„Es hätte schlimmer kommen können“

Jörg Schneider. Wolfsburg.
Sie waren nah dran am ersten Auswärtssieg dieser Saison. Am Ende verabschiedeten sich die Bundesliga-Profis des FSV Mainz 05 mit einem 1:1 in die zweite Länderspielpause der Saison. Das Duell mit dem Team von Ex-Trainer Martin Schmidt, das die Mannschaft von Sandro Schwarz über weite Phasen dominierte, blieb ohne Sieger. Weil den 05ern letztlich die nötige Zielstrebigkeit fehlte. Sowohl im Angriff als auch in der Abwehr, die erneut einen unnötigen Standard-Gegentreffer zuließ. „Mit etwas mehr Konsequenz hätten wir auch drei Punkte haben können. Doch das nehmen wir heute einfach mal mit in der Art und Weise, wie es gelaufen ist“, erklärte der 05-Coach.

Ganz am Ende, in der 89. Minute, schien es so, als sollte es doch noch etwas werden mit dem ersten Auswärtssieg dieser Saison. Ein perfekter Konter im Anschluss an eine Ecke des Gegners. Ein Foul am davon geeilten Karim Onisiwo, ein Pfiff, Elfmeter. Daniel Brosinski, ein sicherer Strafstoßschütze, hatte sich bereits den Ball zur Ausführung geschnappt. „Ich war bereit und hatte mir schon die Ecke ausgesucht“, sagte der Linksverteidiger. Doch dann bekam Robert Hartmann das Signal vom Video-Assistenten in Köln aufs Ohr. Der Schiedsrichter revidierte seine Elfmeter-Entscheidung. Die Überprüfung der Bilder hatte ergeben, dass der Tatort außerhalb des Strafraums gelegen hatte. Hartmann entschied auf Freistoß, den Alexandru Maxim, noch leicht abgefälscht, ans Außennetz zirkelte. Es blieb beim 1:1. Der FSV Mainz 05 nahm beim VfL Wolfsburg seinen ersten Auswärtspunkt mit. Die Partie, in der medialen Betrachtung im Vorfeld als Duell des ehemaligen 05-Trainers mit dessen Nachfolger apostrophiert, blieb ohne Sieger. „Es hätte schlimmer für uns kommen können“, sagte Martin Schmidt nachher, dem mit seinem neuen Klub das dritte Unentschieden im dritten Spiel gelang. „Mit etwas mehr Konsequenz hätten wir auch drei Punkte haben können. Doch das nehmen wir heute einfach mal mit“, erklärte Sandro Schwarz.

Handschlag nach dem 1:1: Das Duell mit Ex-Trainer Martin Schmidt blieb ohne Sieger, doch das 05-Team von Sandro Schwarz war nah dran am ersten Auswärtssieg. Foto: ImagoSolche konsequent ausgespielten Umschalt- und Offensivaktionen, wie diesen Konter in der 89. Minute, hätten die Mainzer, die insgesamt einen gute Auswärtsauftritt hinlegten, häufiger gebraucht, um drei Punkte einzukassieren. Die Wolfsburger Ecke abgewehrt nach vorne, Pass von Yoshinori Muto auf Maxim, Pass auf Onisiwo, der Richtung Strafraum sprintete und dann von PG Ntep zu Fall gebracht wurde. Die Aktion geschah kurz vor dem Strafraum, der Österreicher fiel beim Sturz in den Sechzehner. „Eine vollkommen korrekte Entscheidung“, musste auch Schwarz nachher zugeben. „Wenn es immer so läuft, dass die Entscheidung richtig ist nach der Überprüfung, dann ist alles gut.“ Auch der Ausgleich in der 74. Minute entsprang einer solchen zielstrebig und auf den Punkt gebrachten Mainzer Umschaltaktion. Maxim verlagerte im Mittelfeld den Angriff nach rechts,  passte auf Levin Öztunali, dessen perfekt getimte Flanke Muto per Kopf im Tor unterbrachte. Der Japaner löste sich im entscheidenden Moment vom Verteidiger, zeigte seine große Qualität in Sachen Sprungkraft und Technik, erzielte einen sensationell guten Kopfballtreffer.

Auch die andere große Torchance des 05-Mittelstürmers Mitte der ersten Halbzeit war in dem Muster herausgespielt, wie sich die Mainzer ihren Auftritt in der Volkswagen Arena eigentlich vorgestellt hatten. Aggressives Pressing hoch in der gegnerischen Hälfte, Fabian Frei eroberte den Ball, spielte den exakten Pass durch die Schnittstelle auf Muto, der im Duell mit dem Torhüter an einem Blitz-Reflex von Koen Casteels scheiterte. Leider gelangen den 05-Profis zu wenige Aktionen dieser Ausprägung. Vor allem in ihren guten Phasen, von denen es viele gab und in denen das Schwarz-Team die Partie dominierte. Da fehlte vorne häufig die Genauigkeit im letzten Drittel, da machten die Mainzer Stürmer die Bälle nicht fest, leisteten sich zu leichte Ballverluste. Da mangelte es teilweise an individueller Qualität.

Und die Konsequenz ging den 05ern dann auch einmal im Abwehrverhalten verloren, was prompt zum unnötigen Rückstand gegen die bis dahin nicht sonderlich gefährlichen Wolfsburger führte. Bei dem von Daniel Didavi von rechts hereingebrachten Eckball in der 55. Minute stimmte die Zuordnung der 05er nicht, Joshua Guilavogui setzte sich mit einem Kopfball gegen Pablo De Blasis und Frei durch und erzielte das 1:0. Die 05er waren noch zu stark mit dem Reklamieren der vorangegangenen Aktion  beschäftigt und entsprechend unachtsam und unsortiert. Der Schiedsrichter hatte zuvor seinen Linienrichter in einer Zweikampfsituation an der Außenlinie überstimmt und für die Gastgeber entschieden, die den Freistoß schnell ausführten und den Angriff starteten, der dann zum Eckball führte. Dass die 05-Profis sich zu lange mit einer solchen vermeintlichen Fehlentscheidung beschäftigten und dabei die Ordnung verloren, ist ihnen schon mehrfach passiert in dieser Saison. Die Mainzer kassierten auf diese Weise erneut ein unnötiges Gegentor aus einer Standardsituation. „Bei Standards gibt’s immer eine klare Einteilung“, sagte Schwarz. Die sei nicht eingehalten worden. „Wir waren am Mann und sogar in Überzahl. Die Devise ist, wenn du das Kopfballduell nicht gewinnen kannst, musst du es so führen, dass der Gegner nicht gezielt köpfen kann. Das müssen wir abstellen. Dass wir vom Kopf her in dieser Szene nicht voll da waren, sollte definitiv nicht passieren. Das ist ärgerlich. Die Standards zu verteidigen, müssen wir verbessern.“

30 Minuten lang dominant

Ansonsten fand der 05-Coach allerdings nicht so viele Kritikpunkte am Spiel seiner Mannschaft. „Ich denke, dass wir in der ersten halben Stunde sehr gut im Spiel waren, sehr dominant waren, mutig aufgetreten sind, sehr aktiv in diesem Auswärtsspiel. Wir hätten aus der einen oder anderen Torchance heraus in Führung gehen können.“ 30 Minuten lang spielten die 05er genau das, was sie sich vorgenommen hatten, ließen den Gegner überhaupt nicht ins Spiel. Schwarz hatte die Spielweise seines Vorgängers bestens gelesen und seinen Matchplan entsprechend festgelegt. Die Gäste dominierten mit gutem Positionsspiel, Raumaufteilung, liefen den Gegner hoch an, führten aggressive Zweikämpfe, hatten Balleroberungen und schalteten um. Ohne allerdings der Überlegenheit entsprechende Torchancen herauszuspielen. Die Muto-Chance und ein gefährlicher 18-Meter-Schuss von Danny Latza waren im Verhältnis zu den Spielanteilen zu wenig, was an Gefahr aufs VfL-Tor rüberkam.

Und dann der Bruch im Spiel, das in Richtung der Wolfsburger kippte. Zwischen der 30. und 60. Minute etwa hatten die 05-Profis plötzlich kaum noch Balleroberungen, kaum noch klare Aktionen. Schwarz führte das auf zu viele einfache Ballverluste zurück. Möglicherweise auf einsetzende Nervosität, weil das gute Spiel keinen zählbaren Vorteil bis dahin gebracht hatte. „Dadurch haben wir den Faden verloren. Die Wolfsburg haben dann ihre Qualität gezeigt und waren am Drücker. Wir wurden unkonzentriert, hatten keine sauberen Angriffe. Auch nach der Pause haben wir nochmal 15 Minuten hergeschenkt“, kritisierte der 38-Jährige. Erst das Gegentor brachte die 05er wieder auf den richtigen Weg. „Wie wir auf den Rückstand reagiert haben, war sehr gut von der Mentalität her, von der Bereitschaft Fußball zu spielen“, betonte der 05-Trainer. „Wir hatten eine starke Druckphase bis zum Ende, hatten hinten raus das Gefühl, am Drücker zu sein, näher am Siegtreffer dran. Wir mussten dennoch immer aufpassen, dass wir keinen Konter mehr gegen uns bekommen, in Gedanken an das Hoffenheim-Spiel keinen Treffer mehr zulassen. Nicht, dass wir diesmal mit 60 Minuten guter Arbeit ohne Punkte nach Hause fahren. Deshalb sind wir mit der Leistung zufrieden über weite Phasen. Dass wir was mitgenommen haben, macht uns glücklich“, sagte Schwarz. „Und was wir am Ende gespielt haben, war prima. Ich hatte insgesamt das Gefühl, dass wir rund 60 Minute lang eine sehr gute Leistung im Auswärtsspiel gebracht haben. Wir sind super ins letzte Drittel gekommen mit viel Ruhe. Da haben einzig die Tiefenläufe dann gefehlt und ein paar Distanzschüsse mehr.“

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