Eine Serie wird enden - aber welche?

Christian Karn. Mainz.
Der FSV Mainz 05 hat die letzten fünf Spiele verloren, Hertha BSC die letzten acht Auswärtsspiele. Mindestens eine Serie wird also vorbei sein, wenn Deniz Aytekin heute gegen 17.20 Uhr das Heimspiel der 05er gegen die Berliner abpfeift. Diese gehen personell geschwächt in die Partie, ihnen fehlt ihr komplettes Mittelfeldzentrum. Das könnte ein Vorteil für die 05er sein, aber in einen Nachteil kippen: Pál Dárdai wird gerade unter diesen Umständen und gerade gegen diesen Gegner wohl kaum die Kontrolle an sich reißen wollen. Die 05er werden wieder einen abwartenden Gegner bespielen müssen. Das liegt ihnen nicht, hätte gegen Leipzig dennoch gelingen können.

So nimmt er also - zumindest außerhalb der wöchentlichen 90 Minuten, um die es tatsächlich geht - Fahrt auf, der Abstiegskampf von Mainz 05. Der Verein hat ein Motto ausgerufen und verbreitet sein #Mainzbleibt1 auf allen Kanälen. Das alte 100-Prozent-Einsatz-Banner wurde wieder hervorgekramt. Einige hundert 05-Fans - unter ihnen garantiert ein Bataillon eingeschleuster Berliner - hätten gern das Abschlusstraining besucht, wurden natürlich nicht zur nicht öffentlichen Einheit auf den abgeschirmten Nebenplatz gelassen, zeigten aber zumindest auf dem Weg zum Platz Präsenz, zeigten moralische Unterstützung. Was das wert ist für die 05-Mannschaft, die es zuletzt trotz wöchentlicher Niederlagen irgendwie fertiggebracht hat, zwar bis auf Darmstadt alle Konkurrenten vorbei oder zumindest dicht hinter sich zu bekommen, aber partout nicht auf einen Abstiegsplatz zu fallen, das wird sich heute zeigen.

Auswärts hat Hertha seit Wochen nur noch Ärger. Eine Niederlage in Mainz wäre die neunte in Folge. Foto: imagoAb 15.30 Uhr wird Hertha BSC versuchen, die Mainzer Serie zu verlängern und die eigene von acht Auswärtsniederlagen in Folge (das im Elfmeterschießen verlorene Pokalspiel in Dortmund sei hier einfach mal mitgezählt) zu beenden. Zuletzt hat es ein 0:1 in Gladbach gegeben. Davor ein 2:4 (Torfolge: 0:3 und 1:4) in Köln. Davor ein 0:1 in Hamburg. Davor ein 0:2 auf Schalke. Davor das Pokalspiel. Davor ein 1:2 (nach 0:2) in Freiburg. Davor ein 1:3 (nach 0:2) in Leverkusen. Davor die Winterpause, davor ein 0:2 in Leipzig. Und davor ein 3:2 trotz zweimaligen Rückstands in Wolfsburg, dank eines Elfmeters in der Nachspielzeit. Und davor auch nicht so viel. Ein Punkt in Augsburg, eine Niederlage in Hoffenheim, Unentschieden in Dortmund und Frankfurt, ein 0:3 bei den Bayern und zuletzt am 10. September - das war das erste Auswärtsspiel der Saison - den einzigen halbwegs souveränen Sieg außerhalb Berlins, ein 2:0 in Ingolstadt mit Toren in der 8. und 86. Minute. Auswärts ist das einfach sehr, sehr dünn, was Hertha BSC in dieser Saison veranstaltet. Selbst die 05er haben von ihren Fahrten einen Punkt mehr nach Mainz mitgebracht. Und darum müssen die Berliner befürchten, trotz ihrer immensen Heimstärke aus den Europapokalrängen zu rutschen.

So wie vor einem Jahr. Monatelang war die Hertha im Frühjahr 2016 Dritter. Dann brach sie ein. Nur zwei Punkte aus den letzten sieben Spielen reichten nicht. In einer dramatischen letzten Partie am 34. Spieltag versuchte sie noch einmal, an Mainz 05 vorbeizukommen. Ein Sieg hätte auf jeden Fall gereicht, denn die Mainzer waren der Gegner in diesem Spiel. Hertha war die bessere Mannschaft. Die 05er brauchten auch ein bisschen Glück, hielten das 0:0 auch deshalb, weil die Berliner in den letzten Minuten jede Ruhe, jede Souveränität verloren, zu treten begannen, einen Platzverweis kassierten, doch noch eine Topchance in der 91. Minute hatten, in der Loris Karius den Platz in der Gruppenphase rettete, dann aber mit einer Reihe von mittleren Unsportlichkeiten dermaßen viel Zeit verschwendeten, dass Martin Schmidt es sich wider Erwarten doch noch leisten konnte, in der 96. Minute dem nach langer Verletzung gar nicht ernsthaft spielbereiten Elkin Soto seine Abschiedssekunden zu schenken. Drei Minuten Nachspielzeit waren nur angezeigt, in den drei Zusatzminuten bis zum Comeback des Kolumbianers wurde behandelt und diskutiert, aber nicht gespielt.

Wäre ein 0:0 auch in dieser Saison ein Erfolg? Eher nicht, weil gleichzeitig Wolfsburg gegen Ingolstadt spielt, mindestens einer der drei direkten Konkurrenten also auf jeden Fall punkten wird. Und auch Augsburg gegen Köln noch nicht automatisch verloren hat. Der Heimsieg, der erste seit dem 2:0 gegen den FC Augsburg vor neun Wochen, muss eigentlich her. Er würde auch den HSV (morgen in Bremen) und Bayer Leverkusen (am Abend gegen die Bayern - schwere Aufgaben für beide!) noch einmal schön unter Druck setzen. Ein Punktverlust, gar die sechste Niederlage in Folge, wäre immer noch nicht der Untergang, würde aber die ohnehin schon heikle Lage noch weiter verschärfen, zumal es weitergehen wird mit dem Auswärtsspiel bei den Bayern.

Umso wertvoller könnte es für die 05er sein, dass dem Gegner Schlüsselspieler fehlen. Der Zehner Vladimír Darida ist nach fünf Gelben Karten gesperrt. Wegen diverser Verletzungen fehlen sein Backup Valentin Stocker, die Sechser Fabian Lustenberger und Niklas Stark, der anstrengende Rechtsaußen Mitchell Weiser, außerdem der junge Sinan Kurt und der Ersatzstürmer Julian Schieber. Von der Startelf aus dem Hinspiel können zwar acht Mann spielen, weil Darida damals nur eingewechselt wurde, und es wäre eine Überraschung, würde Hertha nicht mit Jarstein - Pekarík, Langkamp, Brooks, Plattenhardt hinten sowie Solomon Kalou und Vedad Ibisevic vorne beginnen; es fehlt jedoch das komplette Mittelfeldzentrum. Und zumindest auf der Bank wird nicht viel Erfahrung zu finden sein.

Der Nachteil an der Sache dürfte sein, dass gerade Pál Dárdai, der Bauernschlaue, der Trickser, der als Gegner immer unangenehme Trainer der Hertha gerade unter diesen Umständen und gerade gegen diesen Gegner wohl kaum die Kontrolle an sich reißen wollen wird. Die Berliner werden abwarten und lauern wollen, den 05ern die Spielmacherrolle aufdrängen, die ihnen so gar nicht liegt. Beim vorherigen Heimspiel gegen Leipzig haben die Mainzer die Rolle angenommen, durch defensive Schussligkeit in den Minuten nach der Halbzeit und auch durch ein gewisses Abschlusspech trotzdem verloren. Gegen Hertha BSC sollten die 05er ähnlich auftreten, aber dazu zeigen, dass das auch besser klappt.

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