Gedränge auf dem zweiten Bildungsweg

Jörg Schneider. Mainz.
Martin Schmidt hat von Beginn an die Talentförderung als eine Prämisse ausgegeben. Perspektivspielern wirklich eine Perspektive geben, lautet das Credo des Trainers vom FSV Mainz 05. Selten zuvor war der Kreis der Nachwuchsspieler, die in den Bundesliga-Kader drängen, so groß wie in dieser Saison. Ein Grund dafür ist die Tatsache, dass sich die U23 unter Profi-Bedingungen erfolgreich in der Spitzengruppe der Dritten Liga behauptet. „Ich bin überzeugt davon, dass zwei Drittel der Spieler aus unserem Drittliga-Team in absehbarer Zeit Erste und Zweite Liga spielen können“, sagt Schmidt.

Suat Serdar bringt es als 18-Jähriger bereits auf vier Bundesligaeinsätze in dieser Saison. Foto: Bernd EsslingSelten zuvor war der Kreis der Nachwuchsspieler, die mit viel Energie und Fleiß in den Bundesliga-Kader drängen, so groß wie in dieser Saison. Das hat sicher mit der umfangreichen Verletzungsliste der vergangenen Wochen zu tun, aber nicht nur. Martin Schmidt setzt sein Konzept, die Talente aus dem Nachwuchsleistungs-Zentrum nicht nur als Perspektivspieler in der Liste zu führen, sondern den jungen Leuten tatsächlich auch eine Perspektive im Profi-Kader des FSV Mainz 05 aufzuzeigen, konsequent um.

Suat Serdar, der 18-jährige defensive Mittelfeldspieler, der noch im A-Jugend-Alter ist, hat bereits vier Bundesliga-Einsätze hinter sich. Philipp Klement bringt es auf zwei Einsätze. Devante Parker hat ebenfalls schon zweimal gespielt; Kasper Hjulmand ließ den 19-Jährigen bereits debütieren, Torhüter Jannik Huth saß zweimal als Ersatz für Loris Karius auf der Bank, Alexander Hack schaffte es mehrfach in den Spielkader, zuletzt auch Julian Derstroff. Hack und Derstroff stehen zudem relativ nahe vor ihrem ersten Bundesliga-Einsatz im 05-Trikot. Der Innenverteidiger und der schnelle Flügel-Sprinter unterstrichen ihre Ambitionen zuletzt beim 2:0-Testspielsieg gegen den Zweitligisten SV Sandhausen nachdrücklich. „Hack zeigt uns, dass wir ihn im Moment aus dem Stand heraus bringen können, wenn es bei Niko Bungert oder Stefan Bell nicht geht“, sagt der 05-Trainer. „Derstroff hat die Qualität durch sein Tempo und seine Technik oben zu spielen.“

Als Perspektivspieler gelten im Moment auch Gaetan Bussmann und Todor Nedelew. Der Franzose, der für eine stattliche Ablösesumme vom FC Metz aus der zweiten französischen Liga kam, braucht länger als erwartet, um sich ans Bundesliganiveau anzupassen. Dem Linksverteidiger fehlen noch immer taktische Prinzipien des 05-Spiels im Repertoire und auch ein gewisses Maß an Wettkampfhärte. Bussmann sei auf einem guten Weg, sagt der Coach, doch das brauche ähnlich wie in der vergangenen Saison, als sich Jairo an die Bundesliga gewöhnen musste, ein halbes Jahr. Bussmanns 90-Minuten-Einsatz gegen Sandhausen war ein Fortschritt. „Er hat Spielpraxis und Erfahrung gesammelt und sich sicher nicht geschadet mit diesem Auftritt“, betont Schmidt. Das Problem Nedelew ist kein neues. Der Bulgare mit dem herausragenden Talent, hat sich in den vergangenen Wochen mit positiven Ansätzen in der U23 gezeigt. Doch ein Platz im Drittligateam kann nicht der Anspruch des 22-Jährigen sein. „Ich habe ihm gesagt, dein Ziel muss jetzt ein Platz im Spielkader sein“, erklärt der 05-Trainer. Das zumindest ist dem Bulgaren gelungen. Nedelew ist jetzt lange genug in Mainz und muss allmählich, liefern, um eine Zukunft am Bruchweg zu haben.  

Mitten drin statt nur dabei: Philipp Klement ist einer von Martin Schmidts Perspektivspieler. Foto: ImagoDass der Kreis der Nachwuchskräfte, die nach vorne drängen, größer geworden ist, liegt neben guten Jahrgängen an den Gegebenheiten. „Das hat natürlich damit zu tun, dass ich sie gut kenne“, sagt Schmidt, der die Spieler bis Februar dieses Jahres als U23-Coach förderte. „Man muss aber auch sehen, dass die Jungs inzwischen ein ganzes Jahr Dritte Liga spielen. Das sind Erfahrungen im Profi-Bereich, die enorm helfen.“ Die technischen und taktischen Voraussetzungen können im Training gelegt werden. Doch die mentale Herausforderung in Liga drei ist um ein vielfaches höher als in der Regionalliga. „Die psychische und physische Widerstandsfähigkeit wächst, wenn du beispielweise in Dresden oder Osnabrück auflaufen musst. Das sind Stadien, da wird unter Bundesliga-Bedingungen gespielt. Da ist der Druck von den Zuschauern extrem groß. Das ist etwas anderes als vor 400 Zuschauern in der Regionalliga zu spielen. Die Dritte Liga ist für die jungen Spieler eine Ausbildungsstufe, die du nirgendwo simulieren kannst“, sagt Schmidt, der dies als „zweiten Bildungsweg“ bezeichnet.

Dass sich die 05er als Aus- und Weiterbildungsverein nicht dem Trend in der Nachbarschaft angeschlossen haben, die U23 abzumelden, trägt mehr und mehr Früchte und ist für den 05-Trainer der einzig richtige Weg in der Förderung von jungen Spielern. Eintracht Frankfurt und Darmstadt 98, die beiden benachbarten Bundesligisten, verzichten auf ein U23-Team, Zweitligist FSV Frankfurt ebenso. „Wir merken es doch schon im Bereich der U15, 16,17, dass mehr Jugendliche nach Mainz kommen, weil hinten dran eine Drittliga-Mannschaft steht“, sagt Schmidt. Die Chance, nach der A-Jugend einen Anschlussvertrag für die Dritte Liga kriegen zu können, sei extrem verlockend und anziehend. In Frankfurt wisse der talentierte A-Jugendliche, wenn er in der U19 nicht so performe, dass er sofort ein Thema für den Profi-Kader werde, sei er weg vom Fenster.

In Mainz stehen neben den Hacks, Klements oder Serdars eine ganze Reihe weiterer vielversprechender Talente im U23-Kader von Trainer Sandro Schwarz, der augenblicklich einen außerordentlichen vierten Tabellenplatz in der Dritten Liga belegt: Der junge Malte Moos, der in den Testspielen der Profis regelmäßig überzeugt. Tobias Schilk, Fabian Kalig, Marc Wachs, Patrick Pflücke, Daniel Bohl, Lucas Höler ebenso, um nur einige zu nennen, die sich immer wieder im Training der 05-Profis zeigen. „Ich bin überzeugt davon, dass zwei Drittel der Spieler aus unserem Drittliga-Team in absehbarer Zeit Erste und zweite Liga spielen können“, behauptet der 05-Trainer. Wie weit sie dann am Ende tatsächlich kommen, hänge dann viel vom Einzelnen ab.

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