Ein Kraftakt

Christian Karn. Bremen.
Der FSV Mainz 05 musste bei Werder Bremen mit dem Kopf durch die Wand. Die Bremer hatten zwar keine allzu große Qualität auf dem Platz, aber durch Izet Hajrovic ihr frühes Führungstor. Das verteidigten sie zunehmend konfus gegen die nach vielen Spielen in enger Taktung schon ein bisschen müde wirkenden 05er bis in die 87. Minute. Aber am Ende stand ein Auswärtssieg: Yunus Malli und Pablo de Blasis drehten die Partie zum 2:1 für Mainz; dafür hatten die 05er mit begrenzten Mitteln, aber großer Hartnäckigkeit geschuftet.

SV Werder Bremen - FSV Mainz 05 1:2 (1:0)

Mittwoch, 21. September 2016, 37.108 Zuschauer.

Werder Bremen: Drobny - Gebre Selassie, Sané, Moisander, Bauer - Fritz, Junuzovic (79. Fröde) - Hajrovic (70. U. García), Grillitsch, Gnabry - Manneh (55. Thy).
Reserve: Wiedwald, Kainz, Eggestein, Sternberg. Interimstrainer: Nouri.

FSV Mainz 05: Lössl - Donati, Balogun, Bungert (75. Muto), Bussmann - Brosinski, Frei (82. Holtmann) - Öztunali (64. de Blasis), Malli, Clemens - Córdoba.
Reserve: Huth, Bell, Halimi, Hack. Trainer: Schmidt.

Schiedsrichter: Stark (Ergolding).

Tore: 1:0 Hajrovic (12., nach Solo), 1:1 Malli (87., Córdoba), 1:2 de Blasis (90+2., Holtmann).

Gelbe Karten: Manneh, Grillitsch - Frei, de Blasis.

Besonderes: Innenraumverweis gegen Nouri wegen wiederholter Unsportlichkeit (89.).

Mit einem beeindruckenden Kraftakt hat der FSV Mainz 05 beim SV Werder Bremen einen frühen Rückstand spät ausgeglichen, noch später das Auswärtsspiel tatsächlich 2:1 gewonnen. Man sah den 05ern das harte Programm der letzten Tage an, die vielen Spiele in schneller Folge. Der Tank war einfach nicht randvoll, es ging nicht so schnell wie sonst, und vielleicht war der Tabellenletzte doch der richtige Gegner für die Situation. Die Bremer fingen druckvoll an, hatten in der zwölften Minute ihr 1:0, verloren aber den Schwung, verloren den Faden, verloren gegen die allen Mühen zum Trotz konsequent schuftenden 05er in der Nachspielzeit auch das letzte Pünktchen durch Pablo de Blasis' Kopfballtor.

Die Rotation bei den 05ern ging in Bremen ungebremst weiter, teils gezwungenermaßen: Durch die Rotsperre von José Rodríguez, die bekannten Verletzungen von Danny Latza und André Ramalho sowie die kurzfristigen Ausfälle von Jean-Philippe Gbamin und Suat Serdar fehlten nicht weniger als fünf defensive Mittelfeldspieler. Übrig blieb neben Fabian Frei nur der völlig unerfahrene Besar Halimi, der aber auf der Bank saß; Daniel Brosinski, zuletzt Linksverteidiger, rückte ins Mittelfeldzentrum, Gaetan Bussmann kam nach abgesessener Sperre zurück auf die linke Abwehrseite. Außerdem spielten Niko Bungert anstelle von Stefan Bell und Christian Clemens für Karim Onsiwo. Der Bremer Interimstrainer Alexander Nouri wiederum brachte einen Debütanten aus der U23 mit: Mittelstürmer Ousmane Manneh. Der Trainer und der 2014 als 17-Jähriger als Flüchtling nach Bremen gekommene Stürmer aus Gambia hatte vor wenigen Tagen noch das Drittligaspiel gegen den 05-Nachwuchs 2:1 gewonnen; vor einem Jahr hatte er im Duell der U23-Teams Rot gesehen. Irgendjemand musste halt auch bei den Bremern die freie Position besetzen; den Norddeutschen fehlten mit Max Kruse, Claudio Pizarro und Aron Johansson drei Stürmer.

Manneh hatte in der vierten Minute seine erste Torchance, sie sah größer aus, als sie war. Der Debütant kam an eine kurze Flanke von Izet Hajrovic, hatte aber Lössl direkt vor sich; das Tor war abgedeckt. Sein zweiter Versuch in der sechsten Minute war aussichtsloser und harmloser. Grundsätzlich hatten die 05er ihre Mühe in den ersten Minuten, die Bremer wirkten hoch motiviert, machten Dampf, gingen in Führung durch einen harten Linksschuss von Hajrovic aus gut 20 Metern (12.). Der Bosnier hatte den Ball nahe der Mittellinie haarscharf vor Bussmann erwischt, Brosinski konnte seinen Sturmlauf nicht mehr abfangen.

Ein so früher Rückstand, das war mal was neues für die 05er in dieser Saison, und fast hätte es den frühen Ausgleich gegeben. In der 14. Minute stocherten Jhon Córdoba und Yunus Malli nach einem Eckball, sie kamen aber nicht richtig dran. Nach dem nächsten Eckstoß wagte Bussmann einen schwierigen Drehschuss von rechts und verfehlte das Tor (19.). Die erste große 05-Chance hatte Levin Öztunali durch Zufall. Der Ex-Bremer war deutlich im Abseits vor seinem Schuss übers Tor in der 27. Minute, aber der Treffer hätte gezählt und zu Recht gezählt: Nicht Jhon Córdoba, sondern der Werder-Verteidiger Niklas Moisander hatte den Ball auf den Rechtsaußen verlängert.

Der Anfangsschwung der Bremer war längst vorbei, aber sie hatten ihre Führung, während die Mainzer müde wirkten, nicht richtig auf Tempo kamen, inzwischen in Überzahl hätten sein dürfen: Schiedsrichter Wolfgang Stark ließ Manneh nach seinem Schlag in Giulio Donatis Gesicht leben und zeigte nur Gelb (24.), das schon eine zumindest grenzwertige Entscheidung, nur eine Minute später hatte auch Brosinski die Hand des langen, dünnen und in allen Räumen gleichzeitig spielenden Stürmers im Gesicht, später auch Leon Balogun.

Grundsätzlich war es ein zerrissenes, ständig unterbrochenes Spiel. Freistöße gab es am laufenden Band, Stark war vor allem bei Offensivvergehen sehr kleinlich, zu kleinlich, immerhin auf beiden Seiten. Aber es sah nicht so aus, als seien die 05er chancenlos. Zwar fehlten weiterhin die guten Abschlüsse, zwar gab es nicht viele zusammenhängende Angriffe, und sicherlich überließ Werder dem Gegner viel Platz, aber die 05er bekamen die Partie besser unter Kontrolle. Donati hatte in der 40. Minute vor dem Strafraum einen interessanten Ball auf dem Fuß, entschied sich aber für einen zu komplizierten Pass, seine Flanke auf Córdoba in der 44. Minute wurde abgefälscht und unerreichbar. Die vielen Eckbälle waren ungefährlich. Es waren Ansätze, mehr nicht. Mit ein bisschen mehr Präzision vielleicht... und in der Nachspielzeit der ersten Hälfte machte Stark alles richtig, verwarnte nicht Donati, der den Bremer Notfalltrainer unhöflich angegangen war, sondern drohte Nouri mit dem Innenraumverweis; es gehört sich halt auch nicht, dem Gegenspieler vorm Einwurf den Ball zu verstecken.

In der zweiten Hälfte kamen die 05er besser nach vorne. Brosinski kam an drei Mann vorbei und schoss aber am Tor vorbei (50.), Hajrovics zweiter Fernschuss auf der anderen Seite war nichts Besonderes (52.). Und Fabian Frei hatte nach einer blitzschnellen Kombination die dicke Ausgleichschance, schoss zu schwach, Torwart Jaroslav Drobny - längst Zeitspieler - klärte mit einer bizarren Fußabwehr zur nächsten Ecke. Die ging verloren, der Konter lief, die 05er bekamen ihn mit Mühe kaputt (54., 56.). Christian Clemens hatte in der 57. Minute unendlich viel Platz, schoss besser als Frei, aber nicht platziert genug auf den Winkel, Drobny erwischte den Ball. Die 05er waren weit weg von ihrer Topform, das sah man, aber sie mühten sich redlich, das Spiel an sich zu reißen, sie bekamen die Kontrolle im Mittelfeld, sie erhöhten den Druck, sie hatten längst nicht alle ihre Mittel beisammen, sie waren längst nicht so frisch, wie sie in der Bundesliga sein müssen, aber sie taten, was sie konnten - hätte aber in der 59. Minute Bussmann Rot wegen Notbremse an Hajrovic gesehen, wäre es berechtigter gewesen als gegen Hoffenheim, und hätte Stark nicht "war gar nichts" entschieden, hätten die 05er wohl in dem Moment einpacken und nach Hause fahren können.

Aber sie blieben zu elft. Hatten wieder einen Torschuss, Clemens in der 62. Minute, bedingt aussichtsreich, übers Tor. Und den von Córdoba! Dicker Fehler in der Bremer Abwehr, Córdoba war zentral frei durch, Drobny hielt! Konter, kein Abseits, Hajrovic zentral frei durch, Lössl hielt auch! Beides in der 63. Minute. Durchatmen. Auswechslung. Pablo de Blasis für Öztunali, der keine so große Wirkung hatte, dem eine Erholungspause wohl auch mal gut täte in diesen anstrengenden Wochen. "Er wird von der Belastung nicht dreimal hintereinander spielen können", hatte Martin Schmidt schon vorher angesagt, gegen Leverkusen, seinen nächsten Ex-Verein, wird der 20-Jährige wohl nicht in der Startelf sein.

Mit Wucht und der Brechstange mussten die 05er Werder Bremen mürbe spielen - am Ende stand ein hart erarbeiteter Auswärtssieg. Nicht in dieser, aber in einer vergleichbaren Aktion bereitete Jhon Córdoba den späten Ausgleich vor. Foto: imagoAber da ging's schon wieder weiter, schnickte de Blasis einen feinen Lupfer quer über die Abwehr, hätte Bussmann den Ball wohl besser nicht volley genommen. Der Schuss ging weit drüber, ein bisschen Zeit hätte der Franzose wohl gehabt (66.). Córdoba spielte auf Clemens, der sich im Strafraum verlief (67.) - Eckball. Der elfte für die 05er. Wieder nichts. Es war kein Sturmlauf, es war kein Spiel auf ein Tor, es war keine Dauerbelagerung, aber es war nicht aussichtslos. Die Bremer hatten längst den Faden verloren, wurden, wenn sie mal gefährlich wurden, dann durch Zufall gefährlich, waren hinten halbwegs durchlässig, aber auch sie kämpften redlich, wenn auch fast nur destruktiv, ums Ergebnis. Was sonst blieb ihnen übrig?

Schmidt wechselte nochmal, wechselte ungewohnt offensiv, brachte den Stürmer Yoshinori Muto für den Innenverteidiger Bungert - Frei übernahm ganz hinten. Das Spiel änderte sich nicht. Bremen verschleppte, behinderte und kam kaum in Konter (Zlatko Junuzovic schoss einen übers Tor, 79.), Mainz drückte und versuchte und bemühte sich und hatte nicht die volle Kraft. Den Stürmerfoul-Pfiff gab's weiterhin bei jeder Gelegenheit, häufiger vor dem Bremer Tor, aber das lag nur daran, dass es vor dem Mainzer Tor gar keine Szenen gab.

Dritter, letzter Wechsel von Schmidt, wieder offensiv. Frei ganz raus, Gerrit Holtmann, noch ein Ex-Bremer, noch ein Debütant kam. Eine Hoffenheim-Taktik, wenn man so will, für die letzten zehn Minuten. Holtmanns erste Bundesliga-Aktion: Eine Flanke in Drobnys Arme. Aber ein Tor brauchten die 05er ja nur fürs Unentschieden, und ein Unentschieden wäre ja in der Situation kein schlechtes Ergebnis. Die Bremer hatten alle Zeit der Welt, machten, so gut es ging, alles mögliche, außer Fußball zu spielen. Donati flankte hinters Tor (86.), Drobny brauchte immer länger für seine Abstöße - und Malli schoss das Tor! Ausgleich in der 87. Minute. Als Drobny sich doch endlich vom Ball trennte, kam der direkt wieder zurück an den Strafraum, Córdoba legte ihn im Kopfballduell zur rechten Seite hinaus auf den Zehner, der traf ins lange Eck. Das Tor war erarbeitet, es war verdient. Stark pfiff den 05ern einen möglicherweise interessanten Vorteil weg, um Florian Grillitsch Gelb zu zeigen, der hatte sich ein Handspiel von Balogun ausgedacht und den Linienrichter angegangen. In Folge der Karte räumte Stark auch die Bremer Bank ein bisschen auf, schickte zwei Mann weg, darunter den Einwechseltrainer Nouri. Hektisch war's nach dem Ausgleich, chaotisch.

Und auch der nächste Abschluss kam von den Mainzern. Brosinski schoss, Drobny hielt und schlug diesmal sofort ab, gerade erst hatten die drei Nachspielminuten begonnen. Muto stand abseits (91.), Lössl holte sich eine abgefälschte Flanke (92.) - und de Blasis holte sich eine Gelbe Karte, die ihm gar nicht wehtat. 93. Minute - fürs Trikot ausziehen. Fürs Siegtor. Für den Kopfball, der am kurzen Pfosten Drobny ins Gesicht und ins Netz flog, nach der zweiten Flanke von Holtmann. Es war Schwerstarbeit für die 05er, es war ein Spiel unter schwersten Bedingungen. Sie haben sie gemeistert - aber sie haben nicht mal 72 Stunden, bis es gegen Bayer Leverkusen gerade wieder von vorne losgeht.

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