Hoeneß' Hoffnung: Neue Gier durch neuen Rivalen

Christian Karn. Mainz.
Hat sich der FC Bayern München mangels Konkurrenz in einer bequemen Belanglosigkeit eingerichtet? Können die Bayern-Spieler nach dem Abschied von Trainer Pep Guardiola, der sie am liebsten wie beim Playstationspiel ferngesteuert hätte, mit der Eigenverantwortung nicht umgehen? Uli Hoeneß, nach Aussetzung der Haftstrafe noch unter Bewährung, aber bereits wieder Vereinspräsident, sieht Motivationsprobleme, die der Aufstieg eines neuen Feindes, pardon, Rivalen lösen könnte. Mit dem 2:1 gegen Bayer Leverkusen begann der von der Abteilung Attacke beschworene Kampf gegen Leipzig. In Mainz soll er heute abend (20.30 Uhr) weitergehen.

Es geht an diesem Wochenende - soviel vorab - um den FC Bayern München. Einen Klub, der in vielen Dingen außerhalb der üblichen Skalen des deutschen Profifußballs steht. Der größeren Einfluss hat als die anderen - sei es direkt, sei es indirekt via Medienpräsenz. Der mehr Geld hat, mehr Fans, mehr Titel. Der die beste Mannschaft hat (jedenfalls in der Theorie) und die schnelleren Neurosen, wenn die Praxis das mal nicht bestätigt. Ab und zu bestätigt sie es nicht, meistens aber stimmt's schon.

Gerade sind die Bayern wieder an einem solchen Punkt angekommen. Die Saison flutscht nicht so wie die vorherige, von 19 Pflichtspielen haben die Bayern nur 13 gewonnen, 2015/16 waren es zum gleichen Zeitpunkt 19 von 21. Die Siege, die es gibt, sind nicht mehr so hoch wie gewohnt, was damit zusammenhängen dürfte, dass die beiden Torjäger ihre Vorjahresquote nicht halten. Robert Lewandowskis sieben Treffer in zwölf Spielen ließen sich bei gleichbleibender Quote auf 20 Saisontore hochrechnen, das wären zehn weniger als im Vorjahr. Und Thomas Müller hat noch gar nicht getroffen. Die Bayern sind im Herbst 2016 spielerisch und taktisch nicht ganz auf dem zuletzt gewohnten Niveau, die Dominanz fehlt. Sie erdrücken die Gegner nicht so gnadenlos wie gewohnt.

Man könnte nun mit der Europameisterschaft argumentieren, an der neun Bayernspieler teilnahmen - Mario Götze ist seitdem gegangen, Renato Sanches gekommen, das gleicht sich aus -, nicht jedoch mit den Olympischen Spielen, von denen die Bayern nicht betroffen waren. Man könnte mit dem Trainerwechsel argumentieren - Pep Guardiola, der, wenn er könnte, seine Spieler wie an der Playstation fernsteuern würde, nachzufolgen ist keine einfache Aufgabe. Carlo Ancelotti, als Trainer dreimaliger Champions-League-Sieger (2003 und 2007 mit Milan, 2014 mit Real Madrid), hingegen in seiner bereits über 20 Jahre andauernden Trainerkarriere nur dreimal Landesmeister, steht bereits unter Beschuss.

Er ist wieder da: Uli Hoeneß freut sich nach dem Comeback als Bayern-Präsident über das erste Tor seiner neuen Amtszeit. Die Abteilung Attacke hat Hoeneß bereits wieder aktiviert. Foto: imagoAm massivsten natürlich durch Leute, die ihm im Grunde egal sein können - Ex-Spieler Zé Roberto, Ex-Spieler Oliver Kahn, Ex-Spieler Lothar Matthäus, Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber, der allerdings im Aufsichtsrat sitzt. Die Spieler, heißt es darüber hinaus, würden schon über die Trainingsmethoden jammern - die Umstellung voder geradezu extremistischen Akribie Guardiolas zur Eigenverantwortung, die Ancelotti fördert, fällt auch ihnen schwer. Rummenigge nahm den Trainer bei der Jahreshauptversammlung am vergangenen Freitag in Schutz: "Lieber Carlo, wir gewinnen hier gemeinsam, und wir verlieren hier gemeinsam. Aber eines, das ist das Wichtigste: Du hast unser vollstes Vertrauen." Und Uli Hoeneß, der nach nicht allzu strenger Haftstrafe - unter Bewährung steht er noch eine Weile - bereits wieder an die Vereinsspitze gewählt wurde, teilt in andere Richtungen aus. "Die Abteilung Attacke schläft nicht, sie ruht", sagte der alte und neue Präsident; seine ersten Ziele waren die eigene Nachwuchsabteilung, die keine Müllers, Alabas und Badstubers mehr produziere, die Nationalverbände, die seine Spieler zu sehr beanspruchten, der Tabellenführer aus Leipzig, den er als "zweiten Feind neben Dortmund" bezeichnete - die Wortwahl suchte Hoeneß später zu entschärfen suchte, "Rivale" sei der bessere Begriff und der Hintergedanke: "Wenn man ehrlich ist, mussten wir unsere Motivation die letzten Jahre immer aus uns selbst holen, weil uns niemand gereizt hat. Weil uns keiner geärgert hat. Es ist höchste Zeit, dass mal wieder ein paar kommen, damit wir sie wieder richtig bekämpfen können."

Damit haben die Bayern mit einem 2:1 gegen Leverkusen angefangen; Thiago Alcântara und Mats Hummels trafen für den Tabellenzweiten. Heute abend soll es in Mainz weitergehen. Die Tordifferenz ist minimal besser als die der Leipziger, ein beliebig hoher Sieg würde die Bayern zumindest bis morgen abend an die Tabellenspitze bringen. Dann spielt Leipzig gegen Schalke 04. Interessant wird es in der neuen Rivalität, wenn Leipzig am 15. Spieltag Hertha BSC empfängt, spätestens aber am 16. Spieltag im Spitzenspiel.

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