Immer wieder dieselben Probleme

Jörg Schneider
Die Niederlage von Dortmund, das 2:4 beim bisherigen Drittletzten eine Woche nach der Pleite gegen den bis dahin Vorletzten, hat die Situation beim FSV Mainz 05 verschärft. Nicht nur tabellarisch, aufgrund der Art und Weise der Vorstellung vor allem inhaltlich. Auch intern hat die Diskussion um Kasper Hjulmand längst begonnen. Viel Zeit hat der 05-Trainer nicht mehr, um die nötigen Ergebnisse zu liefern, die Talfahrt zu stoppen. Jörg Schneider gibt in seinem Blog eine Einschätzung der Situation.

Eine 2:4-Niederlage auswärts bei Borussia Dortmund wäre unter normalen Umständen nichts, über das sich irgendjemand groß aufregen würde. Auch angesichts der augenblicklichen Lage der 05er würde eine solche Niederlage nicht groß verwundern, wenn sie gegen einen auf Vollgas, Power, kollektive Klasse und Aufholjagd getrimmten Spitzenklub, passiert wäre. Doch davon war Jürgen Klopps Mannschaft am Freitagabend weit entfernt.

Christian Heidel und Kasper Hjulmand im Dialog: Wohin führt der Weg? Foto: Imago

Die 05er verloren am Ende deutlich gegen ein Team, das Probleme hatte, die der Gegner nicht vergrößerte. Das nach dem ersten verheißungsvollen, aber letztlich erfolglosen Ansturm nach Elkin Sotos sehenswertem Führungstor nach weniger als einer Minute nervös wurde, keine Wege fand, kein Mittel. Das sich in der Abwehr Fehler leistete, das Platz zum Spielen gewährte, Raum für konsequentes, schnelles Umschaltspiel anbot. Das damit Unruhe im Stadion erzeugte und Pfiffe generierte.

Das alles sprach für die Mainzer. Gegen Hertha BSC redeten vor einer Woche alle davon, der Spielverlauf sei gegen die Mannschaft von Kasper Hjulmand gewesen. Diesmal war der Spielverlauf auf ihrer Seite. Die Pausenführung sprach für die 05er und später der erneute Ausgleich durch den ansonsten schwachen Yunus Malli. Gegen einen Gegner, der in dieser Saison zuvor nicht einmal in der Lage war, einen Rückstand zu drehen. Was darf’s denn noch sein? Stattdessen gaben die 05er alle Vorteile aus der Hand. Und am Ende drängte sich der Eindruck auf, es sind immer wieder die gleichen, die alten Probleme, die verhindern, dass die 05er mal auf den Punkt kommen und wirklich damit beginnen, ihre Lage zu verbessern.

Zeit und Raum für den Passgeber

Vier Gegentore in einer Halbzeit. Vier Treffer, zwei davon nach Standardsituationen und schlechter Verteidigung. Zwei Tore, in der die Mainzer den Gegner ohne Störversuche gewähren und sich in Laune spielen ließen. Ein Traumpass von Kevin Kampl durch die Linien auf Marco Reus zum 2:1? Ein Traumpass von Reus auf Aubameyang zum 3:2? Natürlich. Doch wenn der Passgeber so viel Zeit und Raum erhält, wenn kein Mainzer energisch den Ballführenden angreift, dann spielt jeder gute Mittelfeldspieler dieser Liga einen solchen Pass. Und gerne gegen die 05er.

Das war das Auffallendste. Das Entscheidende in Dortmund. Hjulmand hatte seinem Team eine sehr gute taktische Strategie und Grundordnung mitgegeben. Hatte von der personellen Besetzung her voll auf Umschaltspiel gesetzt. Doch dafür braucht es Balleroberungen. Die Gäste spielten insgesamt ganz gut, hatten den BVB Mitte der ersten Hälfte auch da, wo sie ihn haben wollten. Doch statt diesem um Sicherheit ringenden Gegner weh zu tun, die Dortmunder richtig zu attackieren und vor größere Schwierigkeiten zu stellen, beschränkten sich Hjulmands Leute darauf, sie vom Strafraum wegzuhalten. Die Mainzer stellten die Räume zu, aber sie bearbeiteten dort den Gegner nicht energisch. Das ist das gravierende Manko in der Philosophie des Dänen. Das Konzept alleine, das zeichnet sich nach mittlerweile 21 Spieltagen ab, reicht da nicht. Da fehlt dann doch irgendwann auch der bedingungslose Zweikampf im Pressing, im Gegenpressing, die Balleroberung. Die 05er gehen hin zum Mann, mehr oft nicht. Sie spielen ganz nett. Das sieht bisweilen gut aus, aber insgesamt fehlt zu oft der Punch.

Und dann kommen die Fehler. Das Thema "Gegentore nach Standardsituationen" ist nicht neu. In Dortmund gab’s wieder zwei davon. Beide Male schlecht verteidigt. Diese Spielweise kann in der Bundesliga, wenn‘s gut läuft, hin und wieder einen Punktgewinn ermöglichen. Gewinnen lässt sich auswärts so nicht.

Die Trainerdiskussion hat intern längst eingesetzt

Die Trainerdiskussion ist nicht mehr aufzuhalten. Sie hat intern längst eingesetzt. Da muss niemand mehr drumherum reden. Kasper Hjulmands Plan von der Weiterentwicklung der Mannschaft, von Prinzipien, Gewohnheiten, vom Fußballspiel generell, ist in der Theorie überragend. Das Problem: In der Praxis funktioniert er nicht dauerhaft. Nicht mit dieser Mannschaft. Nicht einmal, wenn es so dringend notwendig wäre. Die Saison hat im August begonnen. Jetzt ist es Mitte Februar. 21 Spieltage sind vergangen. Hjulmands Konzept hat vier Siege produziert. Einen davon in den zurückliegenden 13 Auftritten. In der Rückrunde gab es nun zwei Niederlagen hintereinander gegen den Vorletzten und Drittletzten der Liga, denen es zuvor wesentlich schlechter ging als den Mainzern. In drei Monaten ist Feierabend. Und wann setzt die Kehrtwende ein?

Hjulmand hatte viel Zeit seinen Entwicklungsgedanken nach vorne zu bringen. Vieles passt auch im Spiel, aber ein tragfähiges Gerüst, das Hoffnung auf Erfolgskonstanz gibt, ist nach wie vor nicht erkennbar. Der Trainer verfügt über einen guten Kader, trotz zwischenzeitlicher Verletzungsprobleme. Ein Kader, wie Christian Heidel sagte, mit dem man nicht absteigen darf. Da klang es doch schon etwas larmoyant, wenn der Däne in Dortmund, angesprochen auf seine Situation, sagte: „Ich versuche jeden Tag die beste Arbeit für den Verein zu machen. Ich denke jede Sekunde an Mainz 05. Wenn jemand sagt, es ist nicht gut genug, dann ist es so.“ Das müsse man aber nicht mit ihm besprechen, sondern Christian Heidel fragen.

Der Manager stürmte unmittelbar nach dem Abpfiff in die Kabine und ward fortan nicht mehr gesehen. Kein Interview. Keine Pressekonferenz. Das ist ungewöhnlich. Und auch am Tag danach gab es keine Reaktion vom 51-Jährigen auf eine Gesprächsanfrage. Man kann davon ausgehen, dass Heidel in Klausur gegangen ist und die Situation überdenkt. Alle Fakten überprüft, abwägt, ob er und die Verantwortlichen am Bruchweg Hjulmand, an dessen Fachkompetenz es keinen Zweifel gibt, den entscheidenden Schritt nach vorne, die Wende noch zutraut.

Heidel wird, sollte er zu dem Ergebnis gelangen, die Verpflichtung des Dänen sei ein Missverständnis gewesen, dieses eingestehen und handeln. Die Frage ist, wann der Zeitpunkt gekommen ist. Die grundsätzliche Philosophie von Trainer und Manager stimmen überein, nur die Herangehensweise im Abstiegskampf, davon kann man ausgehen, ist nicht Heidels Vorstellung von erfolgreich zu führendem Abstiegskampf. Der Status quo ist zu weit weg von der 05-Idee, die Aggressivität, Power, bedingungslose Zweikampflust und nicht zuletzt Emotionalität braucht, um Vorteile der finanziell und oft personell besser aufgestellten Konkurrenz auszugleichen.

Fakt ist, viele Möglichkeiten wird Hjulmand nicht mehr bekommen. Die angestrebte Weiterentwicklung einer Mannschaft, die im vergangenen Jahr mit 53 Punkten Platz sieben belegte, muss nun sofort Früchte tragen. Sonst ist das Buch zu.

Jörg Schneider
Kennt den FSV Mainz 05 aus dem Effeff. Seit 1987 begleitet er den Klub und dessen Werdegang als Berichterstatter. Als Sportredakteur der Mainzer Rhein-Zeitung war er fast überall dabei, hat über alle Höhen und Tiefen, über die Erfolge und Aufstiege geschrieben, über zig Trainingslager und Vorbereitungsphasen, von Transfersituationen berichtet und diese versucht realistisch einzuschätzen, über wirtschaftliche und soziale Entwicklungen von der Oberliga bis heute. Sein Credo: Sachlichkeit und Seriosität, immer bemüht, Denkanstöße zu geben. Erklären steht immer vor schlagzeilenträchtiger Kritik. Das wird auch bei nullfünfMixedZone.de nicht anders sein.