Hätten Sie’s gewusst?

Christian Karn. Mainz.
Nicht mehr lange, dann beginnt in der Bundesliga die Saison 2014/15. Wer sich seit Ende der vergangenen Spielzeit eine Auszeit vom Fußball gegönnt oder sich auf die Weltmeisterschaft beschränkt hat, der wird sie in vielen Dingen nicht wiedererkennen.

Die Top-5-Transfers der Bundesliga

Torhüter

Marc André ter Stegen (22)
Borussia Mönchengladbach > FC Barcelona
12 Millionen Euro

Yann Sommer (25)
FC Basel > Borussia Mönchengladbach
8 Millionen Euro

Oliver Baumann (24)
SC Freiburg > TSG Hoffenheim
7 Millionen Euro

Roman Bürki (23)
GC Zürich > SC Freiburg
1,8 Millionen Euro

Pepe Reina (31)
Liverpool FC > Bayern München
zuletzt ausgeliehen an den SSC Neapel
3 Millionen Euro

Verteidiger

Matthias Ginter (20)
SC Freiburg > Borussia Dortmund
10 Millionen Euro

Juan Bernat (21)
FC Valencia > Bayern München
10 Millionen Euro

Wendell (21)
Gremio Porto Alegre > Bayer Leverkusen
6,5 Millionen Euro

Kyriakos Papadopoulos (22)
FC Schalke 04 > Bayer Leverkusen
ausgeliehen, 1 Million Euro

Johnny Heitinga (30)
Fulham FC > Hertha BSC
ablösefrei

Mittelfeld

Toni Kroos (24)
Bayern München > Real Madrid
30 Millionen Euro

Hakan Calhanoglu (20)
Hamburger SV > Bayer Leverkusen
14,5 Millionen Euro

Sebastian Rode (23)
Eintracht Frankfurt > Bayern München
ablösefrei

Valon Behrami (29)
SSC Neapel > Hamburger SV
3,2 Millionen Euro

Oriol Romeu (22)
Chelsea FC > VfB Stuttgart
ausgeliehen

Angriff

Robert Lewandowski (25)
Borussia Dortmund > Bayern München
ablösefrei

Mario Mandzukic (28)
Bayern München > Atlético Madrid
22 Millionen Euro

Ciro Immobile (24)
FC Turin > Borussia Dortmund
19 Millionen Euro

Adrian Ramos (28)
Hertha BSC > Borussia Dortmund
10 Millionen Euro

Josip Drmic (21)
1. FC Nürnberg > Bayer Leverkusen
7 Millionen Euro

Die halbe Liga hat ihre Trainer oder Stars ausgetauscht. Für Bayer Leverkusen etwa, ist neuerdings Roger Schmidt zuständig; nach Sami Hyypiä (Anfang April gefeuert) und Sascha Lewandowski (Interimstrainer bis Saisonende) ist Schmidt nun der dritte Bayer-Trainer in den vergangenen vier Monaten. Der 47-Jährige, einst langjähriger Drittligakicker im Ostwestfälischen, stellte vor zwei Jahren mit RB Salzburg zwei Franchise-Rekorde auf: 77 Punkte und 91 Tore hatte die Mannschaft noch nie erreicht. Meister wurde der Coach damit trotzdem nicht, und in der Qualifikation zur Champions League brachte Schmidt es fertig, gegen einen Verein aus Luxemburg auszuscheiden - gegen einen Trainer übrigens, der mal am Bruchweg hospitiert und den der wegen einer Verletzung in abenteuerlichem Zivil herumschlurfende Aristide Bancé für den Vereinskindergärtner gehalten hatte. 2014 brach Schmidt die Rekorde nochmal, wurde diesmal Meister und Pokalsieger. Zwei Titel, die Bayer Leverkusen auch gerne irgendwann einmal hätte.

Aller guten Dinge sind drei

Der VfB Stuttgart hat nur vier Wochen länger als Bayer 04 gebraucht, um drei verschiedene Cheftrainer zu haben: Thomas Schneider, der den VfB auf Kurs zur zweiten Liga brachte, Huub Stevens, der den Abstiegskampf einigermaßen flott erledigte, und nun Armin Veh. Der war 2007 mit dem VfB Deutscher Meister; wie bei jedem Bundesligatitel der Schwaben war das wohl eher ein Zufall: 1984, 1992 und eben 2007 kamen sie aus dem düsteren Mittelfeld und verschwanden augenblicklich wieder dorthin. Man könnte auf die Idee kommen, die Stuttgarter ließen sich nur dann breitschlagen, wenn wirklich sonst niemand die Schale will.

Veh ist inzwischen ein besserer Trainer als 2007. Sagt er zumindest selbst. Ob man das in Frankfurt auch so sieht, ist eine andere Geschichte. Die Eintracht wurde mit Veh vor einem Jahr immerhin Sechster und spielte in der Europa League keine ganz schlechte Rolle; das Ausscheiden gegen den FC Porto in der Gruppenphase war knapp. Veh gab aber anschließend die kompletten Reserven aus, ohne damit irgendetwas zu erreichen, führte die Eintracht in eine stille Belanglosigkeit zurück und machte sich aus dem Staub, bevor man ihn hätte feuern können. Der ewige Bremer Thomas Schaaf ist künftig nach 41 Jahren beim SV Werder und 52 Wochen Pause für die Eintracht zuständig und nicht nur in Frankfurt ist man gespannt darauf, ob der zum Ende seiner Bremer Zeit hin ein bisschen abgenutzt wirkende Schaaf auch sein neues Team den attraktiven Offensivfußball spielen lässt, der Bremen vor zehn Jahren zu einem Spitzenteam machte, oder ob er nur eine modernere Version des Mittelfeld-Verwalters Friedhelm Funkel wird.

Bunte Welt der Gerüchte

Der Hamburger SV hat hingegen seit Februar keinen Trainerwechsel mehr vorgenommen. Damals kam Mirko Slomka, der seit Menschengedenken keinen Auswärtspunkt mehr geholt hat. Die Saison der Hamburger beginnt mit zwei Auswärtsspielen, im Pokal in Cottbus, dann in der Liga in Köln. Es kann eigentlich nur eine Frage der Zeit sein, bis Slomka fliegt. In der bunten Welt der Gerüchte und Erfindungen sind sich sowieso alle einig, dass Thomas Tuchel, der offenbar doch nicht als Bundestrainer vorgesehen war, jetzt halt den HSV bei nächster Gelegenheit übernimmt, was entweder Blödsinn ist oder nicht oder doch. Irgendwann wird Slomka abgelöst werden, irgendwann werden wir schon sehen, wer ihm nachfolgen wird.

Tuchel ist jedenfalls frei, seit er recht überraschend bei Mainz 05 ausgeschieden ist. Kasper Hjulmand, zuletzt eine der spannendsten Figuren der dänischen Liga, hat die anspruchsvolle Aufgabe, die Arbeit eines bemerkenswerten Trainers fortzusetzen.

Ultimative Endverbraucher

Auf dem Spielermarkt ist Bayern München wieder der ultimative Endverbraucher, diesmal sogar ohne Geld auszugeben, die zehn Millionen Euro für den spanischen Linksverteidiger Juan Bernat (FC Valencia) mal unterschlagend. Bauen wir mal Ketten auf: Bayern München verpflichtet ablösefrei Mittelstürmer Robert Lewandowski von Borussia Dortmund. Der BVB holt als Ersatz den Italiener Ciro Immobile (ca. 20 Millionen) vom FC Turin, für den der 24-Jährige zuletzt 22 Saisontore schoss. Topklubs sind für Immobile kein Neuland; bei Juventus Turin hat er sich als 18- bis 20-jähriges Talent nicht durchgesetzt. Und der FC sitzt jetzt da mit einem dicken Transferüberschuss und muss zusehen, einen neuen Stürmer zu holen, bevor die Konkurrenz merkt, wie viel Geld gefordert werden kann.

Durch Lewandowskis Verpflichtung haben die Bayern keinen Bedarf mehr für Mario Mandzukic. Der wechselt zu Atletico Madrid als Nachfolger von Diego Costa, der wechselt zu Chelsea, dem anderen ultimativen Verbraucher, der mal wieder den ganzen Kader umkrempelt; Costa könnte Ersatz sein für Samuel Eto'o (vereinslos), Demba Ba (Besiktas), Romelu Lukaku (Everton).

Zurück in die Bundesliga. Denn in Dortmund gibt es noch einen neuen Mittelstürmer, den rund 10 Millionen teuren kolumbianischen Torjäger Adrián Ramos von Hertha BSC, der vor zwei Jahren fast in Mainz gelandet wäre. Das ist eine kurze Kette, denn Hertha holt Julian Schieber vom BVB; für die Dortmunder ist das ein sportlicher Gewinn, für die Berliner ein finanzieller, der in die Breite investiert wird, die des Angriffs: Valentin Stocker aus Basel und Roy Beerens aus Alkmaar sollen links und rechts stürmen.

Außerdem verpflichteten die Bayern Sebastian Rode aus Frankfurt. Für den kam Makoto Hasebe aus Nürnberg, für diesen Jan Polak aus Wolfsburg, und der VfL ist das Gegenteil der Bayern, das große Spieleroutlet, das Ende jeder Transferkette, weil dort immer noch ständig irgendwelche Spieler übrig sind, die in Wolfsburg keiner mehr haben will. Die Frage stellt sich zum Beispiel, wer sich Daniel Caligiuri leisten kann und will.

Bayer Leverkusen sammelt derweil weiterhin alles ein, was jung und naiv ist. Beispielsweise unter merkwürdigen Begleitumständen den Hamburger Spielmacher Hakan Calhanoglu - der HSV kann es sich dank der rund 15 Millionen, die Bayer 04 zahlt, erlauben, den bislang von Hertha ausgeliehenen Pierre-Michel Lasogga zu behalten. Außerdem neu in Leverkusen: Nürnbergs Torjäger Josip Drmic, Schalkes Innenverteidiger Kyriakos Papadopoulos, der nächste hierzulande unbekannte Brasilianer (Wendell, ein Linksverteidiger), ein hierzulande unbekannter Kroate (Tin Jedvaj, noch ein Innenverteidiger). Es gehört zur Strategie Bayers, junge Übertalente wie Calhanoglu, wie André Schürrle, wie Sidney Sam, wie Son Heung-Min zu kaufen; sehr oft stellte es sich für die Spieler als falsche Entscheidung heraus. Schürrle, der WM-Held, brauchte beim Chelsea FC lange, um wieder auf ein brauchbares Niveau zu kommen, Sam (wechselt zu Schalke) kostet nur noch 2,5 Millionen. Außenverteidiger Emre Can, der künftig für Liverpool spielt, hingegen zwölf - manchmal klappt es in Leverkusen eben doch. Manchmal entwickelt sich doch einer weiter.

Krösus vom Breisgau

Ganz ungewohnte Dinge spielen sich derweil im äußersten Südwesten ab. Der SC Freiburg zählt zu den Vereinen, die das meiste Geld ausgeben! Das liegt natürlich in erster Linie daran, dass der SC die Kohle gerade hat und unter die Leute bringen muss, bevor es sich das Finanzamt holt. Bald 20 Millionen hat der SC für Matthias Ginter (nach Dortmund) und Oliver Baumann (nach Hoffenheim) eingenommen; der Verteidiger Ginter ist der übliche Fall eines Toptalents - in diesem Fall des Stammverteidigers mit den wenigsten Fouls der ganzen Bundesliga, neun in über 3000 Einsatzminuten -, das von einem Mittelklasseteam auf das höchste Niveau wechselt. Baumann wiederum soll endlich wieder klare Verhältnisse im Hoffenheimer Tor schaffen, nachdem es in den letzten beiden Jahren Tim Wiese, Heurelho Gomes, Koen Casteels und Jens Grahl nicht geschafft haben, Tom Starke so zu beerben, wie die TSG sich das vorgestellt hatte.

Der SC Freiburg holte als Baumann-Nachfolger den Schweizer Roman Bürki von Grasshoppers Zürich. Damit spielen alle drei Schweizer WM-Torhüter künftig in der Bundesliga: Stammtorwart Diego Benaglio seit Jahren in Wolfsburg, Yann Sommer (bisher FC Basel) bei Borussia Mönchengladbach, wo er Marc-André ter Stegen ersetzen soll. Der kämpft nun beim FC Barcelona mit dem chilenischen Nationaltorwart Claudio Bravo um die Nummer 1. Und Bürki in Freiburg mit dem ehemaligen Bremer Stammtorwart Sebastian Mielitz. Und mehr als sechs Millionen soll es dem SC wert gewesen sein, Admir Mehmedi zu behalten. "Wen?", mag da der Mainzer Durchschnittsgucker fragen; auch nach dem zweiten Aufeinandertreffen der 05er mit dem SC Freiburg in der vergangenen Saison schien der Stürmer aus der Schweiz keiner zu sein, der solche Beträge rechtfertigt. "Zwölf Saisontore", lautet die Antwort.

Der FC Augsburg wagt sich ebenfalls an etwas größere Schritte und hat rund acht Millionen Euro ausgegeben und unter anderem drei Ex-05er geholt - Shawn Parker war allerdings der einzige Ablösepflichtige aus diesem Trio. Markus Feulner kommt mit ausgelaufenem Vertrag vom 1. FC Nürnberg, Aristide Bancé als weggeliehener Spieler aus Düsseldorf zurück.

Die TSG Hoffenheim schießt wie üblich die Millionen durch die Gegend, ohne dabei größere Beachtung zu erfahren. Sieben für Baumann, sechs für Adam Szalai, zwei für Pirmin Schwegler, eine für einen Japaner, dazu kam ein Haufen Leihspieler zurück, die teilweise schon wieder fort sind. Für den Stürmer Joselu (zuletzt Eintracht Frankfurt, künftig Hannover 96) kassierte die TSG immerhin fünf Millionen und für Eren Derdiyok, in den letzten Jahren einen der überschätztesten Stürmer der Liga, die Hälfte.

Ätschibätschi

Die restliche Liga verhält sich eher unauffällig. Werder Bremens Toptransfers heißen Izet Hajrovic, Alejandro Gálvez und Fin Bartels. Eintracht Frankfurt holt den etwas in die Jahre gekommenen Nelson Valdez aus Dubai in die Bundesliga zurück, außerdem mit Lucas Piazon eins der unzähligen Chelsea-Talente, die in London nicht gebraucht werden, und den gar nicht mal uninteressanten Mittelstürmer Haris Seferovic sowie die Nürnberger Timothy Chandler (war schon mal in Frankfurt) und Makoto Hasebe. Chelsea und Nürnberg sind auch die Ex-Vereine der neuen Stuttgarter Oriol Romeu, Daniel Ginczek und Adam Hlousek; viel Geld ist da nicht geflossen.

Der HSV ist wieder flüssig und kauft sich Valon Behrami, aus Versehen Zoltan Stieber und, was eine gewisse Irrationalität beim HSV nahelegt, Johan Djourou. Der 1. FC Köln tätigt Köln-Transfers und holt ein paar Zweitligisten, einen Augsburger und einen Verteidiger von Chelsea. Und Paderborn schließlich geht mit Kleingeld auf verschiedenen Ersatzbänken einkaufen - was man halt so macht als Erstmals-Aufsteiger und Abstiegskandidat Nummer. 1. Die Mission von Moritz Stoppelkamp, Elias Kachunga, Marvin Bakalorz, Lukas Rupp, Marvin Ducksch, Idir Ouali, Stefan Kutschke, Viktor Maier und Alexander Nübel: Allen "Absteiger-Nummer 1"-Schwätzern in einem Dreivierteljahr die Zunge rausstrecken. Sie wären nicht die ersten, denen das gelingt.

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