„Goldener Joker“ mit einem Jahr Verspätung?

Jörg Schneider. Mainz.
Im Februar dieses Jahres hat der FSV Mainz 05 Emil Berggreen verpflichtet. Einen langen, kopfballstarken, auch spieltechnisch guten Mittelstürmer. Der Däne sollte vom Profil her die ideale Ergänzung darstellen und genau in die Lücke zwischen Yoshinori Muto und Jhon Cordoba passen. Doch der 23-Jährige, für viel Geld vom Zweitligisten Eintracht Braunschweig gekommen, ist in Mainz wegen dauerhafter Verletzungen noch nie in Erscheinung getreten. Jetzt wächst am Bruchweg die Hoffnung, dass Berggreen mitfahren kann ins Winter-Trainingslager und ab März noch zu einem „goldenen Joker“, wie es der Trainer ausdrückt, für die Rückrunde werden kann.

Im Sommer-Trainingslager im Aostatal hatte der Trainer des FSV Mainz 05 kurz das Thema angerissen, dass der Bundesligist möglicherweise noch einen Mittelstürmer verpflichten müsse. Emil Berggreen, der für diese Saison als zusätzlicher Angreifer im Zentrum eingeplant war, hatte sich  erneut schwer am Knie verletzt und würde erneut nicht zur Verfügung stehen. Yoshinori Muto war nach seiner Knie-Verletzung zwar dabei, hatte jedoch immer wieder Probleme, die den Japaner zurückwarfen. Jhon Cordoba war also zeitweise der einzige Mittelstürmer im Kader. „Nur mit einem Stürmer können wir nicht nochmal reingehen in eine Saison“, sagte Martin Schmidt damals im Sommer. Muto wurde dann jedoch fit, die Mainzer holten keinen weiteren klassischen Neuner dazu. Und dann trat nach dem Ende der Transferperiode doch genau das ein, was Schmidt unbedingt hatte vermeiden wollen: Muto verletzte sich erneut schwerer, Cordoba musste notgedrungen bis jetzt mehr oder weniger den Alleinunterhalter in der Sturmspitze geben. Der Kolumbianer schleppte sich ächzend und ausgepumpt nach den intensiven Belastungswochen in drei Wettbewerben in die aktuelle Länderspielpause.

„Wir wussten, dass Berggreen im Herbst nicht da ist. Aber dass Yoshi so viele Wochen fehlte, tut uns richtig weh, weil er ein wichtiger Spieler in wichtigen Partien ist für uns“, sagt Schmidt heute. „Dass Muto nicht da war, hat man irgendwann dem Jhon angesehen, weil er immer im Fokus stand. Schon alleine die Verantwortung, Tore erzielen zu müssen, das hat ihn schon unter Druck gesetzt.“ Nun sieht es so aus, dass der Japaner kurzfristig ins Mannschafstraining einsteigt und gegen Ende der Vorrunde wieder ins Geschehen eingreifen wird. Schmidt hat den Stürmer für die Spiele im Dezember auf der Rechnung. „Da darf es aber keinen Rückschlag mehr geben.“

Ein paar Spezial-Einheiten mit Axel Busenkell, viel mehr hat Emil Berggreen aufgrund seiner Dauer-Verletzungen am Bruchweg noch nicht arbeiten kölnnen. Die 05er hoffen jedoch darauf, dass der Mittelstürmer im Januar mit dem Training beginnen kann. Foto: Jörg Schneider Der 05-Trainer gibt sich optimistisch und hofft dazu, dass auch Emil Berggreen in der Rückrunde dieser Saison noch seinen Einstand im Team gibt und seine Möglichkeiten erhalten wird, nach der ewig langen Ausfallzeit den Mainzer Angriff tatkräftig zu unterstützen. Die Reha des Dänen nach dem Kreuzbandriss verlaufe sehr positiv. „Das Ziel ist, dass Emil mit ins Winter-Trainingslager fährt. Und zwar nicht nur als Läufer, sondern dass er mit dem Ball auf dem Platz arbeitet und vielleicht auch schon kleine Teile des Trainings mitmachen kann“, sagt der 49-Jährige. Der Coach hat die Vorstellung, dass Berggreen dann ab März richtig ins Mannschaftsgeschehen eingreift. „Sein Vorteil, er ist ein Stürmer, einer Neuner. Er ist groß und kopfballstark. Er kann sehr wertvoll für uns sein, wenn er fit wird und wir ihn im Kader haben. Du schmeißt ihn mal fünf Minuten rein, mal zehn Minuten. Wenn der fünfmal für kurze Zeit spielt, kann der uns viel bringen, wenn wir Cordoba mal rausnehmen und  ihn vorne rein stellen können. Alleine schon für hohe Bälle. Du hast dann einen mehr drin für den Kopfball, auch für den Defensivkopfball.“

Es reiche schon, einen solch interessanten Spieler als Einwechsler zu haben. „Bei einem Sechser oder einem Verteidiger kannst du nicht so denken. Der muss topfit sein, damit er in die Startelf kann. Das muss Emil noch gar nicht werden. Wertvoll für uns wäre schon, wenn er hinten raus in der Rückrunde zu einem goldenen Joker werden könnte. Das hat er in Braunschweig schon gespielt, da hat er Jokertore geschossen.“ Berggreen sei vom Profil her die ideale Ergänzung. Ein langer, kopfballstarker, aber auch spieltechnisch guter Mittelstürmer, der genau in die Lücke passe zwischen Muto und Cordoba. Einen solchen Angreifer gibt es ansonsten nicht im 05-Kader.

Den 05-Anhängern ist Berggreen noch völlig unbekannt, weil der Profi hier noch nie in Erscheinung getreten ist. Seit Februar dieses Jahres ist der 23-Jährige im Verein, kam für eine stattliche Ablösesumme, die zwischen zwei und drei Millionen Euro gelegen haben soll, von Eintracht Braunschweig zum Bruchweg und war bisher immer verletzt. Schon in der Vorrunde vor seinem Wechsel hatte Berggreen beim Zweitligisten nur mit schmerzstillenden Medikamenten spielen können. Der Spieler absolvierte dann im Winter eine Rhea zu Hause in Dänemark und kam von dort direkt zum Bruchweg. „Das war ein Risiko“, sagt Schmidt. „Man wusste um den Schaden, hat sich aber auf die Diagnose verlassen und gesagt, wir holen den als Vorgriff auf die neue Saison. Wir kriegen den in einem halben Jahr hin.“

Es kam bekanntlich anders. Nach einigen wenigen Spezial-Trainingseinheiten abseits der Mannschaft war dieser Plan gescheitert. Die Beteiligten entschieden sich, eine Schleimbeutel-Glättung im Knie des Spielers operativ vornehmen zu lassen. Damit war auch die Rückrunde gelaufen. „Das ist kein einfaches Knie, was der Junge hat. Das Knie ist ja schon über anderthalb Jahre am kränkeln. Immer wieder Meniskus, Außenband, Schleimbeutel“, so der Trainer. Das nächste Ziel für den Profi hieß dann Vorbereitung auf die aktuelle Saison. Es folgte der nächste Rückschlag. Zwei Tage vor der Abreise ins Trainingslager im Aostatal erlitt der Stürmer im Training einen Kreuzbandriss. „Passiert ist es beim fünf gegen zwei. Er hatte davor schon Balltraining gemacht, schon über eine Stunde lang sehr intensiv. In diesem Eckenspiel hat er sich bei einem ganz einfachen Pass verletzt. Der Ball kam, er spielte ihn weiter und fühlte sofort etwas wie einen brennend heißen Nadelstich. Es ist ohne Fremdeinwirkung passiert. Aus heiterem Himmel. Das ist sehr ungewöhnlich. Wer weiß, vielleicht hat der Zwischenfall vor dem USA-Trainingslager eine Rolle gespielt, als er schon mal abbrechen musste, jetzt ist es jedenfalls komplett kaputt gegangen“, berichtete der Trainer im Juli.

Berggreen hat bis heute kein einziges komplettes Mannschafstraining mit den 05ern absolviert. „Er war eigentlich nie richtig im Team drin“, sagt Schmidt. Der Kontakt zur Mannschaft sei trotzdem da. Berggreen werde zu allem eingeladen, sei auch täglich Reha technisch aktiv am Bruchweg und nehme an den gemeinsamen Essen teil, um nahe am Team dranzubleiben. Der Trainer hat bei seinem so schwer gebeutelten Spieler unterdessen ein hohes Frustrations-Potenzial registriert. „Ich empfinde es so, dass er so etwas wie ein schlechtes Gewissen hat“, erklärt der 49-Jährige. „Er ist jetzt fast ein Jahr hier. Der Verein hat viel Geld für ihn bezahlt, und er kann nichts zurückgeben. Das belastet ihn. Er will unbedingt etwas zurückgeben, aber er kann nicht, weil er gefesselt ist in seiner Verletzung. Wir hätten ihn alle gerne dabei, weil wir davon überzeugt sind, dass Emil viel kann und uns hilft.“ Im Januar unternimmt der junge Däne einen neuen Anlauf.

 

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