Keine Pause für sechs Nationalspieler

Christian Karn. Mainz.
Manch einer beim FSV Mainz 05 musste sich mit Mühe in die Länderspielpause durchbeißen. Körperlich sei die Leistungsfähigkeit überraschend hoch gewesen, sagte Martin Schmidt, aber die mentale Belastung hätten nicht nur seine Profis, sondern auch der 05-Trainer selbst gespürt: "Plötzlich hat es sich nicht mehr gelohnt, den Koffer auszupacken. Und wann gehe ich einkaufen?" Nach den Länderspielen steht schon der nächste Block an, wieder mit sieben Spielen in 22 Tagen. Sechs Mann sind zwischendrin in ihren Nationalteams im Einsatz - drei immerhin, die noch ohne Einsatzminute bei den 05-Profis sind. Vier weitere haben ihren Nationaltrainern absagen müssen.

Die Länderspiele

Mi., 5. Oktober:
16.00: USA - U20

Do., 6. Oktober:
14.00: GIB - U19
20.45: KOS - CRO
20.45: TUR - UKR

Fr., 7. Oktober:
18.00: U21 - RUS
19.00: Hadamar - 05
20.00: ENG - U20

Sa., 8. Oktober:
14.00: ALB - U19
20.45: POL - DEN

So., 9. Oktober:
18.00: UKR - KOS
20.45: ISL - TUR

Mo., 10. Oktober:
20.00: NED - U20

Di., 11. Oktober:
14.00: IRL - U19
18.00: AUT - U21
20.45: DEN - MNE
 

Die erste große Stressphase der Saison ist vorbei für die Profis des FSV Mainz 05. Und sie war stressig. Körperlich weniger, sagt Martin Schmidt, den 05-Trainer habe es regelrecht überrascht, wie gut seine Spieler physisch mit dem schnellen Rhythmus umgegangen seien: "Wir konnten läuferisch in jedem Spiel den Level halten", sagte Schmidt, "hintenraus waren wir besser als zu Beginn." Ablesen lässt sich das an den Spielen in Augsburg, in Bremen, in Baku, wo die 05er jeweils im letzten Viertel der Partie insgesamt sechs späte Tore schossen, zweimal damit einen Rückstand drehten, einmal den gerade kassierten Ausgleich mit dem 2:1 und 3:1 beantworteten. Das war das dritte, vierte und sechste der sieben Spiele.

"Was aber zusätzlich reinkam, war die mentale Belastung", erklärt Schmidt. "Die Konzentrationsfähigkeit, die Bereitschaft, immer hochzufahren, die lassen nach. Man gewinnt und muss die Freude verarbeiten, man verliert und muss den Frust verarbeiten, dann fliegt man sechs Stunden, diese Belastung ist komplett neu für die Spieler. Viermal, fünfmal, sechsmal, siebenmal in so kurzer Zeit den Spannungsbogen herzukriegen, das haben nicht alle geschafft. Man hat gesehen, dass erfahrene Spieler wie Fabian Frei, der das kennt, wie Stefan Bell, der schon lange dabei ist, wie Giulio Donati damit viel weniger Mühe hatten als andere, neuere Spieler." Namen wollte Schmidt nicht nennen, "die fallen Euch aber auch auf. Die waren irgendwann im Training schlecht, haben irgendwann weniger gespielt, sie konnten sich nicht mehr konzentrieren."

Das Leben aus dem Koffer, erklärt der Trainer, setze auch ihm zu. "Der Kulturbeutel", erzählt Schmidt, "den ich sonst freitags packe und samstags nach dem Spiel wieder mitnehme, der war auf einmal die ganze Woche da. Dann habe ich alles doppelt angeschafft, jetzt habe ich alles doppelt. Plötzlich hat es sich nicht mehr gelohnt, den Koffer auszupacken. Plötzlich haben wir gemerkt: Ich sehe meine Freundin nicht mehr. Es gab keinen Abend, an dem ich gar nichts hatte. Was sonst der freie Abend war, war der Vorabend vor dem Abschlusstraining. Wir kamen nur noch müde ins Bett, der Kühlschrank war leer, man muss einkaufen - wann kaufe ich ein? Das war auch für jeden Spieler eine neue Erfahrung, davon bin ich überzeugt."

Das ist jetzt vorbei, sieben Spiele am Stück haben die 05er geschafft, drei Siege in Augsburg, Bremen und Baku, drei Unentschieden gegen Hoffenheim, Saint-Étienne und in Wolfsburg, eine Niederlage gegen Leverkusen. Nicht nur die Siege kamen dabei spät zustande; bis auf das 0:0 in der Autostadt hing jeder Punktverlust mit sehr späten Gegentoren zusammen. Das geht aber gleich wieder von vorne los: Bundesliga gegen Darmstadt, Europapokal gegen Anderlecht, Bundesliga auf Schalke, Pokal in Fürth, Bundesliga gegen Ingolstadt, Europapokal in Anderlecht, Bundesliga in Leipzig. Wieder sieben Spiele in 22 Tagen. Dann: Länderspielpause.

Fabian Frei (links) hätte als Vertreter des gesperrten Granit Xhaka einen großen Sprung im Nationalteam machen können - aber der Schweizer fällt aus. Fotos: imagoDie jetzige internationale Zäsur kommt immerhin einem Großteil des Kaders zugute, denn viele 05-Nationalspieler werden nicht im Einsatz sein. Zehn Mann aus dem Profikader sollten unterwegs sein, vier haben absagen müssen: Jean-Philippe Gbamin ist zwar wieder fit, wurde aber nach seiner Verletzung nicht für das Schlüsselspiel der französischen U21 nominiert, die im letzten EM-Qualifikationsspiel gegen Nordirland haushoher Favorit ist, aber darüber hinaus auf eine Niederlage Island hoffen muss. Leon Balogun fehlt Nigeria zum WM-Qualifikationsauftakt in Sambia. Japan muss bei den WM-Qualifikationsspielen gegen Irak und Australien und womöglich auch in den November-Länderspielen auf Yoshinori Muto verzichten. Und die Schweiz wird ihre Ausscheidungspartien in Ungarn und Andorra ohne Fabian Frei bestreiten müssen.

"Leider", sagt Schmidt. "Durch Xhakas Sperre hätte er gute Rolle spielen können." Der Landsmann des 05-Trainers habe durch die Hauptrolle im Mainzer Mittelfeld seinen Stellenwert im Nationalkader verbessert. "Er hat ja auch hier in seinen ersten Spielen gezeigt, dass er sich auf ein neues Level gehoben hat. In Wolfsburg hätte er zum fünften Mal hintereinander durchgespielt" - die taktisch bedingte Auswechslung in Bremen in der 82. Minute sei dabei unterschlagen - "das wäre im Frühling undenkbar gewesen. Spielerisch hat er sich verbessert, den Rhythmus hat er besser aufgenommen, er hat viele Balleroberungen, die Ballsicherheit kommt zurück..." - aber die Belastung war am Ende zu groß für Frei, die Oberschenkelmuskulatur hat's nicht mitgemacht.

Drei der sechs Mann, die nun zu Länderspielen reisen, sind noch ohne Einsatzminute in den Pflichtspielen der 05-Profis. Das ist Besar Halimi, der in der Drittligamannschaft hin und wieder eingesetzt wurde, nach einer Roten Karte beim 1:1 gegen Rot-Weiß Erfurt nun für drei Spiele gesperrt ist. Halimi wurde zu den Spielen Kosovos gegen Kroatien und die Ukraine eingeladen. Das ist der Ersatztorwart Jannik Huth, der allerdings bei jedem 05-Spiel im Kader war, der alle Reisen mitgemacht hat, der am Ende auch keine Zeit hatte, den Koffer aus- und umzupacken. Gemeinsam mit Levin Öztunali reist Huth nach Ingolstadt und St. Pölten, wo er mit der U21-Nationalmannschaft die EM-Qualifikation unter Dach und Fach bringen will. Angesichts des Vorsprungs von fünf Punkten könnte sich der DFB-Nachwuchs ein Unentschieden am Freitag gegen Russland und eine knappe Niederlage am Dienstag gegen den Verfolger Österreich leisten. Und das ist weiterhin der U23-Torwart Florian Müller, der bereits ab heute in England mit der U20-Nationalmannschaft drei Freundschaftsspiele gegen die USA, England und die Niederlande bestreitet.

Und Yunus Malli hat's nicht leicht - der bei den 05ern für unverzichtbar erklärte Türke könnte eine Pause brauchen, wurde aber zu zwei Qualifikationsspielen eingeladen.Neben Öztunali sind zwei weitere Stammspieler im Einsatz. Dabei dürften die Einsatzchancen von Jonas Lössl im dänischen Nationalteam nicht allzu groß sein: Stammtorwart Kasper Schmeichel ist wieder dabei und auch während dessen Verletzung in der vorherigen Länderspielpause war Lössl nur Ersatztorwart. Dänemark spielt am Samstag und am Dienstag gegen Polen und Montenegro. In den beiden Partien geht es ebenso um WM-Qualifikationspunkte wie für die Türkei gegen die Ukraine (Donnerstag) und Island (Sonntag). Yunus Malli ist nominiert - aber gerade ihm täte eine Pause gut. "Yunus ist bei uns unverzichtbar", sagt Schmidt. "Und gegen Wolfsburg hat man gesehen, dass er länger gebraucht hat, um auf Temperatur zu kommen. Bei der hohen Ermüdungsaufstockung ist das nicht verwunderlich."

Außerdem nominiert wurden die U19-Spieler Bote Baku und Finn Dahmen für das EM-Qualifikationsturnier in Albanien mit Spielen gegen Gibraltar, Albanien und Irland am Donnerstag, Samstag und Dienstag. Im U16-Nationalteam haben Oscar Schönfelder, Merveille Papela und Erkan Eyibil bei einem 0:0 gegen Österreich mehr oder weniger durchgespielt, beim 2:0 gegen den gleichen Gegner wurden lediglich Papela und Eyibil spät eingewechselt. Ein weiterer Profi muss seinen zweiten Länderspieleinsatz noch nicht ganz abhaken; Karim Onisiwo soll sich fürs österreichische Team auf Abruf bereithalten. Die übrigen 05er spielen am Freitag ein Testspiel beim hessischen Oberligisten Rot-Weiß Hadamar.

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