Kein Käseauflauf vor der Meisterfeier

Jörg Schneider. Mainz.
Die Niederlage beim VfB Stuttgart hat den FSV Mainz 05 doch hart getroffen. Martin Schmidt wehrt sich aber gegen Vorwürfe, die Mannschaft habe beim 0:2 keine Einstellung gezeigt. Dar Willen des Teams beim 0:2 sei nur nicht in der absoluten Konsequenz dagewesen. So, wie es nötig gewesen wäre, um gegen einen Gegner, der ums sportliche Überleben kämpft, zu bestehen. Ein solcher Gegner sei auch seine Mannschaft gewesen bis zum Schalke-Spiel, das letztlich den Nichtabstieg bedeutet habe. Bei allen Diskussionen, so Schmidt, „wenn wir als 05 in der Bundesliga bleiben, war es für uns trotzdem ein erfolgreiches Jahr.“

Harte Arbeit auf dem Trainingsplatz für den Ligaverbleib: Da schleppt Martin Schmidt gerne auch mal ein Tor mit sich rum. Foto: Jörg SchneiderLoris Karius hat wie schon vor acht Tagen den Start in die Trainingswoche beim FSV Mainz 05 absagen müssen. Der Torhüter plagt sich seit geraumer Zeit mit einer Reizung der Patellasehne herum. „Da ist es besser, wenn er mal den einen oder anderen Tag aussetzt, damit wir ihn ins Ziel bringen“, sagt Martin Schmidt. Der 05-Trainer hat ansonsten bis auf die Langzeitverletzten mit seinem Kader die Vorbereitungen auf das letzte Heimspiel dieser Saison, am Samstag gegen den 1. FC Köln begonnen.

Die bittere Auswärtsniederlage beim VfB Stuttgart ist am Bruchweg intensiv besprochen und aufgearbeitet worden. „Das Beste in dieser Situation“, sagt Schmidt, „ist die Trainingswoche und das nächste Spiel.“ Volle Konzentration auf die neue Aufgabe. Und das unter anderen Voraussetzungen. Yunus Malli hat seinen Vertrag bereits verlängert, bei Julian Baumgartlinger wird dieser Vorgang täglich erwartet. Der nächste Gegner muss nicht mehr mit dem Fanatismus zu Werke gehen, den der VfB Stuttgart und zuvor der Hamburger SV an den Tag legten.

Deshalb erwartet der 05-Coach zwar ein intensives Duell zweier Mannschaften, die für ein vernünftiges Saisonziel kämpfen. Jedoch sicherlich nicht so, wie die Klubs, für die es ums sportliche Überleben ging. „Wo entsteht Willen und wo entsteht der nötige Biss?“. Diese Frage  warf der Schweizer  im Spielrückblick in der kleinen Medienrunde am Dienstagmittag in den Raum und gab selbst die Antwort in einem längeren Vortrag: „In der absoluten Leistungsbereitschaft, in der Aufgabe des Spiels und wie man sich dieser stellen will. Das ist bei einem Team auf dem letzten Platz, das sprichwörtlich um Leben oder Tod fightet, stärker ausgeprägt als bei uns mit unserer Tabellenposition. Deshalb entstehen solche Dissonanzen wie in Stuttgart.“

Die Mannschaft habe die richtige Einstellung gehabt, auch den Willen. Das sei alleine dadurch ansatzweise zu erkennen gewesen, dass die Stuttgarter nach der Pause und bis zum glücklichen Führungstreffer kaum ins Spiel gekommen seien, dass sich der eigene Gedanke vom Umschaltspiel gerade zu etablieren begonnen habe. „Das 1:0 hat dann den Willen des Gegners noch einmal zusätzlich gestärkt und unseren verkleinert“, so der Schweizer.

Außerdem sei an diesem Spieltag vieles in der Vorbereitung nicht optimal gewesen, ohne dass die 05er dies hätten beeinflussen können. „Wir gehen vor einem Spiel ins Hotel, um den Fokus einzig und alleine auf das bevorstehende Spiel zu richten, um uns durch nichts beeinflussen zu lassen und von der Ernährung bis zur Entspannung alles auf die Partie ausrichten. Wir wollen alles tun, um die Leistung positiv zu beeinflussen.“ Dann gehe er mit der Mannschaft in eine Taktik-Sitzung. Und wo normalerweise noch einmal Ruhe angesagt sei, habe das Team diesmal ständig mit mindestens einem Auge die Bundesliga-Konferenz verfolgt. In einer extrem aufwühlenden Saisonphase. „Das ist nicht ideal“, sagt Schmidt.

"Wir waren ein solcher Gegner bis zum Schalke-Spiel"

Der Effekt, den der Hotel-Aufenthalt garantieren soll, sei etwas verpufft. „Dann war’s ein wenig so wie bei einer Amateurmannschaft, die sich kurz vorher zum Spiel trifft. Einer kommt von der Arbeit, der nächste hat sich gut vorbereitet, aber zu Hause etwas gegessen, das ihm im Magen liegt, weil die Mutter einen Käseauflauf gemacht hat. Auf dem Weg zu diesem späten Spiel ist uns der Fokus auf das Wesentliche minimal verloren gegangen. Und dann haben wir ihn nicht wieder so reingebracht.“ Jedenfalls nicht so, wie es nötig gewesen wäre, um  im Kampf gegen einen komplett motivierten und bis an die Zähne bewaffneten Gegner zu bestehen. „Wir waren ebenfalls ein solcher Gegner bis zum Schalke-Spiel. Bis dahin haben wir uns komplett ausgequetscht.“ Und letztlich die Weichen für den Nichtabstieg gestellt. „Ich will nicht lamentieren“, sagt der 48-Jährige. Doch es sei irgendwie menschlich, dass dann, wenn die Not nicht mehr so groß sei, bei allem Willen der letzte Tick Leidenschaft verloren gehen könne.

„Ich habe manchmal das Gefühl, dass man auch schnell vergisst, welche Mannschaften da schon das ganze Jahr hinter uns stehen. Wir dürfen uns nicht schlechter machen als wir sind. Bis vor einer Woche waren wir auf dem Weg, haben die wichtigen Punkte geholt und konnten sagen, dass da etwas zusammenwächst und etwas entsteht“, sagt Schmidt. „Für Mainz 05 muss immer in erster Linie der Ligaverbleib im Vordergrund stehen. Wenn wir drin bleiben, war es für uns trotzdem ein erfolgreiches Jahr.“

Dieser Kampf um den Bundesliga-Platz werde in den nächsten Jahren noch brutaler. Zweitligaklubs mit großen finanziellen Möglichkeiten, die nach oben streben. Potente Vereine, die in diesem Jahr runter müssen und den direkten Wiederaufstieg mit viel Geld betreiben. „Dann wird es enger für Vereine wie uns, Freiburg, Augsburg sowie Paderborn oder auch für ein solches Märchen, wie es in Darmstadt gerade entsteht. Ich würde einen zehnten Platz für die nächsten Jahre sofort unterschreiben“, erklärt der 05-Trainer.

Platz zehn belegt im Moment der 1. FC Köln, der 05-Ggener am Samstag in der Coface Arena. „Wir wollen wieder ein richtiges 05-Heimspiel zeigen“, sagt Schmidt. „Wir wollen den Gegner aus dem Stadion jagen, wir wollen danach vor Köln stehen und uns in die Form bringen, um eine Woche später ein würdiger Gegner für Bayern München zu sein, wenn die Meisterschale übergeben wird.“ Darauf werde sich die Mannschaft in dieser Woche optimal vorbereiten.

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