Hattrickgeschichten

Christian Karn
Heute geht es um Hattricks - und um Danny Latza, der nicht Xabi Alonso ist. Wäre Danny Latza Xabi Alonso, dann wäre eine Frage innerhalb der Redaktion der nullfünfMixedZone am Sonntag schnell beantwortet gewesen. "Wer war der letzte" - ja, der letzte was eigentlich?

Danny Latza, den fünften Mainzer Hattrickschützen in der Bundesliga, einen Defensivspieler zu nennen, ginge zu weit; nicht zum ersten Mal aber - unsere Leser werden sich erinnern - steht die Frage im Raum, ob die alte Aufteilung in Torhüter, Verteidiger, Mittelfeldspieler, Stürmer noch zeitgemäß ist oder ob der deutsche Fußball auch hier einem seit Jahren antiquierten Gedanken anhängt. Und überhaupt, deutscher Fußball, Du hast ja sowieso eine ganz eigene Vorstellung davon, was ein Hattrick ist.

Aber der Reihe nach. Von hinten nach vorne:

Was ist ein Hattrick?

Das ist ein Hattrick. Ist so.Ursprünglich, so heißt es, sei es Heathfield Harman Stephenson gewesen, der 1858 mit drei Deliveries in Folge drei Wickets genommen hat, was immer das bedeutet. Mit Cricket kennen wir uns nicht aus. Aus dem Stand und dank unserer Ämterhäufung könnten wir auf die Idee kommen, dass es so etwas ist wie das 3-up-3-down-Inning mit drei Strikeouts im Baseball, mit dem zuletzt Thomas de Wolf Ende August die Mainz Athletics ins Finale um die Deutsche Meisterschaft gepitcht hat, aber das könnte ein Irrtum sein. Wenn's in unserem Publikum jemand weiß, bitten wir um Aufklärung in unserer Facebook-Kommentarspalte, wir lernen gerne dazu! Es muss jedenfalls etwas Besonderes gewesen sein, was HH Stephenson 1858 geschafft hat und seine Fans, so heißt es in der derzeit gängigen Lehrmeinung, hätten zur Belohnung Geld gesammelt und ihrem Helden einen neuen Hut gekauft.

Im Fußball wird das Wort Hattrick mindestens seit 1878 verwendet, der Schotte John McDougall hat damals einen im Länderspiel gegen England geschossen. Es war beim 7:2 das erste, vierte und fünfte Tor der Schotten, zweimal traf McDougall (der ansonsten im Weltfußball keine großen Spuren hinterlassen hat) vor, einmal nach der Halbzeitpause. Nach gängiger deutscher Definition wäre das kein Hattrick. Denn wir sind strenger, wir wollen, dass alle drei Tore in der gleichen Spielhälfte geschossen werden, und wenn zwischendrin ein weiteres Tor fällt, das nicht zum Hattrick gehört, ist der futsch. Aber so eng wollen wir es an dieser Stelle nicht sehen. Und auch den englischen Perfect Hattrick (ein Tor mit rechts, eins mit links, eins mit dem Kopf, aber nicht zwangsläufig direkt nacheinander und nicht zwangsläufig in der gleichen Hälfte) wollen wir nur nebenher erwähnen. Nach ursprünglicher Definition, und darum geht es, hat Danny Latza gegen den Hamburger SV einen Hattrick geschossen.

Schon wieder?

Das ist keiner, sondern nur ein Hattrick-Schütze, ein paar Wochen später.Ja, in der Tat ist das dem HSV zuletzt öfter passiert. Und in der Tat ist Latza unter den bisher vier Spielern, die in dieser Saison drei Tore gegen den HSV geschossen haben, der einzige, dessen Hattrick nicht "lupenrein", also gemäß deutscher Rechtsauffassung ist. Angefangen damit hat Joel Pohjanpalo am zweiten Spieltag. Der Leverkusener Finne wurde in der 72. Minute beim Stand von 0:1 eingewechselt und schoss das 1:1 (79.), das 2:1 (90+1.) und das 3:1 (90+4. Minute). Anthony Modeste war der Nächste; der Torjäger des 1. FC Köln (der in der ersten Hälfte noch einen Elfmeter verschossen hatte) traf beim 3:0-Sieg gegen die Hamburger am neunten Spieltag in der 61., 82. und 86. Minute. Nur eine Woche später schoss Pierre-Emerick Aubameyang beim 5:2 des BVB in Hamburg das 1:0 (4.), 2:0 (23.), 3:0 (27.) und sogar nach der Halbzeit das 4:0 (48.), ein weiteres Tor bereitete er vor. Latza ließ es ein bisschen langsamer angehen, brauchte für das 1:1 (35.), 2:1 (56.) und 3:1 (67.) 32 Spielminuten plus Halbzeitpause. Das ist natürlich kein Grund zum Meckern. Im Gegensatz zu seinen drei Vorgängern ist Danny Latza ja kein Stürmer.

Sondern was?

Aber das ist ein Hattrick.Ja, was eigentlich? Mittelfeldspieler. So. Im "Kicker" ebenso wie auf der Website von Mainz 05 teilt sich Latza die Position unter anderem mit Jean-Philippe Gbamin, Christian Clemens, Gerrit Holtmann, Jairo Samperio und Yunus Malli - Karim Onisiwo und Pablo de Blasis dagegen sind Stürmer. Unsere Partnerseite www.fsv05.de führt dagegen Holtmann und Jairo als Stürmer, de Blasis wiederum als Mittelfeldspieler. Das ist möglicherweise nur noch ein Relikt aus alten Zeiten, in denen Fußballmannschaften noch in drei Linien aufgestellt wurden. Im 3-5-2. Oder im 4-4-2. Oder im 3-4-3. Auch das war nicht immer ganz passend; das uralte 2-3-5 baute der große Herbert Chapman schon 1925 als Antwort auf die veränderte Abseitsregel zum innovativen WM-System um, das auf dem Papier immer noch ein 2-3-5 war - zwei Verteidiger, drei Läufer, fünf Stürmer. Aber tatsächlich war der Mittelläufer ein Innenverteidiger und die beiden Innenstürmer spielten nicht links und rechts neben dem Mittelstürmer, sondern nach hinten versetzt im offensiven Mittelfeld. 3-4-3 hätte eher gepasst, 3-2-2-3 noch eher. Und Fritz Walter beispielsweise, der legendäre Stürmer der 1954er-Weltmeister, war nach seinen Anfangsjahren als rechter Verteidiger (!) ein Weltklasse-Spielmacher im Mittelfeld, aber nie ein Stürmer.

Und das.Schon vor 16 Jahren aber hat - ohne dass es damals jemand gemerkt hätte, denn in Deutschland war das System noch kaum bekannt - René Vandereycken mit den 05ern angefangen, etwas zu spielen, das sicherlich nicht unser heutiges 4-2-3-1 war. Das aber auf den ersten Blick mit (Stichprobe: 4. Spieltag) der Viererkette Klopp/Schierenberg/Neustädter/Skrinjar, den zentralen Mittelfeldspielern Manuel Friedrich (der erst im Laufe jener Saison zum klaren Innenverteidiger wurde) und Adrian Spyrka, mit Jürgen Kramny (der erst unter Jürgen Klopp ins Zentrum rückte) und Christian Hock auf den Flügeln, mit Abdul Ouakili hinter Michael Thurk für ein 4-2-3-1 gehalten werden kann. Tatsächlich war einer der beiden Proto-Sechser eher eine Art Libero vor der Abwehr, wurde das System oft als 4-4-1-1 notiert, war bei Vandereycken sowieso selten eine echte Grundordnung zu erkennen, weigerte sich der in Mainz früh gescheiterte Trainer ohnehin, über Ordnungen zu sprechen - aber schon damals gab es die vierte Reihe, die einfach nötig wurde, um die Räume zwischen der Abwehr und dem klassischen Mittelfeld zu schließen. Klopp ließ auf dem Papier doch meist wieder 4-4-2 oder 4-3-3 spielen, dann kam der "Tannenbaum" - 4-3-2-1, hin und wieder aber auch die Mittelfeldraute, die 4-4-2 genannt wird, aber etwas anderes ist. Ein 4-1-3-2? Ein 4-3-1-2? Ein 4-1-2-1-2? Das 4-2-3-1, das lange fast jeder spielte, das jetzt erst nach und nach aus der Mode gerät, kam 2008 mit Jörn Andersen nach Mainz. Thomas Tuchel schaffte es zwischendrin noch einmal ab und versuchte, das 4-1-2-3 des FC Barcelona zu kopieren mit Miroslav Karhan auf der Position von Yaya Touré bzw. Sergi Busquets und mit dem Doppelmotor Polanski/Soto als Mainzer Variante von Xavi/Iniesta, kam aber letztlich zum 4-2-3-1 zurück.

In unserem Fahrplan durch die Hin- und Rückrunde (oh, sah der damals ordentlich aus! Dieses Jahr wird's ihn wieder geben, aber Vorsicht: Diesmal wird's hässlich!) haben wir in der 05MixedZone das alte Muster schon vor zwei Jahren aufgebrochen, haben die offensiveren Mittelfeld- und die nicht ganz so offensiven Stürmer aus ihrer Gruppe herausgelöst und mit ihnen zwischen den Aufbauspielern (Frei, Gbamin, Serdar, vorher Baumgartlinger, vorher Geis) und den Stürmern (Córdoba, neuerdings Seydel, vermutlich Berggreen, wenig andere) eine weitere Kategorie eingeführt und als Arbeitsbegriff "Offensive" genannt. Latza ist nach diesem Ansatz ein Aufbauspieler, bei Ballbesitz die Anspielstation der Spieleröffner (die gegen den Ball "Innenverteidiger" heißen), aber kein Offensivspieler.

Was bedeutet das für seinen Hattrick?

Und das.Dass er der erste nicht offensive 05er ist, der in der Bundesliga einen geschossen hat. Und der fünfte insgesamt nach Mohamed Zidan (10.2.2007, Mittelstürmer beim 4:1 gegen Cottbus, aufeinanderfolgende Tore, unterbrochen durch die Halbzeitpause), Ádám Szalai (27.10.2012, Mittelstürmer beim 3:0 gegen Hoffenheim, zwangsläufig aufeinanderfolgende Tore, aber wiederum vor und nach der Halbzeit), Yunus Malli (18.9.2015, zentraler Offensiver beim 3:1 wiederum gegen Hoffenheim, auch aufeinanderfolgend, auch unterbrochen) und Yoshinori Muto (31.10.2015, als Linksaußen eigentlich auch einer der hängenden Offensiven, aber von Martin Schmidt nicht nur bei jenem 3:3 in Augsburg als Mittelstürmer eingesetzt, unterbrochen durch Halbzeitpause und drei Gegentore). Fünf Hattricks - alle nicht "lupenrein", aber das sei egal - in 355 Bundesligaspielen - das ist nicht schlecht. In der 2. Bundesliga kam das bei den 05ern ähnlich häufig vor, zehn Hattricks gab's (zwei Schützen, nämlich Jürgen Klopp und Benjamin Auer, trafen im gleichen Spiel ein weiteres Mal) in 676 Spielen.

Von Offensiven?

In aller Regel ja. Auch Klopp, der langjährige Rechtsverteidiger, war bei seinen vier Toren in Erfurt noch ein Stürmer. Die einzige Ausnahme ist Michael Müller, der große Mainzer Verteidiger der 1980er und 1990er, der am 23. September 1990 gegen den VfL Osnabrück dreimal traf. Das 1:0 war ein Freistoß, das 3:1 ein Foulelfmeter, das machte es etwas einfacher für Müller. Den Hattrick von David Kinsombi im U17-Spiel gegen den FC Augsburg - der Innenverteidiger stand bei drei Standards jeweils am richtigen Ort - haben wir als 05-Präzedenzfall außerhalb des Profifußballs ja schon am Samstag im Spielbericht genannt.

 

Wie ist's eigentlich mit Hattricks gegen Mainz 05?

Davon gab es in der Bundesliga ebenfalls fünf, geschossen vom damaligen Stuttgarter Cacau, vom damaligen Münchner Roy Makaay, vom damaligen Gladbacher Branimir Hrgota, vom Schalker Klaas-Jan Huntelaar und vom Leverkusener Javier Hernández. Was den 05ern noch fehlt, sind die vier Tore, die Martin Petrow im ersten Bundesliga-Auswärtsspiel der 05er in Wolfsburg schoss. Holen die 05er das noch nach, ist's ausgeglichen. Große Torjäger wie Aubameyang, wie Robert Lewandowski, wie Claudio Pizarro oder Edin Dzeko haben gegen Mainz 05 hin und wieder doppelt, aber nie dreimal getroffen. Interessant dabei: Bis Latza die Serie gebrochen hat, waren das ausschließlich ausländische Spieler - Cacau wurde erst fünf Jahre nach seinem Hattrick im allerersten Mainzer Bundesligaspiel eingebürgert.

Und so ging der neueste Mainzer Hattrick los. Alle Fotos: imago

Und was hat nun Xabi Alonso mit der ganzen Geschichte zu tun?

Nichts, eigentlich, außer dass eine Frage leichter beantwortet wäre, hätte der Bayern-Star dem HSV drei Weitschüsse reingehauen und nicht Latza. "Wer war der letzte Nicht-Offensive, der in der Bundesliga einen Hattrick geschossen hat?" Der Dortmunder Michael Zorc war's, 1994 gegen - Geschichte wiederholt sich - den HSV. Nach der strengen deutschen Definition jedenfalls. Im weiteren Sinne, ohne Rücksicht auf weitere Tore und Halbzeitpausen, ließe sich das mit einigem Aufwand auch herausfinden, aber den haben wir uns erspart. Ein bisschen schade ist es halt, dass sich außerhalb des Mainzer Einzugsgebiets keiner so recht für Danny Latza interessiert. Ginge es um Alonso (oder Arturo Vidal oder Lars Bender oder...) wäre es ein größeres Thema und irgendjemand hätte uns die Recherchearbeit abgenommen.

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Christian Karn
Christian Karn kennt sich in der Geschichte des FSV Mainz 05 aus wie kaum ein Zweiter. In siebenjähriger Archivarbeit hat der Sportjournalist alle aufzutreibenden Aufstellungen, Ergebnisse und Torschützen der langen Vereinshistorie zusammengestellt. Auf der Internetseite www.fsv05.de, auf die die User der NullfünfMixedZone jederzeit Zugriff haben, ist zusammengetragen, wer in welchem Spiel wie lange auf dem Platz stand und wer wann wo ein Tor geschossen hat. Viele dieser Statistiken und Daten werden immer ein wichtiger Bestandteil unserer Berichterstattung sein. Bei der Mainzer Rhein-Zeitung berichtete der gebürtige Mainzer zehn Jahre lang vor allem über die Nachwuchsarbeit der 05er. Seit 2002 ist er außerdem Redakteur des Mainz-05-Fanzines "Die TORToUR". Weiterhin veröffentlichte Christian Karn mehrere sporthistorische Bücher und Nachschlagewerke über Mainz 05, den deutschen Fußball allgemein und die Baseballer der Mainz Athletics.