Gelegenheit schafft Räume

Christian Karn. Mainz.
20 Jahre jung ist Levin Öztunali - sieht man ihn spielen, glaubt man's kaum. Aber klar: Wenige Spieler haben schon so früh eine solche Profi-Erfahrung wie der Neuzugang des FSV Mainz 05. Vor den beiden Spielen gegen seine Ex-Klubs Werder Bremen und Bayer Leverkusen sprach der Rechtsaußen lieber über Fußball als über seinen Opa. Im positivsten Sinne kann man Öztunali wohl einen Opportunisten nennen, einen, der seine Rolle auf dem Feld nicht nur durch seine Stärken definiert, sondern über die Schwächen, die der Gegner zeigt, der nicht stur seinen Plan A durchboxen will, sondern seine Räume anhand der Gelegenheiten und Gegebenheiten findet. Das funktioniert sehr gut.

Vielleicht kommt ja irgendwann der Tag, an dem alle Welt staunend vor Uwe Seeler steht und ihn fragt: "Im Ernst? Sie sind der Opa von Levin Öztunali?" Und: "Wie ist das, so einen berühmten Enkel zu haben?"

Einstweilen ist es umgekehrt, und wenn er's auch in Höflichkeiten verpackt, merkt man es, dass der junge Flügelspieler des FSV Mainz 05 von solchen Fragen etwas genervt ist. "Darüber habe ich doch schon alles gesagt", wehrt Öztunali ab. "Für mich ist er mein Opa. Er hat Fußball gespielt." Thema beendet. Über seine Familie, sein Privatleben will der Spieler gar nicht so sehr reden. Im deutsch-türkischen Elternhaus sei die deutsche Sprache gesprochen worden, Türkisch könne er nicht, die Türkei sei nur mal ein Urlaubsland für ihn gewesen, und in Mainz wohne er noch im Hotel, aber nicht im gleichen wie Sportdirektor Rouven Schröder. Das muss reichen. "Ich würde lieber über Fußball reden", sagt Öztunali.

Er macht einen ehrlichen, einen bestimmten, aber auch freundlichen Eindruck, der 20-jährige Profi. Er zieht einerseits so klare Grenzen, dass der Kollege vom Boulevard, der sich immer auch für die Namen von Frau und Kind interessiert, nicht mal versucht, danach zu fragen. Er wirkt aber auch bei ausweichenden oder blockierenden Antworten weniger wie eine dieser abgezockten Phrasenschleudern, die der moderne Fußball produziert, er klingt eher scheu, eher etwas introvertiert. Eher in der Außendarstellung noch etwas unerfahren, unfertig vielleicht, was angesichts seines beeindruckenden Karrierestarts im ersten Moment überrascht. Aber vielleicht wurde da wirklich ein junger Bub auf der Überholspur in die Bundesliga und in eine Hauptrolle geschossen.

Als 17-Jähriger verließ Öztunali seine Heimatstadt Hamburg und den HSV, der über den Verlust seines Toptalent, über dessen Wechsel zu Bayer Leverkusen erst einmal beleidigt war. Schon am ersten Spieltag debütierte der Offensivspieler in der Bundesliga, bei seinem Drei-Minuten-Einsatz als Einwechselspieler für Gonzalo Castro beim 3:1 gegen den SC Freiburg war er 17 Jahre und 148 Tage alt. Schon der zweite Einsatz führte ihn nach Mainz; beim 4:1-Auswärtssieg in der Coface Arena wurde Öztunali in der 75. Minute für den zweimaligen Torschützen Robbie Kruse eingewechselt. Sein erstes Bundesliga-Heimspieltor schoss damals übrigens Öztunalis heutiger Kollege Yunus Malli. Letztlich spielte der Rechtsfuß unregelmäßig für Bayer 04, 13 Mal wurde er im Laufe von 51 Spieltagen eingewechselt, zweimal durfte er in die Startelf, häufiger saß er auf der Bank oder spielte er gar in unteren Mannschaften. Ein ganzes Wochenende auf der Tribüne sitzen musste Öztunali nicht so oft.

Zweites Spiel, erster Startelf-Einsatz, erstes Tor, erste Vorlage: Wenige 20-Jährige sind bei Mainz 05 derart schnell angekommen, wenige brachten eine derartige Bundesliga-Erfahrung mit wie Levin Mete Öztunali. Foto: imagoBei Werder Bremen, beim Startelf-Debüt noch Öztunalis Gegner, startete der heutige Mainzer augenblicklich durch. Kurz vor seinem 19. Geburtstag hatte Werder den Leverkusener für eineinhalb Jahre ausgeliehen, klarer Stammspieler war er nicht immer, aber meistens schon und von Anfang an. 51 Einsätze wären möglich gewesen für Öztunali, der im ersten halben Jahr als Bremer immer noch in der A-Jugend spielberechtigt war, 41 wurden es. Und auch beim FSV Mainz 05 ging's flott: Beim Pokalspiel in Unterhaching war Öztunali noch nicht verpflichtet, am ersten Spieltag gegen Borussia Dortmund wurde er nach sehr wenigen Trainingseinheiten schon eingewechselt, ebenso in der Europa League gegen die AS Saint-Étienne. Gegen Hoffenheim und in Augsburg spielte Öztunali von Anfang an, beim 4:4 im Heimdebüt bereitete er das 2:0 vor und schoss das 4:1. Dass der Junge erst 20 Jahre alt ist, sah man nicht.

Aber man hört es. Man hört es, wenn er sich freut, wie leicht ihm in Mainz der Einstieg in die neue Umgebung gemacht worden sei. Ein paar Spieler kenne er von früher, sagt Öztunali, aber er meint nicht den halben Profikader, sondern "Jannik Huth und auch ein paar aus der zweite Mannschaft." Das wären zum Beispiel Patrick Pflücke, Devante Parker und Aaron Seydel, mit denen Öztunali schon in der U15-Nationalmannschaft spielte, die noch lange nicht so weit gekommen sind wie er selbst - und doch ist Öztunali nicht der allergrößte Überflieger seines Jahrgangs: Beim Debüt schoss Timo Werner, der als jüngster Spieler aller Zeiten demnächst seinen 100. Bundesliga-Einsatz haben dürfte, drei Tore, auch der heutige dreimalige A-Nationalspieler Julian Brandt gehörte damals zum Nationalteam. Öztunali aber steht nicht weit dahinter.

In den Nationalmannschaften spielt Öztunali seit sechs Jahren seine Rolle. Vielen seiner Bekannten bei Mainz 05 ist er schon im U15-Team des DFB begegnet. Foto: imagoOhne es tatsächlich beim Namen zu nennen, bezeichnet sich der Angreifer als Opportunist auf dem Platz, im positivsten Sinne, als einer, der reagiert, der Situationen beobachtet, der Chancen, zielführende Möglichkeiten sucht und erkennt, der situationsbedingt Lösungen finden will. Als einer, der seine Räume und Reviere nicht einfach anhand eigener Stärken definiert, der sich auch davon beeinflussen lassen will, wo der Gegner seine Schwachpunkte hat. In Mainz ist Öztunali bisher Rechtsaußen, vor allem gegen Hoffenheim war er das nicht im klassischen Muster, nicht im Raum zur Eckfahne hin, eher etwas weiter innen, auch etwas tiefer, in einer Grenzregion zwischen dem Mittelfeld und dem Angriff, die sich aber auch vors Tor erstreckte. "Das ist aber von Spiel zu Spiel verschieden", relativiert Öztunali. "Man" - das sagt er oft, wenn es um allgemeine Beschreibungen seiner Welt geht, das Wort "ich" verwendet er in diesem Kontext wie viele Jugendliche seiner Generation selten - "man sucht die Räume, in denen Platz ist. Mal kommt man außen besser vorbei, mal innen." Auf eine Lieblingsposition will sich Öztunali nicht festlegen. Rechts? Links? Da sei er gar nicht so festgelegt. "Das geht beides."

Und dann fängt er plötzlich doch an zu erzählen, denn inzwischen geht es um Fußball, und innerhalb des Themas auch nicht um die Integration in eine neue Umgebung oder um das, was ihn noch mit seinen nächsten beiden Gegnern verbindet, seinen Ex-Klubs aus Leverkusen und Bremen. Sondern tatsächlich ganz konkret um das, was auf dem Platz zwischen Anpfiff und Abpfiff passiert. Das Thema gefällt Öztunali, darin fühlt er sich wohl, damit kennt er sich aus, ganz eindeutig. Schnelles Spiel nach vorne, Umschaltspiel, das sei seine Welt. "Außen ist man eine der ersten Anspielstationen", sagt Öztunali. "Wenn man da Bälle kriegt, das liegt mir." In der Jugend war der Angreifer noch zentraler im Mittelfeld, außen sei er jetzt eingespielt, habe ein gutes Gefühl für die Position. "Man spielt, wo der Trainer einen aufstellt, aber ich fühle mich wohl dort." Und es sei gut, wenn die Leute einem das Gefühl geben, dass man gut drin sei in seiner Rolle. Das Gefühl braucht er offenbar, der junge Fußballer, und wenn es darum geht, ist Levin Mete Öztunali in diesem seltsamen, immer etwas harmoniesüchtigen Verein, bei dem er einen Fünfjahresvertrag unterschrieben hat, sicher gut aufgehoben.

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