Kein Rumgedaddel, sondern ein guter Switch

Jörg Schneider. Grassau.
Eine Woche Trainingslager liegt hinter den Profis des FSV Mainz 05. Am Montagmittag fliegt der Bundesligist von Salzburg aus nach Hause. Sandro Schwarz hat in Grassau ein äußerst positives Fazit gezogen aus diesen intensiven Tagen im Chiemgau, in denen der 38-Jährige mit seinem Kader die neue Spielweise, die veränderte Taktik, die damit verbundenen Prinzipien einübte. Nach einem freien Tag geht’s dann am Mittwoch am Bruchweg weiter. „Wir wollen das, was wir hier gemacht haben, weiter verfestigen. Dann geht‘s nochmal in die Offensiv-Umschaltformen rein nach Balleroberung", sagt der Trainer.

Das einwöchige Trainingslager des FSV Mainz 05 am Chiemsee neigt sich dem Ende entgegen. Die Team-Arbeit auf den Rasenplätzen des ASV Grassau ist abgeschlossen. Für den Kader des Bundesligisten steht am Montagmorgen noch eine Yoga-Stunde auf dem Programm. Nach dem Mittagessen geht’s mit dem Bus nach Salzburg, wo der Flieger wartet, der die 05er nach Frankfurt bringt. Die übliche Floskel, dass sich die 05er in diesem Trainingslager den letzten Schliff für die bevorstehende Saison geholt haben, greift in diesem Jahr eher nicht. Im Chiemgau ging es darum, die neue Spielweise, die veränderte Taktik, die damit verbundenen Prinzipien einzuüben. Der endgültige Schliff muss dann zu Hause am Bruchweg erfolgen in den Tagen bis zum Pokalspiel in Lüneburg und eine Woche später zum Ligastart gegen Hannover 96.

Immer engagiert und permanent coachend: Samdro Schwarz hat in Grassau mit seinem Kader die Grundlagen für eine neue, veränderte Spielweise einstudiert. Foto: Jörg Schneider  Dass sich die Spielidee von Sandro Schwarz, dem neuen Cheftrainer des Bundesligisten, deutlich abhebt von der in der vergangenen Saison unter Martin Schmidt, davon konnten sich die Medienleute und die zahlreich mitgereisten Fans in Bayern ein Bild machen. In den täglichen Trainingseinheiten und in den Testspielen - dem 5:2 gegen den FC Tokio und dem 0:0 gegen die SpVgg Greuther Fürth. Die 05er werden im neuen Spieljahr nicht mehr die reine Umschaltmannschaft sein, die ihre Schwierigkeiten bekommt, wenn der Gegner tief steht, und die Probleme hat, aus dem eigenen Aufbau heraus zu Torchancen zu kommen. Bei Schwarz spielt das Umschaltverhalten nach Balleroberung natürlich ebenfalls eine gewichtige Rolle, doch diese Balleroberungen sollen weiter vorne mittels einer aggressiven Vorwärtsverteidigung und eines intensiven Angriffs- und Anlaufpressings herbei geführt werden mit konsequenten Zweikämpfen. Doch beim 38-Jährigen steht das eigene Ballbesitzspiel ganz weit oben, das variabler werden soll, das diverse taktische Möglichkeiten vorsieht, häufiger und aussichtsreicher in den Strafraum zu kommen. Und das Lösungsansätze für den Plan B beinhaltet. Auf das alles werden wir in den kommenden Tagen und Wochen noch näher eingehen in unserer Berichterstattung. Das alles hat Schwarz aber mit seinem Kader in schweißtreibenden und auch vom Kopf her anstrengenden Übungen und Spielformen in Grassau in Angriff genommen und versucht, den Profis einzutrichtern. Die Fortschritte sind erkennbar, das Tempo im 05-Spiel ist deutlich größer geworden. Die fußballerische Qualität ebenfalls. Da klappt noch längst nicht alles, aber noch sind ja auch fast drei Wochen Zeit.

„Es war so gut hier in dieser Woche, dass wir im Büroraum gesessen und gesagt haben, sollen wir jetzt zu den Jungs gehen und den Vorschlag machen, das Ganze zu verlängern? Aber wir haben dann doch gesagt, wir lassen es lieber“, sagte Schwarz am Sonntag in der abschließenden Medienrunde im Mannschaftshotel scherzhaft und bester Laune. „Wir haben die Zeit sehr intensiv genutzt und sehr hart gearbeitet. Wir hatten uns drei Schwerpunkte gesetzt“, berichtet der Coach. „Dass wir die fußballerischen Inhalte weiter entwickeln wollten in der Arbeit gegen den Ball, dass wir eine Mentalität aufrecht erhalten wollten im Training, dass wir, wenn wir die Fußballschuhe anhaben und auf den Platz gehen, eine Arbeitseinstellung haben, mit der maximalen Konsequenz, mit sehr viel Zug trainieren und keine Zeitverschwendung in all den Dingen haben wollen. Und das Dritte war, dass wir als Gruppe zusammenwachsen.“

In allem habe das Team die nötigen Schritte nach vorne getan. „In der Arbeit gegen den Ball sind wir sehr aktiv und spielen gutes Pressing, das mit der Frische noch mehr abgestimmt werden muss. Das ist aber normal. Von der Mentalität her war es großartig in dieser Woche. Es gab keine Trainingseinheit, in der ich das Gefühl hatte, es ist ein Rumgedaddel und kein Zug drin. Da war immer Körperspannung. Ein guter Switch. Und als Gemeinschaft sind wir auch gewachsen.“ Das zeige ihm, dass da etwas entstehe. Auch für ihn persönlich. „Wenn du das erste Mal mit einer Profi-Mannschaft in ein Trainingslager gehst, fragst du dich, was kommt alles auf dich zu? Ich finde aber, dass es ein runder Ablauf war, dass wir ein gutes Bild abgegeben haben bei den Zuschauern“, stellt Schwarz äußerst zufrieden fest.

"Ich mag da nichts vorgaukeln"

Auch wenn dem Trainer das Gesamtbild gefallen hat, er ein durchweg positives Fazit zieht, es gab auch Spielformen in Grassau, die der 38-Jährige unterbrach und schimpfte wie ein Rohrspatz. In denen der eine oder andere Spieler auch schon mal ein deutliche Ansage erhielt. Meistens jedoch unterbrach Schwarz die Übungen, um zu erklären, zu korrigieren, die Spieler anzuleiten. „Wenn ich was gelernt habe, dann das, die Dinge so auszusprechen gegenüber der Mannschaft, wie ich es gerade fühle. Ich mag da nichts vorgaukeln.“

Er sei vorher angespannt gewesen, sagt der 38-Jährige. „Das ist aber auch normal und ich denke, das wird bei mir immer so sein, weil es für mich extrem wichtig ist, die Arbeit absolut in den Vordergrund zu stellen und dass sie perfekt läuft. Ich glaube, dass ich nie der Typ sein werde, der mit so einer gewissen Lockerheit diese Arbeit angehen kann. Ich möchte schon, dass in der Struktur alles perfekt läuft, was wir auf dem Platz abliefern. Da gehört immer eine gesunde Anspannung dazu, ohne die Dinge zu verkrampft zu sehen“, erklärt Schwarz und fügt lachend hinzu, vielleicht werde es ja anders, wenn er das achte oder neunte Trainingslager mit den 05-Profis absolviert habe. Die Lockerheit, die Schwarz möglicherweise auf dem Platz fehlt, ist jedoch sofort da, wenn das Programm absolviert ist, die Spiele zu Ende sind. Dann gibt sich der Coach wohltuend entspannt, bodenständig und zugänglich.

Ein Team-Event durfte natürlich auch nicht fehlen, um die Gruppe noch näher zusammenzubringen außerhalb des Rasengevierts. Die 05-Profis mussten am Freitag am Chiemsee in mehreren Gruppen Flöße zusammenzimmern,  um damit eine gewisse Strecke auf dem See zurückzulegen, ohne dass die wackligen Gefährte kenterten. Das habe Spaß gemacht, „aber da müssen wir keine tiefenpsychologischen Dinge hinein interpretieren, um sagen zu können, wir haben jetzt eine wichtige Teambuilding-Maßnahme veranstaltet.“

Nach der Rückreise am Montag gibt’s einen freien Tag, ehe es am Mittwoch am Bruchweg weiter geht. Am Samstag folgt dann das Testspiel gegen Newcastle United. „Wir wollen das, was wir hier gemacht haben, weiter verfestigen. Dann geht‘s nochmal in die Offensiv-Umschaltformen rein nach Balleroberung. Es wir dann weiterhin einen Mix aus allen Dingen geben im Training, die uns wichtig sind in der Arbeit gegen den Ball und im Ballbesitz. Das klassische Umschalten in dem Sinne, das haben wir bis jetzt noch nicht so abgedeckt. Die Umschalt-Überfälle werden nochmal ein Schwerpunkt sein“, betont der 05-Trainer.

►Wie Sandro Schwarz die Entwicklung der Neuzugänge und einzelner Spieler beurteilt, lesen Sie in einem Extra-Beitrag in dieser Woche.

 

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