"Kein Reparaturbetrieb für Entscheidungen"

Christian Karn
José Rodríguez ist immer noch gesperrt, obwohl Dominik Kohr wieder spielen kann, Valentin Stocker foulte von hinten und kam mit einer kürzeren Sperre davon, Kostas Stafylidis wird gar nicht gesperrt, obwohl Breel Embolo viele Monate fehlen wird. Und Hans E. Lorenz, der Vorsitzende des DFB-Sportgerichts, erklärt, warum das durchaus zusammenpasst, nach welchen Kriterien er urteilt und was "Rohes Spiel" überhaupt bedeutet.

Gestern war es genau einen Monat her, dass sich Mainz 05 über den bevorstehenden ersten Saisonsieg freute. 3:1 führten die Mainzer, die Partie in Augsburg war fast vorbei, als in der Nachspielzeit der gerade eingewechselte José Rodríguez zu einer Grätsche gegen den Augsburger Dominik Kohr ansetzte, die er sich besser gespart hätte. Der Bundesliga-Debütant kam viel zu spät, um den Ball zu erwischen, traf mit den Stollen Kohrs rechten Unterschenkel, verursachte eine Risswunde, die schlimm genug aussah, dass mehrere Spieler Tränen in den Augen hatten und die Mainzer nicht mehr in der Stimmung waren, sich über irgendetwas zu freuen. Rodríguez sah die Rote Karte und wurde für fünf Spiele gesperrt. Vier dieser Partien haben die 05er inzwischen hinter sich gebracht, nach dem Spiel auf Schalke am kommenden Sonntag ist der Spanier wieder spielberechtigt. In der Europa League wurde er zwischendrin schon eingesetzt und darf er auch morgen eingesetzt werden; im internationalen Wettbewerb ist die Sperre nicht wirksam.

Ein hässlicher Nebenaspekt war der Sturm der Entrüstung, der unter dem Eindruck der Verletzung - die, wie sich herausstellte, weit weniger schlimm war, als Beobachter im ersten Moment gemutmaßt hatten - über Rodríguez hereinbrach. Die bis hin zu Berufsverbot gehenden Forderungen aus den Fanszenen nimmt selbstverständlich niemand ernst. Auch die groben Beleidigungen, zu denen sich der Augsburger Präsident Klaus Hofmann hinreißen ließ, entstanden im Eifer des Gefechts kurz nach dem Spiel; Hofmann wird sich wieder beruhigt haben. In der Berichterstattung war von "Horrorfoul" die Rede, von "brutalst gefoult", die Süddeutsche Zeitung stellte die Frage in den Raum, ob eine Sperre von fünf Spielen ausreiche - das war noch vor dem Urteilsspruch, der ausnahmsweise nicht vom DFB-Richter Hans E. Lorenz kam; der Jurist aus Wöllstein entscheidet grundsätzlich nicht über Strafen gegen Mainz 05 und den 1. FC Kaiserslautern, um den Vorwurf der Befangenheit gar nicht erst zu provozieren.

Während der Ex-Mainzer Johannes Geis (#5), der selbst schon wegen eines folgenschweren Fouls eine Fünf-Spiele-Sperre absitzen musste, schon Schlimmes ahnt, beschwert sich Kostas Stafylidis noch über die Gelbe Karte - die nicht gerechtfertigte Milde von Schiedsrichter Tobias Stieler hat den Augsburger vor einer Sperre bis Anfang Dezember bewahrt.Dominik Kohr wiederum wurde am vergangenen Samstag nach einer Ausfallzeit von drei Spielen erstmals wieder eingewechselt - in eine Partie, in der sein Mitspieler Kostas Stafylidis (beim 1:3 gegen Mainz 05 der Augsburger Torschütze) mit einer exakten Kopie von Rodríguez' Foul den Schalker Breel Embolo noch wesentlich schwerer verletzt hatte. Mit Sprunggelenks- und Wadenbeinbruch sowie zwei Bänderrissen wird Embolo viel länger als drei Wochen ausfallen; die Schalker befürchten, ihren jungen Stürmer in dieser Saison gar nicht mehr einsetzen zu können. Stafylidis wurde überhaupt nicht gesperrt; Schiedsrichter Tobias Stieler hatte die Szene gesehen und bewertet und sich für die Gelbe Karte entschieden. Weitere Strafverfolgung ist wegen des Schutzes der Tatsachenentscheidung nicht möglich.

"Sportgerichte sind keine Reparaturbetriebe für Entscheidungen", erklärt Lorenz im Gespräch mit der 05MixedZone. "Die Richter des Fußballs sind die Schiedsrichter. Ihre Entscheidungen sind verbindliche Tatsachenentscheidungen für alle, auch für das Sportgericht. Bei einer Roten Karte müssen wir dran, ob wir wollen oder nicht, und wenn es umgekehrt bei einem bitterbösen Foul nur Gelb gibt, können wir nicht dran, selbst wenn wir wollten."

Das rettet den Augsburger, der andernfalls, so Lorenz, wohl die gleiche überdurchschnittlich harte Strafe bekommen hätte wie Rodríguez. Willkür wäre das nicht gewesen, Willkür war es auch vor einem Monat nicht. "Rohes Spiel" lautet zunächst der Fachbegriff für diese Art des Foulspiels. "Das ist das Foul im Zweikampf um den Ball", erklärt Lorenz, "im Gegensatz zur Tätlichkeit, bei der der Ball keine Rolle spielt, und zum unsportlichen Verhalten", letzteres bezeichnet leichtere Schubser und Rempler. Wichtig dabei: "Wir unterstellen bei rohem Spiel immer, dass es dem Spieler um den Ball ging. Sonst wäre es eine Tätlichkeit" - einen gezielten Angriff auf die Gesundheit des Gegners warf das Sportgericht Rodríguez demnach nicht vor. "Und auch im Zweifel entscheiden wir uns für rohes Spiel, weil die Strafandrohung geringer ist."

Die Strafe für eine Tätlichkeit beginnt grundsätzlich bei sechs Spielen; war die Tätlichkeit provoziert, kann der Täter mit drei Wochen davonkommen, in einem leichteren Fall wird er sogar nur für zwei Spiele gesperrt. So wie der Dortmunder Emre Mor, der am Freitag von Herthas Sebastian Langkamp mit beiden Armen umklammert und lange nicht losgelassen wurde; nach dem Spiel gab der Berliner auch zu, aus Mors anschließendem Schubser mehr gemacht zu haben, als drin war. Rohes Spiel dagegen wird in §8.1b der Rechts- und Verfahrensordnung des DFB mit einer Sperre von zwei Wochen bis zu sechs Monaten belegt, "Woche" versteht der DFB laut §8.5 als Synonym für "Pflichtspiel" und "Pflichtspiel" als "Spiel des Wettbewerbs, in dem die Tat begangen worden ist". Die sechs Monate seien ein sehr theoretisches Strafmaß, sagt Lorenz. "Wenn einer vorhat, den Gegner aus der Karriere rauszuschießen und das auch schafft, dann wird man daran denken können. Normalerweise bewegen wir uns aber immer im unteren Bereich."

Einen Monat nach seinem Foul ist José Rodríguez immer noch gesperrt. Drei Faktoren ließen das DFB-Gericht das mit zwei Spielen beginnende Strafmaß erhöhen. Fotos: imagoAuch im Fall Rodríguez blieb Lorenz' Stellvertreter Stefan Oberholz weit unter der Höchststrafe, dennoch war es eine der strengsten Sanktionen, die es in letzter Zeit in der Bundesliga für Foulspiel gab, "vergleichbar", sagt Lorenz, "mit Johannes Geis von Schalke 04." Der ehemalige Mainzer hatte im vergangenen Jahr nach einem harten Foul am Gladbacher André Hahn ebenfalls fünf Spiele aussetzen müssen. Ein Gegenbeispiel ist das Foul des Berliners Valentin Stocker an Matthias Ginter, ebenfalls am Freitag. "Für eine normale Grätsche von der Seite im Bemühen, den Ball spielen zu wollen, die den Gegner erwischt", erklärt Lorenz, "gibt es, wenn der Gegner sich nicht verletzt und weiterspielen kann und der fehlbare Spieler die Rote Karte erhält, in aller Regel zwei Spiele." Stocker wurde härter bestraft, weil er von hinten kam. "Weil sich der Angegriffene des Angriffs nicht versieht", sagt der Richter, "und darum keine Körperspannung aufbaut. Kommt der Angriff von vorne, kann der Ballführende vielleicht ausweichen, hochspringen, reagieren. Daher ist der Angriff von hinten grundsätzlich als schwererwiegend einzustufen." Die Sperre von drei Spielen gegen Stocker sprach Lorenz aus, "weil es ein ganz üblicher Angriff von hinten war, mit der geringen Chance, den Ball spielen zu können. Wir unterstellen, dass er das wollte, er hat den Ball wohl auch leicht berührt und das gekriegt, was alle in einer vergleichbaren Situation kriegen können."

Rodríguez bekam deutlich mehr. Der Mainzer, so Lorenz, kam zunächst wie Geis "halb schräg von der Seite", das Strafmaß geht also im ersten Schritt von der Standardsperre aus: zwei Wochen. Nun aber kommen verschiedene Strafzumessungskriterien ins Spiel: Ist der Täter bereits vorbestraft? "Bei beiden" - Rodríguez wie Geis - "gilt: nicht der Fall", sagt Lorenz. "Beide sind noch nicht sportgerichtlich in Erscheinung getreten."

Drei andere Erwägungen waren es, die die Strafe auf fünf Spiele erhöhten: "Auch der Angriff von der Seite", legt Lorenz dar, "muss nicht bei der Mindeststrafe landen. Wenn er mit großer Brutalität durchgeführt wird, kann es auch drei oder vier Spiele geben." In den Fällen des aktuellen und des ehemaligen Mainzers entschieden die Richter, den Spieler aus diesem Grund für nur eine weitere Partie aus dem Verkehr zu ziehen - damit sind wir schon bei drei Spielen.

"Ein verschärfender Gesichtspunkt ist es auch, wenn der Gefoulte aufgrund des Angriffs verletzt ausscheiden muss", sagt Lorenz weiter. "Das ist ja auch ein Wettbewerbsnachteil" - der Gegner kann (sofern er noch auswechseln darf) zwar mit elf Mann weiterspielen, aber nicht mit denjenigen elf Spielern, die der Trainer als seine beste Aufstellung zusammengestellt hatte. Außerdem verliert dieser eine Wechselmöglichkeit. "Dafür", so Lorenz, "gibt es ein Spiel mehr. Für ein relativ rücksichtsloses Foul hätte Rodríguez ohne die Verletzung drei Spiele bekommen, durch eine Verletzung gibt es normalerweise vier, bei einer schweren Verletzung, einem Knochenbruch oder einer Fleischverletzung, die eine Operation erfordert, gibt es fünf. Ich habe das Urteil über Rodríguez zwar nicht gesprochen, aber hätte ich es gesprochen, wäre es das gleiche gewesen."

Keine Rolle spielt dabei der Zeitpunkt der Verletzung. "Wenn es früh im Spiel Rot gibt", sagt Lorenz, "hört man manchmal die Forderung, man könne den Spieler etwas kürzer sperren, weil er ja schon ein fast komplettes Spiel verpasst hat." Eine gewisse Logik mag dieser Gedanke möglicherweise sogar haben, aber die Rechtslage lässt ihn nicht zu. Der Wettbewerbsnachteil durch Kohrs Verletzung wiederum war sicherlich vernachlässigbar; das Spiel war im Grunde vorbei und es stand 3:1, es war entschieden, aber das spielt vor Gericht keine Rolle. Und auch die Länge der Verletzungspause ist irrelevant. Kohr hat drei Bundesligaspiele verpasst, bei Hahn waren es sechzehn, bei Embolo werden es vermutlich noch deutlich mehr. Auch darauf nimmt das Sportgericht keine Rücksicht.

Der von mancher Seite geforderte, aber längst überholte vorzeitliche und mittelalterliche Rechtsgrundsatz "Auge um Auge, Zahn um Zahn" gelte in der Sportgerichtbarkeit natürlich nicht, betont Lorenz. Schön wäre es, wenn das auch in der restlichen Gesellschaft gälte. Obwohl Stafylidis' Foul zwar vom Schiedsrichter als weniger schlimm als das von Rodríguez eingestuft wurde, vom Sportgericht aber andernfalls ähnlich bewertet worden wäre, und obwohl die Folgen für den gefoulten Spieler wesentlich schwererwiegend sind, ist der Sturm der Entrüstung der Fußballfans (und auch vieler Medien), die Rodríguez am liebsten in effigie gelyncht hätten, diesmal nicht ausgebrochen.

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Christian Karn
Christian Karn kennt sich in der Geschichte des FSV Mainz 05 aus wie kaum ein Zweiter. In siebenjähriger Archivarbeit hat der Sportjournalist alle aufzutreibenden Aufstellungen, Ergebnisse und Torschützen der langen Vereinshistorie zusammengestellt. Auf der Internetseite www.fsv05.de, auf die die User der NullfünfMixedZone jederzeit Zugriff haben, ist zusammengetragen, wer in welchem Spiel wie lange auf dem Platz stand und wer wann wo ein Tor geschossen hat. Viele dieser Statistiken und Daten werden immer ein wichtiger Bestandteil unserer Berichterstattung sein. Bei der Mainzer Rhein-Zeitung berichtete der gebürtige Mainzer zehn Jahre lang vor allem über die Nachwuchsarbeit der 05er. Seit 2002 ist er außerdem Redakteur des Mainz-05-Fanzines "Die TORToUR". Weiterhin veröffentlichte Christian Karn mehrere sporthistorische Bücher und Nachschlagewerke über Mainz 05, den deutschen Fußball allgemein und die Baseballer der Mainz Athletics.