Jedes Heimspiel ein Bonus

Jörg Schneider. Mainz.
Bayern München war gestern, heute ist Darmstadt 98: Am Freitagabend muss der FSV Mainz 05 zum Derby ans Böllenfalltor. Die Aufgabe in diesem Auswärtsspiel wird anders gelagert sein, aber deshalb nicht unbedingt leichter werden für die Mannschaft von Martin Schmidt. Das weiß niemand besser als Leon Balogun, der mit den Lilien in der vergangenen Saison den Bundesliga-Aufstieg schaffte und dann zum Bruchweg wechselte. Der 05-Verteidiger erzählt im Mediengespräch vom Phänomen Darmstadt.

Leon Balogun (links, mit Niko Bungert im Heimspiel gegen den FC Ingolstadt) weiß, was ihn und sein Team am Freitag in Darmstadt erwartet. Wir haben Leon Balogun am Mittag getroffen nach dem Auslaufen, einen Tag nach dem 0:3 des FSV Mainz 05 gegen den FC Bayern München. Das Thema des Gesprächs war jedoch nicht die Niederlage gegen den Rekordmeister, sondern das bevorstehende Derby in der Bundesliga beim SV Darmstadt 98. Am Freitagabend stehen die 05er im Stadion am Böllenfalltor auf der Matte. Dort, wo der 05-Neuzugang in der vergangenen Saison seinen Teil zur Sensation beisteuerte: Der Rückkehr der Lilien nach 33-jähriger Abstinenz in die Bundesliga. Am Durchmarsch als Aufsteiger durch die Zweite Liga.

Der 27-jährige Verteidiger sprach darüber, was ihn und sein Team in diesem Auswärtsspiel erwartet. „Auf jeden Fall eine sehr kampfbetonte Partie, in der wir mehr Ballbesitz haben werden als zuletzt, in der wir aber auch mit starkem Pressing rechnen müssen, mit einem sehr konterstarken Gegner. Da gilt es, den Kampf anzunehmen, Ruhe zu bewahren, ein sauberes Passspiel hinzubekommen, viel Bewegung ohne Ball zu haben. Und vor allen Dingen müssen wir darauf achten, wenig Standardsituationen zuzulassen.“ Denn die große Stärke der Darmstädter sei die Aktionen nach dem ruhenden Ball. Damit habe die Mannschaft schon in der Zweiten Liga viele Tore erzielt und das sei auch eine Klasse höher wieder ein großes Thema bei den 98ern.

Wenige Stunden später bestätigte der SV Darmstadt dies alles eindrucksvoll. Dem Team von Dirk Schuster gelang am Sonntagabend ein Überraschungs-Unentschieden bei Borussia Dortmund. Ein 2:2, bei dem die Hessen alles zeigten, was sie derzeit zu einem der unbequemsten Gegner der Liga macht. Bei dem sie das alles in die Waagschale warfen, das Balogun zuvor angesprochen hatte.  Ein Tempo-Konter zur Führung. Konsequente Abwehrarbeit mit großer taktischer Disziplin und enormem Einsatzwillen gegen die spielstarken Dortmunder, die sich ungemein schwer taten aus eigenem Ballbesitz heraus, Chancen zu erspielen gegen die teilweise mit sechs Abwehrspielern auf einer Linie und einem massiven Verschiebeblock arbeitenden Gäste. Gegen ein Team, das sich nie geschlagen gab. Und das sich, als sich der BVB nach zwei Treffern sicher wähnte, den mühsamen 2:1-Arbeistssieg im Sack zu haben, für seine Mühen belohnte. Da sorgten die Darmstädter mit einem Last-Minute-Treffer nach einem Freistoß für fassungsloses Schweigen im mit über 80.000 Zuschauern gefüllten Signal-Iduna-Park. 2:2. Zehn Punkte nach sieben Spieltagen. Zwei Siege, vier Unentschieden, nur eine Niederlage. Platz neun. Und ganz Deutschland staunt über diesen Aufsteiger. Wie ist das möglich?

„Die Antwort lautet, dank Dirk Schuster und dessen Trainerteam“, sagt Leon Balogun. „Es gibt ein Credo in Darmstadt, eine Philosophie, der der Trainer allen einimpft und dafür sorgt, dass auch alle mitziehen.“ Die Grundvoraussetzung sei die permanente taktische Arbeit Schusters mit seinem Team. „Da wird extrem viel Wert drauf gelegt. Wenn du dich als Spieler nicht ständig daran hältst, bist du schnell raus aus dem Konstrukt“, sagt der 05-Verteidiger, der in der vergangenen Saison 24 Spiele für die Lilien bestritt. Dazu gebe es eine große Geschlossenheit, in der sich alle dieser Aufgabe verschrieben.

„Sie sind nur sehr schwer aus ihrer Ordnung herauszukriegen“, sagt Balogun. „Selbst wenn das geschieht, ist sofort jemand da, der versucht auszubügeln. Das war im vergangenen Jahr so und jetzt auch wieder. Dazu kommt, dass sie sich auf etlichen Positionen verstärkt und verbessert haben.“

Dass dies allerdings auch in der Bundesliga so gut funktioniert, wundert auch den Ex-Darmstädter. Denn im Gegensatz zur Zweiten Liga habe man es nun doch mit mehr Mannschaften zu tun, die den Ball laufen lassen, das eigene Spiel mit Ballbesitz dominieren und große individuelle Qualität auf den Platz bringen könnten. So, wie die Dortmunder beim 2:2. Und trotzdem reichte es dem Favoriten nicht zum Sieg gegen die willensstarken Underdogs.

Durch die Erfolge in der neuen Umgebung werden die Darmstädter von einer grenzenlosen Euphorie getragen. „In Darmstadt ist jetzt für alle jedes Heimspiel ein Bonus“, sagt Balogun. „Als ich dorthin kam, waren die 98er als Zweitliga-Aufsteiger noch die kleine Überraschungsmannschaft. Da hieß es noch ständig, die brechen irgendwann ein.“ Doch das Team brach nicht ein, startete vielmehr richtig durch. „Und seitdem sind alle dort aus dem Häuschen. Die werden gefeiert, selbst wenn sie verlieren. Das ist ganz wichtig für die Mannschaft, das bringt sie weiter auf ihrem Weg.“

Die 05er wissen, was sie am Freitagabend am Böllenfalltor erwartet und bereiten sich darauf vor, dass dies Schwerstarbeit wird. Und dass die Mannschaft von Martin Schmidt dort ein anderes Gesicht zeigen muss als in den Auswärtsspielen zuvor, in denen sich die Mainzer besonders in der ersten Hälfte der Begegnungen zu sehr von den Stärken des Gegners beeindrucken ließen. Leon Balogun wird wahrscheinlich an seiner alten Wirkungsstätte zunächst wieder mit einem Platz auf der Ersatzbank vorlieb nehmen müssen. Unzufrieden ist der Verteidiger mit seiner Situation am Bruchweg nicht. „Ich komme auf meine Einsätze, war zweimal in der Startelf und bin nahe dran“, sagt er. Das Ganze verdichte sich Woche für Woche.

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