Ein Freundschaftsspiel

Jörg Schneider/Christian Karn. San Pedro Alcántara.
Im zweiten Spiel des diesjährigen Wintertrainingslagers haben sich die Profis des FSV Mainz 05 für die 0:3-Schlappe am Vortag gegen Standard Lüttich rehabilitiert und den Club Brügge 2:0 (1:0) geschlagen. Der belgische Tabellendritte wiederum tat viel für das Image des dortigen Fußballs; ganz anders als die übertrieben hitzigen Landsleute am Samstag trugen die Blauschwarzen ihren Teil dazu bei, dass es diesmal wirklich ein Freundschaftsspiel wurde, umkämpft zwar, aber friedlich.

FSV Mainz 05 - Club Brügge 2:0 (1:0)

Sonntag, 10. Januar 2015.

FSV Mainz 05: Curci - Sereno, Balogun, Bussmann, Bengtsson - Frei - Clemens, Moritz, Serdar, de Blasis - Niederlechner.
ab 63. Minute: Curci (81. Huth) - Brosinski, Bell, Hack, Bussmann - Baumgartlinger, Latza - Jairo, Malli, Muto - Córdoba.

Club Brügge: Butelle (46. Bruzzese) - Cools, Engels (46. Mechele), Denswil, Bolingoli - Agu (65. Simons), Claudemir - Refaelov (65. Coopman), Vormer (46. Vananken), Izquierdo (61. Dierckx) - Diaby (46. Vossen).

Tore: 1:0 Clemens (7., Niederlechner), 2:0 Latza (90., Córdoba).

Standard Lüttich mag gestern seinen Ruf in Mainz ruiniert haben mit dem undisziplinierten Auftritt im Testspiel gegen Mainz 05; einen Tag später stellte der Club Brügge sicher, dass nicht das Image ganzen belgischen Fußballs leidet. Die zweite Partie der 05er im Trainingslager kann man durchaus ein Freundschaftsspiel nennen; schon umkämpft, aber friedlich. Zwar wurde es durch die erneut schlechte Schiedsrichterleistung zehn Minuten vor Schluss kurzzeitig hitzig, aber der spürbar genervte belgische Zehner Hans Vanaken beruhigte sich schnell von alleine.

Die 05er spielten diesmal von Beginn an mit der zweiten Elf vom Vortag. Einzige Ausnahme: Nicht Jannik Huth, sondern Gianluca Curci stand im Tor. Der Italiener war ein aufmerksamer, aktiver Keeper, stark im Duell um den Ball, aber nicht ohne Risiko. "Ich glaube, man hätte heute einen Elfmeter gegen uns pfeifen können", sagte 05-Trainer Martin Schmidt; tatsächlich hätte der Schiedsrichter in der 14. Minute auf Notbremse entscheiden können, als die Abwehr schlecht gegen einen Flugball stand, den israelischen Nationalspieler Lior Refaelov an den Ball ließ. Curci machte sich breit, der Rechtsaußen legte den Ball vorbei, blieb hängen, wollte freilich den Elfmeter, aber eine Fehlentscheidung wäre dieser nicht gewesen. Der belgische Rechtsverteidiger Dion Cools wollte nach einem feinen Solo in den Strafraum in der 53. Minute den Elfmeterpfiff dagegen etwas zu sehr, Sander Coopman wiederum hätte nach einem weiteren Duell gegen Curci den Strafstoß wiederum bekommen sollen (79.). Bereits am Samstag hatte sich jedoch schon angedeutet, dass es in Andalusien keine Elfmeter gibt. Nach jener Szene waren die Belgier schon ein bisschen schlechter gelaunt, Vanaken rempelte erst Alex Hack unnötig hart um und hebelte in seiner nächsten Aktion Julian Baumgartlinger bei dessen Zidane-Trick aus. Brutal war's nicht.

Die erste Chance der Partie hatte Brügge. José Izquierdo, selbstverständlich ein Linksaußen, setzte sich in der zweiten Minute gut gegen Henrique Sereno durch, traf aber nicht. Der Kolumbianer blieb der gefährlichste Angreifer seiner Mannschaft, hatte weitere Gelegenheiten. Als er mit einem Kollegen Leon Balogun in eine Unterzahlsituation drängte (27.). Als er im Strafraum an mehreren Mainzern vorbei dribbelte, aus acht Metern schoss, aber an Curci scheiterte, der lange stehenblieb, die Hände hochriss, den Ball über die Latte lenkte (35.). Als er Curci an der Grundlinie, ein paar Meter neben dem Tor, dreimal zum Nachfassen zwang (60.). Zwischendrin trug Izquierdo seinen Teil zum Freundschaftsspiel bei; als Christoph Moritz den Ball zum Einwurf holen wollte, auf dem glatten Beton neben dem Spielfeld ausrutschte und sich auf den Hintern setzte, war der Kolumbianer sofort da, um nachzusehen, ob auch alles in Ordnung sei. Alles war in Ordnung. 

Die zweite Chance, auch die dritte, vierte, fünfte, hatten die 05er. In schnellem Rhythmus kamen sie in den ersten Spielminuten vors Tor. Florian Niederlechner leitete mit einer Balleroberung einen ersten Konter ein (4.), Gaetan Bussmann verfehlte das Tor (5.). Die 05er waren besser als am Samstag, spielten konstruktiver, kombinierten und gingen in Führung. Niederlechner, nominell Mittelstürmer, de facto aber ein ungeheuer fleißiger Mittelfeldspieler, der Bälle forderte, bekam, verarbeitete, der auch früh zwei Abschlüsse hatte, schickte einen langen Diagonalball auf Christian Clemens. Der nahm die Kugel mit der Brust mit in den Strafraum und lupfte sie mit dem ersten Fußkontakt hoch ins lange Eck (7.).

Nach dem Fehler von Suat Serdar (rechts) und dem Zufallsquerpass von Mikel Agu (am Boden) scheint Gianluca Curci eher unkontrolliert umzufallen - aber das täuscht: Gleich holt der Italiener dem stürmischen Rechtsverteidiger Dion Cools (#21) den Ball vom Fuß. Der Ersatztorwart des FSV Mainz 05 war ein wichtiger Faktor beim 2:0 gegen den Club Brügge. Foto: imagoMit der Führung wurden die Abschlüsse jedoch schnell seltener. Brügge kam nach und nach besser ins Spiel, das die 05er dennoch vorerst gut im Griff hatten. Curci bekam mehr zu tun, nicht nur gegen Izquierdo, kam oft aus dem Tor, holte sich die Bälle vor den Stürmern, so wie in der 36. Minute, als nach einem Fehler von Suat Serdar der Mittelfeldmann Mikel Agu eher zufällig einen Querpass durch den Fünfer spielte, der Torwart aber Cools den Ball vom Fuß nahm. Der Außenverteidiger war oft weit vorne zu finden, auch sein Kollegen Boli Bolingoli von der linken Seite. Das gab Raum für Konter, den die 05er aber nicht nutzten. Pablo de Blasis war offensiv nicht drin im Spiel, Clemens und Niederlechner waren zuständig für den Angriff.

"Wir haben wieder in der neuen Ballbesitzvariante gespielt", sagte 05-Trainer Schmidt. Nämlich in einer Grundordnung, die man 4-1-4-1 oder 4-3-3 nennen mag, mit Moritz und Serdar im Zentrum vor Fabian Frei und (auf dem Papier) hinter Niederlechner sowie den Außenstürmern Clemens und de Blasis. "Diese Variabilität wollen wir in Zukunft nutzen", erklärte Schmidt, "es ist nicht schlecht, wenn wir da switchen können. Wir waren im Defensivverhalten wieder stabiler, wir hatten in allen Räumen Spieler, wir haben teilweise auch sehr gut Fußball gespielt. Das war mir wichtig."

Nach dem Massenwechsel in der 63. Minute - Bussmann rückte in der Viererkette von links innen nach links außen, Curci blieb im Tor, ansonsten kam die komplette erste Elf des Samstagsspiels auf den Platz - gab es zunächst einen Lattenfreistoß von Danny Latza (69.), dann ließ das Niveau etwas nach. Die neue Mannschaft wirkte ein bisschen müde, verlor in der Schlussphase hin und wieder die Defensivordnung. So kam Brügge, weil die linke Abwehrseite schlecht stand, in der 85. Minute zu einer guten Ausgleichschance; der eingewechselte Tuur Dierckx brachte den Ball gefährlich aufs Tor, der kurz zuvor ins Spiel gekommene Jannik Huth hielt ihn mit einem wunderbaren Reflex. Es war am Ende nicht mehr wirklich gut, was die 05er spielten, aber dennoch schossen sie das zweite Tor. Nach eine, langen Einwurf machte Jhon Córdoba den Ball im Strafraum gut fest, legte dann ab auf Latza. Dessen Flachschuss von der Strafraumlinie passte ins kurze Eck. Fünf Sekunden waren da noch auf der Uhr, eine weitere Minute wurde nachgespielt, dann stand der 2:0-Sieg fest.

"Wir wollten die Wiedergutmachung", sagte Torschütze Clemens. "Das Spiel gestern ist unglücklich gelaufen." Und der Vorbereiter Niederlechner stimmte zu: "Man hat gesehen, dass wir unbedingt das Trainingslager mit einem Sieg beenden wollten. Das ist ja nicht selbstverständlich."

"Beide Teams haben ihr Spiel mit 1:0 gewonnen", erklärte Schmidt. "Beide hatten gute Phasen, nur hintenraus war es etwas wild. Man hat gesehen, dass unser Umschaltspiel greift, wenn wir gute Balleroberungen haben. Es war aber auch ein ganz anderes Spiel gegen einen weniger aggressiven Gegner, wir waren diesmal aggressiver als gegen Lüttich. Und wir haben gesehen, dass wir das brauchen, sonst gibt es unser Spiel nicht. Mit Aggressivität sind wir besser."

Explizit lobte der Trainer Leon Balogun. "Gegen Wolfsburg hat er sehr gut gespielt, dann war er verletzt. Das war schade. Heute hat man wieder gesehen, dass wir solche Typen brauchen können. Das gilt auch für Sereno, der mir als Rechtsverteidiger sehr gut gefallen hat. Er hat das auch schon früher gespielt, ist schnell, ein giftiger Spieler. Mit solchen Typen haben wir zusätzliche Mentalität auf dem Platz."

Schmidts Fazit: "Jetzt sind alle Körper müde. Aber wir haben Grundlagen geschaffen, sehr viele Grundlagen sogar. Heute war ein gutes Testspiel, gegen Lüttich auch kein schlechtes. Meine Zufriedenheit ist groß. Wir bringen keine Verletzten mit nach Hause. Jetzt erholen wir uns zwei Tage, dann geht es am Mittwoch weiter."

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