"Ich spiele ab und zu Fußball"

Christian Karn. Mainz.
Als Schritt zurück will Christian Clemens seinen Transfer vom großen FC Schalke 04 zum beschaulichen FSV Mainz 05 nicht werten. "Manch einer würde das tun", sagte der Neuzugang der 05er im ersten Pressegespräch, "aber für mich ist Mainz ein seit Jahren etablierter Bundesligaverein, wo sich junge Spieler gut weiterentwickeln." Und wo ein schneller Konterspieler wie er gut ins Konzept passe. Alles weitere, erklärte Clemens einen Tag nach seiner Vertragsunterschrift, werde sich in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten zeigen.

Das hat sich zur Tradition beim FSV Mainz 05 entwickelt: Die Neuzugänge stellen sich der Lokalpresse vor, die häufig nicht in den großen Medienbereich der Coface Arena geladen wird, sondern in den kleinen Presseraum am Bruchweg, in dem sonst über die Drittligamannschaft der 05er gesprochen wird. Dort sitzen die neuen Spieler nicht auf dem Podium, drei Treppenstufen über den Journalisten, sondern auf Augenhöhe mit diesen in einem formlosen Arrangement - bräuchten wir Schreiber keine Unterlagen für unsere Blöcke, würde man das "Stuhlkreis" nennen.

Das ist der Christian. Foto: Jörg Schneider.Ein gutes Dutzend Journalisten war am Mittwochnachmittag versammelt, um Christian Clemens kennenzulernen: Die Sportschreiber der wichtigen lokalen und regionalen Print- und Onlinemedien, Vertreter von Radio und Fernsehen, ein paar Fotografen. Auch das gehört zur Tradition: Erst stellen sich die Journalisten kurz vor: Name, Arbeitgeber, vielleicht noch ein weiterer Satz. Dann der Neuzugang aus Schalke: "Ich bin der Christian." Zwischenruf aus der Runde: "Und was machen Sie beruflich?" Clemens: "Ich spiele ab und zu ein bisschen Fußball." Zack, Eis gebrochen. Erster Eindruck: Keiner von diesen völlig glattgebügelten Medienprofis.

Große Gelegenheit, sich einzuleben, hatte Christian Clemens zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Seinen ersten Tag am Bruchweg füllte der neue Verein mit Formalitäten: Vertragsunterschrift, Medizincheck. Insgesamt gut sieben Stunden auf dem Vereinsgelände, dann ab nach Hause, Koffer packen, ein (vorerst) letztes Mal im gewohnten Bett schlafen und morgens zurück nach Mainz - erst einmal ins Hotel, dann wieder an den Bruchweg.

Und das nicht unvorbereitet. Clemens charakterisiert seinen neuen Klub als "seit Jahren etablierten Bundesligaverein, wo gut gearbeitet wird und junge Spieler sich gut weiterentwickeln. Das waren die ausschlaggebenden Punkte." Allerdings erst im Winter; im Sommer hatte der Angreifer noch andere Vorstellungen: "Das Interesse von Mainz war schon da, aber Schalke und ich wollten nicht. Ich wollte mich durchzusetzen versuchen, aber das hat nicht geklappt. Der Kontakt war wieder da und mir war schnell klar, dass ich es doch machen will."

Die diversen Ex-Mainzer beim FC Schalke 04 werden bei dieser Entscheidungsfindung keine unwichtige Rolle gespielt haben. "Wetti, Choupo, Kirchhoff, Fuchs, Neustädter", zählt Clemens auf, Kollegen, die über Mainz 05 nur Gutes gesagt haben sollen. "Warum sind die dann weg?", fragt einer aus der Runde. "Das müssen Sie die fragen", weicht Clemens aus - zum einzigen Mal in diesem Pressegespräch.

Wo Kasper Hjulmand ("Ein sympathischer Typ, mit dem ich mich direkt sehr gut verstanden habe", sagt der Neuzugang) seinen neuen Mann einsetzen wird, ist diesem relativ egal: "Er sieht mich offensiv, ich sehe das genauso. Eine Lieblingsposition in dem Sinne habe ich nicht. Der Trainer kann mich überall hinstellen." Hauptsache, er setzt ihn nicht - auf die Bank. "Spiele von Anfang an sind einfach etwas anderes", erklärt Clemens. "Das hat mir schon gefehlt: Die Vorbereitung in der Kabine, zusammen einzulaufen, darauf freue ich mich am meisten." Wissend, dass es keine Stammplatzgarantie gibt: "Wir hoffen alle, gegen Paderborn zu starten. Aber Konkurrenz gibt es überall. Ich versuche mich im Training anzubieten."

Das letzte Spiel seiner neuen Mannschaft hat Clemens gesehen. "Gegen Mainz" - ein Versprecher, der zeigt, wie kurz die Eingewöhnungszeit bisher war, aber der Spieler merkt es von selbst - "gegen Bayern. Das hat mich schon ein bisschen beeindruckt. So gefordert wurden die Bayern noch nie in dieser Saison. Und Mainz hat ein Spiel gespielt, das mir liegt: Kompakt stehen und über die schnellen Konter kommen, das ist auch ein Grund, warum ich mich für Mainz entschieden habe." Die Möglichkeit, zum Herausforderer des Deutschen Meisters an diesem 17. Spieltag zu wechseln, hatte Clemens bereits im Kopf. "Entschieden war es da noch nicht", sagt er, aber der Kontakt zwischen Verein und Berater wäre immer dagewesen. Und wenn auch die 05er in diesem Jahr etwas mehr mit Ballbesitz gearbeitet hätten, glaubt Clemens, dank seiner Schnelligkeit und seines Abschlusses der Mannschaft weiterhelfen zu können.

Zwischenruf: "Wann war das letzte Tor?" Clemens, unbeeindruckt: "Das ist leider schon etwas her. Ich weiß es gar nicht mehr genau, auf jeden Fall mit Köln." Kurze Pause. "Ja, und im Training natürlich auch."

Das hatte er zu diesem Zeitpunkt in Mainz noch nicht aufgenommen. Aber der erste Eindruck habe gepasst: "Alles sehr familiär. Ich wurde sehr nett empfangen und habe mich vom ersten Moment an wohlgefühlt." Kommentar aus der Runde: "Was soll er auch anderes sagen?" Und ein großes Fragezeichen in Clemens' Gesicht: Den Odenwälder Akzent des Journalisten versteht er nicht. 05-Pressefrau Silke Bannick - aus dem höchsten Norden Deutschlands - übersetzt. Und Clemens nickt: "Das ist wahr." Ob er sich denn gut mit der Mannschaft verstünde? "Das wird man jetzt sehen." Gelächter. "Ich wurde sehr gut empfangen. Viele kenne ich als Mitspieler aus den U-Nationalmannschaften oder als Gegner. Alle sind in meinem Alter, bis auf ein paar Ausnahmen. Das wird sicher reibungslos passen."