Keine Spur von einer Opposition

Jörg Schneider. Mainz.
Der selbstbewusste, gut 70 Minuten lange Rechenschaftsbericht von Harald Strutz dominierte die Mitgliederversammlung des FSV Mainz 05 am Dienstagabend in der Opel Arena. Der 05-Chef bezog Stellung zu seinen in der Öffentlichkeit diskutierten und kritisierten Aufwandsentschädigungen und Berater-Honorare als ehrenamtlicher Präsident und kam zu dem Fazit, diese seien angemessen. Der 65-Jährige räumte lediglich Versäumnisse und Fehler in Sachen Transparenz ein. Eine kontroverse Diskussion darüber fand so gut wie nicht statt. Auch, weil sich angeblich formierte Oppositionelle nicht aus der Deckung wagten. Strutz erklärte, dass er im Zuge der Strukturreform als gewählter, ehrenamtlicher Vorstandschef für drei Jahre kandidieren wolle.

Selbstbewusst und mit taktischem Geschick: Harald Strutz bei seinem Rechenschaftsbericht in der 05-Mitgliederversammlung. Foto: Ekkie VeyhelmannHarald Strutz hat sich im Rahmen der Mitgliederversammlung des FSV Mainz 05 am Dienstagabend positioniert. Der amtierende Präsident des Bundesligisten hat den 763 stimmberechtigten Mitgliedern im VIP-Bereich der Opel Arena seine Absicht mitgeteilt, dem Bundesligisten auch nach der Verabschiedung einer Strukturreform als gewählter Präsident vorstehen zu wollen. Der 65-Jährige möchte noch drei weitere Jahre an der Spitze des Vereins stehen und sich dann zurückziehen. „Ich möchte Teil einer neuen Entwicklung bei Mainz 05 werden, möchte das moderne Mainz 05 weiter mitgestalten“, sagte Strutz im Rahmen seines gut 70-minütigen Rechenschaftsberichtes. „Ich möchte mit eingebunden sein in die Zukunft des Vereins. Wenn Mainz 05 künftig einen Präsidenten möchte, werde ich mich zur Wahl stellen. Ich sage selbstbewusst, ich bin eine Identifikationsfigur.“ Der Rechtsanwalt legte seine Vereins-Zukunft in die Hände der Mitglieder. „Sie entscheiden, ob Sie zukünftig einen Präsidenten haben wollen, oder ob ein Aufsichtsrat künftig vier Vorstände bestellt.“ Strutz erklärte, er sehe sich nicht als hauptamtlicher Präsident oder Vorstandsvorsitzender des Klubs, wolle sich nicht ins operative Geschäft einmischen. „Ich beabsichtige als gewählter Präsident zu kandidieren für drei Jahre.“ Strutz machte damit deutlich, dass er im Zuge der geplanten Umstrukturierung für ein Modell wie beim SC Freiburg plädiert, in dem die Mitglieder einen Präsidenten in ein mehrköpfiges Vorstandsgremium wählen, in dem neben dem Vereinschef hauptamtliche Vorstände den sportlichen und organisatorischen Bereich verantworten.

Die Erwartungen, diese Mitgliederversammlung könnte eine kontroverse Diskussion zu Tage fördern, dem umstrittenen 05-Chef könnte an diesem Abend heftiger Gegenwind aus den Reihen der Vereinsmitglieder entgegenblasen, erfüllte sich nicht. Die in den vergangenen Monaten in der Öffentlichkeit diskutierten Vorwürfe gegen Strutz in Sachen überdimensionierte Beraterhonorare und Aufwandsentschädigungen im Ehrenamt blieben in der Aussprache im Anschluss an die Rede des 05-Chefs weitgehend unausgesprochen. Kritische Nachfragen gab es nur wenige. Die wirkten dann unausgegoren, wenig strukturiert und wurden teilweise mit Unmutsbezeugungen aus dem Plenum quittiert. Den Mitgliedern schienen die Ausführungen von Strutz zu dessen im Vorfeld der Versammlung heftig kritisierten Einkünfte im Ehrenamt als Erklärung zu genügen. Relativ früh gab es eine Wortmeldung, in der eine Dame dafür plädierte, das Thema nicht weiter zu intensivieren, um die Tagesordnung durchzukriegen. Eine Opposition, die sich dem Vernehmen nach gebildet haben soll, um die Wahl von Strutz als Vorstandsvorsitzenden zu verhindern, die offenbar noch am Vortag der Allgemeinen Zeitung ein Papier über weitere Nebenverdienst-Ungereimtheiten zugspielt, in den vergangenen Wochen Journalisten mit Hintergründen über aktive Wahlkampfmethoden des 05-Chefs, dessen angeblich bröckelndes Verhältnis zu seinen Vorstandskollegen und etlichem mehr gefüttert hatte, hielt sich an diesem Abend vornehm bedeckt. Die Strutz-Kritiker zeigten in der Öffentlichkeit keine Flagge, kein Gesicht.

Eine Tatsache, die das Selbstbewusstsein des 05-Präsidenten sichtlich stärkte. Strutz dominierte diese Veranstaltung mit großer Selbstsicherheit. Der durch jahrzehntelange Vorstandsarbeit im Verein, in DFB und DFL gewiefte Versammlungsprofi präsentierte sich bestens vorbereitet und taktisch klug aufgestellt. Der 65-Jährige setzte zunächst auf die Emotionalität. Nach einem Einstimmungsvideo, das noch einmal die emotionale Verabschiedung von Elkin Soto und Manager Christian Heidel Revue passieren ließ, holte Strutz Cheftrainer Martin Schmidt aufs Podium, ehrte den Trainer für dessen herausragenden Erfolg mit der Mannschaft. Der Schweizer erntete mit seinem Appell an das Wir-Gefühl der 05er ebenso viel Beifall, wie der neue Sportdirektor Rouven Schröder, Trainer Sandro Schwarz und Manager Manfred Lorenz von der U23 sowie Olympia-Silbermedaillengewinner Jannik Huth.  Strutz würdigte noch einmal die Arbeit von Christian Heidel, Schröders großes Engagement als dessen Nachfolger, die Arbeit der Geschäftsführer und der Mitarbeiter des Klubs als entscheidende Faktoren für den 05-Erfolg. Strutz erwähnte zudem erstmals, dass er geplant hatte, Christian Heidel die Nachfolge als Präsident oder Vorstandsvorsitzender zu überlassen. Dieses Vorhaben sei jedoch durch den Wechsel des früheren Managers nach Schalke über den Haufen geworfen worden.

763 stimmberechtigte Mitglieder füllten den VIP-Bereich in der Opel Arena. Foto: Ekkie VeyhelmannDie Ausführungen zu seiner eigenen Person begann Strutz mit einem Rückblick auf das Jahr 1988, als er Verantwortung übernommen habe. „In einer Zeit, in der kein anderer Verantwortung übernehmen wollte, in der wir betteln gegangen sind, um den Verein vor dem Konkurs zu retten.“ Der 05-Chef spannte den Bogen vom Errichten der ersten Flutlichtmasten am Bruchweg bis zum Erfolg des Bundesligateams in der abgelaufenen Saison. „Platz sechs.  Kein Traum, sondern Wirklichkeit. Das ist eine phantastische Gegenwart.“ Strutz brachte die  dennoch im Umfeld aufgekeimte Unruhe zur Sprache, die  seine Person und seine finanziellen Einkünfte betrifft. „Ich bin nicht hergekommen, um hier mit hängenden Schultern vor Ihnen zustehen“, sagte er, „ich schulde Ihnen Erklärungen, die werde ich Ihnen geben.“ Strutz betonte, Mainz 05 sei nie eine Ein-Mann-Show oder eine Zwei-Mann-Show Strutz und Heidel gewesen. „Wir waren im Vorstand immer ein Team, das operative Entscheidungen trifft. Was wir geleistet haben, kann uns keiner nehmen, was wir erreicht haben, wird immer die Geschichte des Vereins prägen. Deshalb bin ich selbstbewusst hergekommen.“

Der 05-Chef schilderte, dass sein Beratervertrag mit dem Klub im Laufe der Jahre von 6000 Euro auf 14.000 Euro angestiegen sei, dass er zuletzt vom Verein eine Gesamtsumme von 273.000 Euro pro Jahr erhalten habe, die er als gerechtfertigt erachte. Er sei sich bewusst, dass dies mit strikter Ehrenamtlichkeit nicht viel zu tun habe, aber die wirtschaftliche Entwicklung des Vereins habe dies als angemessen erfordert. Er habe seinerzeit vor der Entscheidung gestanden, wählen zu müssen zwischen seiner Zukunft als Anwalt und der Tätigkeit im Verein. Strutz erklärte, er habe ursprünglich beabsichtigt, als hauptamtlicher Präsident einzusteigen, doch im Vorstand sei man sich damals nicht sicher gewesen, ob der Klub zwei hauptamtliche Führungsspitzen (Strutz und Heidel) finanziell verkraften könne. Man habe sich für die Aufwandsentschädigung entschieden. Seine Kanzlei habe durch seine Tätigkeit als 05-Präsident einen Umsatzeinbruch von 80 Prozent erlitten. Er habe von den 05-Einkünften die anteiligen Kosten an seiner in Sozietät geführten Kanzlei inklusive eines Gehalts für eine Sekretärin tragen müssen. Der 05-Chef räumte allerdings als großen Fehler ein, dass der Verein bei der Satzungsänderung bezüglich Aufwandsentschädigungen für ihn und seine Vorstandskollegen sowie beim Abschluss des Vertrags für juristische Beratung die nötige Transparenz habe vermissen lassen. Die daraus resultierenden Folgen, die in die aktuelle Diskussion mündeten, habe man unterschätzt.

Viel mehr gab es nicht an Selbstkritik des Vorsitzenden. Den Mitgliedern reichte dies offenbar aus, um Strutz und dessen Kollegen mit minimaler Anzahl von Gegenstimmen eindeutig zu entlasten. Einen Antrag auf Einzel-Entlastung der Vorstände blockten die Verantwortlichen ab. Auch das unter Zustimmung der Mitglieder. Das Erfolgsmodell Mainz 05 mag den Ausschlag dafür gegeben haben. Finanz-Geschäftsführer Christopher Blümlein verkündete einen Rekordumsatz für das Geschäftsjahr 2015/16 von 104,8 Millionen Euro und stellte fest, dass der Verein dabei einen Gewinn vor Steuern von 5,8 Millionen Euro erzielt habe, die Eigenkapitalquote auf 24 Millionen Euro gestiegen sei.  Blümlein erklärte, der Gesamtetat resultiere vor allem aus hohen Umsätzen im Transfergeschäft. Die 05er generierten in der vergangenen Saison Transfer-Einnahmen in Höhe von 33,4 Millionen Euro. Der Gehaltsetat der Lizenzmannschaft liege bei 30,2 Millionen Euro.

In der außerordentlichen Mitgliederversammlung am 13. November müssen nun die 05-Mitglieder über die Strukturreform entscheiden. Über die personelle Besetzung des künftigen Aufsichtsrates und des Vorstandes. Und darüber, ob sie Harald Strutz für weitere drei Jahre als ehrenamtlichen Präsidenten wählen wollen.

 

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