Happiness, Flutsch-Flutsch, Fun Fun

Jörg Schneider
Schweren Herzens haben wir uns daran gewöhnt: An die schrillen Treter der Kicker. Fußballschuhe in Pink oder Türkis, in grellem Orange und Gelb. Oder sogar an jedem Fuß eine andere dieser fürchterlichen Leuchtfarben. Für Puristen ist diese Designer-Marotte der blanke Horror. Doch seit kurzem fällt auf, dass die großen Imagevertreter der Hersteller-Giganten plötzlich vermehrt mit traditionellem, schwarzem Schuhwerk auflaufen. Und auch am Bruchweg finden sich wieder zweitlos-gediegenere Fußballschuhe in den Spinden der 05-Profis. Der Beginn einer Trendwende?

Cristiano Ronaldo trägt wieder schwarz. Toni Kroos ebenfalls. Pep Guardiola im Training sowieso. Und auch Franck Ribéry. Neven Subotic und inzwischen die halbe Mannschaft von Borussia Dortmund. Und auch am Bruchweg ist plötzlich schwarz angesagt bei Nikolce Noveski oder Junior Diaz. Was ist da los? Wie es scheint, feiert in diesem Herbst der klassische Stil sein Comeback in den Schuhschränken der Fußballprofis. Schwarze Fußballschuhe sind wieder up to date.

Nikolce Noveski trägt den schwarzen Schuh mit Farbapplikation, Co-Trainer Flemming Pedersen die klassische Variante. Foto: Jörg Schneider

Sie heißen Absolion, Absolado, Instinct, Comodo Dragon, Mercurial Superfly, Hypervenom, evoPower oder Speed. Die Flaggschiffe der Hersteller-Giganten für die Füße der Stars. Es gibt sie im Spiderlook, gestrickt, mit Strumpfeinsatz und verstärktem Halt fürs Fußgelenk und in immer neuen optischen Geschmacksverwirrungen.  Alle hatten sie bisher eines gemeinsam: Schreiend bunt mussten sie sein, bisweilen sogar links und rechts verschiedenfarbig. Und die Farbgebung konnte gar nicht grell genug leuchten in gelb, orange, pink, blau, grün oder türkis. Hauptsache schrill. Das traditionelle Schwarz mit weißen Streifen oder mit dem weißen Haken schien nur noch ein Relikt aus einer anderen Zeit.

Schöne Erinnerungen an La Plata

Den Nostalgikern unter uns, die mit Adidas Uwe ihre ersten fußballerischen Gehversuche unternommen haben, die heute noch in Erinnerungen schwelgen an La Plata, den einzig wahren Fußballschuh, die mit der zeitlosen Schlichtheit von World Cup und Samba groß und alt geworden sind, waren diese neumodischen Pop-Treter immer ein Dorn im Auge. Dem modernen Fußballer allerdings konnte es scheinbar nicht zu bunt werden. Schreckliche Farbgebung zur psychologischen  Kriegsführung? Eher bewusst inszenierter Firlefanz, von den berühmten Werbeträgern öffentlichkeitswirksam zum Markt getragen. Ein Diktat der Modeschöpfer. Aufmerksamkeitsstarkes Design scheint imageträchtig und damit verkaufsfördernd zu sein.

Die bunten Treter bestimmen auch das Bild im Training. Foto: Jörg SchneiderSeit dieser Saison sehen wir trotzdem vereinzelt schwarz. „Die Tendenz geht wieder hin zum dunklen Schuh“, sagt Walter Notter. Der Zeugwart des FSV Mainz 05 registriert auch am Bruchweg eine beginnende Trendwende. Die von den großen Sportartikelherstellern längst eingeleitet ist. Für CR7 ist eine eigene, neue Schuhkollektion kreiert worden. Der Real-Star geht mit einer als „schwarzer Superschuh“ beworbenen Modellreihe auf Torejagd. Andere Hersteller verpassen ihren Werbebotschaftern ähnliche schwarze High-Tech-Teile. Es wird nicht lange dauern, bis auch die Fußballjugend die neue, alte Farbgebung in den Läden nachfragt.

Seit geraumer Zeit gibt es für die Profis keine Markenbindung mehr. Die Spieler müssen nicht die Kollektion ihres Ausrüsters tragen, sondern können frei wählen. Was sinnvoll ist, denn der Schuh ist das Handwerkzeug der Kicker und das wichtigste Aushängeschild der Ausrüster. Jede Marke hat ihren eigenen Schnitt, der nicht jedem Fuß bequemen Tragekomfort bietet. Die Profis vertrauen auf ihre individuelle Marke und werden von den Herstellern gehätschelt. Auch am Bruchweg kommen ständig Pakete an mit den neuesten Kreationen der Hersteller für die einzelnen Sportler. Was die Profis gerne und häufig tragen, findet sich bald als Modellreihe in den Regalen des Einzelhandels.

Doch nicht jeder neue Schuh kommt auch sofort in der Bundesliga zum Einsatz. Den Paketen, die die 05-Spieler von ihrem Schuh-Ausrüster erhalten, liegt laut Notter meist ein Begleitzettel mit festgesetztem Freigabedatum bei. Bis dahin dürfen die Treter nur im Training probiert werden. Neuerdings enthalten nun viele Kartons Fußballschuhe, die zumindest wieder grundsätzlich schwarz gestaltet sind mit ein paar zusätzlichen, bunten Farbapplikationen.

Die Puristen unter uns können dennoch längst nicht aufatmen. Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis sich der Retro-Trend gegen die grelle Neon-Farbensuppe durchsetzt. Die 05-Spieler vertrauen wie die meisten anderen Profis auf Bewährtes. Am Bruchweg verschleißt ein 05-Spieler pro Saison im Schnitt drei Paar Fußballschuhe.

So lange fügen wir uns als Zuschauer dem Farbenwahn. Und trösten uns damit, dass auch das schrillste Schuhwerk nichts hilft, wenn der Fuß, der drinsteckt, bei der Verteilung des Ballgefühls zu kurz gekommen ist. Oder wir halten es mit Nina Hagen, die schon 1978 sang: „Ach, ich schalt' die Glotze an, Happiness, Flutsch-Flutsch, Fun Fun. Ich glotz' von Ost nach West 2, 5, 4. Ich kann mich gar nicht entscheiden. Ist alles so schön bunt hier!

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Jörg Schneider
Kennt den FSV Mainz 05 aus dem Effeff. Seit 1987 begleitet er den Klub und dessen Werdegang als Berichterstatter. Als Sportredakteur der Mainzer Rhein-Zeitung war er fast überall dabei, hat über alle Höhen und Tiefen, über die Erfolge und Aufstiege geschrieben, über zig Trainingslager und Vorbereitungsphasen, von Transfersituationen berichtet und diese versucht realistisch einzuschätzen, über wirtschaftliche und soziale Entwicklungen von der Oberliga bis heute. Sein Credo: Sachlichkeit und Seriosität, immer bemüht, Denkanstöße zu geben. Erklären steht immer vor schlagzeilenträchtiger Kritik. Das wird auch bei nullfünfMixedZone.de nicht anders sein.