Fragezeichen im Raum

Christian Karn. Darmstadt.
Das Umschaltspiel zu pflegen, reicht in der Bundesliga nicht. Von Kontern und Standards allein lebt man nicht. Erst recht nicht, wenn es nach einer Viertelstunde 0:2 steht und der Gegner keine Konter- und Umschalträume mehr anbietet. Mainz 05 verlor das Spiel in Darmstadt nach einer miserablen ersten und einer nur vordergründig versöhnlichen zweiten Hälfte 1:2. Und muss morgen auf Hilfe der Gladbacher hoffen, um nicht schon an diesem Wochenende fies in den Abstiegskampf zu rutschen.

SV Darmstadt 98 - FSV Mainz 05 2:1 (2:1)

Samstag, 11. März 2017, 17.400 Zuschauer.

SV Darmstadt 98: Heuer Fernandes - Sirigu (87. Steinhöfer), Niemeyer, Sulu, Holland - Altintop, Gondorf - Sam, Vrancic, Heller (74. Platte) - Schipplock (64. Fedetskij). Reserve: Beresowskij, Banggaard, Guwara, Boyd. Trainer: Frings.

FSV Mainz 05: Lössl - Donati (77. Bojan), Bell, Ramalho, Brosinski - Frei (57. Gbamin), Latza - Öztunali, Quaison, de Blasis - Córdoba (82. Muto). Reserve: Huth, Balogun, Jairo, Bungert. Trainer: Schmidt.

Schiedsrichter: Willenborg (Osnabrück).

Tore: 1:0 Sulu (5., Vrancic), 2:0 Sam (12., Foulelfmeter, Ramalho an Gondorf), 2:1 Quaison (45+3., de Blasis).

Gelbe Karten: Gondorf, Platte, Niemeyer - Ramalho, Córdoba.

Gelb-Rote Karten: Vrancic (60.), Bell (89.).

Mainz 05 hat auswärts gespielt. Auswärtsspiele verliert Mainz 05, das ist einfach so. Leverkusen muss eine Ausnahme gewesen sein, ein Zufall, ein Versehen, irgendetwas. In Darmstadt haben sich die 05er ihre Serie von sinnlosen Niederlagen wieder fortgesetzt, die im Oktober auf Schalke begonnen hat (0:3), sich in Fürth (1:2), in Brüssel (1:6), in Leipzig (1:3), in Saint-Étienne (unter den Umständen war das 0:0 eine Niederlage), in Berlin (1:2), in Gladbach (0:1), in Frankfurt (0:3), in Hoffenheim (0:4) und nun beim Tabellenletzten (1:2) fortsetzte. Die Frage steht in riesengroßen Buchstaben im Raum, was das eigentlich sein soll. Ob es eigentlich noch hinnehmbar ist, dass eine Mannschaft mit derart viel Qualität auf dem Platz derart oft derart miserabel spielt wie Mainz 05 in dieser Saison. Mit dem Europapokal kann es nichts zu tun haben. Der ist vorbei. Es muss andere Gründe geben, warum die 05er sich schon wieder eine erste Hälfte weit, weit unter Bundesliganiveau leisteten. Aber welche? Das gilt es herauszufinden. Die gilt es abzustellen. Dringend!

Das Feuerwerk im Gästeblock ist kein Grund für die Niederlage, wenn's auch die nächste Frage in den Raum stellt: In diesem Jahrzehnt hat Mainz 05 noch kein einziges Pyrospiel gewonnen. Angenommen, dem Publikum geht es tatsächlich um mehr als Selbstdarstellung, angenommen, dem Publikum geht es um Punkte, angenommen, Fußballfans sind abergläubisch - was soll das dann? Zeit für diese Überlegungen gab es, denn Frank Willendorf wartete mit dem Anpfiff, bis sich der Rauch verzogen hatte. Das dauerte ein paar Minuten. Es war eine gute Entscheidung des Schiedsrichters. Davon gab es in den folgenden 97 Minuten nicht mehr viele.

Als das Spiel lief, brauchte der Startelf-Debütant Robin Quaison - der Schwede spielte für Yoshinori Muto - nur eine halbe Minute, um den ersten Eckball herauszuholen. Weil sich bei der Abwehr Jerôme Gondorf wehtat, war auch gleich wieder Ruhe. Es war ein zerrissener Anfang für ein zerrissenes Spiel. Die Mainzer überließen den "Lilien" bald die Initiative - und lagen auch direkt mal zurück. Mal wieder durch einen Standard, ein Kopfballtor nach Ecke von Aytac Sulu. Die Mainzer Antwort: Ein im Ansatz verunglückter Eckball, der doch nochmal gefährlich wurde - Stefan Bells Kopfball kam gut, Darmstadts Torwart Daniel Heuer hielt den Ball aber mit einem beeindruckenden Reflex. Kein Ausgleich in der 7. Minute. Und auch keiner in der 10. Minute - es war zwar offensichtlich regelwidrig, wie Heuer Sulus Rückpass aufhob, aber den indirekten Freistoß gab es nicht. Dafür kurz darauf Elfmeter für die Lilien - zum dritten Mal in diesem Duell und in dieser Saison und zum ersten Mal vertretbar. André Ramalho hatte das Bein gegen Gondorf durchaus aktiv herausgestellt, der Darmstädter machte zwar viel daraus, aber es war auch nun mal ungeschickt vom Brasilianer. Bei Sidney Sams Schuss war Jonas Lössl in der richtigen Ecke, kam aber nicht an den Ball.

Spiel verloren? Auf jeden Fall Schluss mit Umschaltspiel. Bei 0:2-Rückstand gibt es keine Umschaltsituationen mehr, da sagt der Gegner: Zeigt mal, was Ihr könnt. Die 05er konnten nicht viel, sie brachten nach dem 0:2 sehr, sehr lange keinen Fuß in die Tür. Statt dessen hatte Ramalho wieder in einer solchen Dreiviertelsszene Glück, weiterspielen zu dürfen: Stellungsfehler gegen Sven Schipplock, Körperkontakt, ein Überschlag des Darmstädters, wieder ein bisschen zu gewollt, aber wieder auch kein sauberer Zweikampf. Wenn Foul, dann Notbremse? Willendorf gab Gelb, weil Stefan Bell vielleicht noch in die Szene hätte kommen können. Und Jonas Lössl hielt den Freistoß von Mario Vrancic. Den folgenden Eckball wehrten die 05er mit viel Mühe und Zufall ab - und ein weiterer Elfmeterpfiff (Córdoba gegen Gondorf) wäre möglich gewesen.

Entlastung? Weiterhin kaum. Die Darmstädter zogen beileibe keinen Sturmlauf auf. Aber sie hatten das Spiel völlig unter Kontrolle. Von den Mainzern kam spielerisch gar nichts, höchstens Hektik. Und auch gegen den Ball war es nicht gut, gelang kein Zugriff, war nahezu jeder Zweikampf eine Einladung, sich das Foul zu holen. Kurz: In dem Spiel, in dem es mal wieder den Befreiungsschlag hätte geben können, den die 05er seit Wochen nicht hinkriegen, war es schon wieder so eine miserable erste Hälfte wie zuhause gegen Werder Bremen und wie auswärts sowieso immer wieder. Eine einzige Torchance hatten die 05er in den ersten 45 Minuten, und die war ein Standard und ein Zufallsprodukt, der missratene und wieder zurechtimprovisierte Eckball in der siebten Minute. Das war alles. Gegen den Tabellenletzten ist das ganz schön dünn. Immerhin wurde Ramalho sicherer, immerhin war auf Lössl Verlass - der Torwart brachte mit klaren Aktionen wenigstens in die Innenverteidigung wieder eine gewisse Stabilität. Mit den herausgeköpften Bällen wussten die vorderen Reihen aber rein gar nichts anzufangen.

Und doch kamen die 05er mit einem 1:2 in die Halbzeit. In den letzten Sekunden der Nachspielzeit war's wieder ein Eckball. Pablo de Blasis brachte den Ball aus dem Hintergrund an die Latte, vielleicht aber war auch der Torwart dran; schwer zu sagen. Robin Quaison brachte den Nachschuss auch nicht unbedingt platziert aufs Tor, Linksverteidiger Fabian Holland war noch mit dem Körper dran aber der Ball flutschte durch.

Der Auftakt zur Wende, das Tor, das die Mainzer ins Spiel brachte? Erst einmal war Halbzeit. Fünfzehn Minuten für den Reset-Knopf, für den Neustart. Und ja, es sah direkt besser aus, zielführender, sinnvoller. Es war wieder so etwas wie Zusammenhang zu sehen, auch das Zweikampfverhalten war besser, geschickter. Dennoch hatten die Darmstädter die ersten beiden Gelegenheiten. Beide vergeben, aber beide hätte sich auch aktiver unterbinden lassen. Die dritte, die hätte das Ende sein können. Stefan Bell und Ramalho waren sich nicht einig, ließen einen billigen Konter einfach durch. Schipplock lief frei auf Lössl zu, der baute den Block und hielt den Ball. Kurz darauf: Kein Elfmeter, Schwalben-Gelb für Mario Vrancic. Kontakt zumindest war da, der Ex-05er fiel allerdings nicht gerade glaubwürdig. Kurz darauf: Ramalho-Klärung auf der Torlinie. Kurz darauf: Neuer Qualm im Gästeblock. Warum auch nicht? Christopher Blümlein bezahlt's ja jedes Mal... Zehn Minuten gespielt, der gute erste Eindruck wieder dahin. Wenn auch nicht völlig.

Nach vorne spielten die 05er weiterhin mit. Córdoba hatte Pech in der 58. Minute, stand nach einem abgewehrten Schuss von Levin Öztunali ungünstig, kam nicht schnell genug an den Abpraller. Sekunden später eine mögliche Schlüsselszene: Gelb-Rot für Vrancic, nur sechs Minuten nach der Schwalbe, wenn's denn eine war, für ein Allerweltsfoul. In der Summe eine absurde Entscheidung, völlig überzogen. Eine halbe Stunde noch. Knapper Rückstand, knappe Überzahl.

Dimo Wache (vorne) ist mal als 05-Kapitän abgestiegen. Stefan Bell (hier nach seinem überzogenen Platzverweis) hat noch zehn Spiele, um die 05er im Mittelfeld zu halten. Die Frage ist: Merken sie rechtzeitig, dass das so nichts wird?Quaison hatte die erste Chance zum Ausgleich, traf nach einem kunstvoll vorgetragenen Angriff über Öztunali und de Blasis aber nur die Netzhaltestange hinter dem Tor (65.). Danny Latza hatte die zweite, schoss keinen ganzen Meter am langen Eck vorbei (68.). Ja, da ging noch etwas! Bells Kopfball ging daneben (70.). Und der Schwung jedoch wieder verloren. Spielerisch - aber auch das ist nichts Neues - waren die 05er überfordert. Es ist kein Zufall, dass in diesem Jahr noch kein einziges Tor gefallen ist, das kein Konter gegen einen unaufgeräumten Gegner und kein Standard war. Spielaufbau kann Mainz 05 nicht. Weitere Torchancen kamen nicht mehr zustande, nicht mal kleine. Auch nicht mit neuen Angreifer. Bojan Krkic kam für Rechtsverteidiger Giulio Donati, Yoshinori Muto kam für Mittelstürmer Córdoba, dem die Darmstädter einen weiteren Platzverweis anzuhängen versucht hatten: Der bereits verwarnte Kolumbianer hatte einen Ball vor dem Tor mit dem Arm mitgenommen. Oder mit der Schulter. Oder mit dem Übergang. Schwer zu sagen, "alles gut", sagte jedenfalls der Schiedsrichter.

Der hatte in den letzten Minuten viel Arbeit, sich die Darmstädter Spieler vom Leib zu halten. Die protestierten längst gegen alles. Schafften es unterdessen aber, die 05er zwar nicht vom Strafraum weg-, aber aus dem Strafraum herauszuhalten. Und die Uhr lief und lief und lief und hörte nicht auf damit, der Ball lief auch, viel besser als in der scheußlichen ersten Hälfte, aber selten in gefährlichen Zonen. Wie Willenborg auf die Idee kam, Stefan Bell in der 89. Minute Gelb-Rot zu zeigen, weiß er allein, zumindest war es nach dem Gelb-Rot für Vrancic ausgleichende Ungerechtigkeit. Eine Minute darauf hatte der Schiedsrichter minutenlang die Karte in der Hand, fand aber Felix Platte nicht. Der lag inmitten der Rudelbildung auf dem Boden, hatte einen Mitspieler an die Schulter bekommen. Freistoß für Mainz, harmlos. Freistoß für Darmstadt, die weigerten sich, irgendwas mit dem Ball zu machen. Drei Minuten Nachspielzeit waren angezeigt, sie waren wie eine einzige Spielunterbrechung. Willenborg wusste das, pfiff trotz des tobenden Darmstädter Trainers auch nach 93:00 nicht ab. Aber nach 94:05, nach dem letzten abgewehrten Eckball. Jonas Löss war vorne, die Flanke war unbrauchbar, das Spiel vorbei. Und wenn der HSV morgen Gladbach schlägt, dann wird's hässlich. Dann sind's nämlich nur noch drei Punkte Vorsprung auf die Abstiegsplätze. Dann könnte nach weiteren Niederlagen in Ingolstadt, Freiburg, München, Hamburg und Köln bald die Frage im Raum stehen, ob es hinnehmbar ist, mit so viel Qualität in der Mannschaft aus der Bundesliga zu fliegen.

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