Ingolstädter Fallen

Christian Karn. Mainz.
Betrachtet man alleine die individuelle Qualität (die es gibt - oder zumindest geben sollte), dann kommt man schnell auf die Idee, der FSV Mainz 05 wäre heute in Ingolstadt der Favorit. Jedoch geht es im Fußball auch darum, was man aus der Qualität macht. Und was man macht, um die des Gegners zu verringern, ins Leere zu lenken. Wie man die Mainzer Umschaltmannschaft ihrer spielerischen Stärken beraubt, das hat die Bundesliga inzwischen herausgefunden. Der FC Ingolstadt 04 wird den 05ern die gleiche Falle zu stellen versuchen. Aber auch die, in die vor allem Jhon Córdoba sich hin und wieder locken lässt.

Im Winter wäre man auf die Idee nicht so schnell gekommen, dass der FC Ingolstadt 04 und der FSV Mainz 05 auf der gleichen Stufe stünden. Auch heute auf den ersten Blick nicht - zehn Punkte trennen die Klubs in der Tabelle und auch wenn noch 27 Punkte zu vergeben sind, spricht nichts dafür, dass der FCI noch an den 05ern vorbei kommt.

Für die Mainzer Zweckpessimisten jedoch lohnt sich in diesen Tagen der Blick auf die Rückrundentabelle. Die ist schief - drei Viertel der Liga haben schon neunmal gespielt, vier nur, und zwar vier, denen es mehr oder weniger bewusst ist, dass sie gegen den Abstieg spielen, die Mainzer, die Ingolstädter, die Wolfsburger und Bayer Leverkusen - erst achtmal. Bayer 04 wird den großen Befreiungsschlag heute nicht schaffen, hätte mit einem Sieg etwas Luft. Der VfL könnte im Duell der Konzernklubs wiederum Leverkusen mit einem Auswärtssieg mitten hinein ziehen ins Schlamassel. Und nebenher, wenn der Sieg hoch genug ist, Werder Bremen vom elften Platz holen. Der vom Relegationsplatz aber auch nur drei Punkte entfernt ist in dieser erstaunlich engen Liga. Vorher aber spielt Mainz 05, das die gute Hinrundenposition mit nur zwei Siegen und vier Niederlagen in der Rückrunde erst einmal verspielt hat, in Ingolstadt. Wäre mit einer Niederlage immer noch nicht abgestiegen, und wenn es die Stadt noch so sehr beschreit in diesen Tagen. Wäre mit einem Sieg immer noch nicht gerettet. Könnte mit einem Punkt trotzdem etwas anfangen, könnte mit drei Punkten mehr anfangen.

Vierzehnter sind die 05er in der schiefen Rückrundentabelle, Ingolstadt ist Vorletzter. Hat in acht Spielen zwei Tore mehr geschossen als die Mainzer, drei mehr kassiert, einen Punkt weniger geholt. Nur ein bisschen haben sich die Bayern gesteigert nach der miesen Hinrunde, die 05er haben sich gar nicht so sehr verschlechtert, nun treffen sie sich auf Augenhöhe.

Im Großen und Ganzen ist der FCI heute komplett, ebenso die Mainzer. Moritz Hartmann fehlt den Gastgebern, aber das ist nichts Neues. Der Stürmer, der im Hinspiel in Mainz am fragwürdigen Elfmeter zum 0:1 durchaus nicht so unschuldig war, wie er tat, der sich früher im Spiel unbemerkt noch ein weiteres, klareres Elfmeterfoul geleistet hatte, spielte in diesem Jahr noch gar nicht. Und wenn er im vergangenen Jahr spielte, dann war's selten so kontraproduktiv wie in Mainz, aber auch selten gut. Und Tobias Levels fehlt, den der Trainer Maik Walpurgis nach einem internen Streit aus dem Profikader warf. Auch der Rechtsverteidiger spielte zuletzt sowieso keine Rolle.

Bei seinem Startelfdebüt im Januar 2016 lieferte sich Jhon Córdoba eine legendäre 90-minütige Rauferei mit ganz Ingolstadt. In die wird der FCI den Mainzer Mittelstürmer wieder zu verwickeln versuchen. Foto: imagoEin Dreier-/Fünferkettensystem erwartet die 05er heute. Auch nichts Neues. Von Ingolstadt haben sie es noch nicht erlebt, die spielten im Hinspiel klassisches 4-4-2, aber gegen Hoffenheim (0:4), Köln (0:0), Schalke (0:3), noch einmal Hoffenheim (4:4), außerdem Anderlecht (1:1) und Saint-Étienne (0:0) konfrontierten die 05er schon mit solchen Systemen in unterschiedlichster Ausprägung: Hoffenheims Konterfalle ging einmal fürchterlich schief und funktionierte einmal ebenso ausgezeichnet wie bei den Schalkern; von Außenverteidigern neben der Dreierkette konnte in diesen Spielen fast keine Rede sein, es waren de facto Stürmer mit großen offenen Räumen in ihrem Rücken. Saint-Étienne nutzte hingegen das System, um sich den fehlenden Punkt für die K.o.-Runden-Qualifikation zu ermauern. Ingolstadt spielt mittlerweile angriffslustiger, könnte in eine offensivere Richtung tendieren, die allerdings noch selten gelungen ist. Und dürfte außerdem wissen, dass man gegen Mainz 05 vor allem eines verhindern muss: Ballverluste im Mittelfeld, wenn es offene Räume gibt. Das kann die Mainzer Umschaltmannschaft, das hat sie gegen Leverkusen, Wolfsburg und Augsburg gezeigt, bei den wichtigen sieben Punkten gegen direkte Konkurrenten. In Hoffenheim hätte es klappen müssen, gegen Schalke, Darmstadt und Bremen, bei den schmerzhaften Niederlagen gegen direkte Konkurrenten konnten die Mainzer es nicht zeigen, weil der Gegner im Mittelfeld kaum Ballverluste hatte. Weil er im Mittelfeld kaum Ballbesitz hatte. Weil er die Mainzer Falle kannte. Ob Ingolstadt sie kennt? Mit Sicherheit. Ob Ingolstadt ihr auf die gleiche Weise ausweicht, die 05er so ihres einzigen spielerischen Mittels beraubt? Wir werden es sehen.

Walpurgis muss sein Heil in der Offensive suchen. Denn in der Defensive war's nicht zu finden. Darin könnte eine Mainzer Chance liegen. In Hoffenheim sind die 05er an Niklas Süle, Kevin Vogt und dem Ex-Ingolstädter Benjamin Hübner abgeprallt - und am überforderten Schiedsrichter, der es nicht merkte und nicht unterband, wie sehr die TSG dem Mainzer Wühler Jhon Córdoba mit größter Phantasie einen Platzverweis anhängen wollten. Ingolstadt hat hinten nicht die Hoffenheimer Qualität, mit dem inzwischen zum Einwechselspieler degradierten Roger, mit Mittelstürmer Dario Lezcano, mit Alfredo Morales aber durchaus ähnliche Provokateure, denen die 05er nicht auf den Leim gehen dürfen. Individuell sollten die Mainzer Spieler die Favoritenrolle haben. Aber die ist ganz schnell unter den Füßen herausgezogen.

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