„Ein Totalversagen aller Mannschaftsteile“

Jörg Schneider. Sinsheim.
Das gute Gefühl durch die beiden Punktgewinne zu Hause haben sich die Profis des FSV Mainz 05 mit einem Schlag selbst zerstört und sich durch diese deftige 0:4-Pleite bei der TSG Hoffenheim in eine komplizierte Situation gebracht. Eine bittere Klatsche, die nicht wegzureden sei, betonte der Trainer nachher. Seit zig Wochen ohne Stürmertor trotz aktueller Bestbesetzung. Wieder „ein Totalversagen aller Mannschaftsteile“, wie der Coach die Situation beim frühen Gegentor bezeichnete. Ein Rückfall in schlechte Vorrundenzeiten. Da muss Martin Schmidt mit seinem Team vor den beiden anstehenden Heimspielen dringend über die Bücher gehen, um den Abwärtstrend aufzuhalten.

Den Gegner loben nach einem Erfolg, ist ein probates Mittel, um die eigene Leistung deutlich herauszustellen. Julian Nagelsmann lobte den Gegner nach seinem deutlichen 4:0-Heimsieg gegen den FSV Mainz 05 vor 26.078 Zuschauern in der Rhein-Neckar-Arena fast schon zu viel. Denn eine solch schlimme und hohe Pleite bedingt, dass auf der anderen Seite letztlich in den wichtigen Situationen nicht sonderlich viel gestimmt hat, auch wenn’s um die Gegentreffer herum oft ganz gefällig ausgesehen hatte. Letztlich waren es Mainzer Inkonsequenzen, Fehlverhalten und Schwachpunkte, die den Hoffenheimern diesen kapitalen Erfolg ermöglichten.

Den Aussagen des TSG-Trainers zufolge hätten die 05er mehr aus dieser Partie herausholen können und müssen. „Zu Beginn sind wir eher schwer reingekommen. Das frühe Führungstor hat uns gut getan, denn es war trotzdem sehr kompliziert Chancen rauszuspielen“, sagte der Coach. „Meine Mannschaft hatte aber wohl das Hinspiel noch im Kopf und wie kontergefährlich Mainz ist. Sie haben sehr viel Personal in der eigenen Hälfte, verteidigen stark und dann ist es sehr gut, wie sie es machen. Da wollten wir nicht ins offene Messer laufen“, sagte Nagelsmann. „Mainz hatte gute Situationen in der ersten Halbzeit, die vor allen Dingen Benni Hübner in der letzten Linie überragend verteidigt hat. Zu Beginn der zweiten Halbzeit haben wir zu viele lange Bälle in der Eröffnung gespielt. In den letzten 20 Minuten waren wir aber schon sehr gut. Mainz wurde offener, das war gut für uns. Man muss aber schon sagen, dass der Gegner heute schlechter weggekommen ist, als er gespielt hat, auch wenn der Kollege sehr kritisch ist mit seinem Team. Das Spiel war nicht so klar, wie das Ergebnis.“

Jhon Cordoba (gegen Benjamin Hübner) hatte die erste gute Chance für die 05er. Der Mittelstürmer musste wegen Rotgefahr schon frühzeitig ausgewechselt werden. Foto: ImagoDiese Einschätzung wich schon relativ deutlich ab von dem, was der 05-Trainer nach der Partie empfand. „Am Ende ist es eine bittere Klatsche. Die ist nicht wegzureden“, sagte Martin Schmidt. „Wenn man positive Dinge sehen will, dann die, dass wir das Ganze bis zur 80. Minute relativ offen gehalten haben, dass wir nach dem frühen Rückstand das Spiel ausgeglichen halten konnten, in der zweiten Halbzeit sogar bessere Momente hatten. Auch, dass wir Großchancen hatten, die man braucht, die man aber rein machen müsste. Das machen wir nicht und dann geht’s in die andre Richtung. Freistoß, Tor, zweimal ausgekontert. Das ergibt dann eine 0:4-Klatsche. Die war schlussendlich so verdient, weil wir übers ganze Spiel zu brav hier aufgetreten sind. Wir waren von Anfang an zu wenig aggressiv im Spiel und in den Zweikämpfen drin.“ Schmidt kritisierte bei seinem Team die deutlich verlorene Zweikampfwertung, die komplette Körpersprache seiner Profis. „Wir waren insgesamt hier einfach zu lieb. Der Gegner hat es mehr gewollt als wir. Da müssen wir schon klare Abstriche machen. Wir haben die Konter und Chancen nicht konsequent fertig gespielt. In der  Zweikampfquote lagen wir bis zur Pause überall klar zurück. Daran merkst du, dass du zu brav bist, zu lieb mit dem Gegner  umgehst. Du reklamierst kein Foul. Du nimmst alles hin. Bei ihnen war immer direkt Theatralik drin. Bei Jhon Cordobas Aktion, die gar nichts war, haben die sofort Gelb-Rot verlangt. Brust raus und Männer sein. Das war so nicht da bei uns. Die wahren Gründe dafür zu suchen, ist schwierig so direkt nach dem Spiel. Aber es hat sich angefühlt, dass wir nicht richtig griffig waren. Und am Ende war es einfach schlecht“, fällte der 49-Jährige ein hartes Urteil.

Bereits zu Pause war es laut und emotional geworden in der Mainzer Kabine, wie Kapitän Niko Bungert hinterher bestätigte. „Ich habe versucht, das Team etwas zu provozieren, aufzuwühlen. Wir waren dann auch bemüht, haben den Gegner relativ lange weg verteidigt. Aber am Ende fahren wir kopfschüttelnd nach Hause“, sagte Schmidt. Der klare Bruch im Mainzer Spiel kam mit der Auswechslung von Cordoba. Der Mittelstürmer hatte die Gelbe Karte kassiert für eine Aktion gegen Hoffenheim-Torhüter Oliver Baumann, bei der es sich nach Ansicht aller 05er um einen normalen Pressschlag gehandelt hatte, der zu hart bestraft worden war. Als Cordoba eine Abwehraktion vor der eigenen Abwehr, in der er klar den Ball spielte, erneut gegen sich gepfiffen bekam und der Gegner den Schiri bedrängte, den Kolumbianer vom Feld zu schicken, stand der Mittelstürmer auf der Kippe. Zumal Cordobas Konto aus der ersten Hälfte mit einer dummen und unnötigen Nachtritt-Aktion belastet war, die der Profi zwar rechtzeitig abgebrochen hatte, dafür aber dennoch vom Schiri ins Gebet genommen worden war.

Platzverweis-Risiko zu groß

„Wir brauchen Jhon dringend in den nächsten beiden Spielen. Deshalb musste ich ihn runternehmen. Ich konnte das Risiko nicht eingehen, dass er vom Platz fliegt“, sagte Schmidt. „Ich habe durchgeschnauft, als er raus ist“, bekannte Nagelsmann. „Er ist ein außergewöhnlich guter Spieler. Wir haben eine Kette, die nicht ganz langsam ist. Trotzdem ist es schwer, gegen ihn Zugriff zu kriegen bei seinem hohen Tempo. Für uns war es schon besser, als er zuschauen musste.“ Und obwohl den Mainzern ohne Cordoba viel Durchsetzungs- und Durchschlagskraft vorne fehlte, hatten sie kurze Zeit später die große Ausgleichchance zum 1:1 durch Pablo De Blasis, die der kleine Argentinier vergab. Danach ging es rapide abwärts mit den 05ern. „Wir wollten das damit lösen, dass wir mehr Fußball spielen zwischen den Linien, aber es blieb bei der Absicht“, stellte der 05-Trainer ernüchtert fest.

Da zeigte auch das Bundesliga-Debüt von Bojan Krkic keinerlei Wirkung. „Wir haben dann noch auf einen Geniestreich von Bojan gehofft, dass er einen durchsteckt und wir vielleicht über die Flügel noch mal durchkommen, aber es war einfach zu wenig hinten raus und schlecht. Wir wollten Bojans Kreativität nutzen, wenn der Gegner müder wird, wollten ihn vorher nicht durch ständiges Anlaufen verschleißen. Das Spiel lief aber nicht für ihn. Wir mussten den ersten Wechsel wegen Rotgefahr vornehmen, den zweiten Wechsel wegen Verletzung von André Ramalho. Ich kann Bojan aber nicht ins defensive Mittelfeld reinstellen. Yoshi Muto wurde zunehmend müde. Da haben wir gedacht, wir versuchen es“, erklärte Schmidt.

Die ganze Partie hätte jedoch anders laufen können, wenn die Mainzer nicht wieder so früh ein solch vermeidbares und selbst verschuldetes Gegentor bekommen hätten wie schon vor einer Woche gegen den BVB. „Das war das Thema in der Vorbereitung“, sagte der Coach ärgerlich. „Genauso solche Situationen haben wir angesprochen. Da hat die Viererkette das Tempo von Kramaric nicht aufgenommen. Hinten waren wir nicht bereit. In sämtlichen Mannschafsteilen waren wir in der Situation nicht bereit. Dann geht so einer rein und du läufst schon wieder der Musik hinterher.“ Dass Sebastian Rudy solche Bälle spielen, Mark Uth die Dinger verwerten kann, das wussten die 05-Profis. Es sei klar abgesprochen gewesen, dass dies die Anlauflinie für die beiden 05-Spitzen gewesen sei, die aber nicht entsprechend reagierten. „In der Aktion war Rudy ohne Druck. Den langen Ball kann man ablaufen, unhaltbar war er auch nicht. Das war ein Totalversagen aller Mannschaftsteile in der Situation“, kritisierte der Trainer. „Und vor dem 1:0 hatten wir selbst die Großchance. Wenn Jhon aufs lange Eck knallt, ist der wahrscheinlich drin. Das ist im Moment der Unterschied. Danach hatten wir nochmal ein paar Halbchancen, da lag einiges drin. Spätestens nach der Großchance von Pablo muss es aber 1:1 stehen. Es tut weh, dass das gute Gefühl, das wir uns in den ersten beiden Spielen geholt haben, jetzt wieder kaputt ist.“

Zwei Punkte aus drei Begegnungen. Sechs Bundesliga-Auswärtsspiele hintereinander verloren. Das letzte Stürmertor beim 1:3 zu Hause gegen die Bayern erzielt am 13. Spieltag, obwohl die Offensive bestens besetzt ist. Das sind keine ermutigenden Fakten. Im Gegenteil. „Jetzt haben wir zwei Heimspiele mit Augsburg und Bremen. Was es da geschlagen hat, wissen wir alle“, sagt Schmidt. „Das sind Druckspiele. Da geht es darum, wer kann sich etwas Ruhe verschaffen und wer rutscht nach hinten? Zwei Spiele, die große Bedeutung für uns haben nach dieser Niederlage. Wir dürfen jetzt keine Hektik und Unruhe reinbringen, sondern müssen die Thematik klar ansprechen und aufzeigen. Wie können wir effizienter im letzten Drittel vorne arbeiten? Jetzt reingehen und die Hütte zusammenbrüllen, bringt nichts. Wir müssen in dieser Trainingswoche hart an uns arbeiten. Und da geht es dann nicht um Einzelne, wann die so weit sind. Wir müssen als Team bestehen.“  

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