Einstweilen: Adler

Christian Karn. Mainz.
Über kurz oder lang würde der FSV Mainz 05 gern mit Florian Müller im Tor spielen. Weil der ohnehin gerade verletzte 19-Jährige noch Zeit braucht, weil die 05er mit Jonas Lössl und Jannik Huth im vergangenen Jahr nicht restlos zufrieden waren, verpflichteten sie nun als ersten echten Neuzugang für die Saison 2017/18 einen nicht mehr ganz jungen, aber enorm erfahrenen Torhüter: René Adler, einst DFB-Nationaltorwart mit 12 Einsätzen, kommt ablösefrei vom HSV und soll in seinen zwei Vertragsjahren dem Talent Müller die Entwicklungszeit geben.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass der FSV Mainz 05 schon nach dem vorzeitigen Ende der Ära Loris Karius an eine baldige Ära Florian Müller gedacht haben. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sie mit Karius' unmittelbarem Nachfolger Jonas Lössl nicht restlos zufrieden geworden sind. Der Däne machte nicht viel falsch, richtete keinen großen Schaden an, war aber in seiner ersten Bundesligasaison zu ruhig, vielleicht sogar ein bisschen zu sachlich. Und als er wegen einer leichten Verletzung seinen Stammplatz an Jannik Huth verlor und ihn nach der Wiedergenesung nicht mehr zurückbekam, war's schon absehbar: Das wird nichts mehr. Zwar war Huth in seinen sieben Spielen auch nicht wesentlich besser, aber der U21-Nationalspieler aus dem eigenen Nachwuchs hatte den Rückhalt des Publikums, das sich mit Lössl nie so recht hatte anfreunden wollen.

René Adlers letzter Einsatz in Mainz war der 2:1-Auswärtssieg des HSV im Mai 2015, das tragische Spiel mit Elkin Sotos schlimmer Verletzung. Gut zwei Jahre später soll Adler häufiger in den Bretzenheimer Feldern spielen. Foto: imagoEs war auch ein offenes Geheimnis, dass die 05er eigentlich nicht unbedingt mit einem Stammtorwart Huth weiterspielen wollten, dass weiterhin Florian Müller zur Nummer 1 aufgebaut werden soll - eine lange Verletzung warf den 19-jährigen Saarländer jedoch erst einmal zurück. Um dem Talent die nötige Zeit zur Entwicklung zu geben, um in der Bundesliga konkurrenzfähig zu werden, um dabei nicht auf den offenbar verbrannten Lössl zurückgreifen zu müssen, wählten die 05er nun die gar nicht so große, aber die spektakuläre Lösung. Die neue Nummer 1, Karius' indirekter Nachfolger und, wenn's so läuft wie erhofft, Müllers Vorgänger ist der ehemalige deutsche A-Nationaltorwart René Adler. Der 32-jährige Leipziger kommt ablösefrei vom Hamburger SV, steht nun bis 2019 bei den 05ern unter Vertrag und bringt die Erfahrung von 255 Bundesliga-, 21 Pokal- und 24 Europapokalspielen für den HSV und Bayer Leverkusen mit, außerdem die von 49 Junioren- und zwölf A-Länderspielen.

"René Adler gehört seit einem Jahrzehnt zu den prägenden Spielerpersönlichkeiten der Bundesliga", sagt 05-Sportdirektor Rouven Schröder. "Zudem ist er seit vielen Jahren einer der leistungsstärksten Torhüter in Deutschland. Beide Faktoren machen ihn für Mainz 05 zu einem sehr spannenden Spieler. In unseren gemeinsamen Gesprächen haben wir schnell einen sehr guten Draht zueinander gefunden. Wir haben René Adler als gleichermaßen reflektierten und hoch motivierten Profi kennengerlernt, der sich komplett auf das Projekt Mainz 05, sportlich wie auch wirtschaftlich einlassen möchte. Wir freuen uns sehr, dass er ab sofort unser Trikot trägt."

Florian Müller gilt als großes Torwarttalent, braucht aber noch Zeit.Jedoch hatte Adler den vergangenen Jahren immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen. Zuletzt war's ein Rippenbruch, der ihn für die letzten sieben Bundesligaspiele außer Gefecht setzte, davor Adduktorenprobleme (Januar, zwei Spiele) und eine Schleimbeutelentzündung (6 Spiele). 2015/16 verpasste der neue 05er drei Partien wegen verschiedener Kleinigkeiten, 2014/15 insgesamt zwölf wegen einer Kapselverletzung und anschließender Hüftprobleme. Eine Patellasehnengeschichte hatte ihn bereits die komplette Saison 2011/12 gekostet, 2012/13 war er stabil, 2013/14 auch schon nicht immer fit. Natürlich haben die Mainzer ihren neuen Torwart aber genau unter die Lupe genommen, den Medizincheck hat er bestanden.

Beim HSV hatte der ehemalige Mainzer Nachwuchstorwart Christian Mathenia den sieben Jahre älteren Adler abgehängt; zwar beendete dieser selbst Mitte Mai die Überlegungen über eine Vertragsverlängerung in Hamburg, jedoch ist unklar, ob der HSV den Torwart, der angeblich ein Jahresgehalt jenseits der 2,5 Millionen Euro gekostet haben soll, überhaupt zu diesen Konditionen weiterhin hätte halten wollen.

Für Adler selbst jedenfalls ist der Wechsel zu Mainz 05 "der richtige Schritt zur richtigen Zeit. Die ruhige und konzentrierte Atmosphäre im Verein passt zu mir, sportlich habe ich das Gefühl, dass hier etwas Spannendes entstehen kann. Und die Art, wie sich Rouven Schröder und Sandro Schwarz in den Gesprächen um mich bemüht haben, hat mir sehr imponiert. Ich freue mich, dass wir so schnell Einigkeit erreichen konnten und freue mich schon jetzt auf ein neues Kapitel in meiner Karriere."

Bleibt die Frage, was nun aus Lössl wird. Der wäre neben dem Rückkehrer Robin Zentner - zuletzt an Holstein Kiel verliehen, wo er von 76 möglichen Spielen nur 26 bestritten hat - momentan der einzige gesunde Torwart im Profiteam. Huth (Ermüdungsbruch) und Müller (Hüftverletzung) sollen im Laufe der Vorbereitung wieder einsteigen. Sind sie gesund, sollten sie im nicht undenkbaren Falle einer weiteren Verletzung Adlers dessen Ausfall mindestens über eine gewisse Zeit überbrücken können. Es ist kaum vorstellbar, dass die 05er es sich freiwillig leisten wollten, mit Lössl als Ersatztorwart in die neue Saison zu gehen, sie würden ihm eher einen Vereinswechsel nahelegen. Ein gewisses Risiko würden sie damit jedoch eingehen.

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