„Good on Paper, shit on Grass“

Jörg Schneider. Mainz.
Länderspielpause in der Bundesliga. Das heißt beim FSV Mainz 05, dass gut die Hälfte des Kaders unterwegs ist. Kasper Hjulmand hat das Arbeitsprogramm in den kommenden Tagen etwas reduziert. Regeneration und Entspannung ist angesagt nach den Strapazen der vergangenen Wochen. Auch der Trainer selbst will sich nach wochenlangem Dauereinsatz mal ein paar Freiräume schaffen. Gedanklich beschäftigt sich der 42-Jährige dennoch immer mit der Weiterentwicklung seiner Mannschaft. Und in diesem Prozess wartet in den nächsten Wochen noch viel Arbeit auf die 05-Profis.

Viel Betrieb im 05-Training trotz fehlender Nationalspieler: Große Teile des Mainzer Drittligateams trainierten mit den Profis. Foto: Jörg Schneider

24 Feldspieler auf dem Trainingsplatz zum Arbeitsauftakt beim FSV Mainz 05 in dieser Länderspielpause? Wie kann das sein? Ganz einfach: Kasper Hjulmand hat aus der Not eine Tugend gemacht und seinen reduzierten Kader kurzerhand mit einem Großteil der Spieler aus der eigenen U23 aufgefüllt. Das erscheint sinnvoll, denn das Testspiel der 05er am Donnerstagabend (19 Uhr) beim SV Darmstadt 98 wird ein Mainzer Team bestreiten, das zu einem großen Teil aus Nachwuchskräften besteht. Die große Trainingsgruppe durfte dann am Morgen prompt eine fast zweistündige, knackige Einheit absolvieren.

Trotzdem ist in dieser Woche Entspannung angesagt am Bruchweg. Das Programm ist reduziert nach den Strapazen der vergangenen Wochen. Und auch der Trainer selbst hat sich vorgenommen, nicht wie bisher, jeden Tag bis in die Puppen im Trainingszentrum zu sein und zu arbeiten, sondern es mal etwas langsamer angehen zu lassen, jetzt, wo wieder die Hälfte des Kaders auf Reisen ist. Hjulmand hat seine Prioritäten ein wenig verschoben, will in dieser Länderspielpause auch mal seiner Familie etwas Zeit widmen. Zumindest mal einen halben Tag, wie er sagt.

So geht's: Kasper Hjulmand erklärt Jairo, Pablo De Blasis, Sami Allagui und Ja-Cheol Koo (von links) einen Spielzug. Foto: Jörg SchneiderKasper Hjulmand gibt offen zu, dass es ihm nicht leicht fällt, sein Pensum etwas zurückzuschrauben und Freiräume einzubauen. „Das ist sicher eines meiner Probleme“, sagt der 42-Jährige. Doch auch ein Trainer brauche mal etwas Regeneration, müsse wenigstens phasenweise mal etwas abschalten, weg vom Fußball und vom Klub. Das aber müsse er terminlich organisieren, „sonst kommt doch immer etwas dazwischen.“

Der Däne hat seit seinem Amtsantritt unermüdlich gearbeitet an allen Baustellen, die es gegeben hat. Und Hjulmand hat viel erreicht. In sieben Spielen ungeschlagen. Die Auftritte seiner Mannschaft in der Bundesliga sind mehr und mehr geprägt von seiner Handschrift, von seinen Ideen und Inhalten. „Ich sehe die Entwicklung bei uns“, sagt er in der kleinen Medienrunde am Mittwoch. „Ich bin immer ungeduldig, würde gerne alles viel schneller haben, aber ich kann feststellen, dass wir auf einem guten Weg und insgesamt gut unterwegs sind.“

Das Team habe die bisherige Punktausbeute in erster Linie mit großem Teamgeist und einem sehr starken Defensivplan erreicht. „Wir haben sehr viel und hart gearbeitet, die Spieler sind brutal viel gelaufen. Wir hatten in diesen sieben Begegnungen aber im Schnitt auch mehr Ballbesitz und Passspiele als in der vergangenen Saison. In diese Richtung müssen wir weiter arbeiten. Diese Qualität müssen wir unbedingt halten. Das geht nicht anders als mit viel Arbeit, denn das ist unsere Basis.“

Mit vielen bewegten Bildern

Dazu stehen nun jedoch verstärkt neue Themen auf dem Dienstplan. Das Umschaltspiel, das Spiel nach vorne grundsätzlich. „Wir müssen künftig besser mit dem Ball arbeiten, variabler. Das Gefühl entwickeln, wann wir was tun. Wann müssen wir schnell spielen? Wann brauchen wir im Aufbau Geduld und ruhiges Positionsspiel, um die Räume beim Gegner zu vergrößern? Der Übergang zwischen Aufbau- und Angriffsspiel muss flüssiger und exakter werden.“ Tempowechsel. Struktur ins Offensivspiel bringen. Was auf der Taktiktafel vorher gut und schlüssig aussieht, muss in der Praxis nicht zwangsläufig funktionieren. „Good on Paper, shit on Grass“, sagt Hjulmand. Die Themen müssten permanent bearbeitet werden. Das ist die Aufgabe der kommenden Wochen. „Wenn wir das alles im Spiel hinkriegen, wenn das bei uns drin ist, dann wird es für die Gegner ganz schwierig gegen uns“, sagt Hjulmand.

Dieser ganze Prozess spielt sich einerseits auf dem Trainingsrasen ab, aber der 05-Coach arbeitet dazu viel mit bewegten Bildern im Besprechungsraum. Hjulmand zeigt den einzelnen Mannschaftsteilen ständig zusammengeschnittene Video-Sequenzen von eigenen Vorstellungen, aber auch von anderen Mannschaften, „die ähnliche Ideen haben und diese umsetzen“. Auf diese Art und Weise hat  der Coach dem Team schon dieses funktionierende Defensivverhalten eingeimpft, das die Grundlage für die Erfolge in der Bundesliga bildete.

Vor zwei Monaten noch schien gerade die Defensive das große Problemfeld der 05er zu sein. Die vielen Gegentore im Europacup und im DFB-Pokal, die dann zum Ausscheiden aus beiden Wettbewerben führten, sind längst Geschichte. Von mangelnder Abwehrorganisation spricht heute niemand mehr im Zusammenhang mit den 05ern. Im Gegenteil. „Wir haben da sehr intensiv gearbeitet. Nicht nur im direkten Zweikampfverhalten, sondern an der gesamten Methode des Abwehrverhaltens. Verteidigung ist nicht nur Abwehr, sondern das beginnt schon mit dem Anlaufen ganz vorne.“

Und man dürfe auch nicht vergessen, dass sich da gegenüber der Vorsaison auch personell einiges verändert habe auf den Defensivpositionen. In der abgelaufenen Spielzeit waren in der hinteren Viererkette Zdenek Pospech, Nikolce Noveski und Joo-Ho Park quasi als feste Größen gesetzt. Pospech hat sich verabschiedet vom Klub. Noveski ist seit Wochen verletzt, Park fehlte zunächst wegen Verletzung, dann spielte der Südkoreaner wochenlang mit seiner U23-Nationalmannschaft bei den Asien-Spielen. Da mussten sich neue Konstellationen finden und einspielen. Das ist bestens gelungen, wie die vergangenen Auftritte in der Bundesliga beweisen.

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