Hype ohne Fakten

Jörg Schneider
Seit Wochen vergeht kaum ein Tag, an dem in den Medien nicht über die Zukunft von Thomas Tuchel spekuliert wird. Viel Hype, aber wenig konkrete Fakten über den künftigen Job des Trainers, der vor nicht ganz einem Jahr beim FSV Mainz 05 das Handtuch geworfen und sich aus dem öffentlichen Leben verabschiedet hat. Das findet Jörg Schneider in seinem Blog und wünscht Tuchel viel Glück für den Fall, dass sich der 41-Jährige am Ende für den Hamburger SV entscheiden sollte. Die meisten der vielen Trainer, die dort zuletzt beschäftigt waren, sind derzeit arbeitslos.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir persönlich ist es absolut wurschtegal, wo Thomas Tuchel wann neuer Trainer wird. Ich wäre nur dankbar, wenn dieses inzwischen weit überstrapazierte Thema, das allmählich zum nervigen Langweiler verkommt, schnell ein Ende haben würde. Doch diesen Gefallen wird uns der frühere Coach des FSV Mainz 05 wahrscheinlich nicht tun.

Gefragter Privatier: Ex-05-Trainer Thomas Tuchel. Foto: Imago

Einerseits, weil die Kandidaten, die den 41-Jährigen als künftigen Chefcoach favorisieren, mit einem Bein in der Zweiten Liga stehen und im Abstiegsfall für ihn nicht infrage kommen. Weil Tuchel, vertraglich bis Juni an die 05er gebunden, seine Pläne nicht öffentlich kommentiert, obwohl kaum ein Tag vergeht, an dem der Fußballlehrer nicht durch diverse Medien gehetzt wird und der Eindruck entsteht, dass es anscheinend keine anderen Trainer mehr auf dieser Welt gibt. Aber auch, weil er sich bisher sehr korrekt verhalten hat gegenüber seinem Noch-Arbeitgeber und möglicherweise erst nach dem Ende der Saison oder nach Ablauf seines 05-Vertags eine Entscheidung verkünden wird. Wir werden also die ständigen Spekulationen und vermeintlichen Neuigkeiten noch eine Weile ertragen müssen.

Natürlich finde auch ich es interessant, wie es mit diesem Trainer nach dem Sabbatjahr weitergeht. Die Ära Tuchel in Mainz war eine höchst erfolgreiche. Doch das Kapitel ist definitiv abgeschlossen. Der Mann wollte nicht mehr in Mainz und mit den 05ern arbeiten, brach von heute auf morgen jeglichen Kontakt mit den hiesigen journalistischen Wegbegleitern ab, ohne noch einmal seine Beweggründe für die Demission näher zu erläutern und hat seinen Wohnsitz nach München verlegt. Auch für Tuchel ist Mainz endgültig Geschichte. Beginnt er demnächst ein neues Engagement, gehört es zur Chronistenpflicht, darüber zu berichten. Und das war‘s dann.  

Mainz 05 ist inzwischen auf dem Weg, die aus Tuchels Entscheidung resultierenden Folgen in den Griff zu kriegen und wird höchst wahrscheinlich das Jahr eins nach Tuchel, ebenso wie die Spielzeiten zuvor mit ihm, beenden, ohne auf einem Abstiegsplatz gestanden zu haben. Thomas Tuchel ist ein Ex-Trainer, für dessen weiteren Werdegang man sich in Mainz interessiert. So, wie für alle Trainerwechsel in der Bundesliga. Mehr aber auch nicht. Dafür war die emotionale Bindung an den eigenwilligen Fußball-Fachmann nicht groß genug. Es bleibt nur der Respekt, den Tuchel nach wie vor genießt wegen seiner außerordentlichen Fähigkeiten und Leistungen als 05-Trainer.

Ich möchte das nicht als Abrechnung mit Tuchel verstanden wissen. Die Zusammenarbeit mit diesem Trainer war nicht immer einfach, aber doch stets fruchtbar. Für jemanden, der sich für die Hintergründe eines Fußballspiels interessiert, die taktischen und systematischen Zusammenhänge verstehen will, war der ständige Austausch mit diesem Experten immer lehrreich, höchst interessant und ergiebig. Ich persönlich finde nur den bundesweiten Hype nervig, der um diesen Mann entstanden ist, der sich vor fast einem Jahr aus dem öffentlichen Leben freiwillig verabschiedet hat. Das mediale Getöse, dem die Fakten fehlen.

Thomas Tuchel wird in der neuen Saison, davon ist auszugehen und es sei ihm von Herzen gegönnt, einen neuen Verein trainieren. Dafür wünschen wir ihm alles Gute. Vielleicht wird der Hamburger SV sein neuer Arbeitgeber werden, falls es dem Klub erneut gelingt, in der Liga zu bleiben. Wenn es dazu kommt, wünschen wir Thomas Tuchel dafür erst recht viel Glück. Das wird er brauchen, denn der HSV ist nur finanziell ein gutes Pflaster für Trainer. Der Bundesliga-Dino hat sich in der jüngeren Vergangenheit ansonsten eher als Job-Killer hervorgetan, dessen zeitweilige Übungsleiter zum großen Teil heute auf Arbeitssuche sind:

Martin Jol, Bruno Labbadia, Armin Veh, Michael Oenning, Frank Arnesen, Bert van Marwijk, Mirko Slomka oder Josef Zinnbauer – alle arbeitslos.

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Jörg Schneider
Kennt den FSV Mainz 05 aus dem Effeff. Seit 1987 begleitet er den Klub und dessen Werdegang als Berichterstatter. Als Sportredakteur der Mainzer Rhein-Zeitung war er fast überall dabei, hat über alle Höhen und Tiefen, über die Erfolge und Aufstiege geschrieben, über zig Trainingslager und Vorbereitungsphasen, von Transfersituationen berichtet und diese versucht realistisch einzuschätzen, über wirtschaftliche und soziale Entwicklungen von der Oberliga bis heute. Sein Credo: Sachlichkeit und Seriosität, immer bemüht, Denkanstöße zu geben. Erklären steht immer vor schlagzeilenträchtiger Kritik. Das wird auch bei nullfünfMixedZone.de nicht anders sein.