Hoffnung bis in die 94. Minute

Christian Karn. Dortmund.
Wie fast immer in den vergangenen Jahren - zum zehnten Mal in elf Spielen - hat Mainz 05 gegen Borussia Dortmund verloren. Das war nach dem miserablen Spiel in Unterhaching keine große Überraschung. Die 05er hatten sich aber gegen den deutlich stärkeren Gegner auch selbst deutlich gesteigert, lagen zwar früh zurück, hatten aber dank ihres Jokers Yoshinori Muto trotz des dämlichen Elfmeters in der 89. Minute noch bis zum späten Abpfiff Hoffnung auf ein 2:2.

Borussia Dortmund - FSV Mainz 05 2:1 (1:0)

Samstag, 28. August 2016, 81.360 Zuschauer.

Borussia Dortmund: Bürki - Passlack (77. Piszczek), Sokratis, Bartra, Schmelzer - Castro (58. Weigl), Rode (86. Guerreiro) - Dembélé, Kagawa, Schürrle - Aubameyang.
Reserve: Weidenfeller, Mor, Ramos, Pulisic. Trainer: Tuchel.

FSV Mainz 05: Lössl - Donati, Balogun, Bell, Brosinski - Gbamin, Serdar (71. Öztunali) - Clemens (81. Muto), Frei, Onisiwo - Malli (86. de Blasis).
Reserve: Huth, Rodríguez, Bussmann, Bungert. Trainer: Schmidt.

Schiedsrichter: Hartmann (Wangen).

Tore: 1:0 Aubameyang (17., Schürrle), 2:0 Aubameyang (89., Foulelfmeter, Onisiwo an Schürrle), 2:1 Muto (90+2., de Blasis).

Gelbe Karten: Brosinski, Serdar, Onisiwo.

Viel besser, als man es nach dem schwachen Auftritt im Pokal in Unterhaching befürchtete, aber am Ende bei einer der schwersten Aufgaben der Bundesliga gerade nicht gut genug hat sich der FSV Mainz 05 bei Borussia Dortmund aus der Affäre gezogen. Für einen Punkt reichte es nicht, ein dämliches Foul von Karim Onisiwo in der 88. Minute gab dem zweimaligen Torschützen Pierre-Emerick Aubameyang den Elfmeter zum 2:0 und nahm den Mainzern die Hoffnung aufs Unentschieden, die aber nach dem Anschlusstreffer von Yoshinori Muto in der 92. Minute noch eine kurze Weile wieder aufflammte - am Ende vergeblich.

Im Vergleich zum Pokalspiel hatte Martin Schmidt die Mannschaft auf fünf Positionen verändert. Jhon Córdoba und Jairo Samperio fehlten (ebenso wie bekanntlich Danny Latza) wegen Verletzungen, Kapitän Niko Bungert, José Rodríguez und überraschend der in der Vorbereitung überdurchschnittlich engagierte und effektive Pablo de Blasis saßen auf der Bank. An ihrer Stelle spielten als Mittelstürmer Yunus Malli vor dem Zehner Fabian Frei, der sich bei Dortmunder Ballbesitz in eine Mittelfeld-Fünferkette zurückzog, auf den Flügeln Karim Onisiwo und Christian Clemens, im Zentrum Jean-Philippe Gbamin und in der Innenverteidigung neben dem Ersatz-Kapitän Stefan Bell wieder wie in der vergangenen Rückrunde Leon Balogun. Im Grunde sah die Formation ähnlich aus wie vor einem halben Jahr beim Auswärtssieg bei den Bayern.

Das Spiel begann undurchsichtig: Der Gästeblock verschwendete schon wieder einen dicken Batzen Vereinsgeld mit rotem Qualm, die erste kleine Torchance von Malli in der ersten Minute werden daher einige nicht mitbekommen haben, zumal sich der Rauch in der drückenden Hitze und der stehenden Luft im großen Stadion erst einmal nicht verzog. Es war aber ein erstes Indiz, dass die 05er, angefeuert von Elkin Soto, der sich eine Stunde vor Anpfiff von Kolumbien aus meldete und seinen ehemaligen Kollegen eine gute Saison wünschte, mit Angriffslust auftreten würden. Daniel Brosinski, den man wohl als einen Gewinner der Vorbereitung bezeichnen kann, der als konkurrenzloser Rechtsverteidiger in seinem ersten Jahr als 05er einige Kritik abbekam, dann Balogun abwehrte, dann von Giulio Donati verdrängt wurde, aber als Linksverteidiger in der Startelf blieb, schoss in der fünften Minuten nach einem Angriff über Clemens übers Tor - aber natürlich tat der BVB den Mainzern auch den Gefallen, sie nicht zu sehr zu überrumpeln. Die Dortmunder begannen behäbig, ließen den 05ern Raum, wollten in der neunten Minute einen Elfmeter. Bekamen ihn nicht, hätten nach Stefan Bells hohem Bein gegen Marc Bartra aber zumindest den indirekten Freistoß direkt vor dem Tor haben müssen, bekamen den auch nicht. Weil er auch Sekunden danach im Weg stand, für den Ballverlust und den Mainzer Konter verantwortlich war, war Schiedsrichter Robert Hartmann beim Publikum kurz unbeliebt, aber Malli machte nichts draus und man beruhigte sich auf den Tribünen.

Mit ein bisschen Zeit kam der BVB ins Spiel, vor allem über den schnellen Ousmane Dembélé auf dem rechten Flügel, der Brosinski eine frühe gelbe Karte verpasste, den Mainzern oft einfach wegrannte, lange eine Gefahr war, bis die Verteidiger herausbekamen, wie man den Franzosen neutralisieren kann. Im Verlauf der zweiten Hälfte überließen sie Dembélé zunehmend die Räume zu den Eckfahnen hin, nahmen ihm aber die Passwege, das funktonierte recht gut.

Erst in der 16. Minute hatte auch Dortmund den ersten Torschuss, und der resultierte aus einer Flanke von Dembélé und einer Kopfball-Ablage von André Schürrle. Aubameyang zog aus der Mitte ab, der Schuss hätte wohl unter die Latte gepasst, der bei seinem Bundesliga-Debüt aufmerksame, gute Torwart Jonas Lössl hielt und kassierte trotzdem schnell sein erstes Gegentor: Der folgende Eckball, indirekt gespielt und von Schürrle aus dem Rückraum vors Tor geschlagen, landete bei Aubameyang. Dem ließ Gbamin zu viel Platz, der Torjäger traf aus wenigen Metern mit dem Kopf ins lange Eck.

Die 05er mussten sich nicht lange schütteln, hatten schnell wieder offensive Ansätze. Eine Flanke von Brosinski, die leicht weggeköpft war (22.), einen Torschuss von Frei, der in der 26. Minute gerade nicht platziert genug war, um außer Reichweite des Torwarts Roman Bürki anzukommen, nach Gbamins Balleroberung in der 27. Minute einen Schuss von Clemens aus ungünstiger Position. Dann kopierte Onisiwo den klassischen Schürrle-Angriff, ließ im Strafraum einen Verteidiger ins Leere laufen, zog ab aufs lange Eck - Bürki wehrte den Schuss in die Mitte ab und dort lauerte kein Angreifer. Wahrscheinlich hing es auch damit zusammen, dass der BVB den Mainzern - aus Absicht? Oder war's Fahrlässigkeit? - einigen Platz ließ. Und auf Konter lauerte: Nach einem geblockten Schuss von Malli fingen sich die 05er den Konter ein, den die Dortmunder mit einem missglückten Seitenwechsel zwischen ihren Sprintern Aubameyang und Dembélé früh verpatzten (35.). Weil sich schließlich in der Nachspielzeit Lössl einen Querpass von Aubameyang schnappte, fiel in der ersten Hälfte kein weiteres Tor.

In der zweiten zeigte Schürrle seinen Angriff auch selbst, schoss zu hoch. Noch in der gleichen 48. Minute hatte Clemens die erste ganz große Ausgleichschance, wieder ein bisschen begünstigt durch das passive Abwehrverhalten der Dortmunder. Nach einem Flugball von Frei hatte der Rechtsaußen Zeit und Platz, keiner störte ihn, auch der Torwart blieb auf der Linie - Clemens schoss weit übers Tor, in dieser Phase, in der die 05er auf Fehler des BVB lauerten, die es gab, die aber nicht gravierend genug waren. Aber es war denkbar, so ins Spiel zurückzukommen, wenn auch die Dortmunder um die 60. Minute herum ein paar Schüsse abgaben, die Lössl aber nicht allzu sehr forderten. Schürrles Versuch aufs kurze Eck war kein Problem, Bartras Weitschuss war kein Problem, Sebastian Rodes Schuss hätte ein Problem sein können, war hart, war verdeckt, aber kam nicht aufs Tor (59.).

Die Dortmunder waren eigentlich nie richtig gefährlich, aber eine gewisse latente Bedrohung war in ihren Angriffsaktionen doch immer da. Hingegen übten sie in den Mainzer Offensivphasen weiterhin keinen großen Druck auf den Ball aus. Darin lag die Chance, die aber auch im bis dahin besten Mainzer Angriff nicht den Ausgleich brachte: Suat Serdar hatte die nötige Ruhe am Ball, Brosinski behauptete ihn gegen drei Mann, Frei spielte einen feinen Pass auf die rechte Seite zum eingerückten Giulio Donati und der brauchte die entscheidende Kleinigkeit zu lang, wurde von der Abwehr eingefangen (68.).

Yoshinori Muto (links) brachte mit seinem Anschlusstor kurz nach dem unnötigen Elfmeterfoul von Karim Onisiwo (Mitte) die Hoffnung auf einen Punkt zurück - vergeblich. Foto: imagoSchmidt brachte nun den nächsten Neuzugang, Levin Öztunali für Serdar. Der erst vor zwei Tagen verpflichtete Offensivmann übernahm den linken Flügel, Onisiwo war nun Mittelstürmer und der 05-Angriff brach erst einmal ein. Und alles, was die 05er hinten richtig machen, war abhängig davon, ob irgendwann mal der Ausgleich fallen würde. Ohne diesen war's nicht viel wert.

So dass der 05-Trainer den nächsten Angreifer brachte, den nächsten Mittelstürmer: Yoshinori Muto für Clemens, was eine Schlussoffensive einleitete, die schnell verpufft war. Onsiwo, wieder Linksaußen, packte direkt vor dem Strafraum Schürrle und ließ ihn zu spät wieder los. Elfmeter. Völlig überflüssig. 2:0 in der 89. Minute. Nicht die Entscheidung, wenn's sich auch so anfühlte, weil Donati in der 92. Minute im dritten Versuch binnen Sekunden am Linksverteidiger Marcel Schmelzer vorbei kam, weil der kurz vor dem zweiten Gegentor eingewechselte de Blasis Platz für die Flanke hatte und Muto in der Mitte Platz fürs Kopfballtor. Zwei Minuten blieben, und Haching hat den 05ern gerade erst gezeigt, wie viel da möglich ist. Die Dortmunder verschenkten nochmal ohne Not einen Freistoß, schlugen den Ball viel zu schnell Lössl in die Arme. Angreifer waren weit und breit nicht in der Nähe. Der 05-Torwart schlug schnell und weit ab, ein bisschen zu weit für seinen Angriff. Dortmund brachte das 2:1 über die Nachspielzeit. Die 05er stehen so nach dem ersten Spieltag noch ohne Punkt da - aber mit dem Wissen, deutlich besser zu sein, als es gegen Haching noch aussah.

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