Irgendwie verdient

Christian Karn. Mainz.
Es war nicht einfach, es war auch in einigen Phasen nicht gut, was Mainz 05 im Pokal gegen Holstein Kiel veranstaltete. Aber am Ende war der 3:2-Sieg in der Verlängerung irgendwie verdient. Die 05er hatten mehr Chancen, bessere Chancen, mehr Pech. Sie gingen dreimal in Führung, verloren diese nur durch zwei Elfmeter, deren erster zumindest fragwürdig war. Sie ließen Chancen zu, in der entscheidenden Phase aber nicht mehr viele. Sie hatten einen Ersatztorwart, auf den - vom Elfmeterfoul abgesehen - Verlass war, und sie hatten am Ende die größere Geduld, die größere Energie, das bessere Comeback.

FSV Mainz 05 - Holstein Kiel 3:2 n.V. (2:2, 1:0)

Dienstag, 24. Oktober 2017, 10.441 Zuschauer.

FSV Mainz 05: Adler (38. Zentner) - Donati, Bell, Gbamin, Brosinski - Frei, Serdar (110. Latza) - Öztunali, Maxim (65. Muto), Fischer (84. de Blasis) - Kodro.
Reserve: Sverko, Jairo, Klement. Trainer: Schwarz.

Holstein Kiel: Kronholm - Herrmann, Schmidt, Czichos, van den Bergh - Kinsombi - Schindler (80. Peitz), Mühling (88. Condé), Drexler (113. Hoheneder), Lewerenz - Ducksch (74. Seydel).
Reserve: Schipmann, Heidinger, Weilandt. Trainer: Anfang.

Schiedsrichter: Schlager (Rastatt).

Tore: 1:0 Fischer (23., Brosinski), 1:1 Schindler (54., Elfmeter), 2:1 Fischer (67., Öztunali), 2:2 Drexler (75., Foulelfmeter, Zentner an Drexler), 3:2 Brosinski (101., direkter Freistoß).

Gelbe Karten: Serdar, Frei, Zentner - Drexler, Condé.

Ein Kraftakt war's, das Pokalspiel des FSV Mainz 05 gegen Holstein Kiel. Kein einfaches Spiel, keine gute Leistung, wirklich keine fehlerfreie Leistung. Die 05er hatten Pech in Schlüsselsituationen, verloren früh ihren Torwart, handelten sich zu viele Elfmeter ein, machten auch zu viele Fehler, zu viele einfache Fehler. Aber bei allem Unglück und Ungeschick zeigten sie auch in ihren chaotischeren Phasen, das Spiel gewinnen zu wollen. Und sie gewannen es - das dritte Führungstor, Daniel Brosinskis direkter Freistoß in der elften Minute der Verlängerung, war der Siegtreffer gegen den Zweitliga-Zweiten.

Die Opel Arena war weitgehend leer; der angesichts des weiten Wegs und des Wochentagstermins beeindruckend volle Gästeblock hob die Zuschauerzahl immerhin ins Fünfstellige. 10.441 Zuschauer sahen im mittleren Spiel der Englischen Woche eine weitreichend umgebaute 05-Mannschaft. Zumindest die Defensive war fast die gleiche wie zuletzt auf Schalke; anstelle des verletzten Leon Balogun und des lädierten Abdou Diallo verteidigte lediglich Jean-Philippe Gbamin zentral. Vor ihm spielten Fabian Frei und Suat Serdar im Zentrum. Alexandru Maxim, Viktor Fischer und zum ersten Mal in der Startelf Kenan Kodro rückten neben Levin Öztunali in die Offensive.

Fischer gab in der dritten Minute den ersten Torschuss ab - weit vorbei, aber nicht das einzige Signal dafür, dass die 05er vor der Offensivwucht, die Holstein Kiel in der 2. Bundesliga auszeichnet, keine Angst hatten. Wie schon im Erstrundenspiel beim noch zwei Klassen tieferen Lüneburger SK Hansa begannen sie sehr ernsthaft, sehr seriös, sehr dominant. Und doch im Angriff erneut ohne die letzte Präzision. Daniel Brosinski, Öztunali, Fischer, Maxim, Stefan Bell verpatzten Pässe, die richtig interessant hätten werden können. Und der Kieler Verteidiger Rafael Czichos wehrte Brosinskis Flanke vor Kodro zur Ecke ab. Nach einer guten Viertelstunde aber ging die Konsequenz nach und nach verloren. Die hintere Reihe funktionierte noch gut, aber weiter vorne bekam der gut organisierte KSV Holstein größere Räume, mehr Zeit, weniger Druck, günstigere Bedingungen, und brachte die 05er mit einer Flanke auf den Ex-Mainzer Steven Lewerenz, die Adler gerade so wegwischte, in der 19. Minute zum ersten Mal ins Schwimmen.

Der Matchwinner mag am Ende Daniel Brosinski gewesen sein; mit den ersten beiden Führungstoren hatte Viktor Fischer dennoch einen großen Anteil am Pokalerfolg. Foto: imagoDrei Minuten später aber lief endlich wieder ein guter Angriff. Stefan Bells Diagonalball leitete Kodro weiter nach außen zum durchgelaufenen Brosinski. Der legte den Ball sofort schräg durch die Abwehr in den Lauf von Fischer, der ihn mit der ersten Berührung technisch ganz fein hoch ins kurze Eck schoss. Kodro verpasste mit einem offenbar noch leicht abgefälschten Hoppelball sofort darauf das 2:0. Mehr Sicherheit kam jedoch dadurch nicht ins Spiel. David Kinsombi und Marvin Ducksch verfehlten das Tor noch deutlich genug mit hinreichend harmlosen Abschlüssen, gegen Kingsley Schindlers Schuss brauchte Adler in der 30. Minute aber zum ersten Mal eine sehr schnelle Reaktion. Und hatte sie. Kenneth Kronholm brauchte sie dagegen nicht bei Fischers Abschluss in der 34. Minute. Nach dem herrlichen Schnittstellenpass von Gbamin schoss der Däne viel zu schwach, viel zu flach. Wie beim 1:0 hatte er sich durchaus gut vors Tor in den offenen Raum geschlichen.

Und Kiel blieb gefährlich, zeigte jetzt seine Offensivfähigkeiten. Adler hielt in der 37. Minute stark gegen Ducksch, verletzte sich dabei am Oberschenkel, es dürfte ein Muskelfaserriss sein. Robin Zentner kam so zum Pflichtspieldebüt bei den 05-Profis - gegen den Klub, an den er zuletzt zwei Jahre lang ausgeliehen war. Zu tun hatte Zentner erst einmal nichts. Sein ehemaliger Konkurrent dagegen hätte den 05ern fast das zweite Tor geschenkt, ließ einen Rückpass in der 40. Minute an den Pfosten prallen.

In der zweiten Hälfte griff Kiel an. Lewerenz hatte in den ersten 65 Sekunden schon zwei Torchancen, machte aus der einfacheren gar nichts, schnickte die schwierigere geschickt aus spitzem Winkel fast ans Lattenkreuz. Giulio Donati hatte dem ehemaligen Mainzer U23-Spieler zu viel Platz gegeben. Selbst der großartige Gbamin gab in dieser Phase immer mal seine konstruktive Spielweise auf zugunsten des sicheren Befreiungsschlags. Und Maxim hätte in der 52. Minute um ein Haar das 2:0 erzwungen. Der Rumäne zog am Ende eines feinen Angriffs nahe am Tor bis auf die Grundlinie, lockte Kronholm heraus, legte den Querpass, den fast von Schmidt zum Eigentor abgeprallt wäre. Fischers Nachschuss wurde abgeblockt. Und dann gab's Elfmeter. Gbamin spielte durchaus erst den Ball, bevor er Schindler traf. Der Zweitliga-Schiedsrichter Daniel Schlager erkannte das nicht, pfiff. Einen Videomann gibt es nicht im Pokal. Und Schindler traf in die offene Seite zum Ausgleich (55.).

Damit verloren die 05er die Kontrolle erst einmal komplett. Sie schwammen nicht, hatten die Defensive auch gegen den besten Angriff der 2. Bundesliga weitgehend unter Kontrolle, brachten aber nichts Konstruktives mehr zusammen. Improvisierten, improvisierten schlecht. Aber sie versuchten es. Und gingen mit etwas Glück tatsächlich wieder in Führung. Öztunali wackelte ausführlich und kompliziert durch die linke Strafraumhälfte, legte ab auf Fischer, der sein zweites Tor schoss. Rafael Czichos versuchte den Ball auf der Linie noch wegzuschlagen, kam aber nicht mehr hinter diesen (67.). Aber das Spiel war immer noch nicht entschieden, weil Holstein einen weiteren Elfmeter verwandelte, diesmal durch und (von Zentner) an Dominick Drexler (75.), diesmal unstrittig.

Und wieder ein Problem für die 05er, die sich mit Mühe in die Verlängerung schleppten: Zentner hielt gegen den eingewechselten Mainzer Leihspieler Aaron Seydel (76.) und gegen Lewerenz (82.) - der zweite Ball war schwer zu stoppen. Erst in der Nachspielzeit kamen die 05er noch einmal ernsthaft nach vorne, hatten einen Freistoß (91.), einen Eckball (91.), eine letzte Flanke von Brosinski (93.), mussten in die Verlängerung.

Sandro Schwarz wurde laut in der kurzen Pause, im Kreis der Spieler. Und die 05er rissen sich noch einmal zusammen. Nach weniger als zwei Minuten hatte Kodro schon zweimal abgezogen, aber aus gut 20 Metern und knapp 20 Metern das Tor um einen Schritt oder zwei verfehlt. Zentner musste noch einmal gegen Seydel retten, der viel zu viel Platz hatte (94.), dann schoss auch Brosinski am Kieler Tor vorbei (95.), auch Serdar (97.). Die 05er waren weiterhin nicht so ganz sicher, aber zeigten, die Verlängerung frühzeitig entscheiden zu wollen.

Ein direkter Freistoß von Brosinski brachte ihnen in der 101. Minute die dritte Führung. Der Ball zischte über die Mauer ins rechte Eck, Kronholm hatte keine Chance. Und Kodro einfach kein Abschlussglück, kein ausreichendes Abschlussgeschick! Der Bosnier hätte in der 103. Minute treffen können, hätte in der 106. Minute treffen können, hätte (nach viel, viel Leerlauf auf dem Platz) in der 118. Minute treffen können, hatte so viele Torchancen, ließ sie aus. Aber am Ende konnten die 05er damit leben. Die Kieler waren müde, versuchten, mit langen Bällen und wenigen späten Standards noch einmal zurückzukommen, aber die 05er ließen sich die Führung kein drittes Mal abnehmen, haben damit erstmals seit 2012 wieder das Pokal-Achtelfinale - und haben nebenbei ihre Pokalbilanz ausgeglichen, 42 Siege stehen 42 Niederlagen (und zwei Wiederholungsspiele) gegenüber.

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