Jetzt offiziell: Hjulmand raus, Schmidt übernimmt

Jörg Schneider. Mainz.
Geschichte wiederholt sich beim FSV Mainz 05: Zum zweiten Mal trennt sich der Bundesligist am Fastnachtsdienstag von seinem Trainer. 2001 fiel am Rosenmontag die Entscheidung, dass Eckhard Krautzuns Zeit am Bruchweg abgelaufen war. Der Klub beförderte Jürgen Klopp vom Spieler zum Cheftrainer. Die Mainzer Erfolgsgeschichte im Profi-Fußball begann. 2015 muss Kasper Hjulmand nach 21 Spieltagen gehen. Martin Schmidt, bisher Coach der U23 in der Dritten Liga, übernimmt und soll die Mannschaft möglichst schnell aus dem Abstiegskampf führen.

Abgang aus der Bundesliga: Kasper Hjulmand ist beim FSV Mainz 05 gescheitert. Foto: Jörg SchneiderAm Rosenmontag war die bevorstehende Trennung von Kasper Hjulmand das Thema Nummer zwei in der Landeshauptstadt hinter dem närrischen Zug durch die Stadt. Eine große Überraschung war das nicht, in den Tagen zuvor hatte sich so etwas schon angedeutet. Dennoch basierten alle konkreten Medienberichte zur vorzeitigen Entlassung des Dänen auf einer Meldung der FAZ, deren Autor offenbar Informationen darüber erhalten hatte, dass die Klubführung um Harald Strutz und Christian Heidel entschieden haben sollten, die Zusammenarbeit mit dem dänischen Trainer zu beenden und Martin Schmidt, bisher verantwortlich für die U23 des Vereins in der Dritten Liga, als Nachfolger zu installieren.

Im Klub selbst herrschte am Montag das große Schweigen. Keine Bestätigung, keine Reaktion, keine Gesprächsbereitschaft. Kein Widerspruch gegen alle Mutmaßungen der Medien. Ein Signal, das nicht anders gedeutet werden konnte, als dass die Stunde geschlagen hatte. Inzwischen gibt's Gewissheit: Die 05er haben am Morgen mit einer Pressemeldung auf der offiziellen Homepage des Klubs Vollzug gemeldet. Martin Schmidt übernimmt, Bo Svensson fungiert als Co-Trainer des 48-Jährigen. Beide leiten am Vormittag das erste Training der Mannschaft. Um 13 Uhr gibt es eine Pressekonferenz. Hjulmand und dessen zwei Co-Trainer, Keld Bordinggaard und Flemming Pedersen, sind ab sofort freigestellt. Der bisherige A-Junioren Trainer Sandro Schwarz übernimmt von Schmidt das Drittligateam.

Geschichte wiederholt sich also bei den 05ern. Vor 14 Jahren entschieden die Verantwortlichen am Bruchweg ebenfalls am Rosenmontag, dem höchsten Feiertag in Mainz, sich vom erfolglosen Eckhard Krautzun zu trennen und verkündete am Fastnachtsdienstag Erstaunliches: 05-Manager Heidel beförderte damals den noch aktiven Zweitligaspieler Jürgen Klopp zum Cheftrainer. Damit begann die Mainzer Erfolgsgeschichte im deutschen Profifußball. Auch wenn der Klub mit seinem Kult-Coach zunächst durch das emotionale Stahlbad zweier gescheiterter Aufstiegsversuche gehen musste.

Kasper Hjulmand hat das aktuelle Bundesligateam von Thomas Tuchel übernommen, der nach fünf Jahren überaus erfolgreicher Arbeit im vergangenen Sommer freiwillig das Handtuch geworfen und beschlossen hatte, ein Sabbatjahr einzulegen.  

Nun hat der Klub erneut gehandelt. Hjulmands Rauswurf heute ist sicher auch das Resultat fehlender Erfolge – aber nicht alleine. Die Fachkompetenz des Dänen wird nach wie vor von niemandem angezweifelt. Der 42-Jährige ist ein ausgewiesener Taktik-Fachmann, der sich eingehend mit dem gesamten europäischen Fußballgeschehen auseinandersetzt und den Blick stets über den Tellerrand schweifen lässt.

Die Zeit ist davongelaufen

Der Däne hat das Team fußballerisch weiterentwickelt. Keine Frage. Doch Hjulmand weigerte sich beharrlich, auch nur in Nuancen von seinem Konzept abzuweichen, sich in zunehmend prekärer Lage anzupassen an die Bundesliga, in der viele der Vereine, die ähnlich aufgestellt sind wie die 05er, neben der fußballerischen Weiterentwicklung immer gesteigerten Wert auf körperliche Präsenz, aggressive Nachvorneverteidigung, auf Zweikampfintensität und absolute Defensivdisziplin setzen müssen, um Erfolge einfahren zu können.

Erfolge, die Hjulmand fehlen, nicht zuletzt deshalb, weil der Trainer nicht bereit war, diese Elemente im Abstiegskampf mehr zu betonen. Stattdessen hielt der Coach bedingungslos an seinem Entwicklungskonzept fest, überzeugt davon, dass diese Herangehensweise mit der Zeit die Ergebnisse bringen werde. Doch die Zeit ist dem Dänen davongelaufen. Und das 2:4 in Dortmund war ein erneuter Beleg dafür, dass diese Spielweise zwar ganz schön ist, aber halt eben auch nicht zielführend, wenn der nötige Punch, das geordnete Jagen und Pressen des Gegners nicht konsequent verfolgt wird. Das alles hat die 05er (und Hjulmands Weiterentwicklungsansatz) vor allem gegen Mannschaften, denen es noch schlechter ging, immer weiter zurückgeworfen.

Die Diskussionen zwischen Christian Heidel und Kasper Hjulmand sollen zuletzt oft lautstark und ergebnislos verlaufen sen. Foto: Jörg SchneiderDas alles erinnert zudem stark an die Arbeit von Stale Solbakken, der in der Saison 2011/12 beim 1. FC Köln arbeitete und nach einer 0:4-Niederlage in Mainz entlassen wurde. Der norwegische Trainer, der als Spieler und Coach in Dänemark erfolgreich war, ging einen ähnlich Weg, verkündete oft, seine Defensivorganisation, die im Übrigen der von Hjulmand nicht unähnlich war, werde sich auf Dauer auch in der Bundesliga durchsetzen. Nach 60 Gegentoren zog der Klub die Reißleine.

Hjulmands Ansatz wurde in der Vergangenheit oft reduziert auf reinen Ballbesitzfußball. Das war nie das Problem. Den Ball wollen die meisten der Bundesligisten haben, um zu kombinieren, Angriffe aufzubauen. Die Schwierigkeiten begannen, wenn die Mainzer den Ball nicht hatten, weil sie zwar taktisch auf alles vorbereitet waren, was vom Gegner kam, aber die bespielbaren Räume letztlich nur anliefen, personell zustellten, aber nicht mit bedingungsloser Konsequenz attackierten. Das brachte immer wieder und zu häufig unnötige Gegentore ein. Viele aus solchen Situationen heraus, viele aus Standardsituationen. In Dortmund von allem genug davon. Tore, die die eigene Offensive nicht ausgleichen konnte. Selbst in ihren guten Spielen hatten die Mainzer immer ihre Problemzeiten. Selbst beim 5:0 gegen den SC Paderborn gab es die Phase vor der Pause, in der dieser unterlegene Gegner dem Ausgleich nahe war. Der Satz: man spielt, wie man trainiert, hat immer seine Gültigkeit. Diesen aggressiven körperlichen Ansatz, mit Pressinghärte und Zweikampflust, mit dem die 05er den FC Bayern an den Rand des Punktverlustes brachten, trainierte Hjulmand mit der Mannschaft nicht dauerhaft, sondern nur sporadisch.  

Christian Heidel, das weiß man inzwischen, hat den Trainer etliche Male versucht zu bewegen, Korrekturen vorzunehmen, einen Schritt zurückzugehen, um nach vorne zu kommen, die 05-Spielweise den Erfordernissen des Abstiegskampfes mehr anzupassen. Vergeblich. Die Diskussionen endeten stets im handfesten Streit. Zuletzt war die Chemie zwischen Manager und Trainer nachhaltig gestört.

Selbst Pep Guardiola in München, dessen Wohnzimmerschrank die gewonnen Trophäen kaum fassen dürfte, hat solche Korrekturen vorgenommen und seine Philosophie modifiziert. Die Spielweise der Bayern den Bundesligagegebenheiten angepasst. Mit großem Erfolg. Hjulmand wollte stur seinen Weg gehen und ist letztlich daran gescheitert. Bei einem Klub, der stets als Grundlage für seine taktische Struktur und alle Strategien in erster Linie Aggressivität, Kampf, intensive, tempogeladene Laufbereitschaft und vor allen Dingen Emotionen als wichtigste Elemente formuliert hat. Diesen Mainz-05-Fußball hat Hjulmand zu selten präsentiert.

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