainz 05 am Bruchweg 1:6 von Werder Bremen vermöbelt wurde. Der RSC Anderlecht hat den Höchste-Niederlage-seit-Menschengedenken-Zähler nun wieder auf 0 gesetzt. Das 1:6 (1:2) beim belgischen Rekordmeister, das freilich etliche Tore zu hoch ausgefallen ist, ist noch nicht mal das Ende der Europapokal-Hoffnungen der 05er, selbst ein hohes Unentschieden in Saint-Étienne (von 2:2 aufwärts) würde die Tür in die K.o.-Runde wieder aufreißen. Die dringende Frage ist, wie die 05er mental mit dem Fiasko umgehen.

Das ist die Frage, die es verbietet, mit dem Ergebnis so umzugehen, wie es naheliegend wäre, nicht ein 1:6, sondern ein 1:3 zu analysieren und die drei Gegentore ab der 89. Minute als Anomalie abzutun. Im Grunde sind sie eine. Im Grunde haben sich die 05er auch nach dem dritten Gegentreffer (62.) nicht in die Niederlage gefügt, haben sie bis in die 88. Minute noch viel dafür getan, ins Spiel zurückzukommen. Erst mit dem 1:4 kapitulierte die gestresste, müde Mannschaft.

Seine Gefährlichkeit hatte der belgische Rekordmeister früh angedeutet, die 05er wiederum ihre Konzentrationsprobleme noch früher. Schon nach 15 Sekunden gab es ein Abstimmungsproblem zwischen Stefan Bell und Jonas Lössl, das der Verteidiger aber regelte. In der dritten Minute spielte aber Niculae Stanciu den ersten großen Pass auf seinen Landsmann Alexandru Chipciu, der auf diese Weise nicht durch die Abwehr hätte flutschen dürfen. Daniel Brosinski drängelte den Rumänen vom Tor weg, darum traf dieser nur das Außennetz.

Vielleicht war es ein Weckruf für die Mainzer, denn die legten jetzt los. Brosinskis Flanke von der Grundlinie wehrten die Belgier ab (4.), das nahezu sichere Tor von Pablo de Blasis verhinderte eine haarscharfe Abseitsentscheidung gegen Giulio Donati (6.), Anderlechts Verteidiger Kara Mbodji schlug den Ball nach einer Flanke von Karim Onisiwo mutig am eigenen Tor vorbei, Jhon Córdobas Kopfball nach der folgenden Ecke verfehlte das offene lange Eck um einen halben Meter (8.). Suat Serdars Schuss wurde geblockt (12.), Onisiwo schoss nach einem Fehler von Mbodji knapp übers Tor (13.), und in der 15. Minute schoss de Blasis das längst überfällige Mainzer Tor.

Emmanuel Sowah war's, dem nach Brosinskis Einwurf ein Klärungsversuch daneben ging. Der Ball rutschte dem Rechtsverteidiger über den Kopf und de Blasis genau vor die Füße. Uns Mbodji fälschte den Schuss des Argentiniers weit genug ab, dass der Torwart zwar noch die Hand an den Ball, nicht aber den Ball vom Tor weg bekam. Die 05er blieben in der Offensive, Serdars Versuch, einen Barca-Pass zu spielen, wurde abgefangen (18.), Onisiwos Distanzschuss ging vorbei (20.). Anderlecht war verwundbar.

Die 05er jedoch auch, daher war de Blasis' Tor nicht die Führung, sondern der Ausgleich. Mitten ins Mainzer Powerplay hinein hatte Stanciu das 1:0 geschossen. Es war ein richtig fieses Tor: Der Rumäne war an Brosinski vorbei gekommen, hatte aus spitzem Winkel und mehr als 20 Metern einen flachen Flatterball abgefeuert, der genau ins kurze Eck passte. Jonas Lössl - wie wahrscheinlich jeder andere Torwart dieser Welt - hatte nie im Leben mit so etwas gerechnet, das Tor einen Schritt offen gelassen, um bei einer Flanke nicht das lange Eck preiszugeben, und kam nicht rechtzeitig hinunter.

Aber die 05er hatten ja ihren Ausgleich, und aus der kurzen Druckphase der Belgier nach der 20. Minute mit einem verunglückten Schuss von Stanciu und einem gefährlichen Pass von Sowah, den die Verteidiger zwar nicht erwartet hatten, der Empfänger Lukasz Teodorczyk allerdings auch nicht - aus dieser Druckphase kamen die 05er heraus, indem sie ein bisschen vom Gas gingen, ruhiger spielten, ein bisschen hinten herum, ein bisschen im Dreieck zwischen Innenverteidigern und Torwart den Ball bewegten. Sie hatten immer noch das Spiel unter Kontrolle, sie ärgerten sich über das unnötige Gegentor, aber das war ja schon repariert.

Ihre Überlegenheit entwerteten die 05er jedoch durch das Versäumnis, irgendwann wirklich mal in Führung zu gehen. Brosinskis Pass war zu lang für Malli (30.), Stefan Bells Kopfball verfehlte das Tor (35.), Córdoba bekam den erhofften Elfmeter nicht (36.) und verpasste erst mit seiner Flanke Onisiwo (38.), dann mit einem verrutschten Schuss das kurze Eck (40.).

Zu verteidigen gab es nicht viel in der ersten Hälfte. Aber wenn mal etwas kam, verteidigten die 05er schlecht. Nur dadurch konnte der RSC Anderlecht in der 40. Minute wieder in Führung gehen. Los ging das mit einem Ballverlust an der Mittellinie. Mit drei Pässen kamen die Gastgeber auf ihrer rechten Seite an den Strafraum und bei Chipcius Querpass waren zwar einige Verteidiger am Fünfmeterraum, aber keiner bei Stanciu, der an der Strafraumgrenze allen Platz hatte, den er brauchte für einen technisch guten Schuss ins lange Eck. Gegen einen Gegner, der bis dahin kein bisschen unschlagbar gewirkt hatte, gingen die 05er so mit einem knappen Rückstand in die Halbzeit und mit der offenen Frage: Haben sie die Mittel, um das Spiel zu drehen?

Was sie schon vorher nicht hatten, war der kultivierte Ballbesitz, um den es Thomas Tuchel seinerzeit immer gegangen ist. Sie waren in der Rolle, das Spiel machen zu müssen, die überließ ihnen der RSC Anderlecht einfach. Und angesichts des schlechten Defensivverhaltens der Belgier hätte man das "leichtfertig" nennen müssen, wenn der RSC nicht genau gewusst hätte: Die auf Umschaltspiel getrimmte Mainzer Mannschaft kann mit zu viel Ballbesitz wenig anfangen. Auch in Brüssel hatten sie keine automatischen Abläufe nicht im Repertoire. Das sah man. Zu viel Improvisation war dabei, die Möglichkeiten, die Anderlecht ihnen bot, nahmen die 05er nicht gut an.

Die letzte Chance zum Ausgleich war daher aus dem Zufall geboren. Der Innenverteidiger Olivier Deschacht verlor einen Ball weit in der eigenen Hälfte, über zwei Pässe kam de Blasis nur leicht bedrängt vors Tor, aber der Argentinier brauchte zu lange, um die Füße zu sortieren, ließ den Torwart zu nahe herankommen. Chance vorbei (51.). Direkt vorher hatte Lössl noch gegen Chipciu das 1:3 verhindert; die Balleroberung von Stanciu, der aus kurzer Entfernung einen Freistoß von Donati abblockte, war natürlich klar illegal. Der Italiener regte sich so sehr auf, dass er Gelb sah; auf die Provokationen der Belgier in der verbleibenden Zeit bis zu seiner Auswechslung ließ sich Donati nicht allzu sehr ein, aber ein bisschen Konzentration ging dabei verloren.

Und mit mehr Konzentration wäre das 1:3 womöglich nicht gefallen. Balogun hatte einen Querschläger im Strafraum produziert, Donati war am Ball, schlug ihn exakt Youri Tielemans vor die Füße. Dessen Fernschuss drehte sich schick um den Torwart herum ins lange Eck (63.).

Diego Capel hat geflankt, Lukasz Teodorczyk köpft das 4:1. Und den 05ern bricht das Kämpferherz. Foto: imagoDas Ende der Hoffnungen? Lange nicht. Jetzt gab es eine Offensive, gab es Szenen, gab es endlich wieder ein paar aus eigener Kraft herausgespielte Angriffe. Córdoba hätte nach einer feinen Vorbereitung von Jairo Samperio zum Anschluss treffen können, der Torwart antizipierte den Zwei-Meter-Schuss, sprang aus gut Glück hinüber, hielt den Ball sogar fest (72.). Auch Onisiwo wollte einen Elfmeter, der Schauplatz seines Zweikampfs lag jedoch knapp außerhalb des Strafraums (74.). Córdoba hatte in der 84. Minute noch eine Szene, Anderlechst Außenstürmer Soufiane Hanni kam knapp am Eigentor vorbei (88.) - die 05er waren kaum zwingend, aber sie versuchten es tapfer, das Ergebnis nochmal umzuwerfen.

Bis das 1:4 fiel, das erste Tor der Belgier, an dem die Abwehr nicht erheblich beteiligt war. Das obligatorische Teodorczyk-Tor, das Lössl in der 78. Minute nach Bells Ballverlust noch verhindert hatte. Der polnische Torjäger löste sich beim Eckball gut von Balogun, hatte den Platz, den er brauchte, machte seinen Treffer in der 89. Minute. Und damit war's vorbei, damit brachen die 05er zusammen. Die Abwehr war sowieso nur noch rudimentär vorhanden, teils ausgewechselt, teils platt, komplett desillusioniert. In der 92. Minute stand Lössl alleine gegen zwei Mann im Strafraum, blockte gegen Hanni, aber ehe der Torwart wieder auf den Beinen war, hatte der Algerier den Ball schon wieder hinübergespitzelt zu Massimo Bruno - 5:1 (92.). Der gewohnt absurde Handelfmeter - diesmal war Stefan Bell angeschossen worden - brachte noch das sechste Gegentor, das für die Tabelle kaum von Belang sein dürfte, aber noch einmal weh tat.

Die Mainzer Zuschauer - 1.291 unter den insgesamt 13.375, die wie im Europapokal üblich erst einmal den Gästeblock nicht verlassen durften - reagierten auf das Fiasko erst einmal mit Pfiffen. Aber schon als die nicht eingewechselten Reservisten zum Auslaufen auf den Rasen kamen, verabschiedeten sich die 05-Fans schon wieder versöhnlich von ihrer Mannschaft. Diesen Zuspruch werden die Spieler brauchen; ein Spiel steht am Sonntag noch an, bis es in die Länderspielpause geht.

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