„Es kann doch nicht sein, dass es ewig so weitergeht“

Jörg Schneider. Freiburg.
Die fünfte Niederlage in Folge hat die Lage beim FSV Mainz 05 im Abstiegskampf dramatisch verschärft und könnte dazu führen, dass die Zeit von Martin Schmidt als Cheftrainer des Bundesligisten vorzeitig zu Ende geht. Rouven Schröder war aber nach der 0:1-Pleite beim SC Freiburg für einen Schnellschuss noch nicht bereit. „Der Druck für den Verein und für uns alle wird größer, wenn du nicht punktest. Wir sind jetzt in einer Situation, in der wir aber erst einmal runterkommen, eine Nacht drüber schlafen und dann besprechen müssen, wie es weiter geht. Wir haben leider keinen Punkt geholt. Das gilt es zu besprechen und zu analysieren. Wir sprechen mit der Mannschaft, mit dem Trainer.“ Das sei ein normaler Vorgang, auch wenn die Inhalte, räumte der Sportdirektor ein, aktuell andere sind.

Der Freiburger Anhang feierte noch lange nach dem Spiel den endgültigen Klassenverbleib des Aufsteigers, intonierte inbrünstig und in Dauerschleife „nie mehr Zweite Liga“. Für die mitgereisten rund 1700 Fans, Mannschaft, Trainer und die vor Ort anwesenden Vorstandsmitglieder des FSV Mainz 05 drängt dagegen nach dieser 0:1-Niederlage beim Sportclub der Gedanke mehr und mehr in den Vordergrund, dass man sich nach acht recht erfolgreichen Jahren in der Erstklassigkeit so langsam darauf vorbereiten muss, dass dieser Weg in diesem Frühjahr zu Ende gehen könnte. Im Moment hat der Klub nicht viele Argumente auf seiner Seite, die der Hoffnung Nahrung geben, dass die 05er am Ende diesen 15. Tabellenlatz, den sie zumindest bis zu den Sonntagsspielen noch behaupten, auch tatsächlich halten können.

0:1 in Freiburg. Die fünfte Niederlage hintereinander. Die fünfte Pleite mit einem Tor Unterschied. Erneut ein Auswärtsspiel verloren, dass unter keinen Umständen hätte verloren gehen dürfen und das normalerweise auch nicht verloren werden musste von der Leistung und den Spielanteilen her, auch wenn’s den Umständen entsprechenden keine berauschende Vorstellung war. Doch mangelnde Effizienz im eigenen Angriff und erneut ein solch krummes Gegentor, das der Mannschaft diesmal das Genick brach und dessen Kuriosität man in besseren Zeiten kopfschüttelnd als Pech abtun würde, haben die Situation im  Abstiegskampf weiter verschlimmert. Das berühmte Zitat von Weltmeister Andreas Brehme: „Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß“ - selten hat es besser gepasst, um die Lage der 05er zu beschreiben.

War's das für Martin Schmidt als Trainer nach dieser 0:1-Niederlage in Freiburg? Sportdirektor Rouven Schröder war nach dem Spiel noch nicht zu einer Entscheidung bereit. Foto: René VigneronChristian Streich, der Trainer der Breisgauer, der sich schon im Vorfeld dieses 28. Spieltages öffentlich für Martin Schmidt und dessen Arbeit am Bruchweg stark gemacht hatte, sprang dem angezählten Kollegen auch nach dem Abpfiff unterstützend zur Seite. „So, wie wir heute gespielt haben, das war nicht so wie Freiburg normalerweise probiert zu kicken, wenn man ehrlich ist. Mainz war fußballerisch besser. Das war so. Mainz war extrem kompakt, war willig, genauso wie gegen Leipzig, eine total funktionierende Mannschaft. So habe ich sie gesehen. Keine Frage“, sagte der kauzige und eigenwillige Freiburger Fußballlehrer. „Ich habe es selber erlebt vor zwei Jahren. Du verlierst fünfmal hintereinander mit einem Tor und der letzte Ball, der geht nicht rein. Wir haben glücklich gewonnen. Wenn ich ehrlich bin, wäre ich mit einem Punkt zufrieden gewesen nach dem Spielverlauf, denn eigentlich ist für uns in dem Spiel nicht mehr drin gewesen als ein Punkt. Ich wünsche Mainz 05 alles Gute. Ihr seid in vielen Dingen in unserem Bereich. Ich weiß, wie es manchmal laufen kann und das ist hart.“

Es läuft in der Tat gerade reichlich schlecht und falsch für die Mainzer. Die Leistung im Breisgau, natürlich geprägt von der Drucksituation, von Nervosität und der Angst vor dem erneuten Scheitern, hätte trotzdem reichen müssen für ein Erfolgserlebnis, wenigstens für ein kleines. Sie reichte nicht, weil hinten und vorne mal wieder alles zusammen kam, was nicht zusammen kommen darf. „Wir brauchen schon 110 prozentige Chancen, um ein Tor zu machen. Auf der anderen Seite geht gegen uns im Moment jede zweite Halbchance rein“, sagte der 05-Kapitän frustriert. „Wir brauchen mal ein Zufallsding oder so etwas, aber das geht im Moment gar nicht. Es war nicht das Problem, dass wir keinen Plan hatten oder falsch eingestellt waren“, betonte Stefan Bell. „Es war eher so, dass wir in vielen Szenen als Spieler einfach zu unsauber gespielt haben. Vor Leipzig war das Gefühl aber viel, viel schlechter. Da haben wir einfach nur scheiße gespielt gegen Darmstadt und Ingolstadt. Jetzt haben wir gegen Leipzig ein gutes Spiel gemacht, heute ein ordentliches. Wir müssen weiter machen und das Tor vorne erzwingen. Es muss einfach fallen. Es kann doch nicht sein, dass es ewig so weitergeht.“

Eine Nacht drüber schlafen

Wie es weitergeht, wollte oder konnte in Freiburg noch niemand von den Verantwortlichen sagen. Ob der Klub die Reißleine zieht und seinen Trainer sechs Spiele vor Ultimo freistellt oder an Schmidt festhält und dem Schweizer die Wende zutraut - Rouven Schröder war in Freiburg nicht zu einem Schellschuss bereit. „Unglücklicher geht es überhaupt nicht und das spiegelt unsere Situation derzeit komplett wider“, sagte der Sportdirektor stattdessen. „Die Mannschaft hat versucht anzuschieben, alles zu machen und zu tun. Trotzdem ist es nicht gelungen ein anderes Resultat herauszuholen. Zumindest einen Punkt. Wir wollten drei. Das hat nicht geklappt. Von daher sind wir alle maßlos enttäuscht. Man kann ganz klar sagen, dass die Mannschaft hundert Prozent versucht hat alles abzurufen. Man kann keinem vorwerfen, dass er nicht alles dafür getan hat, um das Spiel positiv zu gestalten. Ich glaube aber auch, und das ist vielleicht auch klar in der Situation, in der das Team gerade steckt, dass es nicht völlig befreit aufspielt. Der Druck wird immer größer. Da können sich auch die Spieler nicht von frei machen. Der Druck für den Verein und für uns alle wird größer, wenn du nicht punktest. Null Punkte nach dieser Woche, da ist es so, dass jeder erstmal selber mit sich zu kämpfen hat. Wir sind jetzt in einer Situation, in der wir aber erst einmal runter fahren müssen, analysieren müssen. Die Englische Woche ist vorbei. Wir hatten uns viel vorgenommen, haben leider keinen Punkt geholt. Das gilt es zu besprechen und zu analysieren. Wir müssen aber erst einmal runterkommen, eine Nacht drüber schlafen, morgen früh trainieren, aufarbeiten und dann besprechen, wie es weiter geht. Wir sprechen mit der Mannschaft, mit dem Trainer.“ Das sei ein normaler Vorgang, auch wenn die Inhalte, räumte Schröder ein, aktuell andere sind.

Die Frage ist auch, ob Schröder für den Fall, dass die Verantwortlichen zu dem Schluss gelangen, dass Schmidt nicht mehr der richtige Mann ist, um die Mission Klassenverbleib erfolgreich zum Ende zu bringen, schon einen Nachfolger parat hat. Ob die zuletzt oft genannte Variante, den eigenen U23-Coach zum Cheftrainer zu befördern, das richtige Zeichen in diesem hammerharten Abstiegskampf ist, sei mal dahingestellt. Ohne die Qualitäten von Sandro Schwarz in Abrede stellen zu wollen. Dem 38-Jährigen, der mit seiner Mannschaft fast schon abgeschlagen am Tabellenende der Dritten Liga herumkrebst, aber in dieser prekären Situation jetzt die Verantwortung zu überlassen, könnte selbst für einen Verein, der mit solchen Eigenlösungen bisher gut gefahren ist, eine zu heftige Nummer sein.

„Es ist wie es ist“, sagte Martin Schmidt nach der Partie. „Es wird natürlich immer enger. Die Arbeit wird nicht einfacher. Ich stehe immer in der Verantwortung. Ich versuche als Trainer zu agieren, zu reagieren und zu handeln. Einzig die Leistung steht im Vordergrund. Wir versuchen diese zu verbessern, aber wenn du fünf Spiele mit jeweils einem Tor Unterschied verlierst, dann ist das irgendwann auch einmal sehr bitter. Ich würde nicht sagen, die Mannschaft ist total verunsichert. Ich würde sagen, es ist die Angespanntheit und Nervosität der Situation. Man hat heute gesehen, Freiburg hat den Klassenerhalt geschafft, die lassen Druckperioden über sich ergehen, Chancen, weil sie insgesamt in gutes Gefühl haben. Wir gehen anders in die Spiele. Wir müssen gewinnen, sind nervös wegen der Lage, wir wissen, wir müssen unbedingt. Uns bringt dann jeder Ball raus, der nicht gut ankommt. Nach jedem Fauxpas geht dann wieder phasenweise nichts mehr. Das ist sehr bitter, aber das Team lebt dennoch. Wenn wir jedesmal hoffnungslos unterlegen wären. Aber gegen Leipzig oder heute auch über zwei Drittel des Spiels kann man glaube ich nicht davon reden, dass das Spiel nicht passt. Dass die falschen Spieler auf dem Platz sind, dass der Trainer der falsche Typ ist. Ich glaube, dass momentan einfach überall bei allen zu viele Gedanken drin sind, die uns hemmen, das zu machen, was wir eigentlich ganz gut können.“

Der 49-Jährige akzeptiert die eigene Situation und dass im Moment vieles an seiner Person abgearbeitet wird, dass sich der Vorstand mit der Trainerfrage auseinandersetzt. Doch Schmidt kämpft. „So, wie ich mein Spiel analysiere, analysiert der Vorstand diese Geschichte. Sie wären am falschen Ort, wenn sie das nicht hinterfragen würden. Wenn sie aber alles angucken und alles auf den Tisch legen, gibt es nachher nicht viele Argumente, um zu sagen, das ist der komplette falsche Mann hier. Ich arbeite seit sieben Jahren hier mit Herz und Leidenschaft. Ich denke, das sieht man in jeder Phase. Ich weiß, fünf Niederlagen sind ein Brett. Das hatte ich noch nie. Das hatten wir als Team noch nie. Deshalb glaube ich schon, dass es langsam eng wird. Ich nehme die Kritik an, denn ich habe die Verantwortung. Wir kommen an der Tabelle nicht vorbei. Die ist omnipräsent. Die ist überall.“ Auch wenn die Stimmung gegen ihn ist, von sich aus aufgeben, ist für den Schweizer keine Option. „Ich habe Vertrag. Ich werde der Verpflichtung nachkommen. Gar keine Frage“, sagte Schmidt. So man ihn denn lässt.

 

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