Einer schuftet, einer trifft

Christian Karn. Mainz.
Der SC Freiburg dürfte heute mit einem Mainzer Mittelstürmer in der Opel Arena antreten. Florian Niederlechner, der es vor einem Jahr im ersten Anlauf nicht geschafft hat, sich in der Bundesliga durchzusetzen, und vom FSV Mainz 05 an den damaligen Zweitliga-Spitzenklub ausgeliehen wurde, probiert es nun zum zweiten Mal. Ein Torjäger ist Niederlechner bisher auch im Freiburger Trikot nicht. Aber in gewisser Weise ein Mann wie Jhon Córdoba, der Verteidiger beschäftigt - davon profitiert Maximilian Philipp, der Freiburger Torjäger.

Wenn man so will, spielt der FSV Mainz 05 morgen in der Bundesliga gegen seinen Vorgänger und Nachfolger. Der SC Freiburg hatte 1993, drei Jahre nach dem Ende der Mannheimer Bundesligazeit, die Rolle des SV Waldhof übernommen, die Rolle des kleinen Klubs, der mit bescheidenen Mitteln gegen das Establishment der Bundesliga konkurrenzfähig ist, der nicht mithalten dürfte und trotzdem mithält, der unterdessen immer mal wieder zum Sprungbrett talentierter Spieler in den größeren Fußball taugt. Jetzt, in ihrem 24. Jahr seit dem Aufstieg (und ihrem 17. Bundesligajahr insgesamt - eine beachtliche Bilanz!), haben die Freiburger diese Rolle... immer noch? Oder wieder?

Eigentlich war das Erfolgsmodell schon 2002 kaputt. Den 1997er-Abstieg (der wohl mit ihrer zweiten Europapokal-Teilnahme zusammenhing) hatten die Freiburger mit dem direkten Wiederaufstieg gut weggesteckt, auch 2002/03 schafften sie das sofortige Comeback. Aber das Modell funktionierte nicht mehr. Die Freiburger waren einfach nicht konkurrenzfähig, stiegen 2005 mit miserablen 18 Punkten, bis heute der schlechtesten Bilanz eines Bundesligisten seit Hertha 1991, zum dritten Mal ab, brauchten vier Jahre bis zur Rückkehr. Die Frage zum Umgang mit Trainer Volker Finke, dessen Abschied nach 16 Jahren einige Monate vorher angekündigt wurde, spaltete den Verein in zwei Lager. Erst 2009 kamen die Freiburger zurück, ihre alte Nische aber besetzte inzwischen Mainz 05. Möglicherweise schafft es der SC erst jetzt, nach dem vierten Ab- und Wiederaufstieg, wieder als der kleine Klub zu gelten, der mit bescheidenen Mitteln gegen das Establishment aufbegehrt - die 05er, wahrscheinlich auch der FC Augsburg, sind durch das neue Stadion eine Nummer größer geworden, der FC Ingolstadt ist nicht konkurrenzfähig, der SV Darmstadt 98 ist jetzt in dieser Hinsicht der Herausforderer.

Die Freiburger machen unterdessen ihre Sache seit dem Wiederaufstieg sehr gut. Sie sind heimstark, haben Gladbach (3:1), Frankfurt (1:0), Augsburg (2:1) und den HSV (1:0) geschlagen, nur gegen den VfL Wolfsburg 0:3 verloren. Auswärts läuft es noch nicht, aber das könnte an den Gegnern liegen: Borussia Dortmund (3:1), Hertha BSC (2:1), der 1. FC Köln (3:0) und die TSG Hoffenheim (2:1) gewannen ihre Heimspiele gegen den SC, der seinerseits in Bremen 3:1 siegte. Das ergibt nach zehn Spieltagen den neunten Tabellenplatz, knapp vor den 05ern, die jeweils einmal weniger gewonnen und verloren, zweimal remis gespielt haben, mehr Tore schießen, mehr Tore kassieren. Das hat der SC mit einer kleinen, nicht allzu prominenten, aber funktionierenden Mannschaft erreicht.

Zwei Hauptfiguren im Freiburger Angriff: Vorne zieht Florian Niederlechner los, dahinter lauert Maximilian Philipp. Foto: imagoDer größte Name dürfte Nils Petersen sein. Der ehemalige Zweitliga-Torschützenkönig (2010/11 25 Tore für Energie Cottbus - im vergangenen Jahr reichten 21 Saisontore nur für den zweiten Platz) spielte schon für Bayern München, wenn auch nicht oft, schien bei Werder Bremen auf einem guten Weg, hat aber offenbar defensive Schwächen, ist daher meist ein torgefährlicher Einwechselspieler hinter Florian Niederlechner, der es im ersten Anlauf mit Mainz 05 nicht geschafft hat, sich in der Bundesliga zu etablieren, seit einem knappen Jahr und noch bis Sommer an den SC ausgeliehen ist, der jederzeit einen Gegner beschäftigen kann, dem aber die Trefferquote weiterhin fehlt; in zwölf meist kurzen Einsätzen für die Mainzer hatte der Mittelstürmer immer seine Chancen, aber getroffen hat er nie. Für den SC hat er in 620 Spielminuten nur den letztlich wertlosen zwischenzeitlichen Ausgleich in Hoffenheim geschossen.

Jedoch hat Niederlechner seinen Anteil am Erfolg des Freiburger Torjägers. Das ist Maximilian Philipp, der hinter ihm, neben ihm, um ihn herum spielt. Der U21-Nationalspieler, der sich nicht als "typischer Goalgetter" bezeichnen möchte, ist mit fünf Treffern der beste Freiburger Schütze und sollten die 05-Verteidiger die gleichen Räume besetzen und die gleichen Räume freigeben wie in Brüssel und in Leipzig, dann könnte es heute ein Fest für Philipp werden.

Jedoch könnten auch die Freiburger verwundbar sein. Hinter ihrem laufstarken, aggressiven Mittelfeld geht durch die Sperre von Linksverteidiger Christian Günter eine Lücke auf. Es könnte passieren, dass Christian Streich den SC mit drei 20-Jährigen in der Abwehr spielen lässt. Innenverteidiger Caglar Söyüncü und Rechtsverteidiger Pascal Stenzel, dessen Bruder Vincenz einst in der 05-Jugend spielte, haben schon eine gewisse Erfahrung gesammelt, der mutmaßliche Günter-Vertreter Jonas Föhrenbach dagegen erst eine Minute in der Bundesliga gespielt.

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