Im Dschungel verlaufen

Christian Karn
Handspiel ist, wenn der Schiri pfeift. Der alte Kalauer vom Spielfeldrand könnte momentan die beste Definition sein, die es in der Bundesliga gibt für einen Tatbestand, der in den vergangenen Wochen zu etlichen Elfmeter- und Kein-Elfmeter-Entscheidungen führte, mit denen die Beteiligten in den wenigsten Fällen einverstanden waren. Die nullfünfMixedZone hat versucht, der Sache auf den Grund zu gehen, und musste feststellen: Geht nicht. Das Regelwerk ist einfach, aber die weiteren Anweisungen ein kaum zu durchdringendes Dickicht.

Sieben Spieltage sind absolviert in der Fußball-Bundesligasaison 2014/15 und das Geschrei ist schon wieder riesengroß. Kein Mensch scheint zu wissen, was Handspiel ist - die nullfünfMixedZone berichtete darüber bereits. Einigkeit herrscht nur in einem Aspekt: Solche Elfmeter, wie sie momentan zuhauf gepfiffen werden, will eigentlich keiner - man nimmt sie natürlich, wenn man sie bekommt, aber fast schämt man sich dafür. Was die Leute wollen, ist für die Schiedsrichter jedoch ohne jeden Belang. Sie müssen sich an die offiziellen Fußballregeln halten. Und weil die wildesten Formulierungen kursieren und keiner so genau weiß, was überhaupt Sache ist, welche Rolle solche Aspekte wie "Absicht", "Körperfläche", "natürliche Armhaltung" und so weiter spielen, hat sich die nullfünfMixedZone auf die Expedition ins Regelwerk begeben. Um herauszufinden: Kann man überhaupt wissen, was Handspiel ist?

Regel 12 besagt: Wenn ein Spieler den Ball absichtlich mit der Hand spielt, wird dem gegnerischen Team ein direkter Freistoß zugesprochen. Foto: Jörg SchneiderDie Fußballregeln bestehen aus drei Ebenen. Ganz oben stehen die knappen internationalen Regeln der FIFA. Als zweite Stufe, ebenfalls international bindend, die wesentlich ausführlichere sogenannte "Auslegung der Spielregeln und Richtlinien der FIFA für Schiedsrichter". Und darunter wiederum gibt es weitere Anweisungen der Nationalverbände, in Deutschland "Zusätzliche Erläuterungen des DFB".

Was ein Handspiel ist, steht in Regel 12: "Verbotenes Spiel und unsportliches Betragen". Diese Regel beginnt mit den zehn Tatbeständen, die mit direktem Freistoß geahndet werden müssen. Treten, Beinstellen, Anspringen, Rempeln, Schlagen, Stoßen, Bedrängen, Halten, Anspucken, wobei teilweise der Versuch strafbar ist, teilweise nicht - und als zehntes Vergehen, für das dem gegnerischen Team wird ein direkter Freistoß zugesprochen wird: "Wenn ein Spieler den Ball absichtlich mit der Hand spielt (gilt nicht für den Torwart im eigenen Strafraum)". Und gleich im nächsten Satz: "Begeht ein Spieler eines der genannten zehn Vergehen im eigenen Strafraum, ist dies durch einen Strafstoß zu ahnden."

Das ist einfach. Und schon fast alles, was die Regel selbst zum Thema "Handspiel eines Feldspielers" sagt. Weiter hinten wird noch erklärt, dass unter bestimmten Umständen ein Platzverweis ausgesprochen werden muss, aber das tut in unserer Diskussion nichts zur Sache.

Die FIFA-Auslegung geht etwas weiter ins Detail und erklärt: 

"Ein Handspiel liegt vor, wenn ein Spieler den Ball mit seiner Hand oder seinem Arm absichtlich berührt. Der Schiedsrichter achtet bei der Beurteilung der Situation auf:

- die Bewegung der Hand zum Ball (nicht des Balls zur Hand),

- die Entfernung zwischen Gegner und Ball (unerwartetes Zuspiel),

- die Position der Hand (Das Berühren des Balls an sich ist noch kein Vergehen.),"

und dass ein in der Hand gehaltener oder geworfener Gegenstand bei der Frage "Handspiel oder nicht?" genauso wie die Hand selbst bewertet werden muss.

Der DFB spricht im offiziellen Fußballregelwerk weitere 18 Einzelheiten zur Regel 12 an, aber um Handspiel eines Feldspielers geht es in keiner davon.

Kurz paraphrasiert also: Handspiel muss Absicht sein. Angeschossen werden ist keine Absicht. Interessant.

Regel 4 ("Ausrüstung der Spieler") verbietet Ausrüstungsgegenstände, die eine Gefahr für die Spieler darstellen kann. Davon abgesehen gilt die Regel: Den Ball mit Pfeil und Bogen abschießen ist Handspiel und der Tatort ist da, wo der Ball getroffen wurde. Foto: Jörg SchneiderDenn "Spiegel online" schreibt als Zitat unter Berufung auf das "Regelwerk der weltweit für alle Schiedsrichter verbindlichen Vorschriften" Folgendes: "Befindet sie (die Hand - d. Red.) sich nämlich in einer unnatürlichen Haltung, muss auch von Absicht ausgegangen werden." Das ist ein Satz, der in den Regeln schlicht nicht steht.

Davon ausgehend, dass die Spiegel-Redaktion weiß, was sie tut, haben wir uns noch tiefer in den Dschungel der Fußballvorschriften gewagt und sind zunächst nicht weitergekommen. Auf der Internetseite des DFB gibt es keine anderen Regelwerke. Google aber kennt das Zitat von "Spiegel online" und wirft den Artikel "Das Handspiel in seinen Facetten" aus - einen Artikel auf der DFB-Seite. Merkwürdig.

Der DFB schreibt: "Der Schiedsrichter muss beurteilen, ob die Berührung absichtlich erfolgt ist oder nicht". Im Zweifel kann er fragen; erstaunlich viele Spieler sagen in letzter Zeit die Wahrheit. Foto: imagoDort steht neben dem Satz von "Spiegel online" unter anderem: "Er" - der Schiedsrichter - "muss beurteilen, ob diese Berührung absichtlich erfolgt ist oder nicht. Wenn er sie als unabsichtlich einstuft, kann er sie dem Regeltext entsprechend auch nicht bestrafen. Nun sind Schiedsrichter leider keine Gedankenleser und somit auf ihre Wahrnehmung angewiesen. Eine Hilfestellung findet der Referee in den Anweisungen der FIFA, die ihm einige Hinweise darauf geben, wann ein Handspiel als absichtlich einzustufen ist." Siehe oben: Bewegung zum Ball, Entfernung, Position müssen berücksichtigt werden. Dann folgt der "Spiegel"-Satz, nach dem es so weitergeht: "Das typische Beispiel hierfür sind Spieler in einer Mauer, die zum Schutz des Gesichtes einen Arm hoch halten. Springt der Ball nun gegen diesen Arm, so liegt zwar sicherlich keine aktive Bewegung zum Ball vor – der Arm hat jedoch dort oben nichts verloren, und deswegen handelt es sich um ein absichtliches Handspiel." Keine Definition, was eine unnatürliche Haltung ist, nur ein Beispiel. Und weiter: "Die Regel geht sogar soweit, dass ein Handspiel auch dann absichtlich erfolgt, wenn der Spieler den Kontakt zwischen Ball und Hand zwar vorhersehen kann, ihn aber nicht verhindert." Aufpassen: "Wenn der Spieler den Kontakt vorhersehen kann." Nicht: "Wenn der Spieler einen möglichen Kontakt vorhersehen kann." Ob Fußballspieler Gedankenleser sind, wissen wir nicht, wohl aber, dass sie keine Propheten sind. Das ist die Aufgabe Anderer.

Der Text steht ohne Autor, ohne Veröffentlichungsdatum auf der DFB-Website. Inwieweit er aus Reihen der Schiedsrichter stammt oder ein Aufsatz der Online-Redaktion ist, wissen wir nicht. Für die Frage, wie bindend er ist, ist das ausschlaggebend. Es wird noch undurchsichtiger: Google kennt ihn, aber über die Menüstruktur der Verbandswebsite ist er nicht auffindbar. Nirgends. Das liegt daran, dass der DFB seinen Online-Auftritt in der Sommerpause komplett neu gestaltet und die alte Rubrik "Regelecke", aus der dieser Aufsatz stammt, abgeschafft hat. Google hat uns eine Karteileiche gezeigt. Ist der Text, der in seinen Formulierungen eher nicht an das Juristendeutsch der Fußballregeln erinnert, nun offiziell? Die Frage lassen wir sicherheitshalber offen. Als definitiv bindend kennen wir weiterhin nur die FIFA-Aussagen.

Aber wenn wir uns schon durch das Dickicht schlagen, dann richtig. Denn es gibt die "Schiedsrichter-Zeitung". Und in der Ausgabe 5/2014, September/Oktober, finden wir auf Seite 19 einen Aufsatz von Günther Thielking, einst Schiedsrichter im Regionalverband Nord, der 1981/82 ein DFB-Pokalspiel gepfiffen hat, heute Mitglied des DFB-Lehrstabs, zum Thema: Handspiel. 

Thielking schreibt über die Geschichte mit der Körperfläche, dass vom Schiedsrichter zu bewerten sei, "ob diese Vergrößerung absichtlich erfolgt und dadurch der Ball mit der Hand gespielt wird. Dann ist dies regelwidrig und der Pfiff muss kommen." Und: "Absicht liegt auch vor, wenn ein Arm ausgestreckt wird und der Spieler davon ausgehen kann, dass der Ball dadurch abgelenkt oder sogar gestoppt wird." Das ist die Prophetenfrage von vorhin. Und: "Ist ein Spieler dagegen zu Fall gekommen, hat sich dabei abgestützt und den Ball aus unmittelbarer Nähe an den Arm bekommen, so kann der Schiedsrichter davon ausgehen, dass dies nicht absichtlich geschah." Später formuliert Thielking eine "Faustformel für die Bewertung eines Handspiels". Er schreibt: "Geht die Hand zum Ball, so liegt ein absichtliches Handspiel vor, das mit einem direkten Freistoß nach Regel 12 bestraft wird. Geht der Ball zur Hand, so ist das unabsichtlich und das Spiel läuft weiter." Und wenn der Schiedsrichter sich nicht sicher ist, so soll er das Spiel nicht unterbrechen.

Endlich also eine ausführliche Erläuterung, die aber immer noch nicht als offizieller Regeltext vorliegt. Ganz am Ende des Artikels finden wir aber den entscheidenden Punkt: "Im Lehrbrief 56 gehen die Verfasser unter der Überschrift „Das Handspiel in aktueller Auslegung“ ausführlich auf die unterschiedlichen Kriterien bei der Bewertung eines solchen Vergehens ein."

Und den Lehrbrief 56 gibt es auf der Website des Badischen Fußballverbands. Aufgesetzt wurde er unter anderem von Thielking, einige Absätze kennen wir bereits aus der "Schiedsrichter-Zeitung". Der Satz "dass allein die Verbreiterung der Körperoberfläche mit den Armen nicht ausreicht, um als strafbares Handspiel gewertet und bestraft zu werden", mit dem der Artikel in der Zeitung endet, kommt im Lehrbrief... nicht vor. Nirgends.

Und an dieser Stelle geben wir auf. Wir haben alles versucht, wir haben uns alles angesehen, was wir aus Reihen der Verbände zum Thema gefunden haben, aber was Handspiel ist, wissen wir immer noch nicht. Wir kennen die simplen Sachverhalte aus dem Regelwerk. Wir kennen die teils widersprüchlichen Aussagen in weiteren DFB-Publikationen. Aber wir wissen nicht, was gilt. Wir haben uns im Dschungel hoffnungslos verlaufen.

Interessant: Weiter hinten im Lehrbrief werden die zwölf Spielszenen beschrieben, die die Lehrgangsteilnehmer auf Video vorgestellt bekommen. Darunter das Hand-Tor von Shinji Okazaki gegen den SC Freiburg, das der Schiedsrichter Robert Hartmann nach Rücksprache mit seinem Assistenten aberkannte. Richtig entschieden, aber "diese Befragung sollte zügiger ablaufen", wird moniert, und "der Spieler aus Mainz muss für dieses unsportliche Handspiel verwarnt werden" - Hartmann hat die Gelbe Karte nicht gezogen.

Und dann eine Szene aus dem Rückrundenspiel bei Borussia Dortmund: "Nr. 9 (BVB)" - Robert Lewandowski - "dringt mit dem Ball in den Strafraum von Mainz ein, überspielt rechts vom Tor den Torwart und will den Ball ins Tor spielen. Vor ihm befindet sich nur noch Nr. 26 (Mainz)" - Niko Bungert. "Der springt der Nr. 9 (BVB) entgegen, spreizt seinen rechten Arm deutlich seitwärts ab, um seine Körperfläche zu vergrößern und spielt dann den Ball absichtlich mit dem Arm. Er verhindert so ein klares Tor. Zurecht gibt es für Nr. 26 (Mainz) die Rote Karte und einen Strafstoß gegen Mainz."

"Hüte Dich vor Finalsätzen", haben wir gelernt. Mit den Formulierungen "um die Körperfläche zu vergrößern" und "absichtlich" kommen wir direkt in die nächste Bredouille, denn damit wird den Spielern letztlich etwas unterstellt, das nicht nachprüfbar ist. Denn auf der alten DFB-Website stand, dass Schiedsrichter leider keine Gedankenleser sind. Vielleicht sollten sie einfach welche werden, damit wir endlich Klarheit haben. 

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Christian Karn
Christian Karn kennt sich in der Geschichte des FSV Mainz 05 aus wie kaum ein Zweiter. In siebenjähriger Archivarbeit hat der Sportjournalist alle aufzutreibenden Aufstellungen, Ergebnisse und Torschützen der langen Vereinshistorie zusammengestellt. Auf der Internetseite www.fsv05.de, auf die die User der NullfünfMixedZone jederzeit Zugriff haben, ist zusammengetragen, wer in welchem Spiel wie lange auf dem Platz stand und wer wann wo ein Tor geschossen hat. Viele dieser Statistiken und Daten werden immer ein wichtiger Bestandteil unserer Berichterstattung sein. Bei der Mainzer Rhein-Zeitung berichtete der gebürtige Mainzer zehn Jahre lang vor allem über die Nachwuchsarbeit der 05er. Seit 2002 ist er außerdem Redakteur des Mainz-05-Fanzines "Die TORToUR". Weiterhin veröffentlichte Christian Karn mehrere sporthistorische Bücher und Nachschlagewerke über Mainz 05, den deutschen Fußball allgemein und die Baseballer der Mainz Athletics.