Eine Trainingseinheit als Signal?

Jörg Schneider. Mainz.
Es war die erste Übungseinheit in dieser Woche nach der 0:1-Niederlage von Freiburg. Ohne diese 90 Minuten am Bruchweg zu hoch aufhängen zu wollen, war die Art und Weise, wie sich die Profis des FSV Mainz 05 am Dienstagmorgen präsentierten, ein positives Signal. Da war wenig zu spüren von der prekären Drucksituation, von Verkrampfung und Frustration, davon, dass irgendetwas in diesem Team nicht mehr stimmen oder dass der Kader nicht zielgerichtet genug trainieren könnte. Stattdessen überzeugten die 05er mit energischer Balljagd im Spiel gegen den Ball, mit Balleroberungen und Umschaltaktionen, im eigenen Ballbesitz mit guten Pässen und vielen Toren. Kaum nachvollziehbar, dass die Mainzer Profis so vieles aus diesem Repertoire zuletzt nicht auch auf den Platz bringen konnten.

Martin Schmidt hat sich für diese Woche strikte Zurückhaltung auferlegt in der Öffentlichkeit. Nur die Pressekonferenz vor dem Heimspiel gegen Hertha BSC am Donnerstag, ansonsten hat der Trainer des FSV Mainz 05 bis zum Samstag alle Mediengespräche abgesagt. Konzentration und intensive Arbeit, statt den Journalisten zu erklären, was die Entscheidung der Verantwortlichen, dem Trainer im Abstiegskampf das Vertrauen auszusprechen, für den 49-Järhigen bedeutet der morgen seinen 50. Geburtstag feiert und auf jedes öffentliche Tamtam verzichtet. Nach dem Trainingsstart am Dienstagvormittag führte der Coach noch auf dem Platz ein eindringliches Gespräch mit seinen im  Halbkreis um ihn herum lauschenden Profis. Anschließend diskutierte Schmidt noch längere Zeit mit einer Abordnung aus der aktiven Fan-Szene. Schulterschluss und Zusammenrücken ist angesagt in diesen Tagen am Bruchweg.

Dazu passt auch die Aktion, die der Klub für das nächste so wichtige Heimspiel angekündigt hat. Die 05er verteilen vor der Partie gegen Hertha BSC Berlin gratis 20.000 rote T-Shirts mit dem Slogan „#Mainzbleibt1“ an seine Anhänger. Und zwar am Spieltag ab 13 Uhr auf der Freifläche vor der Haupttribüne der Opel Arena. Die Abgabe ist auf ein Leibchen pro Person begrenzt. „Wir haben alle ein Ziel, dem wir in den kommenden Wochen alles unterordnen: Wir kämpfen um die Bundesliga“, sagt Rouven Schröder dazu. „Gemeinsam mit unseren Fans und mit der Unterstützung der ganzen Stadt können wir das schaffen, davon bin ich komplett überzeugt. Jetzt gilt es, den Schalter umzulegen und positiv nach vorne

zu schauen. Gegen Leipzig und in Freiburg haben wir gespürt, dass eine Aufbruchsstimmung unter den Fans da ist, der Support von den Rängen und der Zuspruch für die Leistung der Mannschaft war fantastisch. Zusammenstehen, zusammenhalten, zusammen kämpfen, das alles ist Mainz, das alles ist Mainz 05.“ Karten für die Partie gibt’s übrigens noch in allen Kategorien im Vorverkauf.

Balljagd und intensives Pressing wie hier von Jairo gegen Leon Balogun war ein Aspekt der guten Trainingseinheit am Dienstagvormittag. Auch Yoshinori Muto zeichnete sich dabei mit Torerfolgen aus. Foto: Jörg SchneiderSchröder selbst hat am Dienstag den 05-Profis ganz genau auf die Finger, sprich auf die Füße geschaut als interessierter Beobachter der kompletten Trainingseinheit der Mannschaft. Und der Manager war ebenso wie die übrigen Zaungäste am Trainingsplatz relativ beeindruckt von dem, was die Spieler ablieferten. Da war wenig zu spüren von der prekären Drucksituation, von Verkrampfung und Frustration, davon, dass irgendetwas in diesem Team nicht mehr stimmen oder dass der Kader nicht zielgerichtet genug trainieren könnte. Schmidt hatte ein sehr differenziertes Programm für die Profis zusammengestellt. Von Kurzpassspiel im eigenen Ballbesitz, mit Doppel- und Tiefenpässen. Von energischer Balljagd im Spiel gegen den Ball, mit Balleroberungen und Umschaltaktionen, von gelungenen Chancen-Vorbereitungen bis hin zu vielen schönen Toren war in diesen 90 Minuten alles drin. Kaum nachvollziehbar, dass die Mainzer Profis so vieles aus diesem Repertoire zuletzt nicht auch komplett so auf den Platz bringen konnten.

„Ohne es zu groß aufhängen zu wollen, für mich war das auch eine höchst konzentrierte und auf den Punkt gebrachte Einheit“, sagte Schröder anschließend. „Da hat man gemerkt, jeder will gewinnen, jeder will anpacken und die vorgegebenen Inhalte bestmöglich umsetzen. Man hat gesehen, da war viel Spielfreude drin, Kreativität, Torabschlüsse, sehr engagiertes Spiel gegen den Ball. Und für mich das Wichtigste: Es ist viel kommuniziert worden untereinander. Die Spieler haben sich versucht gegenseitig zu helfen und sich aufzubauen, auch wenn mal eine Aktion nicht geklappt hat. Das war eigentlich untypisch für das erste Training in der Woche nach einem freien Tag, aber so kann die Woche auch mal beginnen und so kann es vor allen Dingen weiter gehen bis zum Heimspiel.“

Für Quaison wird's eng bis Samstag

Nicht dabei waren Jhon Cordoba und Levin Öztunali, die nach der für sie so laufintensiven und harten Englischen Woche geschont wurden und im Kraftraum arbeiteten. Nicht dabei auch Jonas Lössl. Der Torhüter hatte sich im Training vor der 0:1-Niederlage in Freiburg eine Schleimbeutel-Quetschung im Knie zugezogen. Lössl war mit in den Breisgau gereist, musste aber passen. Jannik Huth absolvierte deshalb bekanntlich sein erstes Bundesliga-Spiel im Tor der 05er. Der Däne soll aber am Samstag wieder zwischen den Pfosten stehen. Auch Gaetan Bussmann fällt wegen seiner Adduktoren-Verletzung weiterhin aus. Robin Quaison trainierte noch nicht wegen seiner schmerzhaften Prellung oberhalb des Knies. Wie es heißt, ist der Einsatz des Schweden auch gegen die Berliner gefährdet.

Dafür stachen in der 90-minütigen Einheit Sorgenkinder wie Jairo Samperio oder Yoshinori Muto mit einem starken Auftritt und etlichen gelungenen Toraktionen heraus. Wenn dieses Dienstagtraining der Maßstab für die Aufstellung am Samstag gewesen wäre, dann würde auch kein Weg an Bojan Krkic vorbeigehen, der die Bälle forderte, verteilte, die Eins-gegen-Eins-Situationen suchte, Abschlüsse hatte und sehr auffällig agierte, was in ähnlicher Form auch für Fabian Frei im zentralen defensiven Mittelfeld galt.

Es war nur eine Trainingseinheit, aber es war eine bessere als zuletzt gezeigt und irgendwie doch ein Zeichen, dass Leben in diesem Kader steckt und die Spieler gewillt sind, sich der Situation zu stellen und sie zu bewältigen. Vielleicht gelingt es ja in dieser Woche die mentalen Fesseln der wochenlangen Erfolglosigkeit hinter sich zu lassen, die vorhandenen Prinzipien und Automatismen wiederzubeleben und konsequent abzurufen, mit denen das Team in der hochintensiven Vorrunde immerhin 21 Punkte geschnappt hat. Das A und O im Abstiegskampf ist neben der absoluten Bereitschaft und einer bedingungslosen Kampfeinstellung, dass die Mannschaft auch wieder vorhandene Qualitäten und Stärken einbringt in ihr Spiel. Individuell und in der Gruppe. Kämpfen alleine reicht nicht aus, das Team muss fußballerisch wieder mehr zeigen. Dafür braucht es einen klaren Kopf, viel Motivation und einen klaren Ansatz. Auf diesen Pfad scheinen die 05er trotz der frustrierenden Negativerlebnisse der vergangenen Woche wieder einzubiegen. Ein Eindruck, den es allerdings im Heimspiel zu bestätigen gilt. Der Ligaverbleib ist aus eigener Kraft möglich, eine schnelle Rettung trotzdem nicht sonderlich wahrscheinlich. Das Unternehmen Nichtabstieg ist eine Mission in sechs schweren Schritten. Und der ist alles unterzuordnen. Dabei können positive Minimal-Eindrücke wie eine solch beherzte Trainingsarbeit schon hilfreich sein.

 

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