Eine Serie wird enden

Christian Karn. Mainz.
Da der FSV Mainz 05 nicht gleichzeitig gewinnen und nicht gewinnen kann, wird am Freitag eine Serie enden: Die 05er, die aus den letzten vier Spielen nur zwei Punkte holten, empfangen den FC Augsburg, den sie seit 2012 zuhause immer und auswärts häufig geschlagen haben. Gut für die Nerven: Weder José Rodríguez noch Dominik Kohr werden mitspielen können. Vielleicht gut für die 05er: Dem FCA, der gerade erst in der Tabelle vor Mainz 05 geklettert ist, könnten in der Spielzentrale auch alle anderen Stammspieler fehlen.

Augsburg, im Herbst. Ein heftiges Foul, ein Aufschrei. Eine Bundesligakarriere, die gerade erst angefangen hatte, war erst einmal wieder vorbei; ob sie weitergeht, wann sie weitergeht, ist momentan unklar. Und wer jetzt an Dominik Kohr und José Rodríguez denkt, ist der nullfünfMixedZone auf den Leim gegangen, denn die Rede ist natürlich von Kostas Stafylidis und von Breel Embolos schwerer Knöchelverletzung. Der Augsburger Verteidiger kam mit Gelb davon, der Schalker Stürmer wird in dieser Saison nicht mehr spielen.

In Relation dazu war das Foul des Mainzers Rodríguez am Augsburger Kohr halb so wild, absolut betrachtet war es schlimm genug. Es sah spektakulär aus, das Blut floss aus der Fleischwunde, die mit dem Anblick konfrontierten Mitspieler waren ganz schön blass im Gesicht. Augsburger Offizielle forderten nicht nur im Eifer des Gefechts, man solle den Treter so lange sperren, bis Kohr wieder spielen könne, und die Mainzer verbargen ihre Empörung über solche Ideen hinter dem Zorn auf den eigenen Spieler, der ihnen die Freude über den Auswärtssieg genommen hatte. Hätte das Sportgericht den Deal aufgegriffen, hätten die 05er ihm sicherlich nicht zugestimmt und sich anschließend darüber geärgert - Kohr verpasste drei Spiele, Rodríguez fünf. Für die ungewohnt lange Sperre hatte das Sportgericht eine Erklärung, die einerseits schlüssig war: zwei Wochen für rohes Spiel, plus eine Woche für übertriebene Härte, plus eine Woche für die Verletzung (kurzfristig - der Spieler muss ausgewechselt werden), plus noch eine Woche für die Verletzung (langfristig - der Spieler verpasst weitere Spiele). Eine Erklärung, die andererseits - zumal nirgends als nachprüfbarer Strafkatalog festgehalten, die Grenze zwischen Judikative und Legislative verschwimmt an der Stelle schon ein bisschen - die Fragen aufwirft, ob man einen solchen Katalog nicht mal aufstellen sollte und ob die lange Sperre nicht doch etwas zu sehr unter dem blutigen ersten Eindruck entstanden ist.

Jedenfalls gäbe es morgen, wenn der FC Augsburg zum Rückspiel nach Mainz kommt, für alle Beteiligten schönen Grund zur Aufregung und zum Aufbauschen von Kleinkram, hätte es nicht der Fußballgott, sofern vorhanden, aus Rücksicht auf die Nerven der Spieler, Trainer, Offiziellen, Fans und Schiedsrichter eingerichtet, dass Rodríguez nach Spanien ausgeliehen ist und Kohr eine Gelbsperre absitzt. Kein Protagonist jener Szene am 18. September des vergangenen Jahres um 17.21 Uhr wird am Freitag auf dem Platz sein; auch der Schiedsrichter ist ein anderer: Damals Bastian Dankert, diesmal Manuel Gräfe. Beide pfeifen international, gehen wir also von einer guten Spielleitung aus.

Glauben wir der Tabelle (aber die lügt manchmal), kommen die Augsburger als leichter Favorit nach Mainz. Seit dem dritten Spieltag - seit dem Hinspiel - standen die 05er ununterbrochen vor dem FCA, auf dem Höhepunkt (5. Spieltag) sogar sechs Plätze weiter oben als ihr morgiger Gegner. Erst am vergangenen Sonntag haben die Augsburger die Mainzer Niederlage des Vortags genutzt und sind ihrerseits mit einem 3:2 gegen Werder Bremen auf den zehnten Platz gesprungen, drei Plätze, zwei Punkte und vier Tore vor den 05ern. Sollten diese also ihr Heimspiel gewinnen, würden sie nicht nur zum zweiten Mal nach der Saison 2014/15 alle sechs Punkte gegen den FCA holen, würden sie ihn nicht nur im sechsten Bundesliga-Heimspiel zum fünften Mal schlagen, sondern würden sie ihn in der Tabelle direkt wieder zurücküberholen.

Grundsätzlich wissen die 05er genau, wie sich ein Heimsieg gegen Augsburg anfühlt: So. Jedoch wird sich der FCA nicht freiwillig der Serie von zuletzt vier Niederlagen in Mainz unterordnen wollen. Foto: imagoSollten sie gewinnen. Gewonnen haben die 05er nicht viel in den letzten Wochen. Der FCA hat seinen Hänger hinter sich; vom 11. bis zum 17. Spieltag gab es nur einen Sieg (1:0 gegen Gladbach), aber immerhin sieben Punkte aus acht Spielen, das sind zwei mehr, als die 05er bei ihrer aktuellen Acht-Spiele-ein-Sieg-Serie gesammelt haben. Die Rückrunde begann nach dem verspäteten und verunglückten Hinrunden-Ausstand (0:2 gegen Hoffenheim) mit zwei Siegen: 2:1 gegen Wolfsburg und eben 3:2 gegen Werder. Jeweils nach Rückstand, gegen Wolfsburg mit einem Debütanten in der Abwehr, dem jungen Rafael Framberger, jeweils ohne Neuzugang. Und zuletzt mit einem späten Siegtreffer: Raúl Bobadilla schoss das 3:2 erst in der 94. Minute - drei Minuten Nachspielzeit sollte es eigentlich nur geben, aber in der 93. Minute hatte Werder mit einer Auswechslung noch ordentlich Zeit verschwendet.

In Mainz dürfte der einzige Augsburger Winter-Neuzugang dabei sein. Es ist ein alter Bekannter, für alle Beteiligten: Moritz Leitner, damals 18 Jahre jung, spielte bereits vor sechs Jahren eine halbe Saison als Leihspieler für den FCA. Spielte auch schon als Stuttgarter und Dortmunder fünfmal gegen die 05er. Und spielt jetzt nach seinem Wechsel von Lazio Rom zurück in die Bundesliga unter dem Trainer, der einst schon sein Realschullehrer in München war.

Der heißt Manuel Baum, ist 37 Jahre alt, war einst Amateurtorwart im Landkreis München und seit 2014 Cheftrainer der FCA-Junioren und übernahm die Profimannschaft im Dezember zunächst "bis auf weiteres". Die Augsburger standen in der Trainerwechselkette des vergangenen Sommers, die Christian Heidel als neuer Schalker Manager angefangen hat und die über fünf Zwischenstationen (nämlich Augsburg, Darmstadt, Bielefeld, Großaspach und Eichede) bis zum Holsteiner Oberligaklub Wedeler TSV reichte, weit vorne, holten damals aber mit dem Darmstädter Aufstiegs- und Nichtabstiegstrainer Dirk Schuster offensichtlich den falschen Mann. Der ehemalige DDR- und DFB-Nationalspieler hatte zuvor mit einer Mannschaft, die eigentlich nur gegen den Abstieg in die 3. Liga spielen wollte und nominell weit von Bundesliga-Maßstäben entfernt war, zwar überragenden Erfolg, den kultivierten Fußball eines seit sechs Jahren etablierten Erstligisten, der gerade sogar im Europapokal gespielt hatte, bekam der gerade erst zum Trainer des Jahres gewählte Schuster nicht hin. Mit ihm gab es 14 Punkte aus 14 Spielen, der als Zwischenlösung nach oben gezogene Baum dagegen holte bis zur Winterpause gegen Gladbach und Dortmund vier Zähler aus zwei Spielen und wurde zwischen den Jahren zum vollwertigen Cheftrainer definiert. Und wird Leitner, der ebenso wie Bojan Krkic und Robin Quaison auf Mainzer Seite erst am letzten Transfertag in die Bundesliga kam, vielleicht sogar aufstellen müssen, denn im Augsburger Mittelfeld sieht es gerade nicht gut aus. Kohr fehlt. Ja-Cheol Koo, der Ex-Mainzer, fehlt: Bänderverletzung im Sprunggelenk. Daniel Baier, nicht Kapitän, aber Anführer fehlt vielleicht: Nach Achillessehnenproblemen trainiert der 32-jährige Routinier zwar wieder voll mit, aber das Spiel könnte den einen oder anderen Tag zu früh kommen. Zwei oder drei Leistungsträger fehlen in der Zentrale des Augsburger Spiels. Martin Schmidt hat eine größere Auswahl.

► Alle Artikel zum Spiel gegen den FC Augsburg

► Zur Startseite