Erstmals seit Jahren ohne Aufstiegseuphorie

Christian Karn. Mainz.
Auf dem Platz hat sich beim FC Augsburg wenig verändert. Die Schwaben, die im vergangenen Jahr den 05ern vorführten, wie eine Europa-League-Qualifikation schiefgehen und wie man sich trotzdem frühzeitig aus dem Schlamassel befreien kann, müssen im heutigen Spiel gegen den FSV Mainz 05 lediglich eine neue Innenverteidigung und einen Ersatzmann für den linken Flügel bringen. Verantwortlich dafür ist allerdings der Mann, der für die große Veränderung neben dem Platz steht: Dirk Schuster, der nach vier Jahren Markus Weinzierl als FCA-Trainer ablöste und nun zeigen muss, auch ohne Aufstiegseuphorie eine hochklassige Profimannschaft führen zu können.

Die Stressphase des FSV Mainz 05 geht heute, drei Tage nach dem 1:1 gegen die AS Saint-Étienne, drei Tage vor dem Spiel beim SV Werder Bremen, der gerade nach völlig versautem Saisonstart die wahrscheinlich längst überfällige Trennung von Trainer Viktor Skripnik durchgezogen hat, beim FC Augsburg weiter, bei dem Klub, für den die Mainzer tatsächlich eine Art Angstgegner geworden sind: Vier der letzten fünf Begegnungen gewannen die 05er, dazu kam vor einem knappen Jahr jenes turbulente 3:3 mit drei Toren von Yoshinori Muto zum 1:0, 2:0 und zum 3:3 in der dritten Minute der Nachspielzeit.

Der FCA war damals Tabellenletzter, vielleicht hing das ja tatsächlich mit deren eigener Stressphase zusammen. Auch die Augsburger hatten in der Europa League sieben Spiele in drei Wochen, gewannen davon lediglich die Partie gegen Hannover 96, die jeder schlug, kamen aber auch anschließend schwer in die Gänge, zogen sich erst ab Ende November mit einer schönen Siegesserie aus dem Dreck. Da die 05er aber nach dem Trainerwechsel erst recht nicht mehr davon ausgehen sollten, dass jeder Bremen schlägt, geht es für sie heute umso mehr darum, mit dem ersten Sieg im wettbewerbsübergreifend fünften Saisonspiel von einem ordentlichen Start sprechen zu können.

Die 05er dürften eine halbwegs klare Vorstellung davon haben, was ihnen heute in den Weg gestellt wird. Die engagierte, aggressiver Atmosphäre in Augsburg kennen sie, sie haben ihr zuletzt anderthalbmal getrotzt, beim 3:3 ein bisschen, beim 2:0 im März 2015 mit Toren von Shinji Okazaki und dem damals ehemaligen, jetzt wieder aktuellen Augsburger Ja-Cheol Koo komplett.

Auch die Mannschaft kennt man in Mainz. Im Tor steht zum 80. Mal der Schweizer Marwin Hitz, der heute 29 Jahre alt wird. Rechts verteidigt weiterhin der 33-jährige niederländische Ex-Nationalspieler, Kapitän und Elfmeterschütze Paul Verhaegh. Kostas Stafylidis dagegen, der links verteidigt, hat noch nicht oft für den FCA gespielt, wurde gegen die 05er erst einmal eingewechselt. Vorerst zumindest hat sich der junge Grieche offenbar gegen Philipp Max und Markus Feulner durchgesetzt.

Interessant ist die Innenverteidigung. Der Este Ragnar Klavan und der Koreaner Jeong-Ho Hong sind nicht mehr dabei. Jeffrey Gouweleeuw, den die Augsburger beim Europa-League-Gegner AZ Alkmaar entdeckten, ist gesetzt. An seiner Seite spielte beim 0:2 gegen den VfL Wolfsburg Christoph Janker, beim 2:1 in Bremen der Österreicher Martin Hinteregger.

Es war bisher die einzige geteilte Position im Augsburger Team. In beiden Bundesligapartien spielten ansonsten Dominik Kohr und Daniel Baier im Mittelfeld, Koo, Raúl Bobadilla und Caiuby offensiv hinter dem isländischen Torjäger Alfred Finnbogason (16 Bundesligaspiele, 7 Tore, noch keins in der neuen Saison). Das wäre - mit Ausnahme aller vier Verteidiger - die gleiche Aufstellung, mit der der FCA vor knapp sechs Monaten in Mainz 2:4 verlor.

Dirk Schuster (2. v. l.) ging mit dem FC Augsburg in seine zweite Saison als Bundesligatrainer. Sein Gesprächspartner Viktor Skripnik wurde soeben bei Werder Bremen entlassen. Foto: imagoDas wird aber nicht die heutige Aufstellung sein, denn Caiuby fehlt. Bereits am Mittwoch wurde der Brasilianer operiert, er hatte sich in Bremen eine Knorpelverletzung im Knie zugezogen. Da Alexander Esswein, der im vergangenen Jahr noch als erste Alternative nachgerückt wäre, inzwischen für Hertha BSC spielt, wird wohl ein Neuzugang mindestens zum Startelf-Debüt kommen. Takashi Usami, Einwechselstürmer in der japanischen Nationalmannschaft, einst als sehr junger Profi bei Bayern München und der TSG Hoffenheim gescheitert, jetzt nach drei Jahren in Japan wieder in der Bundesliga, wurde bei der Niederlage gegen Wolfsburg spät eingewechselt. Jonathan Schmid, der vor einigen Jahren elf Saisontore für den SC Freiburg geschossen hatte, vor einem Jahr für viel Geld nach Hoffenheim wechselte, dort aber nicht oft gebraucht wurde, wartet noch auf sein erstes Spiel für den FCA und ist der andere Kandidat für den Flügel.

Die größte Veränderung beim FC Augsburg aber sitzt auf der Bank - oder steht ein paar Schritte davor. Markus Weinzierl hat die Augsburger nach vier unterm Strich erfolgreichen Jahren verlassen, ist jetzt Trainer des FC Schalke 04. Sein Nachfolger kommt aus der Bundesliga: Dirk Schuster, als Profi vor allem vom Karlsruher SC bekannt, ist als Trainer auf beeindruckende Weise aufgestiegen: 2012 mit den Stuttgarter Kickers in die 3. Liga, 2014 und 2015 mit Darmstadt 98 erst in die zweite, dann in die erste Bundesliga. Dort wurde er mit den Südhessen eben nicht Achtzehnter mit ungefähr null Punkten, sondern Vierzehnter, mit fünf Punkten Vorsprung auf den Relegationsteilnehmer Eintracht Frankfurt, punktgleich mit Werder und Augsburg. Darmstädter Trainer war Schuster jedoch einst in der Winterpause geworden. Diesmal ging er zum ersten Mal seit 2009 mit einem neuen Team in die Saison, zum ersten Mal seit 2010 ohne Aufstiegseuphorie. Schuster muss jetzt zeigen, dass er der richtige Mann ist, um einen etablierten, aber immer latent angreifbaren Bundesligisten zu führen. Das 0:2 gegen Wolfsburg und das 2:1 in Bremen sind dabei noch ohne vollendete Aussagekraft.

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