Huth will auch gegen die Bayern ins Tor

Jörg Schneider. Mainz.
Die Torhüterfrage beim FSV Mainz 05 hat eine neue Wendung genommen. Mit seiner souveränen Leistung beim 1:0-Sieg in der Opel Arena gegen Hertha BSC Berlin an seinem 23. Geburtstag hat Jannik Huth in seinem zweiten Bundesligaspiel die Gunst der Stunde genutzt und gute Argumente geliefert, die den 05-Trainer dazu bewegen könnten, dem bisherigen Ersatz-Keeper auch am Samstag im Auswärtsspiel beim FC Bayern München wieder den Vorzug vor Jonas Lössl zu geben. „Ich will auf jeden Fall spielen. Ich will immer spielen. Das ist der Anspruch von jedem Profi bei uns“, sagte der Torhüter nach dem Abpfiff selbstbewusst.

Der Konkurrenzkampf im Tor ist im Laufe dieser Saison immer wieder mal thematisiert worden, war aber, zumindest von außen betrachtet, eher eine theoretische Diskussion. Jonas Lössl behauptete den Staus der Nummer eins zwischen  den Pfosten, Jannik Huth war die Nummer zwei, der als Belohnung für sein Talent, vor allem aber für seine stets guten Trainingsleistung das Europapokal-Heimspiel gegen Qäbälä FK erhielt und zu null spielte. Lössls Verletzung kurz vor dem Auswärtsspiel beim SC Freiburg und der 2:0-Heimseig der 05er gegen Hertha BSC dürften die Situation nun verändert haben. Der Konkurrenzkampf ist reeller geworden und Herausforderer Huth hat aktuell sogar die besseren Karten, die Gunst der Stunde und die Vorteile auf seiner Seite. „Non verbal ist bei uns klar ausgerufen, dass der Torhüter, der zu Null spielt, den Druck erhöht. Der andere muss topfit werden, sich im Training aufdrängen, um eine Änderung herbeizuführen“, sagte Martin Schmidt nach Huths souveränen Vorstellung gegen die Berliner. „Er erhöht dadurch für mich die Kopfarbeit in dieser Woche und hat mir natürlich eine Denkaufgabe gestellt, wer gegen Bayern im Tor steht.“ Die Nominierung der Nummer eins im Auswärtsspiel werde eine spannende Geschichte.

So freuen sich zwei nach dem ersten Sieg nach fünf Niederlagen: Daniel Brosinski schultert Glücksbringer Jannik Huth. Der souveräne Keeper hat Bewegung in die Torhüterfrage bei den 05ern gebracht. Foto: ImagoDer 05-Trainer hatte den bisherigen zweiten Mann dem Stammkeeper erneut vorgezogen, weil ihm das Risiko zu groß erschien, den Dänen nach nur einem richtigen Training zu bringen in diesem wichtigen Spiel. „Jonas hatte nur das Abschlusstraining. Das war kein richtiger Härtetest. Das war nur ein kurzes Spiel zehn gegen zehn. Da kamen kaum Bälle aufs Tor, kein langer ball. Das war mir ein bisschen zu wenig, um ihn als wettkampftüchtig zu taxieren. Wir wollten das Risiko nicht eingehen. Wir haben uns für Jannik entschieden, auch in dem Wissen, dass er fußballerisch sehr gut ist. Ich war mit ihm sehr zufrieden. Er hat zwei wichtige Dinge gehalten, hat hinten sehr gut rausgespielt. Nach Freiburg war er ein bisschen traurig. Vielleicht war er heute der Glücksbringer“, meinte Schmidt.

In jedem Fall hat alles gepasst für den Torhüter. Nu null gespielt an seinem 23. Geburtstag. Mit seinem sicheren und unaufgeregten Torwartspiel war er der Mannschaft ein verlässlicher Rückhalt auf dem Weg zum erlösenden Heimsieg nach fünf Niederlagen in Folge. Die zwei gefährlichsten Torkationen der Berliner souverän gemeistert. Als technisch versierter Fußballer das eigene Aufbauspiel eingeleitet, mit schnellen, präzisen Abschlägen und Abwürfen Tempo und Spielfluss hochgehalten. Zur Abrundung dieses Auftritts komplimentierten die Fans den Keeper dann sogar noch auf den Zaun, um die Humba anzustimmen. Eine Aufgabe, die der 23-Järhige ebenso problemlos erledigte. „Es hat mich etwas überrascht mit der Humba, da bin ich ehrlich, aber es hat mich natürlich riesig gefreut“, sagte der 05-Profi nachher übers ganze Gesicht strahlend. „Das war ein schönes Geburtstaggeschenk. Ein gelungener Tag. Heute hat wirklich alles gepasst.“

Etappensieg im Langstreckenrennen

Für Jannik Huth ist die aktuelle Entwicklung ein echter Etappensieg in einem harten Langstreckenrennen, das der junge Torhüter mit großem Fleiß, Ausdauer und harter Arbeit bestreitet. Mit 185 Zentimetern Körperlänge nicht gerade mit dem Gardemaß für einen Bundesliga-Keeper ausgestattet, hat er trotzdem seinen Weg in die Bundesliga gefunden. Der gebürtige Binger ist ein echtes rheinhessisches Eigengewächs. 2007 als 13-Jähriger von der Hassia an den Bruchweg gewechselt, durchlief Huth alle Jugend-Mannschaften des Klubs, war Stammtorhüter in der B- und A-Junioren Bundesliga, bevor er in die zweite Mannschaft aufstieg. Dort musste Huth zunächst hinter Christian Mathenia (inzwischen beim Hamburger SV) und Robin Zentner (heute bei Holstein Kiel) anstehen. Er sei sehr ungeduldig gewesen und es habe eine Weile gedauert, bis er wieder klar im Kopf geworden sei, hat der 23-Jährige einmal über diese schwere Phase gesagt. Trainer und Familie hätten ihm geraten, nicht aufzustecken, sondern sich die Zeit zu nehmen und weit hart an sich zu arbeiten. Das habe er beherzigt. Inzwischen hat der Keeper 48 Drittligaspiele absolviert, gehörte zum Kader der U21-Nationalmannschaft und feierte mit der deutschen Olympia-Auswahl im vergangenen Sommer den Gewinn der Silbermedaille in Brasilien.

„Er hat sich vom dritten Torhüter in der zweiten Mannschaft hervorgearbeitet bis zum zweiten Torhüter bei den Profis. Letztes Wochenende war sein Tag da in der Bundesliga, jetzt wieder. Jannik muss ein Vorbild für den gesamten Nachwuchs im Verein sein, weil er gezeigt hat, dass man es auch schaffen kann, wenn man irgendwann mal hinten dran steht und weiter kämpft, weiter dran glaubt. Diesen Glauben hat er mit ins Spiel gebracht. Sein Fleiß über die letzten Jahre belohnt sich. Vielleicht war er diesmal unser Glücksbringer“, sagte der 05-Trainer.

„Ich kenne Jannik ja schon lange. Er ist vom Typ her einer, der  wirklich sehr abgeklärt ist“, sagte der 05-Kapitän nach der Partie. „Es gibt ja Spieler, die sich vor solchen Spielen verrückt machen. Er ist das Gegenteil davon. Sehr ruhig, hat eine gute Qualität mit dem Ball am Fuß. Es hat uns gut getan mit ihm hinten drin, aber wir haben es ihm mit unserer Abwehrleistung sicher auch recht einfach gemacht“, so Stefan Bell. In der Mannschaftssitzung gegen elf Uhr am Morgen vor dem Spiel erfuhr der Torhüter, dass er erneut die Chance erhalten würde. Das Freiburg-Spiel habe er im Kopf abgehakt, darüber müssen man nicht mehr reden. „Ich denke, ich habe die richtige Reaktion gezeigt und wir haben diesmal zu Null gespielt“, sagte Huth, der nun mehr will und auch im Auswärtsspiel in München am Wochenende wieder den Platz im 05-Tor beansprucht. Huth tritt sehr selbstbewusst auf, aber das wirkt nicht bemüht oder aufgesetzt, sondern entspricht eher seiner positiven Denkweise und seinem Naturell. „Ich will auf jeden Fall spielen. Ich will immer spielen. Das ist der Anspruch von jedem Profi bei uns“, sagte der Torhüter nach dem Abpfiff in der Mixed-Zone. „Das werde ich in der Woche wieder zeigen und hoffe, dass mich der Trainer auch gegen Bayern wieder aufstellt.“ Angesprochen auf seine Stärke als mitspielender Torwart, sagte der 23-Jährige. „Ich weiß halt, was ich mit dem Ball am Fuß kann. Warum sollte ich das nicht zeigen? Ich meine, ob das Bundesliga ist oder Dritte Liga, das aktive Mitspielen ändert sich ja nicht. Ich war im Spiel immer fokussiert. Ganz am Ende gab’s ein kleines Abspracheproblem, aber das kriegen wir auch noch hin. Ich bin auf jeden Fall zufrieden mit meiner Leistung.“ Gut gelaunt fügte Huth hinzu, man müsse vielleicht aber seinen Torhüter-Trainer fragen, ob Stephan Kuhnert kritische Ansätze finde. Die Antwort darauf wusste der 05-Keeper allerdings auch so: „sehr wahrscheinlich.“

► Alle Artikel zum Spiel gegen Hertha BSC

► Zur Startseite