„Irgendwann reicht es auch mal“

Jörg Schneider. Mönchengladbach.
Das nicht anerkannte Tor von Pablo De Blasis sowie ein nicht gegebener Handelfmeter. Zwei Fehlentscheidungen, mit denen Schiedsrichter Robert Hartmann den FSV Mainz 05 massiv benachteiligte. Der Ärger nach der 0:1-Niederlage bei Borussia Mönchengladbach war entsprechend groß. Doch abgesehen von den neuerlichen Fehlurteilen zu ihrem Nachteil mussten die 05er auch mit dem Frust über die eigenen Unzulänglichkeiten leben: Dass sie sich gegen eine verunsicherte und durchaus schlagbare Gladbacher Mannschaft durch einen entscheidenden Abwehrfehler und eine unterirdische Angriffsleistung selbst die große Chance auf mehr nahmen.

Klarer Fall: Der Ball ist frei spielbar. Pablo De Blasis spitzelt die Kugel über die Linie, bevor Yann Sommer zugreift. Doch der Schiri gibt den Treffer nicht. Foto: ImagoNatürlich reduziert sich die Nachbetrachtung dieser 0:1-Niederlage bei Borussia Mönchengladbach auf die Tatsache, dass der Schiedsrichter dem FSV Mainz 05 in der 88. Minute ein regulär erzieltes Tor nicht anerkannt hat, und dass Robert Hartmann den 05ern in der ersten Halbzeit einen Elfmeter verweigerte, das deutliche Handspiel von Gladbachs Verteidiger Tobias Strobl übersah, also mit zwei Fehlentscheidungen massiven Einfluss auf den Ausgang dieser Partie vor 48.037 Zuschauern im Borussia-Park nahm. Daran führt kein Weg vorbei. Die ganzen Diskussionen wären allerdings mehr oder weniger hinfällig gewesen, hätte die Mannschaft von Martin Schmidt sich nicht eines ihrer besseren Auswärtsspiele in dieser Saison durch einen kollektiven Aussetzer von Abwehr inklusive Torhüter bei diesem weiteren völlig unnötigen, letztlich aber entscheidenden Gegentor selbst zerstört. Und hätte die harmlose, in der Konsequenz fast desolate Mainzer Angriffsreihe ihre zahlreichen Umschaltaktionen nicht mit einer solchen Lässig- und Leichtfertigkeit vertrödelt. Die Grundlage für den angepeilten und gegen diese verunsicherte Gladbacher Mannschaft durchaus möglichen Sieg verbauten sich die 05er zuallererst durch ihre eigenen Unzulänglichkeiten. Das Schiri-Dilemma kam erschwerend hinzu und bewirkte, dass es am Ende auch mit dem Unentschieden nichts wurde. Mehr als genügend Gründe also, dass sich die Mainzer nachher schwarz ärgerten.

Trotzdem bleibt festzuhalten: Zwei ungünstige Entscheidungen der Referees beim 1:2 in Berlin, zwei weitere beim 1:3 gegen Bayern München. Nun erneut zwei krasse Benachteiligungen in Mönchengladbach. „Irgendwann reicht es auch mal“, sagte Harald Strutz. „Wenn man sieht, welche fatalen Entscheidungen im Moment getroffen werden von den Schiedsrichtern, das ist absolut ärgerlich. Bei allem Verständnis für menschliche Fehler, aber in ganz entscheidenden Situationen, besonders gegen Ende der Spiele, kommen da manchmal Dinge vor, da muss man sich fragen, ob wir da nicht einen Rückschritt machen im Schiedsrichterwesen“, erklärte der 05-Präsident. Das Vorkommnis, das die 05er so erzürnte, ereignete sich in der 88. Minute. Der eingewechselte Aaron Seydel schoss aus dem Gewühl im Strafraum aus kurzer Distanz aufs Tor. Yan Sommer bekam den Ball auf der Torlinie nicht zu fassen, die Kugel kullerte dem Gladbacher Torhüter durch die Beine. Sekundenbruchteile, bevor Sommer die Hand an den Ball bekam, war Pablo De Blasis da, bugsierte das Spielgerät über die Torlinie. Der Linienrichter draußen drehte ab Richtung Mittellinie. Die 05er jubelten in der Kurve. Doch Robert Hartmann entschied: kein Tor. Kein 1:1. Der Regel zufolge, muss der Keeper die Hand kontrolliert auf dem Ball haben, damit auf Offensivfoul entschieden werden kann. Das war nicht der Fall. Und das gab der Schlussmann nachher auch so zu. Eine klare Fehlentscheidung also.

Hartmann selbst erklärte später, es sei seine Entscheidung gewesen, das Tor nicht zu geben, obwohl er nicht die ganz klare Sicht gehabt habe. Warum er dann im Zweifel jedoch die Szene nicht weiter laufen und die Partie mit einem Unentschieden zu Ende gehen ließ, das beide Teams an diesem Tage akzeptiert hätten, darüber schwieg Hartmann. Rouven Schröder hatte nachher zwar den Eindruck, dass sich der Referee aus dem Allgäu unwohl fühlte und um seinen Fehler wusste, aber das änderte nichts mehr an den Tatsachen. „Ich habe mit dem Schiri in der Kabine gesprochen“, sagte der 05-Sportdirktor. „Er kann uns verstehen, er ist selbst unsicher. Es sei sehr schwer zu entscheiden gewesen, sagt er. Ich finde aber, wenn er das Tor nicht gibt, muss er hundertprozentig sicher sein, dass es keins war. Und das war er nicht.“ Entschuldigt habe sich Hartmann dafür nicht direkt, „aber Mimik und Gestik ließen viel Platz für  Interpretationen. Es ist sehr ärgerlich. Wir ärgern uns über uns selbst, über das nicht gegebene Handspiel in der ersten Halbzeit, über die Gelb-Rote Karte für Jean-Philippe Gbamin. Das ist ein komplett gebrauchter Tag.“

Schröder gab sich sehr besonnen, wollte durch die Diskussion um diese Aktion auch nicht von den eigenen Unzulänglichkeiten ablenken. „Wir müssen zuerst bei uns anfangen. 76 Minuten lang haben wir ein sehr stabiles Spiel gemacht und das befolgt, was wir uns vorgenommen haben. Wir haben sehr geordnet Fußball gespielt und hinten gar nichts zugelassen. Wir hatten zu viele Aktionen, die nach vorne nicht zwingend waren, trotzdem hatten wir immer das Gefühl, der nächste Angriff führt zum Erfolg. Das Publikum ist unruhig geworden. Gladbach hat in der Offensive nicht die Situationen gefunden. Und dann passiert das, dass du so ein Billard-Tor in einer Standardsituation bekommst, was mehr als ärgerlich ist. Nicht ausgekontert, nicht ausgespielt, sondern einfach nicht zugeordnet. Und dann kommt die Situation zum Ausgleich. Ich kann es noch mehrfach gucken, es bleibt ein klares Tor.“ Trotzdem müsse sich die Mannschaft einfach steigern. „Dass wir konzentriert bleiben. Wenn wir vorne die Bälle schon nicht reinschießen, dass wir wenigstens hinten nicht den Fehler machen und mit dem Punkt nach Hause fahren.“

Diskussionen auf fast allen Plätzen

Martin Schmidt war ebenfalls mächtig aufgebracht. „Es bringt nichts, über eine gute Leistung zu reden, darüber, dass wir gut verteidigt haben. Dass unsere Leistung korrekt war, wir aber vorne zu wenig Schärfe hatten, wir einfach besser angreifen müssen und dass wir darüber ernsthaft reden“, sagte der 05-Trainer. „Die ganze Woche reden wir jetzt aber wieder über Schiedsrichter-Entscheidungen. Mittlerweile ist es so, dass wir in der Woche nicht mehr über gute oder schlechte Leistungen reden, sondern wir reden auf fast allen Plätzen über Entscheidungen von draußen. Das hat an diesem Wochenende am Freitag begonnen und hört bei uns auf. Das ist schade. Dass einem nach dem Spiel nicht Tore oder vergeben Chancen gezeigt werden, sondern Fehler vom Schiedsrichter.“ Schmidt ärgerte sich darüber, dass Hartmann gegenüber Schröder quasi zugab, dass  er die  Situation falsch bewertet hatte. „Und wenn ich höre, dass der Torwart sagt, er wollte die Hand auf den Ball legen, hat es aber nicht geschafft. Das ist alles seltsam. Ein reguläres Tor, das zurückgepfiffen wurde. Ich kann hier analysieren was ich will. Wir reden über den nicht gegebenen Handelfmeter und über das nicht gegebene Tor. Ich gehe zum Team und kritisiere, was wir nicht gut gemacht haben, wo wir uns verbessern müssen. Und die gucken mich an und sagen, wir haben doch den Ausgleich gemacht. Die Spieler sind aufgebracht ohne Ende.“

Der 05-Trainer hat den Eindruck, dass die Unparteiischen derzeit nahezu alle verunsichert sind durch die vielen Fehler. „Wenn ich meine Spieler in der Woche dauernd mit Negativszenen bearbeite, ihnen dauernd nur Fehler vorhalte, wird es nicht besser. Die werden nicht selbstbewusster ins nächste Spiel rein gehen. Das ist bei den Schiris genauso. Die sind vorsichtig, wollen keinen Fehler machen und machen ihn doch. Das führt dazu, dass noch mehr Fehler gemacht werden.“ Da drängt sich unweigerlich der Ruf nach dem Videobeweis auf. Doch Schmidt ist skeptisch. „Den hätte ich doch gar nicht einfordern können. Nach dem derzeitigen Stand der Planungen kann den nur der Schiri beantragen. Nachdem er gepfiffen hat, das Tor nicht gegeben hat, wird der nicht hingehen und sagen: gucken wir es uns nochmal an. Der Schiri ist der einzige, der nach jetzigem Stand der Dinge den Videobeweis anfordern kann. Ich kann auch das Handspiel in der ersten Halbzeit nicht anschauen, wenn der Schiri das nicht will. Das ist alles noch nicht ausgearbeitet“, sagte der 49-Jährige, für den nur eines feststand: „Hätte er es andersherum gepfiffen und uns das Tor gegeben, hätten die das hier auch genommen, ohne dass es Aufruhr gegeben hätte.“ So trugen die 05er die Benachteiligung in Gänze. Der Trainer plädierte dafür, dass der Verein nun mal offiziell darauf einwirken müsse, „weil andere Vereine machen das auch.“ Schröder dagegen glaubt, dass dies ein aussichtsloses Unterfangen ist. „Was soll das nützen? Die pfeifen dadurch auch nicht besser.“

Der 05-Trainer war trotz dieser Vorkommnisse dennoch weit davon entfernt, die Schuld für die Niederlage alleine bei Hartmann zu suchen. Sein Team habe da kräftig mitgeholfen. Denn trotz einer insgesamt starken und taktisch reifen Defensivleistung mit viel Ordnung und ständigen Balleroberungen, leisteten sich die 05er erneut den folgenschweren Aussetzer, der letztlich alles entschied. „Beim Tor sehen wir in der Defensive nicht glücklich aus und in der Quintessenz hofft man dann, dass der Torhüter das Ding hält, aber das hat dann auch gefehlt. Das passte zum Tag“, sagte Schmidt. Keine Zuordnung beim Eckball. Ein absolut haltbarer Ball für Jonas Lössl. „Es ist etwas viel, was da im Moment zusammenkommt. Leider zum dritten Mal hintereinander“, betonte Schmidt. Dazu komme, dass man vorne die Angriffe auch mal reinmachen und nicht auf den Schiri hoffen müsse. Denn bis auf diese Schlusskation von Seydel und De Blasis war die Offensiv-Vorstellung einfach ungenügend. Die Ansätze waren immer da, doch wie schon seit einigen Wochen hat das Mainzer Umschaltspiel seine Wirkung nahezu komplett eingebüßt. „Wir müssen wieder mehr das beeinflussen, was wir beeinflussen können“, sagte Schmidt.

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