Ibisevics Hundertstes toppt Seydels Erstes

Christian Karn. Berlin.
Kurz sah es so aus, als würde Aaron Seydel auf den Tag genau vier Jahre nach dem legendären Debüt von Shawn Parker dessen Kunststück wiederholen. Ebenfalls beim unerwarteten Startelf-Profidebüt brachte der Mittelstürmer der Mainzer Drittliga-Mannschaft die 05er bei Hertha BSC in Führung. Dennoch gab es eine schmerzhafte, brutale Auswärtsniederlage: Hertha BSC nutzte eine kurze und nicht gerechtfertigte Überzahl, um mit dem 100. Bundesligator des kurz darauf ebenfalls mit Gelb-Rot vom Platz gestellten Vedad Ibisevic ein klassisches 1:1-Spiel gegen den sich tapfer, aber erfolglos dagegenstemmenden FSV Mainz 05 glücklich zu gewinnen.

Hertha BSC - FSV Mainz 05 2:1 (1:1)

Sonntag, 27. November 2016, 37.852 Zuschauer.

Hertha BSC: Jarstein - Pekarík, Langkamp, Brooks, Plattenhardt - Stark, Lustenberger - Haraguchi, Stocker (64. Darida, 90+2. Esswein), Kalou (82. Schieber) - Ibisevic.
Reserve: Kraft, Allagui, Allan, Mittelstädt. Trainer: Dárdai.

FSV Mainz 05: Lössl - Donati, Balogun, Bungert, Bussmann (84. Latza) - Ramalho, Gbamin - Öztunali (75. Córdoba), Malli, de Blasis (84. Onisiwo) - Seydel.
Reserve: Huth, Jairo, Holtmann, Hack. Trainer: Schmidt.

Schiedsrichter: Winkmann (Kerken).

Tore: 0:1 Seydel (25., de Blasis), 1:1 Ibisevic (36., Kalou), 2:1 Ibisevic (68., Kalou).

Gelbe Karte: Darida.

Gelb-Rote Karten: Ibisevic (74.) - Gbamin (63., beide wiederholtes Foulspiel).

Mit all der kalten Brutalität, die er gern mal blind in die Stadien feuert, hat der Fußballgott oder sonst ein böser Geist dem FSV Mainz 05 eine schmerzhafte Auswärtsniederlage ins Gesicht gehauen. Aaron Seydels erstes Bundesligator im ersten Bundesligaspiel brachte den 05ern zwar die Führung, aber wert war's nichts. Die übertriebene Gelb-Rote Karte gegen Jean-Philippe Gbamin ergab nach einer Stunde beim Stand von 1:1 den entscheidenden Nachteil, reiner Zufall ergab kurz darauf als Schlusspunkt einer Abwehr-Konfusion über mehrere Stationen das Siegtor der Berliner, die am Ende im Spiel von Zehn gegen Zehn den sicherlich glücklichsten ihrer sechs Heim-Erfolge über die Nachspielzeit hievten.

Ein paar Überraschungen gab es im 05-Kader. Seydels Startelf-Nominierung anstelle von Jhon Córdoba war sicherlich die größte; außerdem spielte Pablo de Blasis anstelle von Karim Onisiwo, Niko Bungert und Giulio Donati ersetzten die beiden Gelbgesperrten. Fabian Frei fehlte im Kader, auf der Bank saß wieder Gerrit Holtmann und erstmals nach seiner Verletzung und früher als erwartet Danny Latza, der in der Schlussphase sein kurzes Comeback bekam.

Erst einmal standen sich aber zwei konzentrierte, aufmerksame Mannschaften gegenseitig im Weg, blockierten sich gegenseitig im Mittelfeld, machten kaum Fehler, dementsprechend wenig passierte an den Strafräumen. Hertha probierte es vor allem über die linke Seite mit Marvin Plattenhardt und Salomon Kalou, man merkte es schon, dass mit Mitchell Weiser, Per Ciljan Skjelbred, weiterhin Vladímir Darida, der erstmals wieder auf der Bank war, erst in der zweiten Hälfte eingewechselt wurde, drei wichtige Aufbau- und Offensivspieler fehlten. Die 05er ließen die Hertha erst einmal machen, stellten die eigene Hälfte zu, wurden erst nach einer Viertelstunde ein bisschen weiter ans eigene Tor gedrückt.

Ein unglückliches Handspiel von Giulio Donati, der beim Versuch des Befreiungsschlag den Ball mit dem Fuß verfehlte und in der Drehung mit dem Arm erwischte, ergab in der 20. Minute die erste bessere Torchance. Vedad Ibisevics Kopfball nach der Freistoßflanke ging aber weit neben das Mainzer Tor. Drei Minuten später hatte nach einem übermütigen Rückpass von de Blasis, den Gaetan Bussmann nicht gut verarbeitete, Jonas Lössl erstmals etwas zu tun; der Torwart hielt gut gegen Ibisevic. Bei ihren Offensivversuchen wirkten die 05er immer etwas unkonzentriert, viele Bälle gingen leichtfertig verloren - nicht aber der Querpass von Levin Öztunali in der 25. Minute nach hoher Balleroberung von Donati gegen Kalou und einem Dribbling gegen Plattenhardt. De Blasis konnte bedrängt vom Verteidiger nicht viel mit dem Ball anfangen, machte ihn aber mit einer Grätsche noch einmal gefährlich, legte ihn mit etwas Glück Seydel direkt vor die Füße. Der Startelf-Debütant brauchte einen Moment, um seine langen Beine zu sortieren, sicher war bei seiner aus dem Zufall geborenen ersten Strafraumszene in der Bundesliga ein kurzer Schreckmoment dabei. Seydel hatte aber viel, viel Platz, orientierte sich, schob den Ball schön zum 1:0 neben den rechten Pfosten.

Debütantenfrust: Aaron Seydel (vorne) hat beim überraschenden Startelf-Debüt die 05er in Führung gebracht, muss aber ansehen, wie sich Hertha BSC darüber freut, dass der starke Einstand des U23-Stürmers nichts wert ist. Foto: imagoDie Führung tat den 05ern gut. Jetzt waren es die Berliner, die nicht mehr oft konstruktiv aus der eigenen Hälfte kamen. Die 05er verteidigten jetzt höher, aggressiver - auf Kosten von gelegentlichen Freistößen. Aus einem entwickelte sich über Umwege der Ausgleich. Die 05er wehrten den Ball weit, aber planlos ab, die Berliner schlugen ihn sofort wieder nach vorne. Leon Baloguns Kopfballabwehr ging nicht weit genug zur Seite weg, genau zu Kalou. Nach dessen Querpass traf Ibisevic ins lange Eck, Lössl war schnell unten, aber kam an den kurz abgezogenen, platzierten Schuss des abgezockten Torjägers nicht mehr heran (36.). "Fehler" ist ein großes Wort bei Baloguns Aktion; in die Richtung ging's schon.

Vor der Gegengerade des halbleeren Olympiastadions war immer noch fast überhaupt nichts los. Hertha spielte nur über ihre linke, die 05er nur über ihre rechte Seite. Es gab einen Weg an Plattenhardt vorbei. Aber es gab auch eine gute Innenverteidigung; die Hereingaben kamen selten an, auch weil es einfach wenige Passempfänger für Öztunali gab. Seydel war's beim Debüt nicht mit vollendeter Präsenz, Yunus Malli fand kaum in die Partie. Die Hertha entdeckte erst kurz vor der Halbzeit auch den anderen Flügel - und nach einer Flanke von dort köpfte Balogun knapp neben das eigene Tor (45.). Eckball gab's kurioserweise nicht. So endete eine ordentliche Auswärts-Halbzeit 1:1.

Die zweite Hälfte hätte mit Ibisevics 100. Bundesligator beginnen können. Hertha BSC überrumpelte die 05er mit einem schnell ausgeführten Freistoß; der Schuss des Bosniers kam aber nicht am nahen Verteidiger vorbei (47.). Schon in der nächsten Aktion hatte Gaetan Bussmann die Chance zur erneuten Auswärtsführung; der Franzose aber schoss nicht, sondern spielte einen aussichtslosen Querpass in die grobe Umgebung Seydels. Es gab ein großes Gestochere im Strafraum, Bussmann kam nochmal an den Ball, ein bisschen roch es dabei schon nach Elfmeter, eindeutig war's nicht. Am Ende hatte Rune Jarstein, der Torwart, den Ball in der Hand (49.), den fälligen indirekten Freistoß gab's auch nicht.

Die Partie war ein bisschen offener in den Minuten nach der Halbzeit, verlagerte sich aus dem Mittelfeld in schnellem Wechsel an beide Strafräume. Seydel kam nach Pass von de Blasis in Schussposition, wurde wegen knappen Abseits zurückgepfiffen (53.), war eine halbe Minute später klarer abseits - das muss der junge Stürmer noch lernen. Donati lieferte sich auf seinem Flügel eine heiße, aber selten unfreundliche, 80 Meter lange Schlacht mit allem, was Blau und Weiß trug. Malli schoss nach einem verschnörkelten Dribbling von Seydel einen weiten Freistoß in Jarsteins Arme (56.). Und Balogun blockte eine Hereingabe nah am Tor (57.), bekam dann die offene Sohle von Ibisevic an den Knöchel - Gelb für den Berliner (58.). Und gleich Gelb-Rot für Jean-Philippe Gbamin. Hart. Zu hart für ein Allerweltsfoul, das nur haarscharf vom sauberen Zweikampf entfernt war. Aber nicht zu ändern - Unterzahl ab der 63. Minute für die Mainzer.

In Überzahl drehte Hertha das Spiel endgültig um. In den ersten Sekunden hatten die 05er noch Glück - den dem Platzverweis folgenden Freistoß wehrte Balogun wieder haarscharf neben das eigene Tor ab. Aber dann hatte schon wieder hatte Jonas Lössl das unverdiente Pech. Die 05er waren konfus in den ersten Minuten ohne Gbamin, hätten den nächsten Angriff mehr als einmal totkriegen können, aber der Ball kam über einige Querschläger immer wieder zurück. Lössl hatte nach Kalous Kopfballvorlage auf Ibisevic keinerlei Reaktionszeit, stellte blitzschnell den Block, wehrte den Nahschuss ab. Der Ball prallte aber nochmal ans Bein des Mittelstürmers und ins Tor (68.). Es war der 100. Bundesligatreffer des Bosniers - auf den 101. muss Ibisevic auf jeden Fall länger als eine Woche warten: Nach einem sinnlosen, vorsätzlichen taktischen Foul an Pablo de Blasis wenige Schritte vor dem 05-Strafraum sah auch der Torjäger Gelb-Rot (74.). Der Schaden war allerdings schon angerichtet, die kurze Überzahl hatten die Berliner zum Führungstor genutzt und auch zu zehnt hatten die 05er noch dieses schwer zu schließende Loch im Mittelfeld; einen defensiven Wechsel konnte sich Martin Schmidt angesichts des Rückstands nicht leisten.

Kapitulieren wollten die 05er auch diesmal nicht. Mallis Freistoß klatschte ans Lattenkreuz (84.). Jetzt erst brachte Schmidt Latza als Verstärkung ins Zentrum - aber gleichzeitig den offensiven Karim Onisiwo für den Außenverteidiger Bussmann. Córdoba war schon seit dem zweiten Platzverweis da als Einwechselspieler für Öztunali. All in. Bungert war jetzt Linksverteidiger, Ramalho Innenverteidiger, Latza der einzige Sechser beim Versuch, den Ausgleich zu erzwingen, den möglichen Konter zum 1:3 dabei in Kauf zu nehmen.

Aber alles kostete Zeit. Darida bekam Gelb, weil er das vorzeitige Verschwinden der Balljungen mit einem Ball nutzte, der ihn nichts anging. Vier Minuten Nachspielzeit gab Guido Winkmann den 05ern. Vier Minuten Brechstange, vier Minuten Zeitspiel, vier Minuten Ballweghauen und Eckfahnenstocherei. Vier Minuten, in denen es noch zwei Torversuche gab von den 05ern. Lössl war vorne bei Mallis Freistoß, verlor das Kopfballduell, war rechtzeitig hinten, um den Konter zu entschärfen, den die Berliner allerdings liederlich gespielt hatten (90+2.) Und als Jarstein den Verzweiflungsschuss von Ramalho prallen ließ, reagierte Bungert zwar schnell, brachte aber im Rutschen den Nachschuss nicht hart genug aufs Tor. Die 05er wehrten sich bis zuletzt. Aber Hertha gewann ein klassisches 1:1-Spiel am Ende 2:1. Und nicht, weil sie ernsthaft besser gewesen wäre.

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