Im Schlagabtausch verwundbar

Christian Karn. Mainz.
In zwei Schlüsselmomenten seiner jungen Bundesligakarriere profitierte Julian Nagelsmann davon, dass die dezimierte 05-Abwehr seinen vielen nachgewechselten Stürmern nicht mehr standhielt: Gegen eine Not-Verteidigung ohne die beiden Stamm-Innenverteidiger drehte seine TSG beim Heimdebüt des jungen Trainers ein 0:1, in Mainz glich Hoffenheim im vorigen Jahr in Überzahl nach einer unberechtigten Roten Karte ein 1:4 aus. Ungestüme Zweikampfführung in der Abwehr und der Top-Angriff machen die TSG, wenn sie erst einmal in Schwung ist, fast unschlagbar. Im offenen Schlagabtausch bei Rückstand ist sie dagegen verwundbar.

Julian Nagelsmann, zwar kein gebürtiger Münchner, aber als Nachwuchsspieler und -trainer des TSV 1860 durchaus mit der bayerischen Hauptstadt verbunden, hat sich aus heimlichem Kalkül oder tatsächlich aus Versehen kürzlich als nächster Trainer des FC Bayern ins Gespräch gebracht. Diesen hatte er gerade mit der TSG Hoffenheim geschlagen, die Bayern aber ließen sich auch von der aufgeregten Öffentlichkeit keine Krise einreden, schossen Mainz 05 mit einem überragenden Auftritt ab, brauchen vorerst keinen neuen Trainer. Trotzdem gilt der für einen Trainer junge Nagelsmann, der heute im Auswärtsspiel in Mainz auf zumindest einen älteren Spieler treffen wird, als der kommende Topstar im Trainergeschäft, auf eine Weise, wie man sie womöglich seit dem (bei Amtsantritt bei den Bayern 1970 bereits deutlich älteren) Udo Lattek nicht mehr erlebt hat. Der ist mit drei Europapokalsiegen, acht Deutschen Meisterschaften (Rekord) und drei DFB-Pokalsiegen mit Bayern, Gladbach und Barcelona weiterhin der erfolgreichste deutsche Vereinstrainer. Nagelsmann muss noch beweisen, wirklich Titel gewinnen zu können - mit seinen 30 Jahren sollte er noch einige Jahrzehnte Gelegenheit haben.

Der Höhenflug der Hoffenheimer und ihres Trainers hängt in Schlüsselmomenten zweimal mit Mainz 05 zusammen. Die 05er waren sein Gegner beim Bundesliga-Heimdebüt. Zuvor hatte Nagelsmann durch puren Zufall einen Punkt in Bremen mitgenommen. Die Partie hätte für die TSG fürchterlich schiefgehen müssen; der damals 28-Jährige verwarf die Defensivtaktik seines Vorgängers Huub Stevens, blieb bei seiner im Juniorenfußball bewährten Angriffslust, vernachlässigte die Defensive, ließ seine Mannschaft den Bremern ins offene Messer rennen; das Messer war halt stumpf. Gegen die mit sechs Offensivspielern aufgestellte TSG hatte allein der Bremer Innenverteidiger Papy Djilobodji so viele Topchancen wie ganz Hoffenheim zusammen, scheiterte am überragenden TSG-Torwart, traf außerdem den Pfosten, schoss Mitspieler an. Das 1:1 war über alle Maßen glücklich. Gegen die 05er ging's mit einem frühen Rückstand los, aber ohne die verletzten Stamm-Verteidiger Stefan Bell und Niko Bungert fehlte den 05ern die Stabilität, die Bremen zuvor hatte und Hoffenheim gewann 3:2 - der Auftakt eines ordentlichen Abstiegskampf, der die Mannschaft in der Liga hielt.

Pablo de Blasis hätte vor zwölf Monaten und neun Tagen der Matchwinner beim Kantersieg gegen Hoffenheim sein müssen. Nach dem Platzverweis gegen Gaetan Bussmann und der Auswechslung des Argentiniers brachen die 05er jedoch zusammen. Foto: VeyhelmannDie folgende Saison, die Saison 2016/17, begann für Hoffenheim mit dem als "el Plastico" offensiv-ironisch vermarkteten 2:2 gegen den Aufsteiger aus Leipzig. Am zweiten Spieltag ging die TSG in Mainz gnadenlos unter, lag zur Halbzeit nicht mal zufällig 1:4 zurück, kam gegen die breit angreifenden 05er, gegen den Startelf-Debütanten Levin Öztunali (ein Tor, eine Vorlage), den Wuseler Pablo de Blasis (zwei Tore, eine Vorlage) und den wuchtigen Jhon Córdoba, der bereits in der 26. Minute zum 3:0 traf, überhaupt nicht klar. Und es wäre sicherlich ein Fiasko geworden, wäre nicht Gaetan Bussmann nach einer knappen Stunde mit einer mehr als fragwürdigen Roten Karte vom Platz geflogen. Vielleicht hätte Martin Schmidt das Spiel retten können, wenn er spätestens nach dem Hoffenheimer Umschalten auf totale Offensive ähnlich offensiv geantwortet hätte, beispielsweise mit Yoshinori Muto und de Blasis in einem 4-3-2 zwei unberechenbare Flitzer mit einem Flugball nach dem anderen über die Reste der Abwehr nach vorne geschickt hätte. Schmidt wechselte einen zusätzlichen Verteidiger ein, um das 4:1 über die Zeit zu bringen. Die 05-Mannschaft hielt aber den ab der 64. Minute mit fünf Stürmern (Torschütze Sandro Wagner, Torschütze Ádám Szalai, Doppel-Torschütze Mark Uth, Andrej Kramaric, Lukas Rupp) angreifenden Hoffenheimern nicht mehr stand, fand keine Entlastung, kassierte die Gegentore zum 4:4 - und hätte doch in der langen Nachspielzeit beinahe noch gewonnen. Wäre die Sache gut ausgegangen für die 05er - wie wäre die Saison der TSG nach einem 1:4, 2:6 oder halt 4:5 in Mainz und einem Punkt aus zwei Spielen weiter verlaufen? Das weiß kein Mensch, zumindest wäre Hoffenheim nicht bis zum 19. Spieltag ungeschlagen geblieben. Kann schon sein, dass sich die Eigendynamik nicht entwickelt hätte, das Projekt wieder irgendwo im Mittelfeld geendet hätte, wie bis dahin jedes Jahr. Vielleicht würde man sich gar nicht mehr so sehr für Nagelsmann interessieren.

Im Rückspiel, direkt nach dessen erster Saisonniederlage, bissen sich die 05er nach dem frühen Rückstand die Zähne an der inzwischen stabilen Hoffenheimer Abwehr aus. Diese stand zwar auf beiden Flügeln sperrangelweit offen. Die extrem offensiven Hoffenheimer Außenverteidiger waren selten gegen Fehler abgesichert, ihr Raum vor dem Strafraum war selten gegen Abpraller abgesichert, aber die wuchtige Innenverteidigung machte den Strafraum mit äußerster Konsequenz dicht. Kevin Vogt und Niklas Süle gewannen Zweikämpfe, Benjamin Hübner trat in seiner ungestümen Art einfach alles weg, was in Reichweite war, traf dabei in der Regel erst den Ball und dann den Stürmer, schaffte keine Abwehraktion am Boden, bei der sich der Gegner nicht überschlug. Zermürbte die Angreifer. Dass die TSG es mit billiger Petzerei schaffte, Jhon Córdoba vom Platz zu holen, machte es noch schwieriger - vier, fünf Mann versuchten, dem Kolumbianer nach einem gewonnen Zweikampf eine grundlose Gelb-Rote Karte anzuhängen, zählten ihn damit zumindest so weit an, dass Martin Schmidt ihn sicherheitshalber auswechselte. Die 05er bekamen das 0:1 einfach nicht ins Wackeln, kassierten erst in der 83. Minute ein kurioses Billard-Tor zum 0:2, lösten sich dann hinten auf, verloren mit 0:4 durchaus zu hoch. Bis zum 0:2 hatten sie mehr vom Spiel, mehr Torchancen, aber halt seit der fünften Minute den Rückstand.

Und den sollten sie heute abend unbedingt vermeiden. "Die Hoffenheimer sind schnell auf den Beinen, aggressiv in der Vorwärtsverteidigung, gut im Raumverhalten", warnt Sandro Schwarz, "das gilt es sehr gut zu verteidigen. Wir müssen das Zentrum verdichten. Und dann mit unseren Geschwindigkeitsspielern Nadelstiche setzen." Rückstände gegen Hoffenheim mögen tödlich sein - liegt die TSG selbst zurück, lässt sich Nagelsmann zum Nachwechseln seiner vielen Stürmer verleiten, ist die TSG im Schlagabtausch verwundbar.

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