Instrumente fürs Kerngeschäft verfeinern

Jörg Schneider. Mainz.
Der FSV Mainz 05 hat einen gelungenen Einstand in seiner Heimspiel-Stätte gegeben. Der 4:0-Sieg zur Eröffnung der Opel Arena gegen Jürgen Klopps B-Elf vom FC Liverpool verleitet allerdings niemanden zu einer verfehlten Erwartungshaltung für die bevorstehende Bundesligasaison. Der 05-Trainer sieht sein Team jedoch auf einem guten Weg, den es in der noch ausstehenden Zeit bis zum Start zu verfeinern und auszubauen gelte. Am Donnerstag steht am Bruchweg der nächste Test an: Dann geht’s gegen den 1. FC Köln. Die Partie am Sonntag gegen Rot-Weiß Erfurt ist im Übrigen inzwischen von Erfurt ins Bruchwegstadion verlegt worden.

Daniel Brosinskis Elfmetertor eröffnete den stimmungsvollen Auftritt der 05er beim 4:0 gegen den FC Liverpool. Vielleicht war es ja auch Cassandra Steens Interpretation ihrer Vereins-Hymne, die den Spielern des FC Liverpool in der Opel Arena den Schreck in die Glieder hatte fahren lassen. Beim überwiegenden Teil der 31.600 Zuschauern kam die Idee, die Pop-Sängerin ihre Version von „You’ll never walk alone“ singen zu lassen, gar nicht gut. Nach anfänglichen Pfiffen übertönten die Fans die US-amerikanische Sängerin einfach mit der lautstark intonierten Tribünen-Fassung des Kult-Hits. Die musikalische Eröffnung dieses Testspiel war jedenfalls ebenso misslungen wie der nachfolgende Auftritt von Jürgen Klopps Premier-League-Team. Der FSV Mainz 05 reagierte auf seine Weise, feierte einen mühelosen 4:0-Erfolg gegen den Europaliga-Finalisten, der eine Woche vor seinem Saisonstart auf die Dienste der meisten seiner Stammspieler verzichtete. Der Stimmung im Stadion tat dies keinen Abbruch.

Sowohl die Beteiligten als auch die Anhänger wussten, wo sie diesen neuerlichen Erfolg gegen die „Reds“ einordnen mussten. In den 4:0-Erfolg hineinzudeuten, die Bundesligasaison könnte nun ähnlich verlaufen wie vor zehn  Jahren, als das seinerzeit noch von Jürgen Klopp trainierte 05-Team den FC Liverpool im Vorbereitungsspiel mit 5:0 geschlagen hatte und am Ende der Runde in die Zweite Liga abgestiegen war, wäre doch zu weit hergeholt. Auch wenn Klopp später sagte: „Wir hoffen alle, dass sich die Geschichte nicht wiederholt.“

Alle 05er betonten, sie seien absolut in der Lage, das Ganze so zu sehen, wie es war. Das Team von Martin Schmidt zeigte eine gute Leistung, war aggressiv und zweikampfstark, hatte eine gute Defensivordnung und konterte gegen ein Klopp-Team, in dem kaum jemand von denen mitwirkte, die einen Tag zuvor den FC Barcelona in London mit 4:0 abgefertigt hatte. Die 05er freuten sich über eine gute Gesamtvorstellung und darüber, dass die Mannschaft nach den Niederlagen gegen den FC Sevilla am Bruchweg und gegen den Zweitligisten Novara Calcio im Aostatal einen fürs Befinden wichtigen Testspielsieg gelandet hatten. „Es hätte nicht so hoch ausgehen müssen“, sagte der 05-Trainer nachher. „Ich habe so gewechselt wie ich wollte und alle reingeworfen, auch noch den jungen Torwart, weil es mir nicht darum ging, ein Resultat zu halten, sondern allen das Gefühl zu geben, was es heißt, gegen Liverpool vor großer Kulisse zu spielen. Dass alle was mitnehmen können, dass wir jetzt auch da eine geschlossen Teamleistung haben und sich alle über den Sieg freuen können. Das möchte ich als wichtiger herausstreichen als das Ergebnis.“

Er habe dem Team vorher gesagt, man müsse immer dran glauben, dass man gewinnen könne. Egal, gegen wen man spiele und wer vor einem stehe. „Der Glaube wächst jetzt natürlich. Solche Gefühle braucht man irgendwann in den Spielen, die kommen. Der Gegner muss uns piep egal sein. Wichtig ist unsere Leistung. Wenn die gut ist, ist alles möglich. Das will ich aus diesem Spiel mit raus nehmen“, erklärte Schmidt.

Pablo De Blasis liegt diese Rolle als variabler zweiter Stürmer neben Jhon Cordoba offenbar sehr gut. Der Argentinier war kaum zu greifen von der LFC-Abwehr.„Letztes Jahr haben wir auch Lazio Rom am Bruchweg geschlagen und haben dann eine starke Saison hingelegt“, erklärte Stefan Bell. Der augenblickliche und designierte 05-Kapitän sah viel Positives in diesem Auftritt der Mannschaft. „Für mich war heute das wichtigste, dass man gesehen hat, dass es keinen Qualitätsverlust gab, als wir gewechselt haben, keinen Bruch in unserem Spiel. Das ist in einer Saison, in der wir so viele gleichwertige Spieler haben, das wichtigste Fazit. Wir haben eine Breite mit gut 20 bis 22 Spielern auf einem ähnlich hohen Niveau“, sagte der Innenverteidiger. „Wir haben ordentlich hinten raus gespielt, nicht viele Chancen in beiden Halbzeiten zugelassen. Für uns war es auch gut, zu Hause vor einer solchen Kulisse zu spielen. Da ist es einfacher sich aufzuraffen nach einem anstrengenden Trainingslager. Vor 100 Zuschauern irgendwo auf einem Dorfplatz zu spielen, würde schwerer fallen als vor 30.000 Zuschauern gegen einen FC Liverpool.“

Der Trainer fühlte sich bestätigt in seinem Fazit, das der 49-Jährige zum Abschluss des Trainingslagers im italienischen Saint-Vincent gezogen hatte. „Es war das, was ich versucht habe zu erklären“, betonte der Schweizer. „Das war Mainz-05-Fußball. Das war das, was wir üben. Die Robustheit gegen den Ball. Ein guter Defensivblock. Gut umschalten. Kontertore. Daran feilen wir in den verbleibenden Wochen. An der Genauigkeit, an der Sauberkeit der Aktionen. Das ist gegen einen guten Gegner einfacher als gegen eine Mannschaft, die in der zweiten Minute ein Glückstor schießt wie Novara in Italien und dann nur noch tief steht.“ Doch auch an solchen Spielentwicklungen werde die Mannschaft arbeiten und sich übers Jahr verbessern.

„Vom Prinzip her muss aber unser Tagesgeschäft, unsere Hauptwaffe geschärft werden. Man hat gesehen, was unser Instrument ist, um solche Gegner zu schlagen. Das ist bedingungslose Arbeit gegen den Ball und befreite, hemmungslose Angriffsformation vorne, die abgeht, wie wir es heute ein paarmal gesehen haben. Das ist unser Kerngeschäft“, sagte Schmidt und versprach: „Das wird alles kommen.“

Die Ansätze waren vielversprechend gegen Klopps zweite Garnitur. Das bleibt stehen. Die 05er liefen deutlich mehr als der Gegner, wirkten um ein Vielfaches aggressiver, zweikampfstärker, hatten eine gute Raumaufteilung im zentralen Mittelfeld. Das taktische Gefüge in diesem 4-4-2-System mit zwei variablen Spitzen bietet dem Team im Moment noch mehr Sicherheit in der Defensivstruktur und der Arbeit gegen den Ball, solange die erprobten Gewohnheiten auf der Doppelsechs im 4-2-3-1 noch nicht komplett verinnerlicht sind. Solange der Abgang von Julian Baumgartlinger und der momentane, verletzungsbedingte Ausfall von Danny Latza noch nicht aufgefangen sind. Und auch Neuzugang Jean-Pierre Gbamin, der wegen einer Knöchelprellung derzeit pausiert, noch kein Faktor ist im Konkurrenzkampf. Doch alle Bewerber um die Position deuteten an, dass die 05er dieses wichtige und sensible Mannschaftsteil in den Griff kriegen können und fußballerisch dort wahrscheinlich sogar besser sind als im Vorjahr. José Rodriguez und Suat Serdar in der ersten Halbzeit, später Fabian Frei und Besar Halimi, zeigten klare Entwicklungsfortschritte.

Pablo de Blasis scheint zudem die Position als variabler Stürmer in den Räumen um Mittelstürmer Jhon Cordoba sehr gut zu liegen. Der Argentinier zeigt sich seit Wochen dort spielfreudig, engagiert und wertvoll. Gegen Liverpool war De Blasis wieder an etlichen guten Aktionen beteiligt, von der gegnerischen Abwehr schwer zu fassen. Cordoba, der mit großer Zweikampfstärke und Ballbehauptung überzeugt, deutete mit seinem Treffer zum 2:0 an, dass seine Gefährlichkeit vor dem Tor, die zuletzt aufgrund der Belastung etwas gelitten hat, zurückkommt. Yunus Malli und Yoshinori Muto haben sich mit feinen Treffern zurückgemeldet. Es bleibt zudem genügend Zeit, um mehr Genauigkeit und Zielstrebigkeit ins schnelle Umschaltspiel zu bringen.

Bis Mittwochmorgen ist nun Regeneration und Freizeit angesagt. Dann beginnt die Trainingswoche. Am Donnerstag (15 Uhr) kommt der 1. FC Köln zum nächsten Test an den Bruchweg. Zu einer Partie, die allerdings ohne Zuschauer über die Bühne geht. Die nächste Gelegenheit, die 05er in Aktion zu sehen, bietet sich den Anhängern dann am Sonntag. Das Testspiel, das Rot-Weiß Erfurt abgesagt hat, weil sein Stadion nicht rechtzeitig fertiggestellt ist, wurde nun kurzerhand ins Bruchwegstadion verlegt. Die Partie gegen den Drittligisten, die Generalprobe vor dem Pokal-Auftritt, wird um 15 Uhr angepfiffen.

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