Fußball ohne Logik

Christian Karn. Frankfurt.
Der FSV Mainz 05 hat bei Eintracht Frankfurt 0:3 verloren, so hoch wie seit über 40 Jahren nicht mehr. Besonders viel Sinn ergibt das Endresultat nicht: Selbst die lange Unterzahl nach der harten Roten Karte gegen Jhon Córdoba änderte nichts am bis kurz vor Schluss enormen Chancenplus der 05er, die erst in der Schlussviertelstunde von den effizienten Frankfurter Angreifern noch zweimal ausgekontert wurden. Am Ende ist es neben der Sperre des Mittelstürmers (mehr als zwei Spiele sind undenkbar) aber nur das Endresultat, das zählt. Und das ist die fünfte Auswärtsniederlage in Folge.

Eintracht Frankfurt - FSV Mainz 05 3:0 (1:0)

Dienstag, 20. Dezember 2016, 48.500 Zuschauer.

Eintracht Frankfurt: Hradecky - Chandler, Abraham, Vallejo, Oczipka - Hasebe, Mascarell - Fabián, Gacinovic (70. Barkok), Rebic (67. Tarashaj) - Hrgota (90. Huszti).
Reserve: Lindner, Seferovic, Hector, Zorba. Trainer: Kovac.

FSV Mainz 05: Lössl - Donati, Bell, Hack, Brosinski - Gbamin, Latza - Onisiwo (46. Öztunali), Malli (81. Seydel), de Blasis (81. Jairo) - Córdoba.
Reserve: Huth, Frei, Ramalho, Bussmann. Trainer: Schmidt.

Schiedsrichter: Perl (Pullach).

Tore: 1:0 Hrgota (18., Abraham), 2:0 Barkok (75., nach Solo), 3:0 Hrgota (85., Barkok).

Gelbe Karten: Hrgota, Rebic, Mascarell.

Rote Karte: Córdoba (55., Unsportlichkeit/Tätlichkeit).

Das Komische an dieser Partie zwischen Eintracht Frankfurt und Mainz 05 ist, dass die Eintracht sie ganz schön oft gewinnt und man sich aber ganz schön oft anschließend fragt, wo eigentlich die Logik in diesem Spiel ist. Manchmal gibt es sie, manchmal ist sie gut versteckt. Manchmal fehlt sie.

Jeder Erklärungsversuch der jüngsten 0:3-Niederlage der 05er im Stadtwald muss mit der Existenz von Lukas Hradecky zusammenhängen. Aber der - zugegeben: famose - Torwart der Eintracht reicht nicht aus, um die Niederlage zu begründen. Famos sind auch andere Bundesliga-Torhüter, überragend war Hradecky nicht. Das bis kurz vor Schluss enorme Chancenplus der Mainzer hätte zumindest die Null von der Anzeigetafel holen müssen. Und die drei Treffer der Eintracht sind damit nicht mal im Ansatz hergeleitet.

Es war absurd. Es war ein Witz, es war frei von jedem Sinn. Es sollte nicht möglich sein, auf diese Weise ein solches Fußballspiel so hoch zu gewinnen, andersherum: es auf diese Weise so hoch zu verlieren. Es lässt sich auch nicht mit dem 1:6 gegen den RSC Anderlecht vergleichen. So war's nicht. Das passt nicht. Andererseits war Danny Latzas Hattrick ebenso bizarr und auch den gab's. Also lassen wir die Logik einfach fahren.

0:3 bei der Eintracht, die fünfte Auswärtsniederlage der 05er in Folge, nebenbei das dritte Auswärtsspiel in Folge, das sie zu zehnt beendeten. Zur Abwechslung nicht durch Gelb-Rot gegen Jean-Philippe Gbamin, sondern durch eine Aktion von Jhon Córdoba, die wohl am untersten Rand der Tätlichkeit anzusiedeln ist, die nur mit der Mindestsperre enden kann, das sind zwei Spiele. Eine Überraschung ist es freilich nicht, dass des den Kolumbianer irgendwann mal erwischte; glatte rote Karten, sehr oft für Tätlichkeiten, die anschließend auch nicht mehr groß thematisiert werden, gehören im kolumbianischen Fußball ohnehin zum alltäglichen Lokalkolorit. Eine Überraschung ist es auch nicht, dass es im Duell mit dem Frankfurter Verteidiger David Abraham passiert es - der seinerseits noch gesperrt gewesen wäre, hätte nicht der damalige Schiedsrichter Christian Dingert in der Keilerei gegen Hoffenheim vor zwei Wochen dessen Tätlichkeit übersehen, die sogar der Frankfurter Trainer Niko Kovac einräumte. Es war ein ähnlich wüstes Duell wie vor drei Tagen gegegen den Hamburger Gideon Jung, in der 55. Minute lagen mal wieder beide im Strafraum, Córdoba stieg beim Aufstehen dem Gegner aufs Bein. Absicht ist eine Unterstellung, die vielleicht zutrifft und vielleicht nicht, die weder zu beweisen noch zu widerlegen ist. Günter Perl zeigte Rot, was - wenn überhaupt - aber wahrscheinlich schon - ein Fehler war, aber ein viel kleinerer Fehler war als der von Dingert.

Es dauerte aber lange, bis das den 05ern das Spiel kaputtmachte. Es könnte natürlich damit zusammenhängen, dass die Eintracht längst 1:0 führte und gar kein Interesse hatte, den Gegner unter allzu großen Druck zu setzen. Es war Zockerei der Frankfurter, es hätte fürchterlich schief gehen können. Ein einziger langer Ball war bis dahin durch die Mainzer Abwehr gerutscht, Alex Hack hatte sich einen einzigen Stellungsfehler geleistet, Branimir Hrgota war über alle Berge, schob ins kurze Eck ein (18.). Es war bis kurz vor dem 2:0 in der 75. Minute der einzige ernsthafte Frankfurter Angriff. Dazu kamen zwei Schwalben von Linksaußen Ante Rebic, der irgendwann wegen höchster Gelb-Rot-Gefahr ausgewechselt wurde. Alle anderen Offensivversuche fingen die 05er ohne großen Aufwand ein.

Und die Null rechts des Doppelpunkts verlor mit zunehmender Spieldauer immer mehr ihrer Berechtigung, aber die 05er bekamen sie einfach nicht weg. Giulio Donati hatte wegen einer falschen Abseitsentscheidung die erste Chance nur theoretisch, konnte mit Yunus Mallis Pass aber ohnehin nichts anfangen (10.). Daniel Brosinski kam im Solo herrlich an drei Verteidigern vorbei, aber sein Querpass kam nicht an (15.). Direkt nach dem Rückstand klärte Hradecky gegen Córdoba, Pablo de Blasis' Abstauberversuch ging neben das Tor. Gbamins Kopfball war gerade unplatziert genug, dass ein Hände-Hoch-Reflex des Torwarts reichte, um den Ball zu blocken (24.). Und Malli vergab die eine eindeutige Situation, die das Spiel hätte verändern müssen. Müssen. Müssen. Nach Pass von de Blasis und einem Fehler des ungewohnt wackligen Jesús Vallejo war Malli etwas links von der Mitte durch und hätte wohl einfach eine Vogelperspektive auf die Szene gebraucht. Es sah aus, als würde der Zehner kurz über einen Querpass nachdenken, den zu spielen nicht möglich war. Der Schwung war damit verloren, die Abwehr wieder da, die Chance dahin (39.). In der 44. Minute fing Hradecky noch einen Rückpass von Córdoba ab, in der 45. ging eine Flanke von Brosinski verloren. Die 05er hätten wirklich nicht mit einem Rückstand in die Halbzeit gehen müssen.

Jhon Córdoba versteht die Welt nicht mehr: Zum dritten Mal in Folge beendeten die 05er ein Auswärtsspiel zu zehnt und zum dritten Mal muss man nicht nur den betroffenen Spieler fragen, ob das wirklich notwendig war. Foto: imagoUnd sie wären fast mit dem Ausgleich zurückgekommen. 46. Minute: Zwei Angreifer sind sich im Strafraum nicht einig, am Ende klärt Oczipa auf Gbamin. Der lässt einen fiesen Slider los, der auf dem Rasen zweimal die Richtung wechselte, auch Hradecky zu einem Richtungswechsel zwang - der Torwart fälschte den Ball nur ein bisschen ab - an den Pfosten. Latza vergab in der 48. Minute eine Kopfballchance. Hradecky warf einen gefangenen Ball leichtfertig Hack vor die Füße, vielleicht schoss der gerade eingewechselte Levin Öztunali ein bisschen zu hastig - vorbei (54.). Irgendwie stand es trotz allem 1:0, was zwar keinerlei Logik hatte, aber von der haben wir uns ja oben verabschiedet. Und eine Minute darauf waren die 05er nur noch zu zehnt.

In Unterzahl brachte Öztunali zwei Querpässe vors Tor, der eine ging abgefälscht genau auf den Torwart, der andere war etwas zu eng ans Tor gespielt (63., 74.) - dazwischen hatte Timothy Chandler die zweite Torchance der Eintracht vergeben, Lössl den Schuss aufs kurze Eck gehalten (73.). Gleich darauf war die Sache aber hoffnungslos: Nach einem Einwurf war die Abwehr nicht gut formiert, grätschte Hack ins Leere, kam der junge Aymane Barkok mit seinem Solo auch an Lössl vorbei und traf die kleine Lücke zwischen Donati und dem kurzen Pfosten (75.). Erst in der 81. Minute, fast eine halbe Stunde nach dem Verlust Córdobas, brachte Martin Schmidt mit Aaron Seydel einen neuen Mittelstürmer; spätestens beim 3:0 in der 85. Minute, als zu viele Verteidiger im Konter der Eintracht ins Niemandsland liefen und Barkok erlaubten, mit einem Querpass auf Hrgota, der andernfalls abseits gestanden hätte, den Torwart aus dem Spiel zu nehmen, war's vorbei. 3:0. Nicht mal nur in der Höhe absurd. Aber Fußball ist halt nicht immer logisch.

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