Gegen die Schwerkraft

Jörg Schneider. Mainz.
Die jährliche Mitgliederversammlung des FSV Mainz 05 bot wenig Raum für Überraschungen. Der Verein steht sportlich wie wirtschaftlich auf gesunden Füßen, behauptet sich mit seinen Möglichkeiten im Konzert der Bundesligagrößen und meldet dabei regelmäßig schöne Gewinne. Viel Harmonie, eine emotionale Rede des neuen Cheftrainers, aber auch ein nachdenklicher Appell an die 05-Anhänger bestimmten den Abend in der VIP-Lounge der Coface Arena.

Der neue, alte 05-Vorstand: Die Herausforderungen werden nicht weniger. Foto: Christian KarnDass die Vorstandswahlen ohne Überraschungen über die Bühne gehen würden, war von vorneherein klar. Harald Strutz und dessen Vorstandscrew haben von den 438 Mitgliedern der Generalversammlung in der Coface Arena das Vertrauen für weitere drei Jahre geschenkt bekommen. Kein Wunder, denn sportlich steht der Klub seit Jahre bestens da, behauptet sich mit seine Möglichkeiten im Konzert der Bundesliga-Größen und kann dabei, im Gegensatz zu etlichen anderen Vereinen in der Liga, regelmäßig schöne Gewinne vermelden. Im abgelaufenen Geschäftsjahr waren es fünf Millionen Euro nach Steuern, bei einem Umsatzrekord von 78,7 Millionen Euro.

Das sorgte für Zufriedenheit bei den Mitgliedern. Da blieb wenig Raum für Kritik. Eher schon für emotionale Momente. Martin Schmidt, der Trainer der U23, erhielt minutenlangen Beifall. Christian Heidel hatte den Schweizer auf die Bühne gerufen, einen Blumenstrauß überreicht und Schmidt für dessen Verdienste um das Team gedankt, das bekanntlich in der abgelaufenen Saison den Aufstieg in die Dritte Liga schaffte und als drittes U23-Team eines Bundesligisten in dieser Profi-Liga vertreten ist. „Es gibt Vereine“, sagte der 05-Manager, der auch dem Vorstand angehört, „die auf die Idee kommen, ihre U23 abzumelden. Wir sind einen anderen Weg gegangen. Wir haben beschlossen aufzusteigen. Und daran habe Schmidt, der seit der Jahren die Mannschaft trainiert, einen riesengroßen Anteil.“

Hjulmand: Eine große Ehre

Auch der neue Cheftrainer kam an diesem Abend zu Wort. Kasper Hjulmand beeindruckte die Mitglieder mit einer feinen Rede in gutem Deutsch und erntete ebenfalls großen Applaus. „Es ist eine große Ehre für mich hier zu sein, Trainer von Mainz 05 zu sein“, sagte der Däne. Er werde in den nächsten Wochen, Monaten, vielleicht Jahren alles ihm Mögliche tun, um die Mannschaft in diesem Verein weiterzuentwickeln. Das gehe aber nur, wenn innerhalb des Vereins eine große Gemeinsamkeit und ein Zusammenhalt da sei. „Nur gemeinsam erreichen wir Resultate“, sagte Hjulmand. „Ich kann nur versprechen, dass ich alles tun werde, was ich kann, um das Beste für diesen Verein zu erreichen.“

Der Däne berichtete in seinem humorvollen Vortrag, er habe seinem Sohn bei den Hausaufgaben in Biologie geholfen. Dabei sei es um die Frage gegangen, wie bei Pflanzen der Wasserstrom von den Wurzeln, den Stamm oder den Stängel hinauf zu den Blättern gelange. Er habe gelernt, dass dies durch die Kohäsionskraft geschehe. Hjulmand sagte, Mainz 05 sei wie das Wasser, das der Schwerkraft trotze und nach oben wandere. Dass dies so bleibe, daran werde er mit aller Kraft arbeiten.

05-Trainer Kasper Hjulmand hielt eine eomotionale Rede. Foto: Christian KarnNachdenkliches kam von Christian Heidel. Die Ereignisse des Sommers, so der Manager, hätten ihn stutzig gemacht. Besonders das Ausscheiden aus der Europaliga. Nicht nur die Medien hätten den Klub mit Häme bedacht, auch in der Stadt und unter Stadion-Besuchern seien die Reaktionen sehr negativ gewesen. Als wolle sich kaum noch jemand daran erinnern, was man schon alles gemeinsam durchgestanden habe in der Vergangenheit. Er habe den Eindruck, dass inzwischen eine Erwartungshaltung entstanden sei, die verlange, dass der Verein im oberen Drittel der Bundesliga zu spielen habe, Misserfolge kaum noch verziehen würden.

Christian Heidels Appell

„Was aber passiert, wenn wir wirklich mal Probleme kriegen?“, fragte Heidel in die Runde. „Ist Mainz 05, sind seine Mitglieder und Anhänger darauf vorbereitet?“. In diesem Geschäft sei es immer möglich für Vereine wie die 05er, in Abstiegsgefahr zu geraten. Er habe ein bisschen das Gefühl, da sei etwas verloren gegangen. Natürlich sei der Klub da ein Stück weit Opfer seines eigenen Erfolges, weil die Mannschaft sich nun seit Jahren so weit oben in der Bundesliga aufhalte. „Aber wir haben es mit Gegnern zu tun, die haben das drei, vier-, zehnfache an finanziellen Möglichkeiten. Ich kann nicht garantieren, dass wir es immer so hinkriegen wie bisher.“ Er appellierte eindringlich an alle, die Erwartungshaltung nicht zu groß werden zu lassen. Heidel forderte die 05-Mitglieder auf mitzuhelfen, die Menschen in ihrer Umgebung darauf zu fokussieren, wer Mainz 05 sei und wo der Verein herkomme.

Die Zuschauerzahlen in der Coface Arena deute darauf hin, dass diejenigen, denen der Klub seit langen Zeiten am Herz liegt, ständig zu den Spielen kommen, dass aber viele neue Anhänger abwartend reagieren oder nur zu den Highlights das Stadion besuchen. 25.000 Besucher kamen zum ersten Heimspiel. Die Partie am vergangenen Freitagabend, in der die Mainzer die Tabellenführung in der Bundesliga hätten erklimmen können, wollten nicht einmal 30.000 Besucher sehen.

Bei allen Rekordumsätzen und tollen Gewinnsummen, „die Herausforderungen werden nicht geringer“, sagte Harald Strutz an diesem Abend. Einem erweiterten Publikum mit potenziellen Neukunden die Attraktivität eines Stadionbesuchs näher zu bringen und gleichzeitig die Stammbesucher in der Arena zu halten, gehört sicherlich zu den Aufgaben, die der neue, alte 05-Vorstand bewältigen muss.

 

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