Eine Frage der Stimmung?

Christian Karn. Mainz.
Die Laune der Bayern ist so schlecht, dass Franck Ribéry tatsächlich bei seiner letzten Auswechslung sein Trikot auf die Bank geworfen hat. Es ist ein Problem des FC Bayern München, dass selbst solche Petitessen in aller Ausführlichkeit seziert, analysiert, überhöht werden. Sie werden es nicht anders kennen, sie werden das heutige Spiel gegen den FSV Mainz 05 nicht davon abhängig machen. Dennoch ist es immer eine Frage ihrer Stimmung, wie die Bayern in ihrem Nebengeschäft Bundesliga tatsächlich antreten. Die 05er haben schon einmal von einem lustlosen Abend profitiert, sollten jedoch heute angesichts deren Niederlage gegen Hoffenheim nicht mit unmotivierten Bayern rechnen.

Die große Bandbreite dessen, was einem Torwart gegen die Bayern blühen kann, hat René Adler in der vergangenen Saison in aller Deutlichkeit erfahren. Damals noch im Trikot des Hamburger SV spielte der neue Stammtorwart des FSV Mainz 05 zweimal gegen den Dauermeister, hielt, was zu halten war, kassierte trotzdem in gut 180 Minuten neun Tore. Acht im Auswärtsspiel - bei 18 Torschüssen der Bayern. Eins im Heimspiel - bei 17 Torschüssen der Bayern. Schon beim 0:8 war Adler nicht der schlechteste Hamburger. Beim 0:1 war er der mit Abstand beste, wurde erst in der 88. Minute nicht in dem Sinne überwunden, sondern ausgespielt, womit sie wertlos war, die Weltklasse-Leistung.

Ein bisschen kommt es bei den Bayern, die in der Liga ja oft zu einer gewissen Unklarheit neigen, denen von außen gern eine Neurose mit sich selbst eingeredet wird, für die längst die Champions League der Wettbewerb ist, um den es wirklich geht, darauf an, in welcher Phase und welchem Zustand man sie erwischt. Mainz 05 hat mal gegen Ende einer schwierigen Umbruchssaison - der, in der auf einen Schlag das Wunderkind André Schürrle, der verkappte Außenstürmer Christian Fuchs, der Bandleader Lewis Holtby und monatelang der schwerverletzte Ádám Szalai ersetzt werden mussten - einen wertvollen Auswärtspunkt geholt, weil die Münchner wenige Tage nach der Niederlage im Topspiel gegen Dortmund, wenige Stunden nach dem Dortmunder Derbysieg auf Schalke keine Hoffnung mehr auf die Meisterschaft hatten, in Gedanken offenbar voll beim direkt bevorstehenden Halbfinale gegen Real Madrid waren und einfach keine Lust auf die Pflichtaufgabe in der Liga hatten. So uninspiriert hat man den Rekordmeister selten erlebt, für das 0:0 mussten die 05er weniger tun als sonst.

Auch in diesem Jahr erfüllen die Bayern die Erwartungen bisher nicht - die Frage lautet natürlich, ob die Erwartungen überhaupt realistisch sind. Vom erfolgreichsten Team Deutschlands erwartet man nicht einfach nur zwei Siege pro Woche, ist man nicht zufrieden mit einem souveränen 1:0. Man erwartet Spektakel, man erwartet drei, vier Tore pro Halbzeit, man erwartet Perfektion gegen Mannschaften, die keine Gegner mehr sind sondern Opfer. Man erwartet, dass die Bayern nicht nur die Tabelle dominieren, sondern auch jedes einzelne Spiel. Man denkt dabei womöglich an Barcelona und Real Madrid, verkennt dabei, dass a) diese auch nicht in jedem Ligaspiel ihre sechs bis acht Tore schießen, b) Robert Lewandowski immer noch kein Cristiano Ronaldo ist und Thomas Müller weiterhin kein Leo Messi, c) die Bundesligamannschaften sich weniger bereitwillig in die Pflichtniederlage fühlen wie der durchschnittliche spanische Mittelklasseverein, d) mittlerweile jeder zumindest das taktische Im-Weg-Stehen beherrscht und auch bei Pflichtniederlagen den Gegner dazu nötigt, sich (fast) jedes einzelne Tor zu erarbeiten. Eine tiefstehende Fünferkette verklebt nun mal den Strafraum. Und dann sind zwei 1:0-Siege gegen Darmstadt, ein 2:1 in Freiburg oder Bremen oder auch das 1:0 nach Dauerbeschuss gegen René Adler trotzdem die drei Punkte, die in der Summe zur Meisterschaft führen.

"Der Franck wieder...", wird sich der Ersatzspieler Marco Friedl auf der Bank denken, "...der regt sich auch wieder ab." Foto: imagoDie aktuelle Saison ist auch in den Ergebnissen bisher holprig - holprig angesichts der Ansprüche der Bayern. In den Testspielen gab es nach zwei Siegen gegen Bundesligaklubs fünf Spiele gegen internationale Spitzenvereine und neben dem 3:2 gegen Chelsea vier Niederlagen mit 0:11 Toren gegen AC und Inter Mailand, Liverpool, Neapel. In die Bundesliga starteten die Bayern mit einem 3:1 gegen Bayer Leverkusen und einem 2:0 in Bremen, ehe es schon am dritten Spieltag, damit ungewöhnlich früh, die erste Niederlage gab, das 0:2 in Hoffenheim, bei dem ein flinker Balljunge die Bayern überrumpelte. Seit der Auftaktniederlage 2011 haben die Bayern nicht mehr so früh verloren, seither waren sie zweimal ungeschlagen durch die ganze Hinrunde gekommen. Im Pokal war der Drittligist Chemnitzer FC immerhin überhaupt kein Problem, in der Champions League gab es ein angesichts der Überzahl ab der 11. Minute nicht allzu glanzvolles, aber völlig ausreichendes 3:0 gegen Anderlecht.

Sie seien schlecht gelaunt, heißt es über die Bayern. Franck Ribéry hat tatsächlich bei seiner Auswechslung im Anderlecht-Spiel sein Trikot auf die Ersatzbank gefeuert! Das wurde ausführlich seziert, analysiert und zur Staatsaffäre erhoben, die den Fortbestand des Vereins... natürlich kein bisschen gefährden wird. Worauf auch immer der nicht zum ersten Mal hochemotionale Franzose sauer war, auf seine Leistung, auf seinen Trainer, auf die Mannschaftsleistung, auf irgendetwas - verletzt wurde keiner, das Trikot mag ein Symbol für den Verein sein, ist aber am Ende doch nur ein lebloses Stück Polyester. Und Ribéry werden sie, wird sich schon wieder beruhigt haben, der Skandal, der sogenannte, ist gar keiner. Gegen Mainz 05 wird nun ein Pflichtsieg erwartet, der (sofern er zustande kommt) eine schöne Eröffnung für die englische Woche mit der ebenfalls immer überemotionalisierten Partie auf Schalke sein kann. Setzen die Bayern dagegen das zweite Bundesligaspiel nacheinander in den Sand, dann wird's erstmal laut.

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